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8.559296 - FLAGELLO: Piano Concerto No. 1 / Dante's Farewell / Concerto Sinfonico
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Nicolas Flagello (1928-1994)
Klavierkonzert Nr. 1 • Dante’s Farewell • Concerto Sinfonico

 

Nicolas Flagello war einer der letzten amerikanischen Komponisten, die sich den traditionellen romantischen Werten der Musik verpflichtet fühlten. Er vertiefte diese durch moderne Errungenschaften in Harmonie und Rhythmus, jedoch ohne die Ironie und Distanziertheit der Postmoderne. Für Flagello war Musik ein persönliches Medium spirituellen und emotionalen Ausdrucks und nicht eine modische Position in den Nachkriegsjahren, als seine kreative Persönlichkeit Gestalt gewann, obwohl seine Musik wenig Beachtung fand. Gleichwohl hielt er lebenslang an seinen Idealen fest und schuf ein großes und vielgestaltiges Werkkorpus, darunter sechs Opern, zwei Sinfonien, acht Konzerte und zahlreiche andere Werke – vieles von alldem blieb bis zu seinem Tod unaufgeführt. Mit der größeren Toleranz gegenüber stilistischer Vielfalt, die sich in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ergab, findet Flagellos Musik ein zunehmend aufgeschlossenes Publikum.

Nicolas Flagello wurde im Jahr 1928 in New York City geboren. Seine Familie hatte sich seit Generationen musikalisch betätigt. Bereits als Kind lernte er Klavier und Violine und fing mit nicht einmal zehn Jahren an zu komponieren. Sehr früh wurde Vittorio Giannini, ein hoch angesehener Komponist und Lehrer, der für sein Festhalten an traditionellen musikalischen Werten bekannt war, auf ihn aufmerksam gemacht. Giannini wurde Flagellos Mentor. 1945 schrieb letzterer sich an der Manhattan School of Music ein, an der sein Mentor lehrte. Dort errang er die Abschlüsse als Bachelor und Master und wurde nach der Graduierung selbst Mitglied der Fakultät, der er mehr als 25 Jahre angehörte. Mit dem Gewinn des Fulbright Fellowship 1955 verabschiedete er sich für ein Jahr, um an der Accademia di Santa Cecilia in Rom bei Ildebrando Pizzetti (1880– 1968) zu studieren und das Diploma di Studi Superiori zu erwerben. Flagello wirkte auch als Pianist und Dirigent und machte zahlreiche Aufnahmen eines weit gefächerten Repertoires vom Barock bis zum 20. Jahr hundert. 1985 bereitete eine degenerative Krankheit seiner musikalischen Karriere ein vorzeitiges Ende. Flagello starb 1994 im Alter von 66 Jahren. Seit seinem Tod hat Flagellos Musik die Aufmerksamkeit einer jüngeren Generation von Hörern gewonnen und ist in zunehmendem Maße aufgeführt und eingespielt worden. Die Violinisten Elmar Oliveira und Midori, die Dirigenten Semyon Bychkov und James DePriest sind nur einige der führenden Musiker unserer Tage, die in Flagellos Musik tief gefühlten musikalischen Gehalt in einer klaren, verständlichen Sprache entdeckt haben.

Die drei hier präsentierten Werke umspannen 35 Jahre und damit Flagellos gesamtes Schaffen. Das Klavierkonzert Nr. 1 ist sein erstes groß angelegtes Werk, Dante’s Farewell entstand auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn in einer Phase höchster Kreativität und Produktivität, und das Concerto Sinfonico ist seine letzte Komposition. Ein jedes veranschaulicht, was vielleicht Flagellos bevorzugtes kompositorisches Medium war: das konzertierende Werk, das einen Solisten oder mehrere vor dem Hintergrund eines Sinfonieorchesters auftreten lässt. In der Gestaltung Flagellos bilden solche Werke ein persönliches Bekenntnis zum spirituellen und emotionalen Leiden, bei dem das Orchester den Part des emphatischen griechischen Chores aus dem antiken Drama inne hat. Autobiographisch betrachtet könnte man sagen, dass die drei Werke seine Gefühlswelt am Anfang, in der Mitte und am Ende seines kreativen Weges reflektieren.

