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8.570028 - KHANDOSHKIN: 3 Violin Sonatas, Op. 3 / 6 Russian Songs
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Iwan Jewstafjewitsch Chandoschkin (1747-1804)
Virtuose Musik für Violine am Hofe Katharinas der Großen

 

Obwohl Iwan Jewstafjewitsch Chandoschkin einer der bemerkenswertesten Komponisten aus dem ersten Jahrhundert des weltlichen russischen Musiklebens war, ist er heute weitgehend unbekannt. Als erster russischer Geiger-Komponist am Zarenhofe von St. Petersburg hatte sich Chandoschkin einen Namen gemacht, den man, als er starb, sogar in Europa kannte. Sein Ruhm war freilich nur ein vorübergehender.

Zar Peter III. war ein solch großer Musikliebhaber, dass er bei seiner erzwungenen Abdankung nichts weiter erbat als seine „Mätresse, seinen Hund, seinen Mohr und seine Geige.“ Man nimmt an, dass der dreizehnjährige Chandoschkin im Hoforchester lernte und von Tito Porta unterwiesen wurde. Die wichtigsten künstlerischen Impulse verdankte der junge Musiker italienischen Kollegen, unter anderem Domenico dall’Oglio und Pietro Peri, die gemeinsam als Konzertmeister in St. Petersburg wirkten. Als Katharina die Große auf den Thron kam, behielt sie Chandoschkin als ersten Geiger, Hofsolisten und Kapellmeister.

Katharina liebte die komische italienische Oper – je einfacher, desto besser. Auch schätzte sie russische Lieder und Tänze, wodurch sie ihre deutsche Herkunft herunterspielen konnte, und Chandoschkin war auf einzigartige Weise geeignet, sie zu unterhalten. Bei Hofe und in öffentlichen Konzerten konnte er es als Geiger mit den besten Italienern der Zeit aufnehmen. Der rauhe Lebensstil und die kalte Witterung Russlands wurde europäischen Musikern durch finanzielle Großzügigkeit aufgewogen: Ungeachtet auch französische und deutsche Geiger in St. Petersburg verschiedene Posten bekleideten, waren es doch ihre italienischen Kollegen, die die Salons, die Theater und den Hof beherrschten.

Da von Chandoschkin so wenig bekannt ist, hat man ihm einige Kompositionen zu Unrecht zugeschrieben. Es wird angenommen, dass mehrere dieser Stücke von dem Sowjetkomponisten Michael Goldstein stammen. Die authentischen Werke stellen seine spezielle Mischung aus europäischer Schule und russischer Sensibilität dar. Seine Violintechnik ist geprägt durch ein vollständiges Arsenal an anspruchsvollen Doppelgriffen, Verzierungen, bariolages (Klangfarbentausch auf der Violine, vor allem beim Wechsel von leerer Saite und gegriffenem Ton), Läufen, brisures (weite Sprünge über die Saiten hinweg), batteries (Arpeggio-Figuren) und unterschiedlichen Bogenstrichen. In seinen Kompositionen widmete er sich wirkungsvoll eher dem melancholischen Reichtum des tiefen Geigenregisters als der sehr hohen Tessitura.

Chandoschkins Trois Sonates pour le Violon seul, Oeuv. 3 wurden zwischen 1800 und 1808 von Dittmar in St. Petersburg veröffentlicht. Die sowjetische Ausgabe, die bei diesen Interpretationen verwandt wurde, stellt eine erweiterte Fassung früherer Versionen dar. Das Opus besteht aus den einzigen Solosonaten oder - capricen, die aus dem Russland des 18. oder 19. Jahrhunderts bekannt sind. Nach den beiden großen Bach-Zyklen der Sonaten & Partiten bzw. Suiten haben nur noch wenige Komponisten zu diesem Solorepertoire beigetragen. Es wäre allerdings möglich, dass Chandoschkin die entsprechenden Werke des Franzosen Isidore Bertheaume gekannt hat. Chandoschkins Sonaten sind wie mehrsätzige Capricen, in denen sich brillante Violintechnik und starke Emotionalität mit launiger Schreibweise verbinden. Ihre Strukturen und Phrasen sind sehr asymmetrisch, und alle drei Werke sind schwer zu spielen.

