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8.559282 - TOCH: Tanz-Suite / Cello Concerto
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Ernst Toch (1887–1964)
Tanz-Suite op. 30 • Cellokonzert op. 35

Zur Moralität der Musik gehört auch ihr Verstummen. Die ungeschriebenen Werke und das schöpferische Schweigen hört man nicht. Doch sie beeinflussen das, was nach ihnen entsteht. Zum künstlerischen Wesen und Charakter eines Komponisten gehören sie ebenso wie die Arbeiten, die er vollendete. So bei Ernst Toch. Sein Schaffen zerfällt in zwei große Gruppen: die Werke, die er bis 1938, und diejenigen, die er nach 1945 komponierte. Schon kurz nach Machtantritt der Nationalsozialisten verließ er Deutschland und emigrierte zunächst über Paris nach London, dann in die USA.

Seit 1929 hatte er in Berlin gelebt. Als Komponist war der gebürtige Wiener, der 1909 den Mozart- und 1910 den Mendelssohnpreis für seine Werke gewann, weitgehend Autodidakt. Dass er sich als solcher in der gärenden Musikszene des frühen 20. Jahrhunderts nicht nur behaupten, sondern zu einem der meist aufgeführten Autoren ernster Musik entwickeln konnte, zeugt von schöpferischer Energie und geistiger Weite. Das war sein Stand, als er 1933 Berlin verließ, um seine großartige Musik für den Film Katharina die Große fertigzustellen und zu synchronisieren. Er kehrte schließlich nie mehr nach Deutschland oder Österreich zurück. Ernst Toch starb am 1. Oktober 1964, knapp 77 Jahre alt, in Santa Monica, seiner neuen Heimat, in der er nach zweijährigem Aufenthalt in New York insgesamt 28 Jahre, den längsten Abschnitt seines Lebens, zugebracht hatte.

Dass er in den USA an die einstigen europäischen Erfolge nicht mehr anknüpfen konnte, teilte er als Schicksal nur äußerlich mit anderen Emigranten. Seine Musik, die sich mit allen Strömungen der damaligen Moderne eigenwillig und kreativ auseinandersetzte, ohne sich einer ganz zu verschreiben, hätte in der Neuen Welt durchaus Chancen auf breitere Resonanz gehabt; Strawinsky und Paul Hindemith belegen dies. Aber Toch war einerseits kein guter Selbstvermarkter, „er konnte nicht einmal ein Glas Wasser anpreisen“ (Herbert Zipper), andererseits konzentrierte er angesichts der Entwicklungen in und um Deutschland seine Energien immer stärker darauf, Angehörige in Europa vor der Nazi-Verfolgung zu retten und ihnen zur Emigration nach Amerika zu verhelfen. Dass er etliche Verwandte nicht mehr vor dem Tod in der Schoa bewahren konnte, warf ihn in tiefe Depressionen. 1938 bis 1945 verstummte der Komponist Ernst Toch, so weit er Eigenes, autonom Gestaltetes konzipieren und ausarbeiten wollte, fast ganz. Er schrieb praktisch nur noch Filmmusiken. Mit ihnen verdiente er sich und seiner Familie den Lebensunterhalt.

Die Tanz-Suite op. 30 und das Cellokonzert op. 35, 1923 und 1924 in Mannheim geschrieben, wo Toch seit 1913 eine Professur für Komposition an der Musikhochschule innehatte, verbinden sich mit Tochs Erfolgslaufbahn in den zwanziger Jahren; sie zeigen seine individuelle und integrative Position im Kraftfeld der unterschiedlichen Richtungen und Strömungen, die den Aufbruch in jener Nachkriegszeit unterstreichen. Das Cellokonzert erschien 1925 im renommierten Mainzer Verlagshaus Schott & Söhne. Die Partitur trägt den Aufdruck: „Bei dem Wettbewerbe des Verlags 1925 mit einem Preise ausgezeichnet.“

