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8.559253 - BAUER: Orchestral and Chamber Works
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Marion Bauer (1882-1955)
Lamento über ein afrikanisches Thema op. 20a • Concertino für Oboe, Klarinette
und Streicher op. 32b • Triosonate Nr. 1 op. 40 • Sinfonische Suite op. 33 •
Duo für Oboe und Klarinette op. 25 • American Youth Concerto op. 36

Marion Bauer hatte etwas von einer Renaissancegestalt: Neben ihren bedeutenden Beiträgen zum amerikanischen Musikleben als Komponistin, Lehrerin, Schriftstellerin und Kritikerin war sie zugleich eine große Verfechterin ihrer Komponistenkollegen, über deren Musik sie schrieb und Vorlesungen hielt. Sie muss wahrhaft unermüdlich gewesen sein.

Bauer wurde an der Westküste geboren, in Walla Walla, Washington, und studierte in New York, Paris und Berlin. Sie war die erste einer langen und erlesenen Reihe von amerikanischen Komponisten, die bei Nadia Boulanger arbeiteten. Im Jahr 1911 erhielt sie von dem New Yorker Verleger Arthur Schmidt einen Sieben- Jahres-Vertrag. In jener Zeit schrieb sie Lieder, Klavierstücke und Kammermusik, darunter Up the Ocklawaha (1913) für die bekannte Violinistin Maude Powell. Ihre Klaviersuite From the New Hampshire Woods (1923) wurde von der schönen Umgebung der MacDowell-Kolonie inspiriert, wo sie komponierend und schreibend viel Zeit verbrachte.

Bauers Schwester Emilie war New Yorker Musikkritikerin für The Musical Leader; Marion übernahm diese Position nach dem Tod ihrer Schwester 1926. Sie arbeitete zeitlebens als Rezensentin und schrieb für Zeitschriften wie das Musical Quarterly, war aber auch Autorin von Büchern über Musik. Ihr Werk Twentieth Century Music wurde geradezu populär. 1926 trat sie dem Lehrkörper der Musikabteilung an der New York University bei und arbeitete dort bis 1951. Als leidenschaftliche Streiterin für die amerikanische Musik war sie 1921 Gründungsmitglied der American Musical Guild und wurde 1926 Vorstandsmitglied der League of Composers. Als Aaron Copland 1937 die American Composers Alliance gründete, berief er Bauer in deren Vorstand. In all diesen Positionen war sie die erste oder einzige Frau.

Bauers Eltern hatten französische Wurzeln, und während ihres Studiums vertiefte sie sich in die französische Musik. Das vermittelte ihren Kompositionen eine spürbar impressionistische Note. Da sie jedoch in einer Zeit arbeitete, als die Komponisten nach einer neuen Sprache suchten, experimentierte sie unaufhörlich mit ihrem Stil. Daraus erwuchs Musik von einem breiten Spektrum an Idiomen und Stimmungen; aufrichtige und ausdrucksvolle langsame Sätze sind ihre besondere Stärke.

Zuweilen verwendete Bauer Elemente aus der Musik anderer Kulturen, so in Indian Pipes und A Lament on an African Theme op. 20a von 1927. Letzteres entstand als zweiter Satz des Streichquartetts op. 20 (1925). Auf der Partitur vermerkt die Komponistin in Klammern: „Based on an African Negro Lament“. Martin Bernstein, ein Kollege an der New York University, orchestrierte das Werk um 1935 und gab ihm den jetzigen Titel. Es ist ein deskriptives Stück von naiver, elementarer Atmosphäre. Der derbe Beginn verwendet modale Harmonien, um den Dunst über den afrikanischen Ebenen zu evozieren. Er durchläuft geheimnisvolle, auch erregte Abschnitte, erreicht einen gewaltigen Höhepunkt mit der Bezeichnung brutale, um sich schließlich gleichsam zurückzulehnen und in der Erde auszuruhen.

