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8.570019-20 - SIBELIUS: Songs
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Jean Sibelius (1865–1957)
Lieder, Folge 1

 

Der finnische Komponist Jean Sibelius wurde am 8. Dezember 1865 in der südfinnischen Kleinstadt Hämeenlinna geboren. Der Vater war Arzt und stammte – wie auch die Mutter – aus einer Familie, die von der schwedischen Kultur und Sprache bestimmt war. In der Schule lernte Jean Sibelius dann Finnisch, und hier begann auch sein Interesse für die alten Sagen seiner Heimat. Bald erkannte man seine musikalischen Fähigkeiten, die allerdings nicht so früh entwickelt wurden, als dass man eine Karriere als Berufsmusiker hätte erwarten sollen. Diese deutete sich erst an, nachdem er sich als Student der Rechte an der Universität von Helsinki eingeschrieben hatte.

Zunächst wollte er Geiger werden. Es stellte sich aber heraus, dass sämtliche Fertigkeiten, die er in dieser Hinsicht verriet, von seiner kompositorischen Begabung übertroffen wurden. Diese wurde zunächst von Martin Wegelius am Musikinstitut von Helsinki entwickelt und dann mit größerem Nutzeffekt in Berlin und Wien vervollkommnet. Kurz nach seiner Rückkehr in die Heimat reüssierte Sibelius 1892 mit seiner symphonischen Dichtung Kullervo, in der er eine Episode aus dem finnischen Nationalepos Kalevala benutzte. Es folgten weitere Werke, die vor allem aus nationalem Blickwinkel faszinierten und seine Reputation in Helsinki weiter vergrößerten. Sibelius ernährte sich damals vom Unterrichten sowie von der Komposition und Aufführung seiner Werke, ohne allerdings für seine Verhältnisse genug zu verdienen, da er seit seiner Studienzeit zu Ausschweifungen neigte.

1896 sollte ihm eine Professur der Universität von Helsinki übertragen werden, doch fiel zuletzt die Entscheidung zugunsten des erfahrenen Dirigenten und Komponisten Robert Kajanus, der das erste professionelle Orchester Helsinkis gegründet hatte. Der enttäuschte Sibelius wurde mit einem zehnjährigen staatlichen Stipendium bedacht, das man später in eine lebenslange Pension umwandelte. Die Summe reichte allerdings nie aus, um jenen Hang zum Leichtsinn zu decken, der womöglich Erbteil des Vaters war. (Dieser hatte seiner Familie, als er 1868 starb, einige Schwierigkeiten hinterlassen.)

Jean Sibelius war als Komponist bis 1926 aktiv. In dieser Zeit wurde sein Ruhm im In- und Ausland immer größer – vor allem durch die Reihe der Symphonien, die 1898 begann und 1924 mit der Siebten beschlossen wurde. Eine achte Symphonie soll Sibelius 1932 vollendet, dann aber vernichtet haben. Der Rest war Schweigen. Während der letzten drei Lebensjahrzehnte schrieb Sibelius praktisch keine weitere Musik. Er war von den zeitgenössischen musikalischen Strömungen isoliert, für die er auch weitgehend nichts übrig hatte. In Großbritannien und Amerika genoss er nach wie vor ein hohes Ansehen, wenngleich es auch hier die unvermeidlichen Reaktionen auf die exzessive Begeisterung seiner Bewunderer gab. Auf dem europäischen Festland hingegen konnte er die Position, die er vor dem Ersten Weltkrieg in Deutschland, Frankreich und Österreich innegehabt hatte, nicht mehr einnehmen. Er starb am 20. September 1957 mit fast 92 Jahren in seinem Haus in Järvenpää.

Sibelius hat etwa 100 Lieder geschrieben. Die meisten davon entstanden auf Texte in Schwedisch, das ja trotz allem seine erste Sprache gewesen war. Neben acht Titeln nach deutschen Gedichten gibt es nur weniges an finnischen Texten, wenngleich er diese Sprache in seinen Chorwerken zu verwenden pflegte. Natürlich fanden die deutschsprachigen Lieder eine größere internationale Verbreitung, während die andern Kreationen sich vornehmlich an ein Publikum richteten, das mit der Sprache der jeweiligen Dichtungen vertrauter war.

