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8.559249 - BOLCOM: Songs
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William Bolcom (geb. 1938)
Lieder

Carole Farley hat für das vorliegende Programm Lieder ausgewählt, die ich im Laufe von vierzig Jahren für den Konzertsaal und das Theater geschrieben habe. Nicht jedem gelingt es so leicht wie ihr, stilistisch von einer offenkundigen Broadway-Parodie (Casino Paradise’s ‘Night, Make My Day’) in ein schwieriges Stück Kunstmusik umzuschalten, wie es der Zyklus I Will Breathe a Mountain darstellt. Nur eine mutige Sopranistin wie sie wird eine Aufnahme mit einem Schrei beginnen. An den Anfang ihrer Auswahl stellt Carole den Titel You Cannot Have Me Now aus Greatshot, einer Oper für Schauspieler, die 1969 für das Yale Repertory Theater entstand. Sie stellt hier eine deutsche Kriegsbraut dar, die auf einem Militärstützpunkt in der Nachbarschaft verheirateter Offiziere lebt – und sie erzählt von den wilden Dingen, die sie und ihr Mann zwischen all den hohen Tieren und Unteroffizieren so treiben. Ein Freund aus Stanford begegnete einer solchen Frau auf einem kalifornischen Luftwaffenstützpunkt, und Arnold Weinsteins Text kam fast ohne Zutaten aus: Der Teil von den „zehn Jahre“ ist offensichtlich lebensecht. Night, Make My Day aus der Theateroper Casino Paradise von 1990 klingt wie eine Schnulze. Gesungen wird sie von der unterdrückten Jungfer Cis, die sich auf eine Hochzeitsnacht freut, um die man sie in letzter Minute bringt. Weinstein und ich dachten uns das Stück als eine Parodie in der Art einer überkandidelten Extravaganz à la Liza Minelli, doch die Kabarett-Künstlerin Karen Akers nahm es dann zu unser beider Verblüffung ganz schlicht. In My Father the Gangster wird uns Cis später erzählen, warum ihr Liebesleben so öde ist.

Als Marilyn Horne sich vor einigen Jahren vom Konzert- und Opernrepertoire verabschiedete (indessen sie nach wie vor eine herrliche Popularsängerin ist), bat sie um einen Beitrag von mir. Was dabei herauskam, war The Digital Wonder Watch von May Swenson, die in ihrem Gedicht die phänomenale Multifunktionsuhr verherrlicht, die ihr Lebensgefährte kurz zuvor erworben hatte.

Der Dirigent Dennis Russell Davies, ein langjähriger Freund, mit dem ich viele Male zusammengearbeitet habe, nahm ein Projekt mit der Rockdiva Marianne Faithfull in Angriff, woran auch ich und der Dichter und Stückeschreiber Frank McGuinness mitarbeiteten. Das einzige Lied, das dabei herauskam, ist das erschreckende Gedicht The Last Days of Mankind.

Dan Wagoner ist einer meiner liebsten Tänzer aus New York: Man denke sich, William Blakes Charakterportrait aus Glad Day sei zum Leben erwacht. Sein Tanzen hat manchmal zu Tränen gerührt. Wagoners Gefährte George Montgomery ist ein sparsamer, lakonischer Dichter aus der letzten New Yorker „Nachkriegsschule“, dessen Werke in ihren spanischen Übersetzungen besser bekannt sind als in ihrem englischen Original: Songs to Dance ist ein Trio für Sänger, Tänzer und Klavier, das Dan, meine Frau Joan Morris und ich ein einziges Mal gemeinsam im New Yorker Joyce Theater aufgeführt haben.

Als mich Marilyn Horne um einen Liederzyklus auf Texte amerikanischer Dichterinnen bat, hatte sie selbst bereits Emily Dickinsons The Bustle in the House ausgewählt, das sie bei der Trauerfeier für ihren Bruder gelesen hatte. Ich bat nun meinerseits meine Freundin Alice Fulton um die Zusammenstellung einer Anthologie und eines ihrer eigenen Gedichte. Ich spürte, dass sie dem Zyklus I Will Breathe a Mountain eine besondere sprachliche Topographie verleihen würde (wie das auch der Dichter T. J. Anderson III für meinen Chorzyklus The Mask getan hatte).

