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8.559268 - ZWILICH: Violin Concerto / Rituals
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Ellen Taaffe Zwilich (geb. 1939)
Violinkonzert • Rituals

Ellen Taaffe Zwilich, die hier mit zwei sehr unterschiedlichen Kompositionen vertreten ist, hat international Bekanntheit erlangt durch eine Musik, die sich zum einen durch einen hohen Wiedererkennungswert auszeichnet, die sich dabei zugleich aber auch von allem anderen deutlich zu unterscheiden vermag. Wie die großen Meister der Vergangenheit erschafft sie Werke „mit Fingerabdruck“, Stücke, die eigentümlich amerikanisch sind, Kunst und Inspiration miteinander in Einklang bringen und das optimistischhumanistische Weltbild der Komponistin widerspiegeln. Zwar ergehen enzyklopädische Einträge sich selten in Beurteilungen oder Wertungen – doch in der achten Auflage von Nicolas Slonimskys Baker’s Biographical Dictionary of Musicians wird Zwilichs Stellung innerhalb der zeitgenössischen Komponistenszene sehr treffend beschrieben: „Es gibt derzeit nicht viele Komponisten, denen es gelingt, gehaltvolle Musik zu schreiben, die zugleich auch ein breites Publikum unmittelbar anzusprechen vermag. Ravel war ein solcher Komponist und Bartók und Prokofjew waren es ebenfalls – wenn auch auf jeweils andere Art und Weise. Zwilich hat genau dieselbe wunderbare Gabe: in rein technischer Hinsicht über jeden Zweifel erhaben, dabei zugleich von ungemein kommunikativer Kraft, wobei Melodie, Harmonie und Kontrapunkt ihrer Werke von einem poetischen Moment durchdrungen sind.“

Die in Miami, Florida, geborene Zwilich studierte an der Florida State University und an der Juilliard School, vor allem bei Roger Sessions und Elliott Carter. Ehe sie sich ganz dem Komponieren zuwandte, spielte sie sieben Jahre Violine im American Symphony Orchestra unter Leopold Stokowski. Mittlerweile hat sie zahlreiche Preise und Ehrungen erhalten, darunter den Pulitzer Prize für Musik des Jahres 1983 (sie war die erste Frau überhaupt, der dieser begehrte Preis zuerkannt wurde), den Elizabeth Sprague Coolidge Chamber Music Prize, die Ernst von Dohnányi Citation, den Arturo Toscanini Music Critics Award sowie vier Grammy Nominierungen. Sie wurde in die Florida Artists Hall of Fame aufgenommen, die American Academy of Arts and Letters und die American Academy of Arts and Sciences. 1995 wurde sie auf den ersten Lehrstuhl für Komposition in der Geschichte der Carnegie Hall berufen, und 1999 ernannte sie Musical America zur Komponistin des Jahres. An der Florida State University hat sie das Francis Eppes Distinguished Professorship inne.

Ellen Taaffe Zwilichs umfangreiches OEuvre umfasst praktisch alle Gattungen und wird von den führenden amerikanischen Sinfonieorchestern wie von wichtigen ausländischen Ensembles gleichermaßen aufgeführt. Der Kritiker Tim Page schrieb in der New York Times, Zwilich habe „eine Handvoll wundervoll ausgearbeiteter Werke in den unterschiedlichsten Gattungen vom Streichquartett bis hin zur Sinfonie geschaffen. Sie komponiert dabei in einem ganz eigenen Stil, der weder Prahlerei noch sonst irgendwelchen Firlefanz kennt und stets als der ihre erkennbar bleibt.“ Obwohl ihr OEuvre bisher vier Sinfonien enthält, hat sich die Komponistin in den letzten Jahren doch vornehmlich mit dem Konzert oder konzertähnlichen Formen für ein oder mehrere Soloinstrumente und großes Ensemble oder Orchester befasst, wobei Werke für folgende Soloinstrumente entstanden sind: Klavier solo, Klavier Duo, Flöte, Oboe, Klarinette, Fagott, Horn, Trompete, Posaune, Violine, sowie ein Doppelkonzert (Violine und Cello) und ein Tripelkonzert (Klaviertrio). Zu den exotischeren Instrumentenkombinationen zählen die 2003 entstandene Rituals für fünf Perkussionisten und Orchester, die vom Iris Chamber Orchestra und seinem Musikdirektor Michael Stern, dem Perkussions- Ensemble Nexus, der Pearl Corporation, Kathleen Holt, Stephen Lurie sowie Adams Musical Instruments in Auftrag gegeben worden sind.

