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8.570032 - PANUFNIK: Old Polish Suite / Concerto in modo antico / Jagiellonian Triptych / Hommage a Chopin
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Sir Andrzej Panufnik (1914–1991)
Eine Hommage an die polnische Musik

 

Andrzej Panufnik wurde in Warschau geboren und begann mit neun Jahren zu komponieren. Er absolvierte sein Kompositions- und Dirigierstudium am Konservatorium seiner Heimatstadt mit Auszeichnung, bevor er an der Wiener Akademie als Lieblingsschüler Felix Weingartners seine Kenntnisse des klassischen Repertoires erweiterte, bei Philippe Gaubert in Paris impressionistische Komponisten studierte und dann zur weiteren musikalischen Ausbildung nach London ging. Beim Ausbruch des Zweiten Weltkrieges kehrte er nach Warschau zurück, um für seine Eltern zu sorgen. Obwohl die Nazis Polen besetzt und alle öffentlichen Konzerte verboten hatten, spielte er in „Künstlercafés“ Klavier. Er arbeitete mit Witold Lutoslawski zusammen und musizierte mit seinem jüdischen Freund, dem Geiger Tadeusz Geisler, bis das Ghetto abgesperrt wurde. Trotz des Terrors auf den Warschauer Straßen dirigierte er bei illegalen Konzerten und Wohltätigkeitsveranstaltungen, und er komponierte Widerstandslieder wie das berühmte Warszawskie Dzieci. Während des Krieges verlor er die meisten seiner nahen Verwandten, und bei dem Warschauer Aufstand von 1944 wurden alle Werke vernichtet, die der inzwischen 30jährige geschrieben hatte.

Nach dem Krieg wirkte Panufnik zunächst als Chefdirigent der Krakauer Philharmoniker, bevor er in derselben Eigenschaft zu den Warschauer Philharmonikern ging. Als Gastdirigent war er überdies bei vielen führenden Orchestern Europas zu hören. Jene frühen Nachkriegsjahre brachten ihm internationale Bewunderung und nationale Ehrungen. Die Originalität seiner damaligen Werke machte ihn zum „Vater“ der polnischen Avantgarde. Doch nach 1949 änderte sich die Situation dramatisch, als Polen die Doktrin des Sozialistischen Realismus übernahm. Einerseits zur kompositorischen Wirkungslosigkeit verdammt, andererseits aber nicht bereit, die von den Autoritäten geforderte Musik zu schreiben, verließ Panufnik 1954 seine Heimat, um ein Zeichen gegen die Bevormundung kreativer Künstler zu setzen. Das führte dazu, dass sein Namen und seine Musik in Polen 23 Jahre völlig unbekannt waren. Er ließ sich in England nieder und fand in Boosey & Hawkes seinen Verlag. Von 1957 bis 1959 bekleidete er als musikalischer Leiter des City of Birmingham Symphony Orchestra seinen letzten offiziellen Posten, bevor er sich entschloss, sein Leben ganz dem Komponieren zu widmen. 1961 wurde Andrzej Panufnik britischer Staatsbürger. Unbelastet von politischen Dingen und von Dirigierverpflichtungen, wurden die folgenden Jahre zur kreativsten Phase seines Lebens.

Seit 1977 wurden Panufniks Werke schließlich aufgrund der Hartnäckigkeit polnischer Komponisten alljährlich beim immer innovativen Warschauer Herbst aufgeführt. Als 1990 die Demokratie wiederhergestellt worden war, kehrte er kurz in seine Heimat zurück, um im Rahmen des bekannten Festivals eigene Werke zu dirigieren. Seine Autobiographie Composing Myself wurde 1987 veröffentlicht. Im Januar seines Todesjahres 1991 wurde er in Großbritannien zum Ritter geschlagen, und posthum wurde er durch Präsident Lech Walesa mit dem Orden Polonia Restituta ausgezeichnet.

Panufniks Werkverzeichnis enthält zehn Symphonien. Aufträge zu Zentenarfeiern kamen von Georg Solti in Chicago und Seiji Ozawa in Boston, ferner entstanden drei Werke im Auftrag des London Symphony Orchestra, das auch viele seiner Kompositionen eingespielt hat. Yehudi Menuhin gab das Violinkonzert in Auftrag, Mstislaw Rostropowitsch und das LSO bestellten das Cellokonzert, und für die Royal Philharmonic Society entstand die neunte Symphonie. Neben vier Konzerten schrieb Panufnik drei Streichquartette, drei Kantaten und viele Werke für Streicher-Ensembles. Choreographiert wurde seine Musik unter anderem von Martha Graham und Kenneth MacMillan.

