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8.559266 - CASCARINO: Orchestral Works
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Romeo Cascarino (1922–2002)
Orchesterwerke

Romeo Cascarino wurde in der italienischen Gemeinde von Süd-Philadelphia geboren. Sein Vater, der Schneider und dramatische Tenor Vincenzo Cascarino, machte ihn schon bald mit der Welt der Oper bekannt. Während seiner High School-Zeit begleitete er Opern auf dem Klavier, doch bis zu seinem 18. Lebensjahr war er weitgehend Autodidakt. Der Komponist Paul Nordoff (1909–1977) gewährte dem jungen Mann, dessen offensichtliches Talent er förderte, ein Stipendium, und schließlich wurde Cascarino, nachdem Aaron Copland einige seiner frühen Werke durchgesehen hatte, nach Tanglewood eingeladen.

Mit enormem Wissensdurst fiel Cascarino über die Freie Bücherei von Philadelphia her, um sich auf Prosa und Poesie, besonders aber auf jene Partituren zu stürzen, die er als seine wirklichen Lehrmeister bezeichnete. Seine eigenen Werke befinden sich in der Fleisher Collection dieser Bibliothek, der weltweit größten Sammlung ihrer Art. Trotz seines Interesses an Büchern unterhielt er viele soziale Kontakte in der schwierigen Nachbarschaft der Innenstadt. Einmal gestand er: „Mit einem Namen wie Romeo musste man schon was in den Fäusten haben.“ Der Katalysator für die hier eingespielten Instrumentalwerke war freilich seine Liebe zu Dichtung und Mythologie.

Während seines Dienstes bei den Streitkräften erhielt Cascarino 1945 einen Preis des George Gershwin- Gedächtniswettbewerbs. Er schrieb damals Arrangements für das Orchester der Army, und in diesem Zusammenhang lernte er Sol Schönbach kennen, einen Fagottisten des Philadelphia Orchestra. Für ihn schrieb er 1947 seine populäre Fagottsonate, die später für Columbia Records aufgenommen wurde. 1948 erhielt er sein erstes Guggenheim-Stipendium. Ein zweites folgte für sein Orchesterstück Prospice. Er arrangierte einige Alben in den USAund Rom, doch sah er sich aus ideellen Gründen schon bald gezwungen, kommerzielle Arbeiten abzulehnen, da er den Eindruck hatte, diese würden seine Kunst kompromittieren. Zu seinen Talenten gehörte nicht gerade das der Eigenwerbung: „Ja, ich bin ein Idealist“, sagte er oft. „Für mich ist der ein Realist, der begriffen hat, wofür er lebt.“

Romeo Cascarino hat viele Jahre Harmonielehre und Komposition an dem inzwischen aufgelösten Combs College of Music unterrichtet. Obwohl man ihm Lehraufträge an Konservatorien anbot, die ihm ein weniger schmales Einkommen beschert hätten, hielt er Combs mit leidenschaftlicher Loyalität die Treue. Wie bei vielen musikalischen Autodidakten sind auch Ideen und Notation Cascarinos eigenwillig – äußerst individuelle Kompositionen mit einem deutlich zuversichtlichen Anstrich. Er schrieb seine Orchestrierungen mit Tinte, da er sich auf sein unfehlbares inneres Ohr verließ, und er verbrachte Wochen damit, die genauen Tempi der Übergänge festzulegen, obwohl er kaum mit Aufführungen rechnen konnte.

Die beiden Sätze Meditation and Elegy sind von Edgar Allan Poes Gedicht Annabel Lee inspiriert. Es handelt sich dabei um zwei Klavierstücke des Teenagers, die später zu der Orchestersuite Recollections Of Childhood umgearbeitet und im Jahre 2000 für Streichorchester bearbeitet wurden. Eben diese Fassung wurde 2003 von dem Windham Music Festival (New York) unter Leitung von Robert Manno eingespielt und ist in der vorliegenden Aufnahme zu hören.

Blades of Grass für Englischhorn, Harfe und Streicher entstand kurz nach dem Zweiten Weltkrieg und wurde von dem Gedicht Grass angeregt, in dem Carl Sandburg über die Gefallenen historischer Schlachten nachdenkt. Der hoffnungsvolle Gedanke an eine Erneuerung gefiel Cascarino: Bei verschiedenen Gelegenheiten bat er darum, vor der Aufführung seiner klagenden Elegie das Gedicht zu rezitieren.

