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8.559261 - SESSIONS: String Quintet / String Quartet No. 1 / Canons (to the memory of Igor Stravinsky)
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Roger Sessions (1896-1985)
Kammermusik für Streicher

 

Die Rolle, die Roger Sessions unter den modernen amerikanischen Komponisten gespielt hat, steht außer Frage. Sein Einfluss als Lehrer lässt sich mit demjenigen von Schönberg, Hindemith und Boulanger vergleichen. Zu seinen 42 Werken gehören neun Symphonien, drei Konzerte, zwei Opern und andere großangelegte Stücke sowie eine Reihe kammermusikalischer Stücke, die hier – mit Ausnahme des zweiten Streichquartetts – zum erstenmal vollständig vorliegen. Bei der Einspielung des Streichquintetts handelt es sich überdies um eine Erstaufnahme. Sessions hat jeden bedeutenden Preis gewonnen – so auch den Pulitzer Prize. Obwohl er von 1910 bis 1985, mithin ein Dreivierteljahrhundert, kompositorisch tätig war, kam seine diesbezüglich fruchtbarste Phase erst nach seinem 60. Geburtstag. Drei der hier aufgenommenen Werke stammen aus dieser letzten Phase.

Neben seiner Tätigkeit als Komponist und Lehrer machte Sessions auch als Musikschriftsteller Karriere. Er war ein äußerst gebildeter Mann und veröffentlichte im Laufe seines Lebens vier Bücher sowie mehr als vierzig Artikel. Zu seinen Buchpublikationen gehören die Norton-Vorlesungen an der Harvard University (Questions about Music), seine Harmonielehre (Harmonic Practice) und sein wertvolles Musical Experience as Composer, Performer, Listener (Musikalische Erfahrung als Komponist, Interpret, Hörer). Seine Aufsätze brachte Edward T. Cone unter dem Titel Roger Sessions on Music: Collected Essays heraus, indessen Andrea Olmstead The Correspondence of Roger Sessions herausgab.

Seine Musik verrät Einflüsse von Strawinsky und Bloch, später dann von Dallapiccola und Schönberg; doch die Integration fremder Elemente geschah stets zu entschieden persönlichem Ende. Der Stil von Roger Sessions wird durch eine Reihe von Merkmalen charakterisiert. Zum einen gibt es hier die vieldiskutierte „lange Linie“: Sessions’ lange Phrasen bilden elegante Bögen und haben ihren Anteil an äußerst komplexen kontrapunktischen Texturen. Ein weiteres Kennzeichen ist die durch häufige Taktwechsel und Polyrhythmen entstehende Beweglichkeit des Rhythmus. Beide Charakteristika hört man in dem zwölftönigen Streichquintett, das Sessions im Auftrag der musikalischen Fakultät an der University of California in Berkeley komponierte und dem Fakultätsleiter Albert Elkus widmete. (Kurz nachdem Elkus Berkeley verlassen hatte, folgte ihm Sessions.)

Sessions liebte die Streichquintette g-moll und Cdur von Mozart und das C-dur-Quintett von Schubert. Deshalb fühlte er sich „inspiriert und herausgefordert, diese Besetzung in einem neuen Stück zu benutzen.“ Die Uraufführung fand 1958 in Berkeley statt. Damals konnte das Griller Quartet allerdings nur die beiden ersten Sätze spielen, da der Komponist nicht rechtzeitig zum Konzert fertig geworden war. Die Großzügigkeit Paul Fromms ermöglichte es dann, am 23. November 1959 das gesamte Werk an der New School von New York zu präsentieren. Diese Aufführung durch das Lenox Quartet fand zusammen mit der Premiere des zweiten Streichquartetts von Leon Kirchner und des bedeutenden sechsten Quartetts von Ernst Krenek statt (letzteres stammt wie Sessions’ erstes Streichquartett aus dem Jahre 1936).

Zwei Jahre später leitete Sessions an der New School ein Ensemble, dessen Proben für die Öffentlichkeit zugänglich waren. Der erste Bratscher des Ensembles war der neunzehnjährige Samuel Rhodes, der später zusammen mit dem Juilliard String Quartet das Streichquintett spielen sollte. In einem Bericht über die offene Probe zitierte der New York Herald Tribune Sessions mit den Worten: „Die Hauptstimme muss dominieren wie in der italienischen Oper.“ Außerdem äußerte er damals gegenüber den Musikern, sie müssten „die Passage immer wieder spielen, bis sie verschmilzt.“

Formal erinnert der Kopfsatz des Quintetts an den ersten Satz des Streichquartetts e-moll, und zwar insofern, als beide Beethovens a-moll-Quartett nachgebildet sind und eine dreifache Exposition aufweisen. Der arienartige zweite Satz besteht aus einer A-B-A-Form, wobei B bei Takt 180 und die Wiederholung von A bei 240 beginnt. Der dritte Satz ist ein Sonaten-Allegro. Es gibt keine wörtliche Reprise. Sessions sagte: „Ich erinnere ganz einfach auf spezifische Weise an einen Gedanken, ohne ihn wörtlich zu wiederholen. Ich wiederhole sehr selten wörtlich, weil das nicht in der Natur dieses [zwölftönigen] Vokabulars zu liegen scheint.“

Zwischen der sechsten und siebten Symphonie, die 1966 und 1967 im Auftrag der New Jersey Symphony bzw. University of Michigan entstanden waren, schrieb Roger Sessions die Sechs Stücke für Violoncello. Diese Stücke sind seinem Sohn John gewidmet, einem Cellisten. Das Werk erlebte seine Premiere bei einem reinen Sessions-Konzert, das am 31. März 1968 von der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in der Carnegie Recital Hall (heute: Weill Hall) veranstaltet wurde.

