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8.559251 - HANSON: Concerto for Organ, Harp and Strings / Nymphs and Satyr
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Howard Hanson (1896-1981)
Nymphen und Satyr – Ballettsuite • Konzert für Orgel, Harfe und Streicher • Fantasie-Variationen

 

Die amerikanische Musik hätte kaum einen enthusiastischeren Anwalt finden können als Howard Hanson, der sich während seiner langen Karriere als Komponist, Dirigent und Lehrer mit unermüdlicher Hingabe, Großzügigkeit und Begeisterung für die Gegenwartsmusik seiner Heimat eingesetzt hat. Howard Hanson wurde am 28. Oktober 1896 in Wahoo, Nebraska, als Sohn schwedischer Protestanten geboren und studierte am Institute of Musical Art und der Northwestern University. 1916 wurde er Professor für Theorie und Komposition am College of the Pacific, und nur drei Jahre später war er bereits der Dekan des zu diesem College gehörigen Konservatoriums der Schönen Künste. 1921 wurde er mit dem ersten amerikanischen Prix de Rome ausgezeichnet. Während seines dreijährigen Aufenthaltes in Italien studierte er bei Ottorino Respighi, dessen Orchestrierungstechnik ihn stark beeinflusste. 1924 machte ihn George Eastman, der Gründer der Eastman Kodak Corporation, zum Direktor der damals noch jungen Eastman School of Music an der Universität von Rochester, New York. Während seiner vierzigjährigen Tätigkeit machte Hanson aus diesem Konservatorium eine der besten amerikanischen Musikschulen – unter anderem durch ein neues Curriculum, das auf seiner Vorstellung vom amerikanischen Musikleben basierte und praktische Instrumentalausbildung mit akademischer Theorie und musikwissenschaftlichen Disziplinen verband. Außerdem geht auf ihn der Doctor of Musical Arts (DMA) zurück, der heute an den meisten amerikanischen Konservatorien als Abschluss erworben werden kann.

In seiner Eigenschaft als Direktor der Eastman School spielte Hanson im amerikanischen Musikleben eine einflussreiche Rolle, die er unablässig zur Verbreitung neuer Werke nutzte. Die umfassendste dieser Bemühungen war eine Aufnahmeserie für das Label Mercury, die hunderte amerikanischer Werke in Einspielungen des Eastman-Rochester Orchestra enthielt – eines Klangkörpers aus Eastman-Studenten und ortsansässigen Berufsmusikern. Hanson begründete auch das American Music Festival, das bis 1971 alljährlich Werke lebender amerikanischer Komponisten vorstellte. Er war als Gastdozent und -dirigent aktiv, fungierte oft als Berater in Fragen der Musikerziehung und veröffentlichte die Abhandlung The Harmonic Materials of Modern Music (Das harmonische Material der modernen Musik).

Trotz seiner zahlreichen Verpflichtungen schuf Hanson im Laufe der Zeit eine Vielzahl eigener Werke – von dem berühmten Bekenntnis zur musikalischen Neoromantik, der Symphonie Nr. 2 Romantische (1930), bis hin zur vierten Symphonie Requiem (1943), die mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, von zahlreichen Werken für Chor und Orchester, seine bevorzugte Besetzung, bis hin zur abendfüllenden Oper Merry Mount (1933), einem der ersten Bühnenwerke, die von der Metropolitan Opera in Auftrag gegeben wurden. 1964 gab Hanson seine Tätigkeit an der Eastman-Schule auf, widmete sich aber bis zu seinem Lebensende der Komposition und der Verbreitung amerikanischer Musik. Howard Hanson starb am 26. Februar 1981.