Als der führende Komponist Polens wurde Panufnik nach 1949 einem extremen Druck ausgesetzt, um sich dem Diktat des sozialistischen Realismus zu beugen. Zur Beschwichtigung der Autoritäten widmete er sich gelegentlich der selbstgestellten Aufgabe, musikalische Fragmente aus der fernen Vergangenheit seiner Heimat zu restaurieren. Seine Passion für alte Musik war schon geweckt worden, als er 1938 in London studierte, wo er eine große Bewunderung für Purcell, Avison und Boyce entwickelte. Unmittelbar nach dem Kriege fand er dann praktisch keine frühe polnische Musik, die er hätte dirigieren können. (Die große Partiturensammlung, die im Kloster Jasna Góra in Tschentsochau aufbewahrt wurde, war noch nicht entdeckt worden.) Zwischen 1947 und 1966 komponierte er vier Werke nach historischen polnischen Manuskripten. Darüber schrieb er:

Mein Drang, etwas von der alten polnischen Musik zu restaurieren, entstand, als ich erlebte, wie vorzüglich die Häuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert in der Warschauer Altstadt rekonstruiert wurden, die während des Aufstands am Ende des Zweiten Weltkrieges eingeebnet worden waren. Es erfüllte mich mit enormer Bewunderung, zu sehen, wie liebevoll meine Landsleute dieses beinahe wundersame neue Wachstum scheinbar verlorener architektonischer Schätze zustande brachten. Ich verspürte den starken Wunsch, eine ähnliche Aufgabe zu lösen – und zwar mit den gleichaltrigen Bruchstücken polnischer Vokal- und Instrumentalmusik, die in der langen, tragischen Geschichte Polens mit ihren zahlreichen Invasionen beinahe vergessen waren. Weniges von dieser Musik war in einem spielbaren Zustand; ich wollte die Lücke füllen und versuchen, wie jene historischen Warschauer Häuser dem echten Stil der Zeit möglichst nahe zu kommen, ohne meine eigenen musikalischen Fingerabdrücke zu hinterlassen. Meine Absicht war es, den Geist des damaligen Polen zum Leben zu erwecken und diese kostbaren Fragmente zu verwenden, die andernfalls leblos in den Regalen der Bibliotheken liegengeblieben wären ...

Die Alte polnische Suite für Streichorchester entstand 1950 und wurde 1955 revidiert. Sie besteht aus drei Tänzen, die durch zwei kürzere Zwischenspiele unterbrochen werden. Der Streichersatz ist reich und dennoch einfach, weil der Komponist die Essenz der alten Musik nicht in seinem eigenen Stil ertränken wollte. Der erste Tanz, Cenar, stammt aus der Lautentabulatur von Mateusz Weissellius. Sein etwas rustikales Element verbreitet nach einer anonymen britischen Kritik von 1960 „eine primitive Kraft und Naivität, die so raffiniert wie das Arrangement ist“. Dem trauerliedartigen Interludium (Lento expressivo) folgt als zweiter Tanz der Wyrwany in einer Molltonart; dieser Satz findet sich in einer anonymen Tabulatur aus dem 17. Jahrhundert und ist ein charaktervolles Menuett. In dem Choral (Andante tranquillo) lässt Panufnik die Violinen schweigen, so dass allein der volle Klang der Bratschen und Violoncelli zum Tragen kommt. Der dritte und letzte Tanz, Hayduk, aus der zwischen 1537 und 1548 verfassten Tabulatur des Jan von Lublin ist stilistisch ausgeklügelter und vermittelt einen graziöseren Geist, der aber ebenfalls auf die Elemente südpolnischer Volkstänze hinweist.

Das 1951 komponierte und vier Jahre später revidierte Concerto in Modo Antico für Trompete, Pauken, zwei Harfen, Cembalo und Streicher benutzt polnische Bruchstücke, die aus dem 14. bis 17. Jahrhundert stammen, und zeigt Panufniks Stärke im Umgang mit historischen Fragmenten. Hier wird der sonore Klang der Streicher durch die Solotrompete verstärkt.

