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8.559264 - WUORINEN: 6 Trios
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Charles Wuorinen (geb. 1938)
Sechs Trios

Obwohl Charles Wuorinen seit langem als Moderner gilt, hat der Verlauf seiner musikalischen Karriere doch mehr mit Brahms und Beethoven als mit irgendeinem Zeitgenossen gemein. Wie viele seiner Vorgänger entwickelte und verfeinerte Wuorinen seinen ganz eigenen Stil und sein strenges Handwerk durch nichts als die kompositorische Tätigkeit und durch das Leben als Komponist. Seit er 1962 gemeinsam mit Harvey Sollberger die Gruppe für Zeitgenössische Musik gründete, dreht sich dieses Leben nicht mehr ausschließlich um die Komposition, sondern gleichermaßen ums Dirigieren, Klavierspielen und Unterrichten – sämtlich Tätigkeiten, die Wuorinens Empfinden für die eigenen Werke beseelt und erhöht haben. Von den frühesten Stücken bis zu den Meisterwerken der jüngeren Zeit liegt hier ein OEuvre vor, wie man kaum ein bedeutenderes wird finden können.

Bei den Werken auf dieser CD handelt es sich durchweg um verschieden besetzte Trios von ähnlicher Länge, die allesamt zu Beginn der achtziger Jahre als Auftragskompositionen entstanden. Anfangs könnte man meinen, dass sie zur Bewertung des Ganzen einen zu kleinen Ausschnitt aus Wuorinens Schaffen darstellten; doch wie der Komponist hier mit den vier Ensembles verfährt, zeigt seine Anteilnahme an der Tradition der Ensemblemusik, die Generationen westlicher Komponisten angezogen hat.

Das Klaviertrio (für Klavier, Violine und Violoncello) entstand in der Klassik: Mit dieser Gattung präsentierte Beethoven in den frühen 1790er Jahren seine nach-mozartischen Beglaubigungsschreiben. Später lieferten Mendelssohn, Brahms, Dvofiák und viele Komponisten nach ihnen bemerkenswerte Beiträge. Eigenständiger ist das Opus 40 von Johannes Brahms, der Archetypus des Horntrios, das praktisch eine Gattung für sich darstellt. In jüngerer Zeit wurde das Repertoire für Horntrio beträchtlich vergrößert.

Die beiden anderen Trios stehen wirklich für sich allein – zumindest gegenwärtig. Dass diese zwei Werke für spezifische Besetzungen in Auftrag gegeben wurden (Kontrabass, Bassposaune und Tuba bzw. Posaune, Klavier und Mallets, d.h. Schlaginstrumente, die mit Klöppeln bedient werden wie Vibraphon und Marimbaphon), nimmt ihnen nichts von der platonischen Gediegenheit, mit der Wuorinen die Kombinationen behandelt hat: Die Musik dieser Stücke ist untrennbar mit dem Charakter der beteiligten Instrumente verbunden.

Der Komponist zeigt ein unbegrenztes Gefühl für das Wechselspiel der Techniken, Timbres und „Persönlichkeiten“, die Träger seines musikalischen Ausdrucks sind. (Die ersten Momente des Trios für Bassinstrumente fassen dieses Bewusstsein in gedrängter Form zusammen.) Nimmt man hier die vertrauten Gattungen und das Einzigartige zusammen, so bekommen wir ein noch deutlicheres Gefühl dafür, wie Wuorinen mit den westlichen Musiktraditionen der Vergangenheit und der Moderne verbunden ist. Und endlich sind diese Zusammenhänge natürlich Folgeerscheinungen dessen, was Wuorinen hauptsächlich interessierte: Musik nämlich zu schaffen, die sowohl für die Komponisten als auch für die Spieler und die Hörer künstlerisch befriedigend ist.

Das wunderbar fröhliche Trio für Bassinstrumente war ein Auftrag des Tubisten David Braynard, dem es auch gewidmet ist. Wuorinen begann mit der Arbeit am 3. Oktober 1981 und vollendete es rund sechs Wochen später, am 13. November, im texanischen Corpus Christi. Es überrascht vielleicht, dass dieses Trio von allen hier eingespielten Werken das gesanglichste ist: Die flexiblen, beinahe improvisatorisch klingenden Melodien erinnern an nahöstliche oder byzantinische Vokalmusik (beispielsweise der Gedanke, in den sich Bassposaune und Tuba am Anfang des Stückes teilen). Der gemächliche Fluss dieser Linien verdeckt nie das deutliche Pulsieren, das für Wuorinens Musik so typisch ist.

Das Horntrio und Horn Trio Continued schrieb Wuorinen im Auftrag von Julie Landsman, die seit 1985 Erste Hornistin am Orchester der Metropolitan Opera ist. Das Horntrio entstand 1981. Die durch die Flatterzunge des Horns intensivierten Tonwiederholungen, die das Klavier und die Violine am Anfang spielen, sind die Schlüsselelemente des gesamten Werkes. Besonders interessant ist, wie Wuorinen die drei Instrumente behandelt: Unisono-Spiel und Stimmkopplungen zweier Instrumente kommen recht häufig vor, wodurch zeitweilig ein einziges Über- Instrument entsteht, das sich im Kontrapunkt zum jeweils autonomen dritten Spieler bewegt. Während des gesamten Stückes stehen kräftig bewegte Passagen neben getragener und doch voranschreitender Lyrik.