Cascarinos erstes Orchesterwerk Prospice entstand 1948 als Ballettmusik für Peter Hamilton. Dieses Mal kam die Anregung von Browning, der in seinem Gedicht davon spricht, wie man die Angst überwindet, wenn man seiner Kunst treu ist. Das Werk war zunächst ein Klavierstück voll farbiger Themen und rhythmischer Energie. Es war zwar nie für zwei Klaviere gedacht, wurde aber bei sei-ner Uraufführung 1949 und nachfolgenden Aufführungen in dieser Besetzung gespielt. In der vorliegenden Aufnah-me ist das Werk – wie auch Cascarinos nächste Komposition Portrait of Galatea – erstmals in der Orchesterfassung zu hören.

Portrait of Galatea aus dem Jahre 1952 resultierte aus der Begeisterung des Komponisten für die griechische Sage und die Idealisierung der Schönheit. Prinzipiell handelt es sich bei dem Werk um ein langes Adagio, das einige der exotischsten Farbwirkungen Cascarinos und eine neuerliche Erweiterung seiner persönlichen harmonischen Signatur enthält. Das Stück führte 1955/56 zur Komposition des umfangreicheren Pygmalion, das als Ballettmusik gedacht war. Cascarino schuf dazu ein Libretto, das Choreographen wie Anthony Tudor interessierte, den der Komponist sehr bewunderte. Das Werk wurde 1957 vom London Philharmonic unter Ferdinand Liva uraufgeführt, einem weiteren Bekannten aus der Militärzeit; zwei Jahre später brachte es dann das ebenfalls von Liva geleitete Philadelphia Civic Ballet auf die Bühne.

Das programmatische Pygmalion beginnt mit einem langsamen Abschnitt. Während die Titelgestalt, den Kopf in die Hand gestemmt, seine Statue der Galatea betrachtet, erreicht die Musik einen Höhepunkt: Wie besessen tanzt Pygmalion um die unbewegliche Figur. In dem zweiten, mäßig schnellen Abschnitt fleht er Venus an, seinen Wunsch zu erhören und Galatea zum Leben zu erwecken. Ein langsamer Abschnitt markiert das Erscheinen der Göttin, die den verdrossenen Bildhauer umtanzt, bis er sie bemerkt. Dergestalt belebt sich die Musik: Pygmalion springt, wie wahnsinnig tanzend, zum Altar und beschreibt seine Sehnsucht; dann fällt er entkräftet vor Venus nieder. Im langsamen Schlussteil erfüllt Venus seinen Wunsch, und Galatea steigt von ihrem Piedestal herab in die Arme ihres Schöpfers.

The Acadian Land entstand 1959/60 im Auftrag des Benjamin Tranquil Music Project und wurde in einer gekürzten Fassung vom New Orleans Philharmonic unter Alexander Hilsberg aus der Taufe gehoben. Auch dieses Werk wurde durch ein Gedicht inspiriert – von Longfellows Suche nach einem imaginären Ideal, die in der schöpferischen Naivität des Komponisten ihren Widerhall fand.

Damals hatte Cascarino bereits Peggy Gwynns Libretto für seine Oper William Penn erhalten. Ein 1950 entstandener Chorsatz von Penns Prayer for Philadelphia und ein weiterer über den Vertrag mit den Indianern waren Ausdruck von Penns Streben nach Religionsfreiheit; die Komposition der Oper dauerte bis 1975. Nach zwei konzertanten Aufführungen wurde das Werk schließlich 1982 an der Academy of Music von Philadelphia zur 300-Jahr-Feier der Stadt inszeniert.

Cascarino war fest vom Wert der Tonalität überzeugt. In der Erschaffung schöner Dinge sah er die einzige Aufgabe des Komponisten. Seine abfälligste Bemerkung über ein dissonantes Werk war: „Wenn sie eine Melodie schreiben könnten, würden sie eine Melodie schreiben.“ Sein Werkverzeichnis ist klein, weil er „nicht den Abfall in der Welt vermehren“ wollte. Seine ständige Suche nach der note choisie zeigt, in welchem Maße er versuchte, Neues zu schreiben und dabei immer verständlich zu bleiben. Cascarino zitierte gern Oscar Wilde: „Wer sich heutzutage verständlich ausdrückt, läuft Gefahr, dass man ihn durchschaut.“

Tom Di Nardo
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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