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8.559302 - ADAMS, J.: Violin Concerto / CORIGLIANO: Chaconne from The Red Violin
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John Corigliano (geb. 1938): Chaconne aus The Red Violin
George Enescu (1881-1955): Rumänische Rhapsodie Nr. 1, arr. Waxman
Franz Waxman (1906-1967): Tristan and Isolde Fantasia
John Adams (geb. 1947): Violinkonzert

Diese CD betrachtet die Musik, die im 20. Jahrhundert in Amerika für Violine und Orchester geschrieben wurde, aus einem recht weiten Blickwinkel, indem sie ein großangelegtes Konzert, eine virtuose Transkription und eine Konzertparaphrase mit einem Werk koppelt, das das Verhältnis zwischen Solist und Ensemble aus einer ungewöhnlicheren Perspektive untersucht.

Diese Perspektive zeigt sich in der Chaconne, die John Corigliano (geb. 1938) nach seiner Musik zu dem 1998 entstandenen Film Die rote Violine geschaffen hat. François Girard führte die Regie in diesem Streifen, der davon erzählt, wie eine Geige – die letzte des Meisters Nicolo Bussotti – von Hand zu Hand geht, bis sie schließlich der Star einer Auktion wird.

Corigliano strickte aus seiner Filmmusik nun keine lockere Suite, sondern er verwendete die immer wiederkehrende Melodie als Grundlage einer Chaconne, einer Folge von Variationen also, die sich über einem ostinaten Bass entfalten – wodurch über eine lange Strecke der formale wie auch der harmonische Zusammenhalt garantiert ist. (Es sei bemerkt, dass der Komponist inzwischen zwei weitere Sätze geschrieben und so ein traditionelleres Konzert geschaffen hat.) Mit dem akkordischen Spiel des Solisten und den flüchtigen Gesten des Orchesters beginnt eine melodischexpressive Entwicklung; das sich daraus ergebende Thema erreicht eine kurze, leidenschaftliche Klimax, die von orchestraler Aggression beantwortet wird. Dementsprechend reagiert der Solist, und es kommt zu einem brutalen Dialog. Wenn dieser zusammenbricht, ergehen sich die Solo-Holzbläser rauschend über den tiefen Streichern, worauf sich der Solist mit ähnlichem Material wieder meldet. Die Stimmung eisiger Trauer bleibt erhalten, bis es erneut zu einem schroffen Gedankenaustausch kommt und das sehnsüchtige Hauptthema zurückkehrt. Eine Solokadenz destilliert die expressive Essenz des Werkes, bevor eine gespenstische Passage für col legno-Streicher (die Saiten werden mit der Stange des Bogens angeschlagen), Blechbläser und Schlagzeug zu einem letzten Abschnitt führt, in dem das Thema als Höhepunkt im vollen Orchester erklingt und der Solist zu einem entschiedenen Abschluss emporstürmt.

Der rumänische Komponist George Enescu (1881- 1955) wurde zwar als einer der besten Geiger seiner Zeit gefeiert und hat sowohl als Solist wie auch als Dirigent zahlreiche Konzerte aufgenommen (nicht zuletzt mit seinem Protégé Yehudi Menuhin); gleichwohl hat er selbst kein Violinkonzert vollendet. Einerseits mochten Zeit und Gelegenheit fehlen; andererseits war er sich aber vielleicht auch darüber im klaren, dass die äußerst persönlichen Ideen über Virtuosität, die in ihm herangereift waren, nicht unbedingt in einem Werk resultiert hätten, wie es das Publikum von einem Interpreten des eigenen Schaffens erwartete. Ungeachtet einer Reihe höchst origineller Orchester- und Kammermusikstücke ist Enescus Name untrennbar mit der ersten der beiden Rumänischen Rhapsodien verbunden, die 1901 entstanden und die Linie der Fantasien über nationale Melodien fortführen, dabei aber so gekonnt gearbeitet sind, dass man sie nicht als bloße „Potpourris“ bezeichnen kann. Der Komponist übertrug das gesamte Stück für Violine und Klavier; auf dieser CD ist aber ein Arrangement von Franz Waxman zu hören, das hauptsächlich aus einer Paraphrase über den zweiten Teil des Stückes besteht. Die Orchestrierung ist im wesentlichen beibehalten; indessen verfolgt der Solist beseelt alle Wendungen und Drehungen, die Enescus kraftvolle musikalische Vorstellung geschaffen hat.