Hanson hat sich sein Leben lang einer bemerkenswert romantischen Tonsprache befleißigt. Beeinflusst von der nordischen Tradition, wie sie Jean Sibelius repräsentierte, setzte er sich in seinem Schaffen auf entschieden amerikanische Weise mit der symphonischen Gattung und den Einflüssen Europas auseinander. Der Musikwissenschaftler Walter Simmons schreibt in seiner wichtigen Studie über die amerikanische Neoromantik Voices in the Wilderness (2004): „In einer Zeit, als die Gemeinde der Neuen Musik solchen Gesichtspunkten feindselig gegenüberstand, verwandte sich Howard Hanson nachdrücklich und freimütig für die Musik als wohlklingendes Mittel des ungehinderten emotionalen Ausdrucks.“ Bemerkenswert ist, mit welcher Konsequenz Hanson an seiner musikalischen Vision und Stilistik festhielt, während ihn die neue Generation amerikanischer Komponisten mehr und mehr als Anachronismus ansah. Ende der achtziger Jahre begann eine neue Serie von Aufnahmen, die bis in die Gegenwart fortgesetzt wird: Damit können die Hörer wieder das immense Vergnügen erleben, das Hansons großartige musikalische Landschaften bereiten.

Hanson war selbst ein exzellenter Pianist und vor allem für seine legendären Fähigkeiten als Partiturspieler bekannt. Das mag der Grund dafür sein, dass seine beiden Unternehmungen auf konzertantem Gebiet den Tasteninstrumenten gewidmet sind – dem Klavier (1948) und der Orgel. Sein Konzert für Orgel, Harfe und Streicher op. 22 Nr. 3 von 1941 erblickte das Licht der Welt als symphonische Dichtung namens North and West (1923). Daraus wurde das Orgelkonzert (1926) für Harold Gleason, den Organisten der Eastman School, in dem ein großes Orchester verlangt wird. Da die Aufführung von Werken dieser Besetzung stets große Schwierigkeiten bereitet, weil die meisten Orgeln in Kirchen zu finden sind, schuf Hanson diese letzte, gestraffte Fassung für ein kleineres Begleitensemble. Das Werk ist in der einsätzigen Episodenform gehalten, die Hanson häufig verwandte. Nach dem geheimnisvollen Anfang in Streichern und Harfe setzt die Orgel mit gedämpften Tönen ein. Die beiden Themen des Werkes werden vom Solisten exponiert. Der zweite Abschnitt bringt eines jener tanzhaften Ostinati, die Hanson gern verwandte. Im Anschluss werden die Themen des ersten Teils durchgeführt. Einer aufregenden Solokadenz für Pedal folgt die ruhige Wiederholung des Anfangs, worauf die schnellere Musik aufgegriffen wird und der erregten Coda entgegengeht.

Die Ballettsuite Nymphen und Satyr (1979) für Kammerorchester war die letzte große Komposition, die Hanson vollendete. Sie entstand im Auftrag des Chautauqua Institute, einer West-New Yorker Künstler- Kolonie, wo der Komponist viele Sommer verbracht hatte. Das musikalische Material des Werkes entstammt in der Hauptsache zwei kürzeren, älteren Stücken – einer Fantasie für Klarinette und einem Scherzo für Fagott. Das Prelude stellt ein sich aufwärts öffnendes Motiv, das in der Fantasy entwickelt wird. Als Hauptmaterial des Scherzos erklingt eine Melodie mit entschieden schweizerischem Flair; diese Weise hatte Hanson offenbar erfunden, um sie seinem Hund vorzusingen, wenn er ihn mit Keksen fütterte. Der Epilogue greift auf das Material des Anfangs zurück und verklingt in einem kontemplativen Schluss. Der Komponist schrieb folgendes Szenarium für das Ballett:

Das Schicksal sendet die Nymphen auf eine Reise. Unterwegs verleihen sie ihrer Lebensfreude Ausdruck. Das Schicksal berührt den Satyr an der Schulter, und er drückt zusammen mit den Nymphen sein Glück aus. Am Ende ist der Satyr allein; er denkt über Leben und Freundschaft nach.