Die Sonate g-moll ist die längste und dramatischste der drei. In der Marcia, mit der das Werk beginnt, schaut der Komponist auf den empfindsamen Stil eines Carl Philipp Emanuel Bach zurück. Ausdrucksvolle Vorhalte, punktierte Rhythmen, Appoggiaturen, Chromatik, Septakkorde und Wendungen durchsetzen die Textur. Im zweiten der beiden ungleich langen Teile wird die Emotionalität durch Vierfachgriffe und eine Modulation nach d-moll nur noch verstärkt. Ein verminderter Septakkord nutzt in weiter Lage die leere G- und E-Saite, bevor es wieder nach g-moll geht und der Satz auf einem Tonika-Orgelpunkt zu Ende geht. Der zweite Satz spiegelt einen einfacheren Stil wider. Das erste Thema besteht aus einem energischen Ostinato-Motiv in Kombination mit einer in Vorhalten absteigenden Sextfolge. Das zweite Thema, ein repetitives Aufstrich-Staccato, erinnert an die bildhafte Darstellung gackernder oder pickender Hühner (la poule), wie sie ältere europäische Komponisten geschaffen haben. Ein stark ornamentiertes russisches Lied mit Variationen ist das Finale dieser Sonate. Chandoschkin verwendet hier eine absteigende Linie, Repetitionen, rasche Läufe, Seufzerfiguren und Vorhalte, die auf die Marcia des Anfangs zurückschauen, deren martialisch punktierte Figur und blühende Ornamentik in den Variationen wiederkehren. Chandoschkin kleidet das Thema in neue Harmonien, ornamentiert es, stellt das tiefe Register der Geige heraus und verwendet Doppelgriffe in sehr großer Fülle. Regelrecht athletisch sind dann die abschließenden drei Variationen mit ihren Oktaven, ihrem moto perpetuo und ihren heftigen brisures.

Die Sonate Es-dur ist von zarterem Charakter. Sie besteht aus drei Sätzen in zunehmend schnellerem Tempo. Den Auftakt bildet ein graziös-galantes Andante. Seine Phrasenbildung ist unregelmäßig, und der Harmonik fehlen kraftvolle Fortschreitungen. Es gibt zweitaktige Segmente, deren verminderte Septen und Zwischendominanten auf eine fünfzig Jahre jüngere Harmonik vorausschauen. Der Satz ähnelt mit seinem kadenzartigen Figurenwerk und seinen langen Legatobögen eher einer Fantasie. Ein überaus stilisiertes Menuett in Es-dur, erfüllt von Verzierungen und Doppelgriffen, führt zu einem ungewöhnlicheren Trio in c-moll. Die beiden Teile sind motivisch miteinander verwandt; Chandoschkin erweitert den zweiten Abschnitt, indem er mit Dezimen und anderen überraschenden Einschüben spielt. Am Ende der Sonate steht ein ungewöhnliches Rondo auf der Grundlage eines begeisternden rigaudon. Wie viele russische Lieder und Tänze wiederholt das Rondothema eine einfache, kreisende Idee – hier im Wechsel zwischen Gund D-Saite. Der motorische Satz besteht eindeutig aus einer Folge von Khorovods (Rundtänzen).

Die Sonate D-dur ist das kürzeste und individuellste der drei Werke. Der erste Satz ist von breiten Proportionen und beinhaltet sowohl kontemplative wie auch dramatische Stimmungen, die aus Vorhalten und Septakkorden resultieren. Der zweite Satz stellt ein improvisiertes Capriccio dar, dessen rastlose Harmonik und reiche batteries an Tartini oder Locatelli erinnern. Den Beschluss bildet ein brillanter Orgelpunkt, in dem sich „sägezahnartig“ tiefe Töne und Doppelgriffe auf den höheren Saiten abwechseln. Es folgt ein graziöses Menuett, das zu einem charmanten, sehnsuchtsvollen Trio in d-moll führt. Am Ende der Sonate steht ein kurzer Satz im Stile eines Marsches.

Chandoschkins Stärke bestand in seinem lebendigen, fantasievollen Violinstil und seinen beschwingten Rhythmen. Typisch sind Sprünge, Aufwärtsstaccati, ausgedehnte, farbige Doppelgriffe (mit Sekunden und Dezimen, verminderten Septakkorden und übermäßigen Sext-Beziehungen), Registerwechsel ausgedehnte Sequenzen, Zweiunddreißigstel- Einwürfe und Synkopen, woraus bisweilen eine beinahe atemlose Dramatik entsteht. Es scheint, dass diese Sonaten die Antwort des Instrumentalisten Chandoschkin auf die seinerzeitige russische Oper, insonderheit die Werke von Fomin (1761-1800), darstellten.

