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8.559287 - WELCHER: Haleakala / Prairie Light / Clarinet Concerto
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Dan Welcher (geb. 1948)

Der 1948 in Rochester, New York, geborene Komponist und Dirigent Dan Welcher hat im Laufe der Zeit ein OEuvre geschaffen, in dem fast jedes erdenkliche Genre vertreten ist. Sein Werkverzeichnis enthält unter anderem Opern, Konzerte, Symphonien, Vokal- und Soloklaviermusik sowie verschiedenste Kammermusiken. Mit seinen inzwischen mehr als einhundert Werken ist Welcher einer der meistgespielten Komponisten seiner Generation.
Dan Welcher studierte zunächst Klavier und Fagott und graduierte an der Eastman School of Music und der Manhattan School of Music. Von 1972 bis 1978 war er Erster Fagottist beim Symphonieorchester von Louisville, während er zugleich an der dortigen Universität Komposition und Theorie unterrichte. Im Sommer 1976 wurde er Lehrer beim Aspen Music Festival, wo er während der nächsten 14 Jahre Fagott und Komposition unterrichtete. 1978 ging er an die University of Texas, wo er das New Music Ensemble gründete und von 1980 bis 1990 als zweiter Dirigent des Austin Symphony Orchestra wirkte.
In Texas erlebte auch seine Dirigentenkarriere eine Blüte. Welcher dirigierte die Premiere von mehr als 150 neuen Werken. Heute hat er die Lee Hage Jamail Regents-Professur für Komposition an der Musikschule der Universität von Texas in Austin inne, wo er auch das
Ensemble für Neue Musik leitet. 1990 wurde er vom Meet the Composer Orchestra Residencies Program zum Hauskomponisten des Honolulu Symphony Orchestra ernannt, für das er neben Haleakala: How Maui snared the sun seine erste, 38minütige Symphonie schrieb, die 1993 uraufgeführt wurde. Neue Aufträge erhielt er vom Boston Pops, der Utah Symphony, den Händel- und Haydn-Gesellschaften und dem Rochester Philharmonic Orchestra. 2005 wurden seine zwei einaktigen Weihnachtsopern Della’s Gift und Holy Night uraufgeführt.
Dan Welcher erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Darunter ist ein Stipendium der Guggenheim- Stiftung (1997), des National Endowment for the Arts, der Reader’s Digest/Lila Wallace- und der Rockefeller- Stiftung, der MacDowell Colony, Yaddo, des Bellagio Center, des Amerikanischen Musikzentrums und der ASCAP. Mehr als fünfzig Orchester haben Werke von ihm aufgeführt, darunter die Symphonieorchester aus Chicago, St. Louis und Atlanta. Welcher lebt im texanischen Bastrop. Seine Musik erscheint bei der Theodore Presser Company.

Haleakala: Wie Maui die Sonne fing (1991) • Licht der Prärie: Drei Texas-Aquarelle von Georgia O’ Keeffe (1985) • Konzert für Klarinette und Orchester (1989)

Die Tondichtung Haleakala: Wie Maui die Sonne fing wurde als Kindergeschichte und zugleich als ein reifes zeitgenössisches Werk gestaltet, soll also auf verschiedenen Ebenen gefallen. Es werden darin drei alte hawaische Gesänge, viele authentische Schlaginstrumente und sechs polynesische Skalen verwendet. Das Stück kann für sich allein stehen und ist sogar ohne Erzähler aufzuführen.
Der Text ist äußerst bildhaft und poetisch. Er handelt von einer der berühmtesten Sagen über den polynesischen Halbgott Maui, der als der „Gauner“ bekannt ist. Wir begegnen dem Namen Maui erstmals in zwei älteren Legenden und dann in der Geschichte Haleakali. Maui sieht, dass seine Mutter weint, weil sich die Sonne so rasch bewegt, dass das „kapa (tapa-Tuch) nicht trocknen will und dass kalo (taro) und Süßkartoffeln welken.“ Er ist entschlossen, die Sache in Ordnung zu bringen und fasst den Plan, die Sonne einzufangen. Maui betritt den Abgrund von Haleakala, dem heiligen Vulkan auf der Insel, die heute seinen Namen trägt. Nachdem er in einem heftigen Kampf alle sechzehn Beine (= Strahlen) eingefangen hat, zwingt Maui der Sonne das Versprechen ab, sechs Monate im Jahr langsamer zu gehen. So entstehen die Jahreszeiten Sommer und Winter.
