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8.559280 - BERNSTEIN: Dybbuk / Fancy Free
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Leonard Bernstein (1918–1990)
Fancy Free • Dybbuk

 

Im Laufe seiner Komponistenkarriere hat Leonard Bernstein verschiedentlich mit dem Choreographen Jerome Robbins zusammengearbeitet. Auf Fancy Free (1944) folgte 1946 das weniger bekannte Facsimile, und als Bernstein 1957 an seinem Musical West Side Story arbeitete, lag es nahe, Robbins die für die Handlung so wichtigen Tanzsequenzen choreographieren zu lassen. Danach kam es angesichts der anstrengenden Verpflichtungen Bernsteins als Dirigent, Komponist und Lehrer nur noch zu einem einzigen gemeinsamen Originalwerk – dem Ballett Dybbuk, das bei seinem Erscheinen im Jahre 1974 eine entschieden geteilte Aufnahme fand.

Dybbuk entstand zwischen dem Spektakel der Mass (1971) und dem Musical 1600 Pennsylvania Avenue (1976) und ist somit das zweite Stück in einer Werkreihe, mit der Bernstein seine komplexe Weltanschauung vermitteln wollte. Nach der dritten Symphonie Kaddish (1963) und den Chichester Psalms (1965) setzt sich auch das Ballett mit zutiefst jüdischen Elementen auseinander, wobei das damals brennende Thema der tonalen Musik gegenüber der seriellen (zwölftönigen) Sprache seinen direkten Ausdruck in dem Konflikt zwischen Gut und Böse findet.

Dybbuk entstand zum 25jährigen Bestehen des Staates Israel und benutzt als Grundlage ein Drama von Shlomo Ansky (1863-1920), in dem es um jenen Geist geht, der versucht, in den Körper lebender Personen einzudringen. Die beiden jungen Männer David und Jonathan schwören einander Freundschaft und versprechen, dass sie – falls einer einen Sohn und der andere eine Tochter bekommen sollte – ihre Kinder miteinander vermählen werden. Diese Kinder sind dann Channon und Leah. Wenn das Ballett beginnt, ist Channons Vater gestorben. Leahs Vater hingegen hat sein Versprechen vergessen und für seine Tochter die Ehe mit einem wohlhabenden Freier arrangiert. In seinem verzweifelten Bemühen, das Versprechen seines toten Vaters zu ehren und die zwischen ihm und Leah waltende Liebe zu erfüllen, beschwört Channon die Macht der Kabbalah. Doch die teuflischen Kräfte, die er beschworen hat, überwältigen und vernichten ihn. Bei Leahs Hochzeit fährt er als Dybbuk in Leah und übernimmt ihren Geist, so dass sie mit Channons Stimme spricht. Ein Rabbiner-Gericht wird einberufen, das den Dybbuk austreiben soll. Dieser wird auch verscheucht, doch Leah will nicht ohne ihren vorbestimmten Bräutigam weiterleben und folgt Channon in Tod und Vergessen.

Das Ballett beginnt mit Beschwörung und Trance. Strenge Akkorde des Orchesters erklingen, und an verschiedenen Stellen ertönen vokale Rezitationen von Texten aus dem Havdalah (dem Sabbath-Gottesdienst), dem Buche Samuel und dem Hohelied Salomons; darauf folgt ein kantiger Tanz, der erst vom Blech, dann von den Streichern über einem Pizzikato-Bass gespielt wird. Die Intensität steigert sich, und das gesamte Orchester übernimmt den aggressiven Tanz, der dann allmählich verklingt. Es folgen Die Väter (David und Jonathan) – Das Gelöbnis. Dieser Abschntt beginnt mit expressiven Phrasen der Streicher, die einer lyrischen Melodie der Bläser weichen. Daraus entsteht ein stilisierter Tanz, der in den Bläsern fortgesetzt wird, bevor die Streicher und das Blech unterbrechen und ihrerseits eine kurze Klimax erreichen. Der Satz endet auf einem leicht dissonanten Akkord. Als nächstes folgt Variation O – Die Boten, eine kurze, unheilverkündende Episode, die von erwartungsvollen Gesten der Bläser und des Schlagzeugs beherrscht wird und in ruhiger Erwartung zu Ende geht.

Ein kurzes, wehmütiges Zwischenspiel für zwei solistische Männerstimmen und Streicher mit dem Titel Kabbalah (Satz 3a) führt zu dem Traum, einem äußerst ausdrucksstarken Klagelied, in dem Holzbläser und Celesta den Eindruck einer schmerzlichen Erinnerung unterstreichen; diese Stimmung steigert sich, wenn sich die Musik auf ein wellenförmiges Ostinato und schmerzliche Phrasen der Solostreicher zubewegt. Die Kabbalah Variations schließen sich an: Nach einer Einleitung für zwei Männerstimmen und Schlagzeug (Satz 4a) entfaltet sich die Kabbalah in sechs Variationen. Es sind dies: eine kantige Toccata, in der Blechbläser und Schlagzeug im Vordergrund stehen; ein kurzer Dialog von Trompete, Bläsern, Schlagzeug und Streichern; eine Variation für Holzbläser, Pizzikato-Streicher und Schlagzeug; eine weitere Veränderung der spannungsvollen Holzbläser und Streicher, die von Gegenrhythmen des Schlagzeugs unterstrichen werden; eine Variation für eruptives Blech und leicht ironisches Holz; und schließlich die Variation Z, in der ein sparsamer Hintergrund des Schlagzeugs und der Bläser eine rhythmisch durchdringende Musik für Streicher, Blech und Schlagzeug vorwegnehmen. Diese nimmt an Bewegung zu und führt dann zu Alchimie – Variation O, einer kurzen, atmosphärischen Apotheose des bisherigen Verlaufs.