Wie in dem Doppelkonzert von 1971, in dem Sessions zwei Instrumente miteinander sprechen lässt, kann man sich auch hier, in den kontrastierenden, rezitativischen Passagen des Soloinstruments, eine Konversation vorstellen. Die Mitwirkenden des zweiten Satzes, Dialogue, sind Sessions und sein Sohn. Sie diskutieren nicht miteinander; es gibt auch keine Fragen und Antworten, sondern ein freundliches Gespräch. Auch der vierte Satz, Berceuse, hatte für Sessions eine bestimmte familiäre Assoziation. Als er seine Enkelin (Johns Tochter Teresa), nach ihrer Geburt in der Wiege liegen sah, fielen ihm sogleich die ersten vier Takte des Stückes ein.

Dreißig Jahre früher (1936) komponierte Sessions – damals noch ein „Neoklassizist“ – im Auftrag von Elizabeth Sprague Coolidge sein erstes Streichquartett e-moll. Das Werk wurde vom Coolidge Quartet am 10. und 11. April 1937 in Washington D.C. bei Mrs Coolidges 8. Kammermusikfestival uraufgeführt. Der junge Elliott Carter schrieb in Modern Music von einem „neuen und wichtigen Quartett [...] Obwohl keines der Themen so hervorragt, wie das oft bei Beethoven der Fall ist, bieten alle Details, die Kadenzen, die Art der Themenvorstellung, die Textur und der flexible Bass ein ständiges Vergnügen, und bisweilen ist das Werk wirklich bewegend. Der Sinn [des Komponisten] für die große Linie verlieh der Musik eine gewisse Räumlichkeit, ohne dass sie übermäßig expansiv gewesen wäre.“

Ernst Krenek schrieb Sessions am 7. März 1939 zu dem Werk: „Ich mag besonders die Originalität der Harmonik, die einen klaren Beweis der sehr persönlichen und tiefen Expressivität Ihrer Musik liefert. Weiterhin war ich sehr beeindruckt von dem langen Atem einiger thematischer Entwicklungen, besonders im ersten Satz.“

Im Programmheft zu einer Aufführung der Gordon String Group, die am 26. Januar 1941 in der Town Hall stattfand, schrieb Sessions, dass ihn bei der formalen Gestaltung Beethovens Streichquartett a-moll op. 132 beeinflusst habe. Der erste Satz hat bei Sessions eine dreifache Exposition, drei „Strophen“, von denen jede drei Themen enthält, die bei ihrer Wiederholung verändert sind. Jedes der drei Themen verdankt einen Teil seiner Identität einem spezifischen Tempo. Der Effekt ist der einer riesigen Engführung. Die Tonarten e-moll, c-moll und g-moll werden angedeutet, nie aber wirklich definiert. Der zweite Satz beginnt mit einem Adagio und findet seine Fortsetzung in einem kurzen scherzando-Zwischenspiel, das seinerseits zu dem Adagio zurückführt. Der ausdrücklich in h-moll komponierte Satz moduliert nach gis-moll. Wie bei den anderen Sätzen lässt sich auch für das Scherzo nicht nur eine Tonart (hier: c-moll) bestimmen. Jeder Takt könnte vielmehr einer anderen Tonart angehören. Ein einendes Element des Satzes ist das Dreitonmotiv des Anfangs (d-dis-f), das viermal wiederkehrt. Die kanonischen Erfindungen, das dichte Motivgeflecht und die kontrollierte Chromatik im Rahmen einer erweiterten Tonalität stellen gegenüber der früheren Musik von Sessions – am bekanntesten sind The Black Maskers – eine höhere technische Komplexität dar. Über diesen Satz meinte Sessions: „Es kam mir vor, als schriebe ich schon wie Alban Berg.“ Der dritte Satz, ein Sonaten- Allegro, ist bis dahin Sessions strengste Form. Auf die Einleitung folgt das erste Thema in der Viola; das zweite Thema erscheint im Violoncello (bei Takt 55). Der Satz beginnt in G-dur, endet aber in E-dur. Sessions schrieb das Werk 1936 auf einer Ranch in Reno, wohin er sich damals zurückgezogen hatte, um sich von seiner ersten Frau Barbara scheiden zu lassen. Im November desselben Jahres heiratete er dann seine ehemalige Schülerin Elizabeth Franck. Gegenüber der Verfasserin dieses Artikels äußerte er, der letzte Satz sei „vielleicht der orthodoxeste, den ich je geschrieben habe. Doch er macht viel Spaß. Ich rieche dann wieder den Salbei und erinnere mich an den liebenswerten Ort dort in Nevada, wo ich lebte. Ich bin damals geritten!“

Fünfunddreißig Jahre später baten die Herausgeber des Boosey & Hawkes-Magazins Tempo bekannte Komponisten um Kanons, die 1972 in einem Heft zur Erinnerung an Igor Strawinsky, der am 6. April 1971 gestorben war, erscheinen sollten. Strawinsky hatte 1963 über Sessions geschrieben, er sei „einer der Menschen, die ich am meisten bewundere und achte: als Komponist, Wissenschaftler, Lehrer, Intellektuellen. Schließlich aber und vor allem ist er ein lieber Freund.“ Sessions komponierte dieses einminütige Streichquartett con sordini am 8. August 1971 an Bord eines Schiffes, das nach Oslo fuhr. Die Überschrift am Ende des Manuskripts lautet „Auf hoher See.“ Man erinnert sich an Roger Sessions den Lehrer, den Schriftsteller und natürlich den Komponisten. Die vorliegende Veröffentlichung, die die meisten seiner Kammermusikwerke für Streicher enthält, lässt uns besser verstehen, warum seine Musik seit langem von Komponisten und Interpreten so sehr geschätzt wird.

Andrea Olmstead
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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