Die Partitur ist beinahe wie ein Kinofilm angelegt. Sie weist den verschiedenen Charakteren Motive zu und folgt den dramatischen Stimmungen der Erzählung, ohne sich dabei zu jener stop and go-Methode zu flüchten, die für gewöhnlich bei Stücken mit einem Erzähler angewandt wird. Die Geschichte erwies sich als so fruchtbar, dass ich bestimmte Formen zur Illustration der Handlung benutzen konnte: Wenn Maui beispielsweise die sechzehnbeinige Sonne einfängt, geschieht das in Gestalt einer temperamentvollen Fuge, in der bestimmte Töne von den Blechbläsern „eingefangen“ und festgehalten werden.
Das Stück ist wie eine rituelle Zeremonie komponiert. Zu Beginn wird auf einer Seemuschel geblasen, worauf sogleich Hörner und Pahu-Trommeln einen Cantus spielen. Nach diesem „Rahmen“ folgen musikalische Formen, die die Erzählung suggerierten. Verschiedene Episoden beschreiben Mauis frühere Eskapaden, die rasende Flucht der Sonne über die Inseln (mit evokativen Cluster-Akkorden in den hohen Streichern, die an Hitze und gleißendes Licht denken lassen) und die fantastische Reise unter dem Meer, bei der Maui nach den magischen Elementen sucht, die er benötigt, um die Schlingen zu flechten. Drei miteinander verwandte Zwischenspiele namens Dreamscales fungieren als Einleitung der Hauptteile: Mauis Begegnung mit seiner Mutter, die Reise nach Haleakala, und der Morgen nach dem Kampf mit der Sonne. Am Ende der Geschichte wird der Gesang vom Anfang wiederholt, und so schließt sich der rituelle Rahmen zu einem musikalischen Kreis.
Haleakala wurde im September 1991 uraufgeführt. Das Werk entstand für das Meet the Composer Orchestra Residency Program des Honolulu Symphony Orchestra.
Prairie Light (Licht der Prärie) geht auf drei äußerst ungewöhnliche Aquarelle zurück, die Georgia O’Keeffe malte, als sie 1917 in Canyon, Texas, unterrichtete. Man kennt die Malerin natürlich aufgrund ihrer expressionistischen Kuhschädel und sinnlichen Blumen, doch diese drei frühen Werke verraten ein naives, beinahe primitives Feingefühl für Licht und Schatten. Ich beschloss, die Bilder in der Reihenfolge Sonnenaufgang – Mittag – Nacht anzuordnen.
Das Werk beginnt mit Light Coming on the Plains (Licht fällt auf die Ebene), das O’Keeffes visueller Bilderwelt in breit ausgestrichenen Orchesterfarben folgt. Das Gemälde zeigt eine flache Horizontlinie mit nach außen größer werdenden konzentrischen Ovalen blauen Lichtes, das kurz vor dem Sonnenaufgang von dem hellen Zentrum ausgeht. Die Musik hat einen statischen Bass (den Horizont) und drei ausgedehnte Phrasen einer konstant wachsenden Melodielinie; während die Sonne sichtbar wird, entsteht ein Gefühl der Ausdehnung und zunehmenden Wärme.
Der zweite Teil, Canyon with Craws (Canyon mit Krähen), hat eine solidere Grundierung. Das Bild zeigt die Windungen des Palo Duro-Canyons mit seinen sanft rollenden grünen und rotbraunen Hügeln. Darüber sind drei kindliche Krähen zu sehen, die beinahe wie auf den Himmel geklebt wirken. Die Musik ist sprudelnd, springend, aufbrausend: Die Staccato-Akkorde der Blechbläser erinnern an hüpfende Vögel und Tiere, die Sololinien der Klarinette, Oboe und Flöte deuten die drei Krähen an. Wenn das Licht zu schwinden beginnt, begleitet eine ausgedehnte Passage der sordinierten Streicher das Abschiedslied, das zwei der Krähen singen.