Das Klavierkonzert Nr. 1 entstand 1950 als Teil der Prüfungsaufgaben für sein Master’s Degree an der Manhattan School of Music, wo es auch im gleichen Jahr die Uraufführung erlebte. Solist war Joseph Seiger, der Komponist dirigierte das Manhattan Orchestra. Das Werk ist seitdem nicht mehr aufgeführt worden. Bei der Begegnung mit ihm ist man von zwei Beobachtungen beeindruckt: Die eine ist die Selbstverständlichkeit, mit der Flagello jede Konvention des romantischen Klavierkonzerts aufnimmt, und die vollkommene Beherrschung der traditionellen Kompositionstechnik, die er im Verlaufe des Stücks demonstriert. Zu Beginn werden mehrere Motive vorgestellt, die das meiste thematische Material des Werkes hervorbringen. Dieses Material wird in konsequenter Logik entwickelt: die meisten thematischen Ideen erscheinen im Kontrapunkt mit einem anderen. Der ausgefeilte erste Satz entfaltet eine ausgedehnte Kadenz, die direkt zu einem brillanten Fugato führt. Obwohl tonale Zentren nicht immer klar und eindeutig auszumachen sind, ist doch eine übergreifende Tonalität gegeben. Die zweite und vielleicht bemerkenswertere Beobachtung ist die Beherztheit, mit welcher der 22-jährige Komponist seine eigene kraftvolle Persönlichkeit geltend macht. Hörer, denen Flagellos andere Werke vertraut sind, werden sofort der heftigen Artikulation, emotionalen Aufgewühltheit und wogenden Leidenschaften gewahr, die sein ganzes weiteres Werk charakterisieren.

Der erste Satz, Allegro maestoso, führt zwei thematische Hauptideen ein: Das erste, emphatisch und herausfordernd, enthält ein insistierendes Ostinato- Motiv; das zweite ist von traurigem Lyrismus und irregulärer rhythmischer Phrasierung gekennzeichnet. Diese Ideen werden im Verlaufe des beeindruckenden Satzes – der länger ist als die beiden anderen zusammen – mit beachtlicher Sorgfalt entwickelt. Der zweite Satz, Andante, ist ein melancholisches Nocturne, das einen leidenschaftlichen Höhepunkt erreicht, um dann auf einen bewegenden Abschluss zuzugehen. Der dritte Satz, Allegro con brio, hat Scherzo-Charakter, jedoch wie der erste Sonaten-Allegro-Form. Das Hauptthema, entwickelt aus dem Hauptthema des ersten Satzes, spielt mit Hemiolen, während das nachgeordnete Thema von einer aufsteigenden Quarten-Reihe geprägt ist. Beide Ideen werden energisch entwickelt, bis das nachgeordnete Thema des ersten Satzes zum Finalthema hinzutritt, um so etwas wie eine Rekapitulation des gesamten Konzerts zu bilden.

Im Jahr 1959 erreichte Flagellos Musiksprache ein neues Reifestadium: intensivere Emotionalität, dissonantere Harmonik, irreguläre Rhythmik, größere formale Dichte und tiefe Ausdruckskraft. 1962 entstand Dante’s Farewell, ein „dramatischer Monolog“ für Sopran und Orchester. Es handelt sich um die Vertonung von Abschnitten eines Textes mit dem Titel Gemma Donati des produktiven italoamerikanischen Dichters und Latinisten Joseph Tusiani (geboren 1924). Dante’s Farewell erzählt eine Episode aus dem Leben des großen italienischen Dichters und Staatsmannes in den Worten seiner ergebenen Gemahlin Gemma. Sie berichtet von einer alptraumhaften Vision Dantes, dass Florenz Gefahr drohe, und seinem schweren Entschluss, Weib und Kinder zu verlassen, um im Namen seines Stadtstaates nach Rom zu gehen, von wo er niemals zurückkehrte. Das Stück wird von einem Motiv zusammengehalten, das auf dem Intervall der Terz bosiert und kurz nach Beginn von der Solovioline eingeführt wird.

In seinen produktivsten Jahren, als seine Musik selten aufgeführt wurde, gewöhnte sich Flagello an, seine Werke – einschließlich solcher für Orchester – lediglich als Particell zu gestalten, um sie zu orchestrieren, wenn eine Aufführung in Aussicht stand. Leider lagen viele seiner ansonsten in jeder Hinsicht kompletten Werke zum Zeitpunkt seines Todes nur als Particell vor, so auch Dante’s Farewell. 2003 orchestrierte der Komponist und Herausgeber Anthony Sbordoni das Werk im Auftrag des Flagello Estate. Sbordonis Partitur zeigt ein scharfsinniges Verständnis für Flagellos Orchesterbehandlung und bemerkenswertes Geschick, die dem Manuskript innenwohnende Klangfülle lebendig zu machen. Die Premiere des orchestrierten Werks fand im Oktober 2004 im Hunter College (CUNY) statt. Nicholas Ross dirigierte das Hunter College Orchestra, Solistin war wie in dieser Aufnahme Susan Gonzalez (Sopran).

