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8.559277 - JOPLIN: Piano Rags, Vol. 2
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Scott Joplin (1868–1917)
Ragtimes für Klavier, Folge 2

 

Zwar gehen die Meinungen über das genaue Geburtsdatum Scott Joplins auseinander (man nimmt den November 1868 an), doch über den Ort, an dem er geboren wurde, gibt es kaum einen Zweifel: Es war die aufstrebende, nicht weit von Arkansas Grenze im Nordosten von Texas gelegene Stadt Texarkana. Sechs Jahre waren gerade seit der Abschaffung der Sklaverei vergangen; Joplins Vater war noch Sklave gewesen, seine Mutter hingegen in Freiheit geboren worden. Beide interessierten sich aus Liebhaberei für die Musik und boten ihrem Sprössling also ein geeignetes Zuhause. Mit sieben Jahren erhielt Scott seine ersten Klavierstunden bei einem weißen Lehrer in der Nachbarschaft. Dieser Musiker förderte Joplins natürliche Begabung, brachte ihm die Grundlagen der Musik bei und weckte überdies sein lebenslanges Interesse an der Oper.

Als Joplin in Sedalia, Missouri, die Schule verließ, war er immerhin so weit fortgeschritten, dass er seinen Lebensunterhalt als Musiker verdienen konnte. Er spielte Klavier in Bars und Clubs, komponierte Songs und wirkte in einer Tanzkapelle als Pianist, Banjospieler und Kornettist. Diese frühen Erfahrungen führten ihn und andere schwarze Musiker zum Ragtime, der sich in seiner kulturellen Umgebung und vor allem aus der Tanzmusik der schwarzen Gemeinden entwickelt hatte. Im wesentlichen mischen sich im Ragtime die afrikanische Rhythmik der schwarzen Sklavengemeinden sowie jene Art von Marschmelodien und westeuropäischen Harmonien, die von den in Amerika geborenen Komponisten wie Louis Moreau Gottschalk und Stephen Collins Foster herkamen.

Joplin übernahm die formale Anlage und den engen Rahmen des Rag mit seinem regelmäßigen Schema aus sechzehntaktigen Abschnitten, die für gewöhnlich wiederholt wurden und allesamt dasselbe Tempo hatten. Typisch waren ferner der Zweivierteltakt (neben dem allerdings gelegentlich auch 6/8 und 3/4 verwendet werden), eine viertaktige Einleitung sowie Modulationen in verwandte Tonarten. Es entstanden melodische Ketten ohne Entwicklungen, in denen die verschiedenen Gedanken oft nach dem Schema AABBCCDD aufgereiht waren. Mit diesem ziemlich starren Rahmenwerk erhob Joplin den Rag zu einer Kunstform, und mit dem Maple Leaf Rag (Naxos 8.559114) gelang es ihm, sowohl die Gattung wie auch seinen eigenen Namen für alle Zeiten zu veredeln. Druckausgaben und Pianola-Fassungen sorgten rasch für die große Beliebtheit des Ragtime, der rund zwanzig Jahre lang, etwa von 1895 bis 1915, in Mode war.

Zu Joplins frühesten Kompositionen gehören Märsche und Walzer. Zwei dieser Stücke wurden 1896 veröffentlicht – im selben Jahr wie der Crush Collision March, das früheste der hier eingespielten Stücke. (Erst ein Jahr später brachte der weiße Kapellmeister William H. Krell den ersten Ragtime im Druck heraus.) The Crush Collision March ist nun einwandfrei kein Rag, denn es gibt praktisch keines der üblichen Charakteristika, die in den meisten der etwa vierzig Ragtimes vorkommen, die Scott Joplin ursprünglich für Klavier geschrieben hat. Statt dessen haben wir es mit der musikalischen Illustration eines Eisenbahnunglücks zu tun, deren Spielanweisungen sogar Aufschluss über die Lokomotiv-Pfeifen und den Krach der Züge gibt.

Seinen Rag-Time Dance hat Joplin spätestens 1899 komponiert. Dieses Stück, das sieben Jahre später in einer konzentrierteren Form erschien, verrät nun alle Merkmale, die man mit dem Ragtime assoziiert: freundliche melodische Figuren und synkopierte Rhythmen in der rechten Hand sowie den regelmäßigen Gang der Linken mit ihrer harmonischen Unterstützung. Im Rag-Time Dance gibt es die ungewöhnliche Vortragsanweisung „stamp”, was besagt, dass der Spieler auf sonst stummen Taktteilen mit dem Fuß stampfen und so die dramatische Spannung aufrecht erhalten soll. Demnach hat der Ausführende „bei dem Wort stamp mit der Ferse eines Fußes heftig auf den Boden zu stampfen.” Außerdem wird empfohlen, „beim Aufstampfen die Zehen nicht vom Boden zu heben.” Charakteristischer für den Rag-Time Dance sind seine Durtonart, die von den geschäftigen Sechzehnteln der rechten Hand erzeugte, extrovierte Stimmung sowie die Modulation in die Subdominante nach dem ersten sechzehntaktigen Abschnitt.

Ein Jahr später entstand Swipesey, ein lebhafter Cakewalk, den Joplin vollendete, nachdem ihn sein schwarzer Kollege Arthur Marshall begonnen hatte. Aufgrund der limitierten rhythmischen Muster könnte unser Interesse an dem Stück erlahmen, doch es gibt ja eine frische, lebensfrohe Melodie...