Die Fantasievariationen über ein Thema aus der Jugendzeit (1951) für Klavier und Streichorchester entstanden zum 100jährigen Bestehen der Northwestern University, an der Hanson studiert hatte. Der Komponist bemerkte: „Es erschien mir passend, eine Reihe von Variationen über ein Thema zu schreiben, das ich während meines dortigen Studiums geschrieben hatte. Ich sah meine Schülerarbeiten durch und fand ein Thema, das heute noch ebenso frisch ist wie vor dreißig Jahren, als es geschrieben wurde.“ Das Thema war das Anfangsmotiv seines Concerto da Camera c-moll für Klavier und Streichquartett (1917). Das Werk bringt das Thema zunächst in derselben Gestalt, wie es in der frühen Komposition vorkommt; darauf folgen vier Variationen unterschiedlichen Charakters. Die erste ist düster und brütend, in der zweiten wechseln perkussive und fließende Elemente, die dritte ist eine lyrische Meditation und die vierte ein erregter, wilder Dialog. Eine stille Coda beendet das Werk in friedlicher Ruhe.

Die Serenade für Flöte, Harfe und Streicher op. 35 (1945) entstand als Brautgeschenk für Margaret Elizabeth Nelson, die 1946 Hansons Frau wurde. Das Werk war ein Auftrag der WHAM Radio Station von Rochester für ihre Sendereihe Musikalische Kostbarkeiten. Das Werk besteht aus einem lyrischen, fließenden Lied für Flöte, die sich durch eine Reihe charakteristischer, warmer Streicherklänge bewegt, der die rhythmischeren Texturen der Harfe kräftigere Impulse verleihen.

Summer Seascape No. 2 (1965) für Bratsche und Streicher ist eine von Hansons unbekanntesten Kompositionen. Sie darf nicht mit dem gleichnamigen Mittelsatz der Bold Island Suite (1961) für Orchester verwechselt werden. Das Stück entstand „zur Erinnerung an Edwin Hughes“ für das Symphonieorchester von North Carolina: Hughes war ein bekannter Pianist gewesen und hatte als überaus eigenständiger Herausgeber von Standardklavierwerken für G. Schirmer gearbeitet. Das kleine Stück ist von elegischem Ton, was durch die Art des Auftrags und das dunklere Timbre der Viola bedingt sein dürfte. Gleichwohl findet sich darin auch etwas von der typischen, allgegenwärtigen Energie des Komponisten. Die Seelandschaft, auf die der Titel abhebt, ist diejenige von Bold Island, Maine, wo Hanson viele Sommerferien in einem Haus verbrachte, das ihm sein Onkel vererbt hatte. Das äußerlich kleine Stück ist insofern von Bedeutung, als es in vieler Hinsicht ein Konzept zu Hansons sechster Symphonie darstellt, einem seiner besten Werke, das er 1967 zum 125. Geburtstag der New Yorker Philharmoniker komponierte. Wie die sechste Symphonie kreist auch Summer Seascape No. 2 ganz und gar um eine dreitönige Zelle (C-G-A), die am Anfang von der Bratsche exponiert und dann einer durchgehenden Entwicklung unterworfen wird. Jeder der sechs kurzen Sätze der Symphonie verwendet genau dieselbe musikalische Zelle als Ausgangspunkt für gegensätzliche und abwechslungsreiche musikalische Erkundungen. Hanson war sehr stolz auf die strukturelle Dichte der Symphonie. Der kompositorische Ansatz des Werkes könnte durchaus im Zusammenhang mit der Arbeit an seinem Lehrbuch Harmonic Materials of Modern Music gesehen werden, in dem es erstmals um eine Theorie geht, die man später als „pitch-class set theory“ bezeichnete.

Die Pastorale für Oboe, Harfe und Streicher op. 39 (1948-49) ist ein ähnliches Werk wie die Flötenserenade und wie diese der Frau des Komponisten gewidmet. Hanson schrieb das Stück ursprünglich für Oboe und Klavier, orchestrierte es dann aber 1950 für Eugene Ormandy und das Philadelphia Orchestra. Das Werk ist ein wenig dunkler getönt als die Flötensonate, aber nicht ohne Wärme.

Carson Cooman
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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