Das Concerto Sinfonico für Saxophon-Quartett und Orchester ist Flagellos letztes vollendetes Werk. Als Auftragswerk des Amherst Saxophone Quartett wurde es im November 1985 von diesem uraufgeführt; es spielte das Buffalo Philharmonic unter Semyon Bychkov. Obwohl der Charakter von Flagellos Musik oft dunkel und stürmisch ist, kann man beim Concerto Sinfonico schwerlich den beständigen Ton von Schmerz, Aufgewühltheit und Angst überhören – Ausdruck dessen, was Flagello erlebte, als seine unheilbare Krankheit den physischen und seelischen Verfall bereits eingeleitet hatte. Gleichwohl handelt es sich um eine gänzlich selbstständige, thematisch durchgearbeitete musikalische Struktur, die keinerlei Vorwissen erfordert, um verstanden und angenommen zu werden. Der Titel verdeutlicht die Intention des Komponisten, weniger eine Art virtuoses Vehikel als vielmehr eine geschlossene sinfonische Struktur zu schaffen, in der das Saxophone-Quartett als zusammengesetzte Stimme eines hypothetischen Protagonisten dient. Das Concerto Sinfonico erlebte zahlreiche Aufführungen in den Vereinigten Staaten und Europa und wurde auch für sinfonisches Blasorchester eingerichtet.

Das Werk wird von einem vorwärtstreibenden Rhythmus des Orchesters eröffnet (Allegro non troppo), der sich schnell zu einem fast hysterischen Schrei erhebt, bevor die Saxophone mit dem Hauptthema auftreten. Kern dieses Themas ist ein Motiv aus drei Noten, das die Basis des gesamten Werks bildet. Alsbald erklingt das zweite Thema, eine einsame, traurige Melodie des Alt-Saxophons, die aus dem ersten Thema abgeleitet ist. Nachdem dieses Thema einen Höhepunkt erreicht hat, folgt eine furiose Durchführung des ersten, die mit einem Fugato über einem irregulären rhythmischen Ostinato beginnt. Darauf folgt eine verinnerlichte Reflektion beider Themen, die ein Aufblühen von Glaube und Hoffnung zulässt, bevor sie mit grimmiger Entschlossenheit zu einer vorwärtstreibenden Reprise und Koda führt, die den Satz zu einem trotzigen Abschluss bringen. Der zweite Satz, Lento movendo, ist eine dunkel-traurige Barkarole auf Basis des Materials aus dem ersten Satz, vor allem des zweiten Themas. Dieser Abschnitt erreicht allmählich eine Klimax und führt in einen turbulenten Mittelabschnitt hinein, der in einer Art durchdringendem Knall kulminiert, den Flagello mit der „Stimme Gottes“ vergleicht. Die Passage endet in tiefer Resignation. Die Barkarole des Beginns kehrt kurz zurück und endet mit einer Erinnerung an das Drei-Noten-Motiv des ersten Satzes. Der dritte Satz, Allegro giusto, beginnt mit einer von Posaunen, Celli und Bässen gespielten Variante des Drei-Noten-Motivs. Der Charakter des Satzes lässt an ein grimmig-höhnisches Scherzo denken mit neu gestalteten Themen aus dem Material des ersten Satzes. Dem Scherzo folgt ein grotesker „Trio“-Abschnitt, worauf das Scherzo wiederkehrt, um einer sorgfältigen Durchführung ausgesetzt zu werden. Diese erhebt sich zu einer weiteren Proklamation der „Stimme Gottes“, gefolgt von einer vernichtenden Katastrophe. Nachdem der Tumult nachgelassen hat, begleiten langsame Harfen-Arpeggios die hoffnungsvolle Wiederkehr des Hauptmotivs des Werkes. Doch die Stimmung verfinstert sich, wenn das zweite Thema über geheimnisvollen Tremolos und Posaunen-Einwürfen ernst antwortet. Alle Hoffnung scheint geschwunden, wenn der treibende Rhythmus, der das Werk eröffnet hatte, nun in die Niederlage treibt.

Walter Simmons
Siehe auch das Werk des Autors Voices in the Wilderness: Six American Neo-Romantic Composers
(Scarecrow Press 2004).

Deutsche Fassung: Thomas Theise

Weitere Informationen unter: www.flagello.com


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