Horn Trio Continued, die Fortsetzung des Horntrios, wurde im Mai 1985 vollendet und kann unabhängig vom Horntrio, aber auch als zweiter Satz desselben gespielt werden. Im Verhältnis zu dem Horntrio ist dessen Fortsetzung weniger impulsiv als vielmehr unbekümmert und sogar verspielt. Das Horn ist hier vielleicht als führendes Instrument des Trios ein wenig prominenter, und sein charakteristisches „gestopftes“ Timbre kommt häufiger zum Einsatz. Sogleich werden auch Beziehungen zum Horntrio hörbar: So ist die einleitende Geste aus dem Horntrio dann in Horn Trio Continued eine natürliche Folge der in dieser Struktur vorherrschenden Tonwiederholungen.

Das Trio für Violine, Violoncello und Klavier schrieb Wuorinen vom 28. Mai bis zum 2. August 1983 im Auftrage des Arden Trios. Mit den andern Werken auf dieser CD teilt das Trio den im wesentlichen motivischen Inhalt, wobei das „Motiv“ in Wuorinens Musik (wie auch bei Beethoven) weniger das Fragment einer Melodie als vielmehr eine komplexe Geste mit eigenen melodischen, harmonischen und rhythmischen Eigenheiten darstellt. Die schon am Anfang des Werkes prominenteste Geste erscheint in ihrer deutlichsten Gestalt bei Takt 67 (2:34). Sie wird fünf Takte später mit einer leicht veränderten Artikulation wiederholt (2:57). Beim genauen Hinhören werden sich die zahlreichen Transformationen dieses Bruchstückes als einer der Hauptgegenstände des Stückes erweisen. Das insgesamt recht bewegte Trio kommt von Zeit zu Zeit auf einem ausgehaltenen Akkord zur Ruhe, womit die scheinbar atemlose Stille der letzten Takte vorweggenommen wird.

Double Solo für Horn, Violine und Klavier entstand im Auftrag von Speculum Musicæ zu dessen fünfzehnjährigem Bestehen. Das Ende Dezember 1985 vollendete Werk ist dem Geiger Benjamin Hudson und dem Hornisten William Purvis gewidmet. Obwohl Double Solo für dieselben Instrumente wie die beiden Horntrios geschrieben ist, werden die Instrumente hier, wie der Titel verrät, auf grundsätzlich andere Weise behandelt: Die Horn- und Violinstimme spielen eine komplexe Solopartie (was sich bereits in gewissen Passagen der älteren Horntrios andeutete), indessen das Klavier als Begleitung fungiert. Die Textur ist linearer, kontrapunktischer, Fluss und Charakter sind folgerichtiger als in den anderen Horntrios. Die erste Gebärde, ein zwischen Horn und Violine aufgeteiltes, erst aufsteigendes, dann fallendes Arpeggio, deutet schon die teilweise Symbiose an. Gleichzeitig wird auch fast der gesamte potentielle Klangraum des Stückes umrissen: Das Klavier fällt rasch auf einen Akkord, dessen Basston das tiefste A des Instruments ist, während die Violine auf dem Ais landet, das eine Dezime über dem System notiert ist. Solch radikale, motivisch genutzte Spaltungen sind in Double Solo normale Erscheinungen. Seltener tritt hier als Gegenpart eine Reihe hartnäckiger Tonwiederholungen in Erscheinung (echtester Wuorinen, wie man ihn ansonsten in vielen dieser Stücke zu hören bekommt).

Der Titel Posaunentrio deutet bereits an, dass dieses Instrument in der ungewöhnlichen und klangvollen Textur des Werkes dominiert. Die Komposition entstand im Juni und Juli 1985 im Auftrag des damaligen Parnassus-Posaunisten Ronald Borror. Die ungewöhnliche Besetzung legten Borror und der Komponist in gemeinsamen Gesprächen fest. Neben der Posaune und dem Klavier ist ein Schlagzeuger beschäftigt, nahtlos zwischen schimmernden Vibraphonen (mit und ohne Motor) und irdischer Marimba hin- und herzuwechseln. Die ständig neuen Klangfarbenkombinationen gehören zu den schönsten Zügen dieses Werkes. Hervorstechende Elemente sind unter anderem hartnäckige Tonwiederholungen – wie sie beispielsweise die Posaune unmittelbar nach dem kurzen, getragenen Einleitungstakt gegen den stetigen Puls des Klaviers spielt; ähnliche Momente gibt es im Klavier (0:35; 1:47 usw.), wenn der Spieler die jeweilige Saite mit dem Finger abdämpft. Die Großform des Stückes wird durch zwei markante Pausen sehr klar: bei Takt 128 (5:13) und wieder bei Takt 254. Dazwischen stehen Passagen eines manisch beschleunigten Tempos. Nach der zweiten Pause signalisiert eine verkürzte Wiederholung der ersten Takte, mit denen das Stück begann, den Anfang einer kurzen Coda.

Robert Kirzinger
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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