Die frühesten der hier aufgenommenen Lieder stammen aus dem Jahre 1888. Serenade [16] war das erste Lied von Sibelius, das veröffentlicht wurde. Der Text stammt von dem finnischen Dichter Johan Ludvig Runeberg (1804-1877), dessen Gedichte Sibelius gern vertont hat. Er wurde als Sohn eines Kapitäns schwedischer Herkunft geboren und war später in Helsinki Lehrer für Altphilologie. Obwohl er in schwedischer Sprache schrieb, sieht man in ihm den finnischen Nationaldichter: Bekannt wurde er durch seine epischen Gedichte Fänrik Ståls Sägner (Die Erzählungen des Fähnrichs Stål), in denen er die Heldentaten des Krieges gegen Russland beschrieb.

Das zweite Lied des Jahres 1888 ist das zarte, lyrische En visa (Ein Lied) [17] auf ein Gedicht von Baeckman. Damals entstanden auch die geradlinigen, herausfordernden Orgier (Orgien) [19] auf ein Gedicht von Lars Jakob Stenbäck. 1891 vertonte Sibelius erstmals Runebergs Den första kyssen (Der erste Kuss) [18], das er dann 1900 ein zweites Mal komponierte und im Rahmen seines Opus 37 veröffentlichte [3].

Im Jahre 1892 brachte Sibelius sieben Gedichte desselben Verfassers heraus, die weniger einen Liederzyklus als vielmehr die Vertonung selbständiger Gedichte ohne verbindende Erzählung darstellen. Die vorliegende Aufnahme enthält den vierten Titel dieser Sammlung, Våren flyktar hastigt (Eilends fliegt der Frühling) [2], eine empfindsame Reflexion unterschiedlicher Stimmungen, die der Komponist später auch orchestriert hat. Zu den Einzelstücken, die Sibelius im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts vertont hat, gehört der Titel Souda, souda sinisorsa (Paddle, paddle, Ente) [10]. Die finnischen Worte stammen von August Waldemar Forsman, der sich, wie andere Vertreter seiner Generation auch, einen finnischen Namen geben sollte und sich Aukusti Valdemar Koskimies nannte (weshalb man ihn bisweilen auch als Forsman-Koskimies findet). 1899 schrieb Jean Sibelius die Segelfahrt [12] auf einen deutschen Text des finnischen Autors Johannes Öhquist, der auch das Pseudonym Wilhelm Habermann benutzte.

Auch der finnische Text zu Illalle (An den Abend) [1] stammt von Forsman-Koskimies; er schrieb die Worte für seine Verlobte Ilta Bergroth, wodurch der Titel des Gedichts eine doppelte Bedeutung erhält (= an Ilta). Die Komposition aus dem Jahre 1898 ist das sechste der Lieder op. 17. Beschlossen wird diese Publikation durch das wiederum finnische Lastu lainehilla (Der Span auf den Wellen) [9] auf einen Text von Ilmari Calamnius, der sich finnisch Kianto nannte. Das Lied datiert von 1902.

Die sechs Lieder op. 36 beginnen mit Svarta rosor (Schwarze Rosen) [4], das Sibelius 1899 auf ein Gedicht des schwedischen Malers und Dichters Ernst Abraham Josephson schrieb. Die begleitenden Arpeggien brechen immer wieder ab, um auf den Höhepunkten einer dramatischen Deklamation zu weichen. Das vierte Lied des Opus 36 ist die zweite, mit einer zart rieselnden Begleitung versehene Vertonung des Gedichts Säv, säv, susa (Schilfrohr, säusle) [6] aus dem Jahre 1900. Kurz davor hatte Sibelius Gustaf Frödings Text ein erstes Mal vertont [20]. Dabei handelt es sich um eines der bekanntesten schwedischen Lieder von Sibelius, und seine markante Alliteration ist sogleich vernehmbar. Die Kollektion endet mit Demanten på marssnön (Der Diamant auf dem Märzschnee) [8] auf Worte des Dichters und Schauspielautors Josef Julius Wecksell.

