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8.570033 - ORFF: Carmina Burana
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Carl Orff (1895–1982)
Carmina Burana

 

Der lateinische Titel Carmina Burana bedeutet so viel wie „Lieder aus (Benedikt-)Beuern“, benannt nach dem oberbayerischen Kloster Benediktbeuern, wo im Jahre 1803 etwa 250 Gedichte und Lieder aus dem 13. Jahrhundert aufgefunden worden sind. Sie werden bis heute an ihrem Fundort aufbewahrt, wo sie aber tatsächlich entstanden sind, läßt nicht mit Sicherheit sagen. Der Sprachforscher Johann Andreas Schmeller hat diese Gedichte überarbeitet und im Jahre 1843 unter dem Titel Carmina Burana herausgegeben. In der Zeit des Mittelalters, in der die Dichtungen entstanden sind, war das Lateinische in gebildeteren Kreisen als eine Art Amtssprache geläufig, und so ist auch der überwiegende Teil der Carmina Burana in Latein verfaßt. Den kleineren Teil bilden Verse in französischer und mittelhochdeutscher Sprache, letztere mit bayerischem Einschlag. Der literarische Wert dieser Dichtungen ist von Fall zu Fall recht unterschiedlich, die Sammlung ist aber dennoch eine der umfangreichsten und bedeutendsten ihrer Art, die wir heute kennen. Sie spiegelt in einzigartiger Weise den Zeitgeschmack des Mittelalters wider, im besonderen die Tendenz hin zur weltlichen Poesie, weg von der Allgegenwart der Kirche auch in der Kunst. Von daher ist bemerkenswert, daß die unzähligen anonymen Dichter der Carmina Burana aus kirchlichen Kreisen stammten. Sie waren sogenannte „Goliarden“, wandernde Scholaren und Geistliche aus niederen Schichten, die aber eher für Raufereien, Spielsucht und Zügellosigkeit bekannt waren als für Gelehrsamkeit und Frömmigkeit. So findet man in den Versen solche Themen wie die Freuden und Leiden der Liebe (auch derjenigen aus Gelegenheit), das „Bekenntnis“ von Sünden, die Anrufung des Schicksals sowie Hymnen auf das Spiel, den Trunk und die Völlerei.

Der Komponist Carl Orff hat aus der großen Sammlung vierundzwanzig Gedichte ausgewählt und vertont. Manche waren schon mit Melodie überliefert. Er hat aber nur die Texte übernommen, die Musik ist durchweg neu. Orff hat seine Auswahl unter die drei großen Themen Frühling, Schenke und Liebe gestellt und mit der berühmten Anklage des Schicksals eingerahmt ([Track 1], [2], [25]). Fortuna, das Schicksal, wird als „rollendes Rad von böser Art“ dargestellt, vor dessen ewigem Auf und Ab keiner entfliehen kann und das den Stärksten zu Fall bringt. Der erste große Abschnitt ist dem Lob des Frühlings gewidmet. Die Natur, aber auch die Liebe erwacht: „Der Chor der Mädchen verspricht schon tausend Freuden“ ([3]), „zu Amor drängt sich die Brust des Mannes“ ([4]), nach dem langen Winter bringt der Frühling auch die Freuden der Liebe zurück ([5]). Lange hat man nicht mehr so ausgelassen (und so umwerbend) auf dem Dorfanger getanzt ([6]). „Wer wird mich lieben?“ fragt sich das Mädchen, dessen Geliebter fortgeritten ist ([7]), und bittet den „Krämer Frühling“ um rote Farbe für ihre Wangen, damit es die Jünglinge betören kann ([8]). „Was hier umhergeht, das sind Mädchen, die wollen ohne Mann diesen Sommer sein“, heißt es im Reigen, doch hört man sie singen: „Komme, komm, Geliebter mein“ ([9]). „Die ganze Welt würde ich hergeben, nur um in den Armen der Königin von Engelland zu liegen“ ([10]) lautet das Resümee des ersten Teils der Carmina Burana.

Der zweite große Abschnitt ist „in der Schenke“ angesiedelt. Ironische Bitterkeit erfaßt den eingekehrten wandernden Geistlichen: Er ist frei, aber haltlos, ihn dürstet mehr nach Wollust als nach Seelenheil. Da nun einmal die Seele verdorben ist, muß der Leib um so besser versorgt werden ([11]). Ähnlich ironisch ist der Gesang des gebratenen Schwans ([12]), der seinem stolzen Leben in Freiheit nachtrauert und sich über seine entwürdigende kulinarische Herrichtung beklagt. Der Abt der Kukanier ([13]), der Einwohner des Schlaraffenlandes, hält regelmäßig „Konvent“ mit seinen Spiel- und Trinkbrüdern und nimmt sie dabei, zu ihrem großen Verdruß, nach Strich und Faden aus. „Wenn wir in der Schenke sind“ ([14]), so endet der zweite Abschnitt der Carmina Burana, verlieren wir beim Würfelspiel das letzte Hemd, wir trinken auf alles und jeden - wer uns deswegen schmäht, der soll verflucht sein.