Die Szene zeigt jetzt die Hochzeit. In Leah (Tanz der Mädchen) beginnt der Tanz der Heldin zögernd in Streichern, Holzbläsern und leichtem Schlagzeug. Diese erreichen einen energiegeladenen Höhepunkt und spielen anschließend wieder so delikat wie zuvor. Besessenheit beginnt mit schweren, finsteren Akkorden der Pizzikato-Streicher und des Schlagzeugs, dem unzusammenhängende, mechanische Phrasen folgen, die zwischen Solo- und Tuttistreichern hin und her wechseln. Diese entwickeln sich im Laufe des Satzes zu kantigen Tanzrhythmen. Dämon ist eine hektische Nummer, die mit schwer akzentuierten Rhythmen beginnt, wozu rasende Zutaten des gestimmten Schlagzeugs und höhnische Einwürfe der Solo-Holzbläser und Streicher kommen. Es folgt ein Pas de Deux – ein geisterhafter und doch expressiver Tanz für Leah und Channon. Dieser erreicht vor seinem verhaltenen Schluss einen impulsiven Höhepunkt. Die eigentliche Klimax kommt mit dem Exorzismus: Durchbohrende Blechbläserakkorde gehen weiteren Rezitationen über dissonanten Streichern vorauf; dann steigern sich Blechbläser und Schlagzeug zu einem hemmungslos gewalttätigen Gipfelpunkt. Der letzte Teil der Rezitation, Die Gemeinde (Reprise und Coda) zeigt den Abschluss des Exorzismus, worauf die Trance vom Anfang wiederkehrt – ein düster ironischer Schlusschor des Balletts.

 

Dybbuk wurde am 16. Mai 1974 vom New York City Ballet uraufgeführt und als das beste Werk gefeiert, das Bernstein seit einem Jahrzehnt geschrieben habe. Es konnte sich aber nicht im Repertoire etablieren. Bernstein arrangierte zwei selbständige Suiten, die er im April 1975 mit dem New York Philharmonic Orchestra uraufführte. Die vorliegende Aufnahme bietet die seltene Gelegenheit, das Ballett in seiner ursprünglichen Gestalt zu hören. Diese Version vermittelt besonders überzeugend die für Anskys Drama so zentrale Idee der Dualität – insonderheit jene der „wahren“ (spirituellen) und der Menschen-Welt.

In jeder Hinsicht anders ist das Ballett Fancy Free, das am 18. April 1944 in New York erstmals auf die Bühne kam und Bernstein den ersten großen Öffentlichkeitserfolg einbrachte. Trotz all seiner geistreichen Eleganz ist Fancy Free ein beinahe symphonisch konzipiertes Werk, und zwar dergestalt, dass seine sieben Abschnitte zu einer kohärenten Einheit verschmelzen, die allesamt durchdrungen sind von verschiedenen Aspekten des stürmischen Themas, mit dem das Ballett beginnt. Bevor der Vorhang aufgeht, hört man aus einer Jukebox den Blues Big Stuff, der im Original von Billie Holiday gesungen wurde. Das Stück spielt während des Krieges in Amerika. Schauplatz ist eine Bar in einer New Yorker Nebenstraße. Lautstark platzen drei Matrosen herein, die sich auf ihrem 24stündigen Landurlaub in der Stadt nach ein paar Bräuten umsehen. Das Ballett erzählt nun, wie sie erst eine, dann eine zweite treffen, um sie kämpfen, sie verlieren und dann einer dritten nachstellen.

Im Auftritt der drei Matrosen gibt es kesse Einwürfe des Klaviers, das über weite Strecken des Stückes eine konzertante Rolle spielt, sowie des Schlagzeugs, die beide erheblich zur flotten Atmosphäre beitragen. Allmählich verklingt dieser Tanz in der Scene at the Bar, in der Holzbläser und Streicher den Eindruck der gespannten Erwartung wecken. Enter Two Girls ist eine laszive Nummer, bei der sich das Soloklavier nonchalant im Hintergrund hält: Deutlich wird hier dargestellt, wie sich zwei Männer und zwei Frauen gegenseitig abschätzen. Es folgt ein Pas de Deux, der nach zögerndem Anfang an Sicherheit gewinnt, indessen er schnulziges Schmachten mit schalkhafter Durchtriebenheit verbindet.

Daraus entsteht die Competition Scene, in der die Musik aufs neue zu drängen beginnt, während die vier Hauptpersonen miteinander in Streit geraten. Ein dreiteiliges Stück entwickelt sich: Variation 1 (Galop) ist eine erfrischende Nummer mit vielen hektischen Synkopen in Blech und Streichern. Variation 2 (Waltz) ist ein wiegendes Stück, das auf seinem Höhepunkt ein kräftigeres Verhalten an den Tag legt. Variation 3 (Danzón) ist eine rhythmische und subtil getönte Nummer, die an die kubanische Tanzmusik mit ihrer Urbanität und Erdverbundenheit denken lässt. Danach geht es zum Finale, das den musikalischen und narrativen Höhepunkt des Stückes erreicht. Dabei kündigt eine unheilvolle Passage der Holzbläser und Solostreicher den emotionalen Stillstand der vier Charaktere an. Klavier und Schlagzeug spielen wieder ihre Barmusik, als sei nichts geschehen; dann folgt ein vom Blech dominierter Ausbruch, der neue amouröse Abenteuer erwarten lässt und das Ballett auf entschiedene Weise zu Ende bringt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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