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8.559290 - CRUMB: Songs, Drones and Refrains of Death / Quest
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George Crumb (geb. 1929)
Songs, Drones, and Refrains of Death (Texte von Federico García Lorca) • Quest

 

Von 1962 bis 1970 konzentrierte ich meine schöpferische Tätigkeit weitgehend auf die Komposition eines umfangreichen Zyklus von Vokalwerken nach Federico García Lorca. Zu diesem Zyklus gehörten Night Music I (1963) für Sopran, Tasteninstrument und Schlagzeug, vier Madrigalbücher (1965-69) für Sopran und verschiedene Instrumentalkombinationen, Songs, Drones, and Refrains of Death (1968) für Bariton, elektrische Instrumente und Schlagzeug, Night of the Four Moons (1969) für Alt, Banjo, Altflöte, verstärktes Cello und Schlagzeug sowie Ancient Voices of Children (1970) für Sopran, Knabensopran und sieben Instrumentalisten.

Von den acht Werken, die diesen Zyklus bilden, sind Songs, Drones, and Refrains of Death (Lieder, Bordune und Refrains des Todes) die umfangreichste und in der Projektion der düsteren Bilderwelt Lorcas auch die dramatischste Schöpfung. Die ersten Skizzen des Werkes stammen zwar von 1962, doch erst 1968 hatte ich den Eindruck, eine Form für meine musikalischen Ideen entwickelt zu haben. Songs, Drones, and Refrains entstand im Auftrag der University of Iowa und wurde im Frühjahr 1969 uraufgeführt.

Die wichtigen formalen Elemente des Werkes sind im Titel ausgewiesen. Es sind dies zunächst vier von Lorcas schönsten Todesgedichten: Die Gitarre, Casida von den dunklen Tauben, Lied vom Reiter (1860) und Casida von dem durch das Wasser verwundeten Knaben. Jeder dieser Vertonungen geht ein instrumentaler „Refrain“ voraus, der in unterschiedlicher Gewandung das rhythmische, schicksalhafte Motiv vom Anfang des Werkes darstellt. (Diese Refrains enthalten auch vokale Elemente, die, zumeist in rein phonetischen Klängen, von den Instrumentalisten vorgetragen werden.) Und endlich beherrschen drei lange (auf dem Intervall der Quarte beruhende und vom verstärkten Kontrabass gespielte) „Todes-Bordune“ die musikalische Textur des ersten und letzten Liedes sowie des dritten Refrains.

García Lorcas Poesie bietet in ihrem herrlich reichen Ausdruck und ihrer evokativen Kraft ein bewundernswertes Mittel zur musikalischen Nachschöpfung. Die zutiefst fatalistische Gitarre beschreibt eine äußerste Verzweiflung, und doch gibt es darin ein Gefühl des Staunens, des tiefen Geheimnisses. „Es beginnt die Klage der Gitarre. Es brechen die Kelche des frühen Morgens. Es beginnt die Klage der Gitarre. Nutzlos, sie zum Schweigen zu bringen. Unmöglich, sie zum Schweigen zu bringen“: So lauten die ersten Zeilen des Gedichts, in dem Lorca eines seiner häufig wiederkehrenden Bilder verwendet – die Gitarre als die primitive Stimme der Dunkelheit und des Bösen in der Welt. (In einem andern Gedicht, Malagueña, heißt es: „Es ziehen schwarze Pferde und finstere Leute die tiefen Wege der Gitarre entlang.“) In meiner Vertonung dieses Gedichtes gibt es flamenco-artige Kadenzen der eher surrealistischen E-Gitarre.

Die Casida der dunklen Tauben liefert mit ihrer unterschwelligen Ironie (in der Partitur als „leicht sardonisch; in einem bizarren, fantastischen Stil“ bezeichnet) einen notwendigen Augenblick der Entspannung in einem Werk, in dem Düsternis und Heftigkeit vorherrschen. Ich habe versucht, die unheimliche Stimmung des Gedichts zu erhöhen, indem ich den Bariton angewiesen habe, in verschiedenen stilisierten Manieren zu singen („komisch-lyrisch“, „komisch-bedrohlich“ oder „in komisch-choralartiger Weise“). Die Instrumentalstimmen der Partitur sind in kreisförmiger Notation angelegt – ein Symbol für „el Sol“ und „la Luna“, Sonne und Mond.

Das Lied des Reiters (1860) ist ein Gedicht von Gewalt und Schrecken. Im zweiten Buch meiner älteren Madrigale hatte ich nur die Refrainzeilen vertont („Schwarzes Pferdchen, wohin trägst du deinen toten Reiter? Kaltes Pferdchen, welch ein Duft der roten Mittagsblume!“). Mit der vollständigen Vertonung des Gedichts habe ich aber, so kommt es mir vor, die dämonische Kraft der Lorca’schen Imagination treffender vermittelt. Das Lied trägt die Anweisung: „Atemlos, mit erbarmungslos treibendem Rhythmus“, und das Bild des galoppierenden Pferdchens wird durch die wild gehämmerten Rhythmen von Lujon, Crotales, Trommeln, Mallets und elektrischem Cembalo entworfen. Seinen Höhepunkt erreicht das Lied in einer donnernden Passage mit der Bezeichnung „Cadenza appassionata for two drummers“. Der Prototyp dieser Gattung, zu der das Lied des Reiters (1860) gehört, ist offensichtlich Schuberts Erlkönig.