„Liebeshof“, der dritte und letzte große Abschnitt, stellt zu Anfang eine Art Motto hin: Lob sei den Liebenden, Mitleid sei denen, die keine Liebe gefunden haben ([15]). Unerfüllte Liebe ([16]), vielleicht zu dem „Mädchen im roten Hemd“ ([17]), macht elend und begehrt nur das eine: „Die Fesseln ihrer Jungfräulichkeit zu lösen“ ([18]). „Wenn die Liebe heranwächst und die Scham abgetan ist“ ([19]), findet man zu derjenigen, die „röter als die Rose, weißer als die Lilie, schöner als alle“ ist ([20]), und die das „zwischen lustvoller Liebe und Schamhaftigkeit“ schwankende Herz dazu bringt, sich „dem so süßen Joch“ zu unterwerfen ([21]). Der Frühling kommt wieder in den Sinn, die Zeit der aufkeimenden Liebe ([22]), die schließlich ihre Erfüllung findet ([23]). Die Huldigung der idealen Frau ([24]) in Gestalt der Blanziflor (einer Frauengestalt aus der mittelalterlichen Sagenwelt), der Helena (der entführten Schönen in der griechischen Sage) und der Venus (der römischen Liebesgöttin) mündet unmittelbar in die Anklage des Schicksals ([25]), wie sie vom Beginn des Werkes bekannt ist, und schließt somit den Kreis um die Carmina Burana.

So schlicht und eindringlich die Verse sind, so elementar und bezwingend ist die Musik von Carl Orff. Auf der einen Seite stehen motorisch vorwärtstreibende Rhythmen und musikalische Figuren, die ständig wiederholt und bis zur Ekstase gesteigert werden, auf der anderen Seite ruhige, frei schwingende Melodien über lang ausgehaltenen Begleittönen. Orff vermeidet komplizierte Melodien und scharfe Spannungsklänge, die für die Musik seiner Zeitgenossen typisch sind, dafür ist der Rhythmus um so raffinierter durchdacht. Oft sind rhythmische Betonungen gegeneinander verschoben oder verschiedene Taktarten übereinandergelagert, jedoch ohne daß die Musik dadurch gekünstelt wirkt. Die Vorrangstellung des Rhythmischen schlägt sich auch in Orffs Orchester nieder: er verwendet neben den üblichen Streich- und Blasinstrumenten einen großen Schlagzeugapparat: fünf Pauken, drei Glockenspiele, Xylophon, Kastagnetten, Ratsche, Schellen, Triangel, Cymbeln, vier Becken, Tamtam, drei Glocken, Röhrenglocken, Tamburin, zwei kleine Trommeln und große Trommel; hinzu kommen noch die silbrig klingende Celesta und zwei Klaviere, die wie Schlaginstrumente eingesetzt sind. Die Besetzung auf der vokalen Seite hat entsprechende Dimensionen: Ein großer gemischter Chor, ein kleiner Chor und ein Knabenchor sind als Ensembles erforderlich; Sopran, Tenor und Bariton treten als Solisten hervor.

Als Carl Orff seine Carmina Burana komponierte, war er um die vierzig Jahre alt, und zu dieser Zeit noch mehr als Musikerzieher denn als Komponist bekannt. Er hatte an der Akademie der Tonkunst in München studiert und war kurze Zeit Theaterkapellmeister in München, Mannheim und Darmstadt gewesen. Er ließ sich 1919 als freischaffender Komponist in seiner Geburtsstadt München nieder und gründete fünf Jahre später gemeinsam mit Dorothee Günther die Güntherschule für Gymnastik, Musik und Tanz. Die Verbindung von improvisierter Musik und körperlicher Bewegung, wie er sie in seinem berühmten Schulwerk dargestellt hat, ist bis heute beispielgebend für eine kreative Musikerziehung. Orffs Erfahrungen als Musikpädagoge und als Leiter des Münchener Bach- Chores, seine intensive Beschäftigung mit Kunstformen des mittelalterlichen Europa und des alten Griechenland flossen in die Komposition der Carmina Burana ein. Mit diesem Werk hat Orff seinen unverwechselbaren Stil gefunden, und das hat er selbst gespürt: Viele Kompositionen, die vor der Carmina Burana entstanden sind, hat er vernichtet. Ein Großteil seiner späteren Werke wirkt wie eine „Fortsetzung“ der Carmina Burana, mit der er eine ganz eigene Form des „Gesamtkunstwerks“ oder des „totalen Theaters“ herausgebildet hat, eine Verschmelzung von Musik, Sprache und Bewegung. Orff hat die Carmina Burana als sogenannte „szenische Kantate“ konzipiert, als ein Werk für Solisten, Chor und Orchester, das dargestellt werden soll, einschließlich Kostüme,, Dekoration, Körpersprache, Tanz. Dieser ursprünglichen Konzeption begegnet man heute eher selten, denn die Carmina Burana werden meist konzertant aufgeführt, verfehlen aber auch in dieser Form ihre großartige Wirkung nicht. Das Werk hat nach seiner erfolgreichen Premiere am 8. Juli 1937 in Frankfurt am Main einen unvergleichlichen Siegeszug um die Welt angetreten. Mit Recht zählt man die Carmina Burana längst zu den Klassikern der Musik des 20. Jahrhunderts.

Tilo Kittel

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570033.htm

 


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