Das Concertino for oboe, clarinet and strings op. 32b ist ein Auftragswerk der League of Composers in spätromantischer Musiksprache. Das eröffnende Allegretto bringt zarte Sehnsucht zum Ausdruck; durch die Verwendung wechselnder Taktlängen kreiert Bauer reizvolle Beweglichkeit. Ein melancholisches Viola- Solo eröffnet den langsamen Satz; ungewöhnliche Intervalle und Rhythmen haben einen beunruhigenden Effekt. Im Finale beschwört eine dämonische Gigue einen Koboldtanz herauf. Schließlich, nach Bläser- kadenzen, kommen alle in einem deklamatorischen c- Moll-Schluss zusammen.

Die Triosonate Nr. 1 op. 40 ist die erste von insgesamt drei Triosonaten Bauers; sie verwendet den barocken Titel, um konversierende Kammermusik anzudeuten. Wahrscheinlich ist sie für ganz bestimmte Musiker geschrieben. Jeder Satz ist höchst individuell: der erste mit einer wunderbar impressionistischen Atmosphäre; der zweite von berührender, tief empfundener Stimmung und der dritte von ausgelassener Fröhlichkeit.

Bauers Familie war jüdisch; einige gingen bereits im 19. Jahrhundert von Europa in die Vereinigten Staaten, andere blieben im Elsass und wurden später von den Nazis umgebracht. Die tragische Stimmung des ersten Satzes ihrer Symphonic Suite von 1940 scheint ein tiefes Gefühl des Verlustes auszudrücken. Durch beunruhigende chromatische Intervalle wird eine Atmosphäre der Angst hervorgerufen; der synkopierte Bass schleppt sich in Trauer dahin. Der prachtvolle Streicherklang, der gelungene Aufbau und der beredte Abschluss bilden einen sehr überzeugenden Satz. Die komplexen Texturen des zweiten Satzes schaffen eine klaustrophobische Atmosphäre, besonders im unruhigen, synkopierten Mittelabschnitt. Das Fugen-Finale ist von Bachscher Kraft und Strenge – in der Sprache des 20. Jahrhunderts. Bauer hat ihre wahre Freude an der Form, sie verwendet verschiedene musikalische Techniken wie die Inversion (Umkehrung) und die Augmentation (Vergrößerung).

Obwohl ihre Namen nicht bekannt sind, ist es wahrscheinlich, dass Bauer ihr Duo for oboe and clarinet op. 25 für die selben Musiker schrieb wie das Concertino. Für die gewissermaßen mageren Texturen der zwei einstimmigen Instrumente zu schreiben ist ein mutiges Unterfangen; Bauer hat es eindrucksvoll vermocht – die Musik lässt das Fehlen einer Basslinie an keiner Stelle als Mangel erkennen. Die Komponistin weckt anhaltendes Interesse am Dialog zwischen Oboe und Klarinette im Rahmen der französischen Tradition der Bläsermusik. Dem regen Disput des Prelude kontrastiert im zweiten Satz ein abwechselndes Sprechen der beiden Instrumente. Der dritte Satz hat eine warme ländliche Atmosphäre, während der abschließende Dance eine Art Pas de deux ist, bei dem die beiden Instrumente zusammen einen Tango tanzen.

Das American Youth Concerto op. 36 entstand 1943 für die High School of Music and Art in New York. Es illustriert Bauers Enthusiasmus für die musikalische Ausbildung. Die Musik ist in ihrer Verbindung verschiedener amerikanischer Musikstile unverhohlen populär. Sie spricht den jugendlichen Geschmack an und ist für ein talentiertes Nachwuchsorchester gedacht. Obwohl die Sprache vertraut ist, vermeidet Bauer Kitsch, indem sie trickreiche Wendungen und ungewöhnliche Harmonien einbaut – wie ein Lieblingsgericht mit einem Hauch von Limone. Das majestätische Eingangsunisono und grandiose Klavierarpeggien haben Rachmaninowsche Qualität; diesen wird geschickt ein Allegretto-Marsch gegenübergestellt. Das Andante prägt eine Mischung aus impressionistischen und Blues-Harmonien. Das Finale führt außerordentlich wirkungsvoll einige populäre amerikanische Stile vor: einen Cakewalk, einen Blues und einen Hoedown, wobei Bauer allen ihren eigenen Stempel aufdrückt und sich dabei einer sehr effektiven Instrumentierung bedient.

Diana Ambache
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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