1901 vermählte sich Scott Joplin mit Belle und zog – womöglich, um seinem Verleger John Stark näher zu sein – ins nordöstliche St. Louis, wo er vom Unterrichten und von den Lizenzen lebte, die er für seinen enorm erfolgreichen Maple Leaf Rag erhielt, der zwei Jahre früher im Druck erschienen war. Auch neue Kompositionen entstanden: Zu den drei neuen Rags des Jahres 1901 gehörte der verspielte Peacherine Rag.

Es folgte ein enorm produktives Jahr, das zahlreiche Rags brachte, darunter A Breeze from Alabama, die Joplin dem schwarzen Kornettspieler P.G. Lowery gewidmet hat. Die Sext- und Terz-Akkorde, die die rechte Hand in diesem fröhlichen Stück zu spielen hat, ähneln denen des Entertainer aus demselben Jahr. Weeping Willow von 1903 zeigt liedhafte Qualitäten, was möglicherweise auf die unablässige, bisweilen obsessive Arbeit an dem ersten Bühnenwerk A Guest of Honor zurückzuführen ist, mit dem Joplin den kühnen, am Ende vergeblichen Versuch unternahm, eine Ragtime-Oper zu schreiben.

Nachdem Joplins erste Ehe 1904 gescheitert war, heiratete er wieder, doch seine zweite Ehefrau starb nur zehn Wochen nach der Trauung an einer Lungenentzündung. Joplin komponierte dessen ungeachtet weiter, und es entstanden vier neue Rags, darunter The Chrysanthemum und The Cascades.

The Chrysanthemum mit dem Untertitel Afro-American Intermezzo enthält ein sehr persönliches Trio mit der Bezeichnung piano und dolce, während die rieselnden Arpeggio-Figuren der Cascades den Wasserfall in den Cascade Gardens darstellen, die bei der Weltausstellung von St. Louis im Jahre 1904 zu den Hauptattraktionen gehörten.

Im nächsten Jahr kam der nachdenkliche Rag Eugenia (auch in einer Fassung für Kapelle und Orchester) heraus. Bezeichnend und typisch ist die Anweisung zu Beginn des Stückes: „Es ist immer ein Fehler, einen Ragtime zu schnell zu spielen.” Während man hier wohl keinen Frohsinn bemerken wird, ist ein zweiter Rag von 1905 von ansteckendem Überschwang erfüllt: Der nach einem Salon in St. Louis benannte Rosebud March ist eines von nur zwei Stücken der Gattung, in denen Joplin einen 6/8-Takt benutzt hat.

Im Jahre 1907 gab Scott Joplin das Opernprojekt auf. Er verließ Missouri und ging nach New York, um einen neuen Anfang zu versuchen. Aus diesem Jahr datieren zwei weitere blumig betitelte Ragtimes, ein heiterer Rose Leaf Rag und der nostalgische Gladiolus Rag, der in seinem letzten Teil einen emotionalen Höhepunkt erreicht, wenn die ausdrucksvollen Harmonien jene Qualität zarter Sehnsucht einfließen lassen, die bereits die ebenso tiefen Emotionen der Tango-Serenade Solace ( Naxos 8.559114) vorwegnehmen, die Joplin kurz nach der Hochzeit mit seiner dritten Frau (1909) herausbrachte.

Inzwischen arbeitete Scott Joplin an seinem größten Opernprojekt Treemonisha, das ihn beschäftigte, bis es 1915 zu einer einzigen glücklosen Aufführung kam. Gleichwohl schrieb er noch immer Miniaturen wie den Stoptime Rag von 1910, ein wirbelndes, funkelndes Scherzo, das bis zum Rand von Fröhlichkeit erfüllt ist und wie der Rag-Time Dance mit Fußstampfen gespielt werden soll. 1912 erschien Scott Joplin's New Rag, dessen sonniger Optimismus nicht von langer Dauer war. Das sieht man deutlich an dem zwei Jahre später entstandenen, dunkel getönten Magnetic Rag : Das emotionale Spektrum dieses Stückes spiegelt eindeutig den geistigen Zustand des Komponisten, dessen mentale Befindlichkeit sich während seiner fieberhaften Arbeit an der Oper zunehmend verschlechterte. Am Boden zerstört durch den Misserfolg der Treemonisha im Jahre 1915, schrieb er 1917 sein letztes Klavierstück, den Reflection Rag mit dem Untertitel Syncopated Musings, der – wie auch seine Gesundheit – auf eine nachlassende schöpferische Energie schließen lässt, denn es fehlt hier die funkelnde Inspiration, die viele seiner besten Werke entzündet hatte. Scott Joplin litt unter immer stärkeren Depressionen, war überdies von der Syphilis zerstört und verbrachte einen Teil seines letzten Lebensjahres im Manhattan State Hospital, wo er als gebrochener Mann starb. Seine Rags allerdings leben weiter und bleiben, mögen sie nachdenklich oder fröhlich sein, die unvergänglichen Zeugnisse eines Stils, durch dessen meisterhafte, glänzende Beherrschung er zum „König der Ragtime-Komponisten” wurde.

David Truslove

Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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