Zu diesem Stück schrieb die Komponistin: „Mit am meisten Vergnügen beim Komponieren eines Solokonzertes bereitet mir das Erkunden der neuen Welt, die sich mir beim Betreten des bisweilen fremden, gleichwohl stets faszinierenden Universums eines Soloinstrumentes oder mehrerer Soloinstrumente eröffnet. Die Herausforderung besteht für mich darin, das eigentliche Wesen des Soloinstrumentes (gewissermaßen sein ‚Karma’) aufzudecken und mich von diesem Charakter dann hinsichtlich Gestalt und Aufbau des Werkes leiten zu lassen, auch aber, was die Interaktion zwischen Solisten und Orchester angeht.“

„In den letzten Jahren ist die musikalische Welt außerhalb der westlichen Tradition vielen Menschen bewusster geworden – Musik, die anderen Mustern folgt und einer anderen Ästhetik entspringt. Dabei waren es gerade die zeitgenössischen Perkussionisten, die uns viele Türen zu dieser neuen Welt geöffnet haben durch ihre weltweiten Erkundungen, in deren Verlauf sie brasilianische Sambaschulen besucht, Gamelan und afrikanische Trommeln bei den Meistern vor Ort erlernt oder Instrumente aus Asien, Afrika, Südamerika und dem Südpazifik gesammelt und so unseren musikalischen Horizont erweitert haben.“

„Nach reiflicher Überlegung sah ich ein, dass es für eine ganz in der westlichen Tradition verwurzelte Komponistin wie mich nicht nur unmöglich, sondern eigentlich auch gar nicht erstrebenswert sein würde, zu versuchen, die Instrumente (die Nexus in immenser Zahl besitzt) kulturell ‚authentisch’ einsetzen zu wollen. So verfolgte ich eine eher existentielle Authentizität: ich suchte nach universellen Ideen, die sowohl für mich als auch für die Interpreten ihre Richtigkeit hätten und die zugleich der traditionellen Spielweise der einzelnen Instrumente Rechnung tragen sollten.“

Die Rituals sind in vier Sätzen komponiert, wobei jeder Satz sich von einem mit den entsprechenden Instrumenten assoziierten Ritual ableitet, die Interaktion mit dem Orchester dabei allerdings ein wesentliches Element der musikalischen Form bildet. Der erste Satz, Invocation, spielt an auf die Tradition, den Geist der Instrumente, der Götter oder auch seiner Vorfahren vor der Aufführung heraufzubeschwören. Der zweite Satz, Ambulation, entwickelt sich von einer Prozessionshymne über einen Marsch und einen Tanz hin zu einer Fantasie, die auf allen drei Typen basiert. Der dritte Satz, Remembrances, bezieht sich auf die Tradition des sich Erinnerns. Der vierte Satz schließlich, Contests, entwickelt sich von einem freundschaftlichen Wetteifern – Spiele, Wettkämpfe – hin zu so etwas wie einer Schlacht von ‚Big Band’ Schlagzeugern, mit kriegsähnlichen Schlagabtäuschen.

Wie ganz anders kommt da doch das 1998 entstandene Concerto for Violin and Orchestra daher! Als Auftragskomposition für die Carnegie Hall erklang es erstmals natürlich ebenda, mit der Solistin Pamela Frank und dem Orchestra of St. Luke’s unter Hugh Wolff. Im Abendprogramm schreibt die Komponistin: „Die Seele der Violine offenbart sich für mich in dem von ihr inspirierten Repertoire, das sowohl sinnlich als auch intellektuell ist. Obwohl die immense Gewandtheit der Violine die tieferen Seiten ihres Charakters bisweilen zu überdecken droht, vermochte sie es letztlich doch, die tiefsinnigsten Aspekte der Musik zum Ausdruck zu bringen. Das war es auch, was mich als junge Komponistin dazu brachte, die Violine zu spielen.“ Für Zwilich ist es dabei „wichtig, dass das Orchester eine wesentliche Rolle im Dialog spielt. Andererseits wollte ich auch, dass die Violine auch im Mezzopiano noch frei und ausdrucksstark sein konnte. Daher gehört es zu den großen Herausforderungen beim Komponieren eines Violinkonzertes, eine gute Balance innerhalb eines komplexen musikalischen Satzes zu erreichen.“ Dass sie dieser Herausforderung gerecht geworden ist, wird aus den Rezensionen der Uraufführung deutlich. So titelte etwa die New York Times: „Mit Wärme und lyrischem Charakter – Ein Liebeslied für die Violine“. Und die (unterdessen verstorbene) Shirley Fleming beschrieb das Werk in der New York Post („Solo für Saiten des Herzens“) als „ein wunderbares, gewinnendes Werk. … Zwilichs tour de force ist dabei der zweite Satz, in dem sie Bachs großartiges Violinsolo, die Chaconne, zum Ausgangspunkt nimmt und Bachs Eingangsmotiv zu einem gegen Ende beinahe drohend sich gerierenden Schicksalsthema transformiert. Die langsam sich steigernde emotionale Spannung des Satzes überrascht den Hörer und klingt auch nach dem letzten Ton noch lange in ihm nach.“

George Sturm
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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