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8.559242 - GOULD, M.: Fall River Legend / Jekyll and Hyde Variations (Neal, Nashville Symphony, Schermerhorn)
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Morton Gould (1913–1996)
Fall River Legend • Jekyll and Hyde Variations

Dass Morton Gould in den vierziger Jahren als Komponist „populärer” Musik und leichter Klassik angesehen wurde, hätte ihn beinahe den Auftrag zu einem seiner berühmtesten Werke gekostet. Agnes DeMille suchte einen Mitarbeiter, um ein Ballett über den berühmtesten nicht politischen Mord in Amerika auf die Bühne zu bringen – die Geschichte von Lizzie Borden, die zur Axt griff und ihrer Mutter vierzig Schläge versetzte. Beinahe hätte sich Miss DeMille geweigert, mit Morton Gould Kontakt aufzunehmen, wie das der Dirigent Max Goberman vorgeschlagen hatte, weil sie die Musik des Komponisten nur aus dessen volkstümlichen Rundfunksendungen kannte. Goberman versicherte sie allerdings dreier wesentlicher Aspekte: Gould könne in jedem Stil komponieren, er könne Melodien schreiben, und er könne wunderbar orchestrieren.

Als sich nun der Komponist und die Choreographin trafen, um die Details des Szenarios zu besprechen, war sich letztere noch immer nicht sicher, wie die Sache ausgehen würde. Wie sollte man mit der Frage umgehen, ob Lizzie Borden tatsächlich schuld an der Ermordung ihres Vaters und ihrer Stiefmutter war? Die echte Lizzie wurde freigesprochen. Die meisten Autoritäten sind allerdings nach wie vor von ihrer Schuld überzeugt. Gould machte den Vorschlag, sie im Ballett durch den Strang sterben zu lassen, was er als legitime dichterische Freiheit bezeichnete. Überdies, so meinte er, könne er leicht eine „Galgenmusik” schreiben, indessen es schwierig sei, sich an einer „Freispruch-Musik” zu versuchen. (So oder so, weder die Morde noch die Hinrichtung werden ausdrücklich durch die Choreographie dargestellt.)

Die Fall River Legend galt von Anfang an als einer der Höhepunkte in Goulds Schaffen. Noch heute gehört sie zu seinen meistgespielten Werken – wobei sie allerdings für gewöhnlich in Form einer Konzertsuite aufgeführt wird, die nur rund die Hälfte dessen enthält, was die vorliegende Gesamtaufnahme zu bieten hat.

Das Ballett beginnt mit einem kurzen Prologue, einer brutalen und bestimmten Aussage, die später wieder im Zusammenhang mit dem Galgen auftaucht. Ein Sprecher verliest, was die Anklage Lizzie Borden vorzuwerfen hat. Was folgt, ist im wesentlichen ein Rückblick, in dem die erwachsene Lizzie ihre eigene Geschichte vor sich sieht, nicht aber die Macht hat, sie zu ändern. Sie sieht ihr kindliches Ich zusammen mit ihrem Vater und ihrer Mutter (ein Walzer im Stil der Zeit). In Chopsticks wird auf die unschuldige Kindheit des Mädchens angespielt. Aus der glücklichen Familie wird eine Szene der Trauer, als Lizzies Mutter erkrankt und stirbt. Dem Mädchen bleibt als Erinnerung nur ein Schal von ihr. Bald heiratet der Witwer Borden eine andere Frau, die Lizzies kalte Stiefmutter wird – was dadurch symbolisiert wird, dass sie dem Mädchen den Schal wegnimmt.

Der Vater bevorzugt die Gesellschaft seiner Frau. Lizzie gerät in ein gefühlloses Vakuum. Die Stiefmutter deutet an, sie sei wohl nicht ganz richtig im Kopf. Als der verständnisvolle Pastor vorbeischaut, scheint es, als könne Lizzie bei ihm Unterstützung finden. Doch die Eltern rufen sie ins Haus zurück. Sie geht durch die Hintertür und kommt mit einer Axt in der Hand wieder. Die Musik wird finster. Vater und Stiefmutter fürchten sich angesichts dieses unvermuteten, offenbar gewaltbereiten Auftritts. Lizzie will nur Feuerholz hacken, kommt aber durch die augenscheinliche Angst der beiden auf einen fürchterlichen Gedanken. Das Werkzeug verkörpert für sie die Möglichkeit, ein freies Leben zu führen.