Das Jagiellonische Triptychon soll auf abstrakte Weise an ein kirchliches Triptychon aus dem goldenen Jagiellonen-Zeitalter Polens erinnern. Sein letzter Beitrag zur Restauration alter polnischer Musik aus dem Jahre 1966 bedient sich verschiedener polnischer Fragmente, die Panufnik beiseite gelegt hatte, als er an seiner Alten polnischen Suite arbeitete. Das Triptychon entstand speziell für das Londoner Konzert zur 1000-Jahrfeier der polnischen Christianisierung und Staatsgründung. Sein anderes großes Werk, welches er zur Tausendjahrfeier Polens schuf, ist die nach wie vor beliebte, vielfach eingespielte Sinfonia Sacra, die von der New Yorker Kosciuszko-Stiftung für Leopold Stokowski in Auftrag gegeben wurde.

Das Divertimento von Janiewicz-Panufnik für Streichorchester (1947, revidiert 1955) beruht auf Trios des polnischen Komponisten Feliks Janiewicz (1762-1848), der seine Heimat als junger Geiger verließ und sein weiteres Leben in Großbritannien zubrachte. Er war ein Gründungsmitglied und Kapellmeister der Royal Philharmonic Society und lebte seit 1815 in Edinburgh. Als Panufnik 1947 in Polen mit der Arbeit an dem Divertimento begann, wusste er noch nicht, dass er wie Janiewicz und Chopin aus politischen Gründen emigrieren würde. Ein britischer Kritiker schrieb 1957: „Das Divertimento beginnt mit einem kraftvollen und doch einfachen Thema, das sich ruhig entwickelt; schon bald tritt eine gekräuselte Sechzehntelfigur hinzu, und die Ideen treiben einander vorwärts. Statt eines zweiten Themas erklingt das erste mit einem überlagerten Kontrapunkt wiederholt, der ein lyrisches Aroma verbreitet. Die Codetta lässt einen neuen, signifikant synkopierten Rhythmus entstehen. Die scheinbar simple Durchführung vollbringt wahre Wunder bei der Variation des mageren Materials. Darin zeigt sich die Hand des Meisters. Die Reprise ist eine weitere Transformation. Die Musik fließt auf neue, überraschende Weise dahin und kommt an einem besonders gelungenen Punkt zur Ruhe. Das Andante bietet einen brillanten, robusten Streichersatz. Eine amüsante und bezaubernde Weise scheint der andern atemlos zu folgen – wie man es aus den sprudelnden Rondosätzen Haydns kennt. Jede Orchesterstimme hat lebhafte Musik zu spielen. Die durchweg fröhliche Stimmung rundet das Divertimento offensichtlich ebenso angemessen wie überzeugend ab, um das Publikum entzückt zu entlassen.“

Das fünfte der hier eingespielten Werke, die Hommage à Chopin, hat Panufnik 1966 für Flöte und Streicher bearbeitet. Das im Auftrag des Musikrates der UNESCO zu Chopins 100. Todestag entstandene Stück war bereits 1949 unter dem Titel Vocalises in seiner ursprünglichen Fassung für Sopran und Klavier uraufgeführt worden. Im selben Jahr war Panufnik zusammen mit Arthur Honegger zum Vize-Vorsitzenden des UNESCO-Musikrates gewählt worden, ohne dass die diktatorische Hand der Stalinisten ihm den Besuch der Premiere oder irgendeiner anderen Veranstaltung erlaubt hätte, die die UNESCO damals zur Erinnerung an Chopin durchführte.

Panufnik schrieb:

... Ich wollte Chopin meine Reverenz nicht dadurch erweisen, dass ich seine Themen oder seinen pianistischen Stil verwandte, sondern vielmehr durch den Versuch, tief in seine Wurzeln vorzudringen und mich auf seine Liebe zu den Volksmelodien und -rhythmen zu beziehen, die ihn sein Leben lang inspiriert haben. Daher verwandte ich Volksmusik aus Masowien, dem zentralen Teil Polens, in dem Chopin geboren wurde.

Die musikalische Linienführung bringt eine ständige Verflechtung der Soloflöte und der Streicherbegleitung. Das Werk ist sowohl im Metrum wie im Tempo symmetrisch angelegt.

Camilla Jessel Panufnik
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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