Starlight Night (Sternennacht) ist ein für O’Keeffe recht ungewöhnliches, mechanisches Bild. Die Sterne sind in regelmäßigen Reihen angeordnet, und sie sind keine Lichtpunkte, sondern Quadrate und Rechtecke. Ansonsten zeigt das Gemälde genau dieselbe Ansicht wie Light Coming on the Plains: Den Horizont, den ovalen Himmel und den Verlauf der Schlucht. Die Musik beginnt mit einem lieblichen nächtlichen Flötensolo, das in den hohen Violinen widerklingt. Auf halbem Wege hält das Orchester mit seinem Gesang inne und beginnt zu schweben, indessen Klavier und Xylophon mit einem überraschenden Mantra beginnen: Es sind dies die quadratischen Sterne, die Regelmäßigkeit des Universums. Über diesem vom Gamelan angeregten Schema steigert sich das Orchester bis zu einem Höhepunkt, in dem die nächtliche Melodie mit der Sonnenaufgangs-Melodie des ersten Teils kombiniert ist. Wir haben einen 24-stündigen Kreislauf des Lichts erlebt, bei dem die Farben der Natur entstanden, wie man sie von einem einzigen Beobachtungspunkt aus sieht.
Prairie Light war ein Auftrag des Symphonieorchesters von Sherman (Texas) aus Anlass seiner 20. Saison und wurde von diesem am 1. März 1986 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt.
Die Premiere des von Bil Jackson in Auftrag gegebenen Klarinettenkonzerts spielte das Honolulu Symphony Orchestra im Oktober 1989. Ich kenne Bil als klassischen Klarinettisten und als Jazzer; das musikalische Resultat ist allerdings kein „Jazz-Konzert“, sondern ein Stück, das die bunte Geschichte der Klarinette nutzt. Das Stück besteht aus zwei längeren Sätzen, ist für ein recht kleines Orchester geschrieben und stellt gewissermaßen den großen Bruder meines Flötenkonzerts von 1974 dar.
Der weitgehend ernste Kopfsatz ist eine Fantasia. Er beginnt mit Fanfaren und Rufen in ungeraden Metren, die allmählich einem elegischen Thema in den hohen Violinen weichen. Die Klarinette füllt die Pausen mit jenen abstürzenden Arpeggien aus, mit denen sie so sehr brillieren kann. Nach und nach lugt das Gespenst des Ragtime um die Ecke, ohne sich aber je ganz zu zeigen. Das Elegie-Thema löst sich nach und nach aus der Tanzmusik, und das Orchester gewinnt wieder an Prominenz. Die Fanfaren des Anfangs werden wieder aufgegriffen, bewegen sich aber jetzt im Zweivierteltakt. Die Fanfare wird zu einer maschinellen Wiederholung, über der die Klarinette zwei Echo- Phrasen der Elegie singt, bevor eine rasche, entschlossene Kadenz den Satz ruhig beendet.
Der zweite Satz trägt den Titel Blues and Toccata (über den Namen „Benny Goodman“). Die erste Hälfte ist ein langsamer Song im Fünfvierteltakt mit einem ostinaten Bass. Eine Solotrompete folgt der Klarinette in einer süßen, traurigen Polyphonie. Die Stimmung wird nur in dem Mittelteil ein wenig vom leichteren Wechselspiel mit der Flöte und den Holzbläsern aufgebrochen. Die Töne des Namens Benny Goodman bilden einen Akkord, der auf seine Weise recht blue klingt: B-E-G-D-A. Durch eine transponierte, parallele Gruppe aus fünf Tönen entsteht eine recht hübsche Skala. Der gesamte Satz beruht auf diesem Material. Die Toccata enthält ein weiteres Bass-Ostinato, ein spritzigverschmitztes, zehnmal wiederholtes Muster. In der Mitte des Satzes weicht der Jazz dann vorübergehend einer recht höflichen Rock-’n’-Roll-Episode, die die Rolle des kontrastierenden Trio-Mittelteils übernimmt. Am Ende wird das Orchester auf die Bestandteile eines Jazz-Quartetts reduziert: Klarinette, Vibraphon, Bass und Schlagzeug. Mit einer Parodie auf den typischen „Ruf-und-Antwort-Chorus“ der vierziger Jahre erreicht das Konzert seinen amüsanten, lebendigen Schluss.

Dan Welcher
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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