Der Pastor kommt, um sie zu einem Fest der Kirchengemeinde einzuladen. Noch schrecken ihn die Gerüchte der Stiefmutter über Lizzies geistigen Zustand nicht. Sie gehen zur Kirche. Das Church Social fängt mit Imitationen folkloristischer Weisen und dem Gesang von Kirchenliedern die Stimmung und den Geist einer neu-englischen Kleinstadt ein (wobei die Melodien allesamt von Gould stammen). Während der Hymnal Variations tanzt Lizzie mit dem Pastor, doch dann erscheint ihre Stiefmutter, um weitere Gerüchte über sie in Umlauf zu bringen. Der Pastor bringt die junge Frau nach Hause. Sie versteckt die Axt unter ihrem Rock und enthüllt sie später zum Entsetzen ihrer Eltern. Finsternis verbirgt die schreckliche Tat. Der Death Dance ist eine Art von Traumsequenz. In einer bemerkenswerten Szene, in der die Musik schweigt, entdecken die Bewohner der Stadt das Verbrechen. Lizzie erblickt sie, stößt einen Schrei aus und stürzt davon, während das Orchester in der Mob Scene explodiert. Das Haus wird zerlegt und in einen Galgen verwandelt.

Im Epilogue verläuft sich die Menge allmählich. Lizzie bleibt mit dem Pastor allein, während das Orchester an jene Phasen ihres Lebens erinnert, die zu diesem Augenblick führten. Schließlich ist sie im Angesichte des Galgens allein. Dann hören wir erneut den brutalen Schrei des Orchesters, mit dem das Ballett begann. Zu einem düsteren Paukenwirbel sieht Lizzie am Schluss ihren Tod vor Augen, indessen das Ballett zu Ende geht.

Nach der erfolgreichen Uraufführung der Fall River Legend im Jahre 1948 war Gould daran gelegen, seinen Ruf als Komponist leichter Klassik loszuwerden. Dimitri Mitropoulos, von 1950 bis 1958 musikalischer Direktor der New Yorker Philharmoniker, bestellte bei ihm ein seriöses Orchesterwerk – was um die Mitte des 20. Jahrhunderts bedeutete, dass der Komponist in irgendeiner Weise das von Schönberg geschaffene Zwölftonsystem benutzen musste. Gould entschied sich, diese Methode in einer Komposition zu verwenden, zu der ihn Robert Louis Stevensons berühmte Horrorgeschichte Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde angeregt hatte. Dieser Roman, der 1886 in Großbritannien zum ersten Male veröffentlicht wurde und sogleich ein Bestseller war, lässt den Leser nach und nach entdecken, dass der menschenfreundliche Dr. Jekyll und der brutale Hyde nichts als die zwei Seiten desselben Wesens sind.

Um die verschiedenen Merkmale der gespaltenen Persönlichkeit in dramatischer Form darstellen zu können, wählte Gould die Form der Variation. Schon das Thema ist so angelegt, dass es dieses Gespaltensein symbolisiert. Zwar ist es von lyrischer Art, doch es gibt darin verschiedene subtile Tempowechsel, und seine zweite Hälfte ist die Umkehrung der ersten Hälfte – wie ein Spiegelbild, eine Inversion von Schwarz zu Weiß oder Gut zu Böse. Die nachfolgenden zwölf Variationen beschreiben ein großes Ausdrucksspektrum, das in der Partitur durch zahlreiche Vortragsanweisungen bezeichnet wird, die sich selbst innerhalb einzelner Variationen ändern. Der generelle Verlauf des Werkes führt vom Lyrischen zum Finstern und sogar zum Dämonischen, wenn die zwölfte Variation eine „intensive und wütende” oder „ungestüme und frenetische” Musik verlangt. Eine dreizehnte Variation fungiert als weithin kontemplatives Finale, das sich vom voraufgegangenen Horror zu einer Art philosophischer Betrachtung zurückzieht.

Dimitri Mitropoulos, ein vorzüglicher Musiker und engagierter Anwalt für neue Musik, leitete am 2. Februar 1957 in New York die Aufführung des Werkes. Während der Komponist und der Dirigent mit dem Resultat zufrieden waren, vermochten Publikum und Kritik nicht über den Entertainer Morton Gould, über den Autor des American Salute, der Latin-American Symphonette sowie etlicher Broadway-Shows und Filmmusiken hinauszuschauen. Wer ein derartiges Werk erwartet hatte, war zu überrascht, als dass er mit offenen Ohren hätte zuhören und ihn als Verfasser eines ernsten Werkes im modernsten Idiom der damaligen Zeit hätte akzeptieren können. Wäre Mitropoulos länger bei den Philharmonikern geblieben, hätte er das Werk gewiss wiederholt und so dem Publikum eine zweite Chance gegeben, die Qualitäten der Musik zu würdigen. Doch er war wegen seines beeindruckenden Einsatzes für die zeitgenössische Musik häufigen Presseangriffen ausgesetzt und gab sieben Monate nach der Premiere der Variationen die musikalische Leitung des Orchesters ab.

Gould zählte die Jekyll and Hyde Variations stets zu seinen besten Stücken. Bislang hat es aber praktisch keine Gelegenheit gegeben, sie einmal zu hören. Diese Aufnahme eröffnet uns nun die Möglichkeit, das ungewöhnliche schöpferische Spektrum des Komponisten Morton Gould zu beurteilen.

Steven Ledbetter
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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