Russland liebte seine Lieder. Zwar legte der Adel in Kleidung, Konversation und gesellschaftlichem Umgang eine fieberhafte Frankomanie an den Tag (die in den komischen russischen Opern parodiert wurde). Die Bauern vom Lande jedoch und die städtische Oberschicht waren sich einig in ihrer Liebe zu den Volksliedern und den lebendigen, rhythmischen Tänzen. Russische Lieder erzählten von Krieg, politischer Unterdrückung, Arbeit, Trauer, Ernte und Liebe. In einer Reihe von Publikationen wurden die Texte und Melodien dieser Lieder zusammengestellt und bis nach Europa verbreitet. Zu den Sammlern gehörten Wassilij Fjodorowitsch Trutowsky, Nikolai Alexandrowitsch Lwow und Iwan Prach, A.I. Polezhajew, Friedrich Meyer sowie Johann Daniel Gerstenberg-Friedrich August Ditmar.

Bei der Übertragung russischer Volkslieder auf die Violine kamen Chandoschkin seine russischen Wurzeln zugute, da er sein Gefühl für die heimische Musik mit seiner westlich orientierten Instrumentalausbildung zu verbinden wusste. Für seine Variationen wählte er einfache Melodien – oft solche, die um einige wenige Töne kreisten, die er dann aber mit komplizierten Rhythmen und Doppelgriffen verzieren konnte. Zu den ältesten Liedertypen gehören die kant, Strophenlieder für zwei Sänger in Terzparallelen zu einem Bass. Diese hatten sich bis 1790 zu sentimentaleren Salonliedern entwickelt. Chandoschkin hat viele dieser Stücke für die Geige gesetzt und dabei die volkstümliche Intonation älterer Melodien in neuere städtische Lieder übernommen. Ein Ehrenplatz unter Chandoschkins Kompositionen gebührt jenen Sätzen, die nach den Liedern seiner russischen Heimat entstanden und mit denen er durch seine Doppelgriffe einen eigenen Stil und Fingerabdruck schuf. Die erste Sammlung erschien in Russland unter dem Titel Sechs alte russische Lieder mit beigefügten Variationen für eine Violine und eine Bratsche. Es sind diese – vermutlich auf das Jahr 1783 zu datierenden – Stücke, die hier eingespielt wurden. Nur das erste Lied ist für Bratsche geschrieben, die anderen werden von einem „Bass“ (Violoncello) begleitet. Von einigen Liedern hat Chandoschkin mehrere Sätze geschaffen; die hier eingespielten Versionen wurden bei der sowjetischen Veröffentlichung erweitert und übersteigert.

An der Brücke entlang ist ein urbanes Tanzlied, das in Lwow-Prach (Nr. 89), Trutowsky (Band II, Nr. 35) sowie in fünf verschiedenen Publikationen oder Sätzen Chandoschkins zu finden ist. Der fröhliche, rhythmische Satz in A-dur wurde ursprünglich mit dreizehn Variationen veröffentlicht. Das Pizzikato beschwört den Klang der Balalaika. Ist das mein Schicksal kennt man aus Beethovens „Rasumowsky-Quartetten“ op. 59. Beethoven verwandte dabei als Quelle Lwow-Prach (Nr. 9). Das urbane Lied von der ausgedehnten Art der Protiazhenyi gibt es in mindestens zwei Sätzen Chandoschkins. Kleine Taube, was sitzest du so traurig ist gleichermaßen eines der ausgedehnten Lieder. Es findet sich bei Lwow-Prach (Nr. 18), Trutowsky (Band I, Nr. 5) und in drei recht lyrischen Sätzen Chandoschkins (unter anderem in seinem Opus 1). Was geschah erschien zunächst ohne Titel, obwohl das Lied im 19. Jahrhundert unter dem Namen „Nauchit’ lit e, Vaniusha (Soll ich dich lehren, Vanja)“ kannte. Es ist ein ausdrucksvolles Lied, das Chandoschkin in einer Mischung von Dur und Moll setzte. Als ich einmal goldne Garben sammelte ist die kürzeste Variationsfolge; es bewegt sich in Moll, ist aber mit Dur-Harmonien gemischt und verwendet eine Mixtur punktierter Rhythmen. Einst war ich ein junger Mann ist ein Tanzlied, das es bei Lwow-Prach (Nr. 84), Trutowsky (Band III, Nr. 50) und in zwei Sätzen von Chandoschkin gibt. Die wirkungsvolle, brillante Variationsfolge bewegt sich mit unbekümmerter Keckheit durch eine Vielzahl unterschiedlicher Gedanken.

Anastasia Khitruks Interpretationen sind virtuos und farbig. Die klare Phrasierung, die rhythmische Verve und das fantasievolle Spiel lassen den Hof Katharinas und Chandoschkins Musik mit einer Lebendigkeit auferstehen, die der Komponist beneidet hätte.

Anne Mischakoff Heiles
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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