Die abschließende Casida des vom Wasser verwundeten Knaben ist mir das liebste unter den Lorca- Gedichten, die ich im Laufe der Jahre vertont habe. Der traumartige Anfang dieses Liedes mit seinem zarten Schwanken zwischen den Tönen H und Gis und der zarten Lyrik der Baritonmelodie erinnert bewusst an Mahler. Der dritte und letzte „Todes-Bordun“ kündigt die leidenschaftlich-düstere mittlere Strophe des Gedichts an. Der Bordun wird zu einem gewaltigen, ausgehaltenen Crescendo; im Augenblick der höchsten Intensität („Ach, welch eine Liebeswut! Welch verletzende Schneide! Welch nächtliches Brausen! Welch ein weißer Tod!“) hört man die kreischende Stimme eines Flexatons. Der Bordun scheint zu explodieren, und während die Intensität nachlässt, entsteht eine Aura der Verklärung. Die Musik vom Anfang ist wieder zu hören, diesesmal durchsetzt von den tiefen Borduntönen des Klaviers und des Kontrabasses. Zwei sanft fließende Phrasen, die auf gestimmten Wassergläsern gespielt werden, beenden das Werk.

Lorcas einprägsame, mystische Todesvision, die die alte spanische Tradition verkörpert und doch über sie hinausgeht – diese Vision ist die Antriebskraft seines düsteren Genies. Bei der Komposition von Songs, Drones, and Refrains of Death wollte ich eine musikalische Sprache finden, durch die diese sehr schöne Poesie ergänzt wird.

Quest (Suche) entstand auf Ersuchen des Gitarristen David Starobin und als Auftragswerk der Albert Augustine, Ltd. Die letzte Revision des Werkes wurde im Februar 1994 vollendet; sie ist David Starobin und Speculum Musicae gewidmet.

Im Laufe der Jahre hat David Starobin praktisch alle Partien gespielt, die ich für Zupfinstrumente geschrieben habe: Mandoline in Ancient Voices of Children, Elektrische Gitarre in Songs, Drones, and Refrains of Death, Sitar in Lux Aeterna und Banjo in Night of the Four Moons. Als er mich um dieses neue Stück bat, waren seine Vorgaben lediglich, daß ich für akustische Gitarre schreiben und das Instrument solistisch behandeln sollte.

Anfangs spielte ich auch mit dem Gedanken, ein Solostück zu schreiben, doch meine Unsicherheit über die Technik und Idiomatik der Gitarre ließen mich bald ein Ensemblestück entwerfen. Innerhalb des festgelegten Sextetts spielt die Gitarre die Hauptrolle, doch können auch andere Instrumente, namentlich das Sopransaxophon, die Haupt-„Stimme“ übernehmen. Die Einbeziehung vielfältigster Schlaginstrumente lieferte mir eine äußerst farbige Palette an Timbres und Klangmöglichkeiten. Dabei bemühe ich eher ungewöhnliche Instrumente wie das Hackbrett aus den Appalachen, die Sprechende Trommel Afrikas und den mexikanischen Regenstab.

Ein poetisches Fundament für Quest habe ich nie sehr klar in Erwägung gezogen. Ich weiß noch, daß ich an Bilder wie den berühmten Anfang von Dantes Inferno („Als unseres Lebens Mitte ich erklommen, befand ich mich in einem dunklen Wald ...“) und eine Zeile von Lorca („Die dunklen Pfade der Gitarre“) dachte; auch sah ich während der Skizzierung den Zusammenhang zwischen gewissen musikalischen Gedanken und der Idee der „Suche“ als einer langen, qualvollen Reise, die zu einem ekstatisch-verklärten Gefühl des „Ankommens“ führte. Doch trotz der poetischen und symbolischen Satzüberschriften gibt es keine präzise programmatische Bedeutung. Es wird in diesem Werk ein musikalisches Zitat verwendet: das Sopransaxophon spielt Phrasen aus dem berühmten Lied Amazing Grace – erstmals am Ende von Dark Paths über einem delikaten Geflecht aus Schlagzeugklängen und schließlich in Nocturnal über einem regelmäßig sich verlangsamenden Ostinato leerer Quinten, die von Harfe und Kontrabaß gespielt werden. Auf der allerletzten Seite der Partitur intoniert die Harmonika – oder wie in dieser Aufnahme: die Concertina – ein fernes Echo dieser Weise.

Die Komposition von Quest wurde zu einer mühevolleren „Suche“, als ich mir hätte vorstellen können. Eine unvollständige Fassung wurde schon 1989 als workin- progress in Amsterdam aufgeführt, doch erst nach etlichen Jahren der ständigen Revision erreichte das Werk seine gegenwärtige Form.

George Crumb
Deutsche Fassung: Cris Posslac

Die gesungenen Texte sind online unter http://www.naxos.com/libretti/crumb.htm


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