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8.570025 - FARNABY: Harpsichord Fantasias (Complete)
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Giles Farnaby (1562–1640)
Sämtliche Fantasien für Cembalo

 

Giles Farnaby wurde 1562 in London geboren. Sein Vater war Mitglied in der Gilde der Tischler, der auch der Sohn beitrat. Für gewöhnlich war damals die Mitgliedschaft in einer Gilde ein wertvolles Familienprivileg. Ein Vetter von Giles war Cembalobauer, und womöglich war er selbst dem Instrumentenbau ebenso verbunden wie viele andere Meister vor dem 19. Jahrhundert. Wenn nicht allein die Qualität seiner Musik jede Vermutung zerstreute, es könne sich bei Farnaby um einen Amateur gehandelt haben, so wären dazu die fragmentarischen Fakten seiner Biographie angetan. 1592 wurde er als „kenntnisreicher“ Mitarbeiter an einer Psalmsammlung bezeichnet und in Oxford zum Bachelor of Music promoviert. Dieser Grad setzte damals ein siebenjähriges Studium und die Beherrschung der lateinischen Sprache voraus. (John Bull, der eindeutig einen großen Einfluss auf Farnaby ausgeübt hat, gehörte zum Lehrkörper und erwarb im selben Jahr seine Doktorwürde.) Seine Lateinkenntnisse wird Farnabywohl an einer der Londoner Chorschulen erworben haben, wo talentierten Knaben ausgezeichnete Möglichkeiten geboten wurden. Sechs Jahre nach seiner Promotion ließ Farnaby sein Buch englischer Madrigale drucken, dessen Widmung ihn in der Nähe des Hofes von Elisabeth I. zeigt. Zudem enthielt die Publikation Glückwunschgedichte einiger der größten Komponisten seiner Zeit. Kurz nach seinem frühen Erfolg ging Farnaby für einige Jahre von London nach Aisthorpe in Lincolnshire, wo er als Kirchenvorsteher tätig war und die Kinder eines Landadligen unterrichtete. Ein Dokument aus jener Zeit bezeichnet ihn als „Gentleman“. Um 1610 kehrte die Familie nach London zurück. Über das weitere Schicksal ist nicht viel bekannt – außer, dass Giles Farnaby 1640 offenbar in Armut starb. Im Sterberegister nennt man ihn allerdings einen „musitian“ (Musiker).

Die einzigen bedeutenden Tatsachen, die aus Farnabys späterem Leben erhalten sind, bestehen in einem Psalter, den er der Präbende von St. Paul’s gewidmet hat, und in der Übertragung von 52 seiner 53 Cembalowerke in eine große, zu Beginn der 1620er Jahre hergestellten Manuskriptsammlung. Dass diese Handschrift erhalten blieb, wird nicht zuletzt an ihrer Pracht gelegen haben, aufgrund derer man sogar lange annahm, sie habe Königin Elisabeth selbst gehört. Dieser Mythos wurde im 19. Jahrhundert durch einen anderen ersetzt: Demnach soll sie von Francis Tregian hergestellt worden sein, einem Manne, der sich weigerte, der Kirche von England beizutreten und der von etwa 1609 bis zu seinem Tode im Jahre 1619 im Fleet-Gefängnis eingekerkert war. Neuere Untersuchungen von Ruby Reid Thompson scheinen darauf hinzuweisen, dass die Arbeit von einer Gruppe professioneller Schreiber ausgeführt wurde, die ein Papier von solch seltener Qualität verwandten, wie es sonst nur in der Umgebung des Königshofes zu finden war und von Inigo Jones für seine Dedikationszeichnungen benutzt wurde. Dieses Fitzwilliam Virginal Book verdankt seinen Namen dem Sammler, der es dem von ihm in Cambridge gegründeten Museum schenkte. Anscheinend war es als Geschenk für eine hochrangige Person gedacht, die sich eine große Sammlung der besten englischen Clavier-Musik wünschte. Es gibt Anhaltspunkte dafür, dass es sich einige Zeit in Holland befand und erst später wieder nach England zurückkam. In diesem Falle war es möglicherweise für Elisabeth, die musikliebende Tochter von James I. gedacht – die böhmische „Winterkönigin“, die jahrzehntelang im Exil in Den Haag lebte.

Farnabys Werk macht nicht weniger als ein Sechstel des Fitzwilliam Virginal Book aus. Diese immense Anthologie enthält Musik der englischen Virginalisten, jener großen Schule der Clavier-Komposition, die nach dem seltsamen Namen benannt wurde, den man in der englischen Renaissance dem Cembalo gab. Mit seinen Stücken befindet sich Farnaby ganz klar in der Gesellschaft von Byrd, Bull, Gibbons und Tomkins, und der Platz, den sie in ihrer einzigen bedeutenden Quelle einnehmen, sagt uns viel über die Wertschätzung, die der Komponist in den höchsten Kreisen genoss. Leider erlauben es die spärlichen historischen Aufzeichnungen nicht, die Werke in einen größeren Zusammenhang einzubetten.

Seit ihren Ursprüngen im 16. Jahrhundert bezeichnete der Begriff Fantasia ein nüchternes Stück, dessen Themen ohne Text und ohne feste Melodie oder cantus firmus in strenger Polyphonie durchgeführt wurden. Auch die Fantasien der Virginalisten beginnen damit, dass ein oder mehrere Themen in den verschiedenen Stimmen entwickelt werden, doch ans Ende ihrer kontrapunktischen Arbeit stellen sie eine Toccata, dessen idiomatisches, polyrhythmisches Tastenfeuerwerk eher zu der späteren Vorstellung von einer musikalischen Fantasie passt. Ein letztes Überbleibsel ist in Domenico Scarlattis Sonaten zu finden, die fast immer mit einem kurzen imitativen Abschnitt, einer Verneigung vor dem alten, gelehrten Kompositionsstil beginnen, bevor sie sich in verspielte Anarchie hinab begeben.

Es gibt eine weitere, völlig andersartige Art der Fantasie, die hier drei Werke von Farnaby repräsentieren. Diese ließen sich eher als Arrangements mehrstimmiger Lieder oder ausgezierte Intavolaturen polyphoner Vokalstücke bezeichnen. Zwei der Originalvorlagen sind nicht zu identifizieren, bei dem dritten Stück handelt es sich um eines von Farnabys eigenen Madrigalen, die er als canzonets bezeichnete. Die vier miteinander verflochtenen Vokallinien sind hier frei zugunsten eines üppigen Passagenwerkes verändert, das ein eigenes Leben gewinnt.

Glen Wilson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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