In seiner Tanz-Suite für Kammerensemble (mit exponiertem Schlagzeug) setzt sich Toch mit Zeitgenossen wie Igor Strawinsky und Béla Bartók auseinander. Bartók komponierte seine Tanz-Suite wie Toch 1923; Strawinsky stellte schon vor dem Ersten Weltkrieg Auszüge aus seinen Balletten zu Suiten für den Konzertgebrauch zusammen. Tochs Opus 30 besteht aus sechs charakteristischen Sätzen unterschiedlicher Länge. Sie sind in sich wie Tanzszenen en miniature angelegt, gegliedert in kurze, deutlich unterschiedene Abschnitte, die zum Teil wiederkehren und variiert werden. Man kann sich verschiedene Arten von Choreografien dazu vorstellen: ein Ballett mit einer Fantasiehandlung (die Musik nimmt über weite Strecken erzählerische Qualitäten an), ein abstraktes Ballett, das der Musik die Verantwortung für den inneren Zusammenhang überlässt, oder eine Inszenierung im Sinne Oskar Schlemmers „Triadischen Balletts“, das menschliche Tänzer durch bewegliche Puppen ersetzte. Alle drei Arten wurden in den zwanziger Jahren gepflegt. Toch stand gleichsam in ihrem Fokus (auch wenn das „Triadische Ballett“ erst einige Jahre nach der Tanz-Suite aufkam).

Eine konzertante Aufführung lässt dem Hörer nicht nur die Freiheit der Assoziation, sie lenkt die Aufmerksamkeit auch stärker auf die musikalische Struktur, etwa auf das Verhältnis solistischer Passagen zu Duos, Trios und Ensembles. Darin ist der Tanz selbst sublimiert, die Einzelaktion des Protagonisten, die pas de deux, pas de trois und Gruppentänze. Die Tanzkunst ist ganz Musik geworden mit der ganzen Bandbreite ihres Ausdrucks von der Elegie bis zur Groteske. Der Anfang ist wie eine Ouvertüre konzipiert; den Abschluss bildet eine große Walzerszene. Dazwischen wechseln sich ruhige und lebhafte, melancholische und heitere, bittersüße und ironische Passagen ab. Tochs Suite steht im Schnittpunkt mehrerer Tendenzen der zwanziger Jahre. Der Komponist befand sich auf dem hoffnungsvollen Weg zum Erfolg.

Das Cellokonzert op. 35 vereint Modernität mit musikantischer Unmittelbarkeit. Darin steht es Paul Hindemiths Kammermusiken für ein Soloinstrument und Ensemble nahe. Trotz seiner symphonischen Dimensionen ist es als ein Kammerkonzert für einen Solisten und eine elfköpfige Instrumentalgruppe komponiert. Damit griff Toch einen Trend auf, der in Schönbergs und Schrekers Kammersymphonien und in Alban Bergs Kammerkonzert seinen exponierten Ausdruck fand. Alle diese Werke zielten auf Transparenz, auf Klarheit des musikalischen Satzes, auf Deutlichkeit jedes Einzelereignisses und auf innere Konsequenz. Toch stattete sein Ensemble außerdem mit einem ungewöhnlich reichen Schlagzeug aus.

Der erste Satz besticht durch das zarte, feine Gewebe der Stimmen, aus dem Hauptereignisse immer wieder hervortreten, um sich wieder in das filigrane Gesamtgefüge zu integrieren. Der Solist spielt die Hauptrolle, agiert dann und wann allein, meist aber als Erster unter Gleichen. Der ganze Satz ist wie ein vielschichtiger Dialog komponiert, als fein ausgeleuchtete Dialektik zwischen Einzelleistung und Gesamtwirkung. Der rasche zweite Satz gehört zu der Art von Stücken, die man gern als „motorisch“ bezeichnet, weil sie konzentrierte Bewegungsimpulse mitreißend ausspielen. Die kinetische Energie entsteht bei Toch aus der Spannung zwischen schnellen, marschartigen Rhythmen und ungebrochenen Bewegungen, die sich leicht zu einem perpetuum mobile steigern könnten. Der dritte Satz beginnt dagegen wie nach innen gewandt mit einem Solo des Violoncellos, einem ausdrucksvollen instrumentalen Gesang. Der Solopart fächert sich allmählich in einen ganzen Streichersatz auf, ehe die Oboe einen Seitengedanken einführt. Der letzte Satz erhält seinen Elan aus dem Zusammenwirken von Einzelund Ensemble-Virtuosität.

Habakuk Traber


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