Die fünf Lieder op. 37 beginnen mit der zweiten Fassung des Första kyssen (Der erste Kuss) [3] von Runeberg; in dieser Version aus dem Jahre 1900 bietet der Komponist auch der dramatischen Romantik ihren Platz. Der vierte Titel der Sammlung, Var det en dröm? (War das ein Traum?) [7] entstand auf ein weiteres Gedicht von Wecksell, indessen der fünfte Titel mit seiner dramatisch-balladenhaften Einleitung, Flickan kom ifrån sin älsklings möte (Mädchen kam vom Stelldichein) [5], erneut auf Runeberg basiert. Die 1902 komponierte Fassung des Soluppgång (Sonnenaufgang) von Tor Hedberg [21], die hier als Erstaufnahme zu hören ist, unterscheidet sich von der als op. 37 Nr. 3 herausgebrachten Komposition vor allem in ihrer Vokallinie.

Sechs deutsche Lieder aus dem Jahre 1906 bilden das Opus 50. Das zweite Lied, Sehnsucht [14], verwendet ein Gedicht von Emil Rudolf Weiss; die Musik, die Sibelius dazu schrieb, scheint das Nachkriegs-Weimar vorwegzunehmen. Der dritte Titel, das melancholische Im Feld ein Mädchen singt [13], beschreibt mit einem Text von Margarete Susman die Klage des Mädchens um ihren toten Geliebten. Die Worte zu dem bewegenden und wirkungsvollen fünften Lied, Die stille Stadt [15], stammen von Richard Dehmel.

Ein seltener Versuch in englischer Sprache ist die 1909 entstandene Hymn to Thaïs [30], die Sibelius auf einen Text seines Freundes Arthur Borgström verfasste. Die Worte „Thaïs, she who cannot be forgotten“ (Thaïs, die man nie vergessen kann) müssen für Sibelius einen gewissen Klang gehabt haben, obwohl er sich im Englischen nicht vollkommen auskannte. Im selben Jahr wie die Hymne an Thaïs vertonte Sibelius auch Josephsons Vänskapens blomma (Die Blume der Freundschaft) [22].

Die sechs Lieder op. 88 entstanden 1917. Sie enthalten je drei Gedichte von Frans Mikael Franzén und Johan Ludvig Runeberg, die unter dem Hauptthema „Blumen“ zusammengefasst sind. Die Texte werden hier in einer finnischen Übersetzung von J. Gebhard gesungen. Das erste Lied Sinivuokko (Blåsippan: Die Anemone) [23] ist eine delikat-stimmungsvolle Miniatur. Darauf folgt die zarte Klage der Kaksi ruusua (De bägge rosorna: Die beiden Rosen) [24]. Im dritten Lied, Valkovuokko (Vitsippan: Die Sternblume) [25] setzt sich diese Stimmung fort. Lebhaft geht es mit Runebergs Vuokko (Sippan: Die Primel) weiter [26]. Villiruusu (Törnet: Der Dornbusch) [27] bringt eine gewisse Dramatik, und der Zyklus endet mit der eindringlichen Lyrik des Kukkasen kohtalo (Blommans öde: Das Schicksal der Blume) [28]. Narsissi (Narciss: Narcisse) [29] gehört zu den spätesten Liedern, die Sibelius geschrieben hat; die schwedischen Worte stammen von Bertel Gripenberg, einer führenden literarischen Figur aus der Generation des Komponisten (die finnische Übersetzung verfasste Kyllikki Solanterä). Das Lied ist von einer ganz eigenen Vollkommenheit und zeigt auf vorzügliche Weise, dass der Komponist auch die kleinen Formen beherrschte.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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