Der in Deutschland geborene Komponist Franz Waxman (1906-1967) hat vor und nach seiner Emigration in die USA eine Reihe von Konzertwerken geschrieben, ist aber bis heute (wie sein älterer österreichischer Zeitgenosse Erich Wolfgang Korngold) vor allem durch jene Kompositionen bekannt, die ihn mehr als drei Jahrzehnte zu einer der wichtigsten Stützen Hollywoods machten. Das virtuoseste seiner Werke für Violine und Orchester ist die Carmen- Fantasie, während sich in seiner Fantasie über Tristan und Isolde besonders deutlich zeigt, was er von der deutsch-österreichischen Romantik hielt und dachte. Das wirkungsvolle Konzertstück bildete ursprünglich einen emotionalen Höhepunkt in dem Film Humoresque, den der Regisseur Jean Negulesco 1946 mit Joan Crawford und John Garfield nach dem Drehbuch von Clifford Odets drehte. Darin geht es um einen ambitionierten Geiger, der sich auf eine tragisch endende Beziehung mit seiner Mäzenin einlässt. Nach dem düsteren Anfang der Violoncelli und Bässe sind die Solovioline und das (mit einer anspruchsvollen obligaten Partie versehene) Klavier vor dem orchestralen Hintergrund mit einem freien Zusammenspiel von Elementen aus Wagners Oper, genauer aus dem Vorspiel und Isoldes Liebestod, zu hören. Wie dort steigert sich das Werk zu einer strahlenden lyrischen Klimax (Isoldes Stimme wird dabei von der Geige übernommen), bevor die Musik am Ende in glühender Ruhe verklingt.

Der Zusammenhang, in dem das letzte der hier vorliegenden Werke auf dieser CD vorgestellt wird, könnte einen auf den Gedanken bringen, dass die Gattung des Violinkonzerts in Amerika von geringer Bedeutung wäre. Das ist aber nicht der Fall, wie unter anderem die bemerkenswerten Exemplare von Komponisten wie Samuel Barber [Naxos 8.559044], William Schuman [8.559083], Elliott Carter, Ned Rorem und Philip Glass [8.554568] zeigen – oder auch das Violinkonzert von John Adams, das einen beachtlichen Erfolg errungen hat, seit es 1993 von Gidon Kremer uraufgeführt wurde. Der Komponist bemerkte, er habe ein Werk schreiben wollen, in dem die Violine von Anfang bis Ende singen könnte, und das ist in allen drei Teilen, die formal mit den Sätzen des klassischen Konzerts korrespondieren, offensichtlich auch der Fall.

Teil I enthält im wesentlichen eine Melodielinie, die sich vor einem orchestralen Vorhang entfaltet, in dem die Holz- und Blechbläser anscheinend ständig versuchen, sich aus einem diskreten, oft gezupften Bass der tiefen Streicher emporzubewegen. Wenn ein knappes Drittel des Weges zurückgelegt ist, belebt sich das Spiel des Solisten, und dementsprechend scheint das Tempo der durchgehenden Begleitung, in der das Schlagzeug jetzt größere Prominenz erhält, anzuziehen – ohne dass sich dadurch aber der vornehmlich objektive Ausdruck änderte. Die stetige Akkumulation der rhythmischen Energie führt den Satz zu einer Kadenz, die vor dem dunklen, nachdenklichen Schluss wieder eine gewisse Ruhe einkehren lässt. Teil II ist – wie das Werk von Corigliano zuvor – in der Form einer Chaconne gehalten, in der der Solist geduldig seine durchgehende Linie entfaltet. Die melodischen Grundbestandteile dieser Linie befinden sich zwar hörbar im Zustand der Metamorphose; dennoch entsteht der Eindruck einer Musik, die in einem ständigen Werden gefangen ist und treffend die Gedichtzeile von Robert Haas evoziert, die dem Satz als Überschrift vorangestellt ist: „Körper fließt durch den Traum.“ Die harmonische Textur nimmt periodisch an Dichte zu und verleiht der Musik eine ausdrucksvoll-träge Müdigkeit, die durch die diskret im Orchester erklingenden Glockenschläge noch intensiviert wird. Teil III trägt den Titel Tocarre (Toccata), womit die virtuose Qualität des Satzes treffend dargestellt ist. Solist und Orchester sind mit einer ständigen Folge rhythmisch anspruchsvoller Dialoge beschäftigt, die deutlicher an die minimalistischen Gesten erinnern, die Adams ein Jahrzehnt vorher verwandte. Im Laufe des Geschehens tauchen verschiedene markante Gedanken auf, bevor Streicher und Tom-Toms dem stotternden Schluss entgegendrängen.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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