Das weite Spektrum an Gedichten enthält Werke von Edna St. Vincent Millay (in Sonettform), Alice Fulton (eine Erinnerung an ihre frühen Jahre als Frau in Troy, New York), von der bedeutenden farbigen Dichterin Gwendolyn Brooks, der fiebrigen Anne Sexton, der mährischen HD (Hilda Doolittle) der zwanziger Jahre, der Poetin Denise Levertov, die im Staate Washington lebte, Emily Dickinson, der New Yorker Dichterin und Redakteurin Louise Bogan, der May Swenson der Digital Wonder Watch und schließlich der großen Elizabeth Bishop, die mit einer gekürzten Fassung von The Fish vertreten ist.

Der in Memphis geborene Dichter Richard Tillinghast, ein enger Freund, ist sowohl in den USA als auch in Irland bekannt: Der traurigen Begegnung Costa del Nowhere folgt The Table, ein Gedicht des bedeutenden türkischen Poeten Cansever, das Richard ins Englische übersetzt hat.

Mitunter hat man vermutet, dass William Blake zu seinem Gedicht Mary durch seine Freundin, die berühmte frühe Feministin Mary Wollstonecraft, angeregt worden sei.

Der Regisseur Paul Sills, der die Second City- Truppe gründete, aus der so viele prominente amerikanische Schauspieler hervorgingen und der bei Dynamite Tonite und Greatshot die Regie führte – Paul Sills also bat Arnold Weinstein und mich im Jahre 1980 verzweifelt um unsere Mithilfe, da zwei junge Produzenten The Wind in the Willows* an den Broadway bringen wollten und wir möglicherweise die Komposition liefern konnten. Die beiden schienen besonders grüne Jungs zu sein – sie wollten beispielsweise einen PR-Button mit der Aufschrift I’ve Been TOAD Away machen –, und es dauerte gar nicht lange, bis Paul mit ihnen die Geduld verlor und das Projekt fallenließ. (Die beiden gaben dann eine Rockkomposition in Auftrag, wobei sie Badger einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, um eine Liebesgeschichte hinzubekommen; sie sponsorten die längste Vorankündigung, die je am Broadway für eine Show gelaufen war, doch das Ganze war schon mit der Premiere vorbei.) Vor einigen Jahren gewann der Maler, Produzent und Regisseur John Wulp den Musiker Scott Griffin dafür, die Lieder, die wir geschrieben hatten, für eine Kinder-Inszenierung auf der Insel North Haven vor Maine zu arrangieren.

Am Ende kommen wir zu dem frühesten Lied When We Built the Church, das meiner ersten Zusammenarbeit mit Weinstein entstammt. Unsere künstlerische Partnerschaft kam durch Darius Milhaud zustande, der Weinstein in Florenz kennengelernt und mir 1960 eines Tages nach dem Unterricht in Paris ein Libretto (das damals A Comedy of Horrors hieß) gegeben hatte. Ich wollte es sofort vertonen, denn es zeigt die für Arnold typische, wunderbare Balance zwischen umgangssprachlichen und klassischen Idiomen. Das Stück bekam den Titel Dynamite Tonite und wurde ein Stück für singende Schauspieler – ich muss sagen, dass ich bei der Kompositionsarbeit noch nicht ahnte, wie viel besser sie sich eignen würden als „einfache“ Sänger –, und das kurzlebige Actors Studio Theater produzierte die Show 1963. Dynamite ist weniger ein Antikriegs- Stück als vielmehr ein dramma giocoso über den Krieg im Sinne der Marx Brothers. Während eines endlosen Konflikts, von dem niemand mehr weiß, um was es ging, hockt der Sergeant Alvin Epstein mit dem Hauptmann in einem Bunker und erinnert sich voller Sehnsucht an seine zerbombte Kirche.

William Bolcom
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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