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8.570069 - RAUTAVAARA: Symphony No. 8, "The Journey" / Manhattan Trilogy / Apotheosis
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Einojuhani Rautavaara (geb. 1928)
Symphonie Nr. 8 „Die Reise“ • Manhattan Trilogy • Apotheosis

 

Einojuhani Rautavaara wurde am 9. Oktober 1928 in Helsinki geboren. Nachdem er 1952 an der Universität seiner Heimatstadt graduiert hatte, wurde er Schüler von Aarre Merikanto an der Sibelius-Akademie von Helsinki. 1955 erhielt er ein Stipendium der Kussewitzky-Stiftung, das ihn in die Lage versetzte, bei Vincent Persichetti an der New Yorker Juilliard School sowie bei Aaron Copland und Roger Sessions in Tanglewood zu studieren. Er vertiefte seine Ausbildung bei Vladimir Vogel in Ascona und bei Rudolf Petzold in Köln. Von 1966 bis 1971 war er als Dozent an der Sibelius-Akademie tätig. Dann wurde ihm eine staatliche Professur verliehen. Seit 1990 widmet er sich ausschließlich der Komposition. Seine Musik wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und ist in vielen Aufnahmen zu hören.

In seinem frühen Schaffen, für das beispielsweise das preisgekrönte Requiem in Our Time (1953) steht, wurde Rautavaara von den nordischen Klassikern Sibelius und Nielsen sowie von Bartók, Schostakowitsch und folkloristischen Elementen beeinflusst. Seine vierte Symphonie aus dem Jahre 1962 war dann eins der ersten finnischen Werke, in denen Reihentechniken Verwendung fanden. Zwei seiner dauerhaftesten Erfolge entstanden 1972, als sich das stilistische Spektrum des Komponisten bereits deutlich erweitert hatte: In Vigilia benutzte Rautavaara Gesänge der orthodoxen Liturgie, in Cantus Arcticus (Naxos 8.554147) werden neben modalen und aleatorischen Elementen Zuspielbänder mit Vogelstimmen eingesetzt. Die Musik der jüngeren Zeit verrät wieder eine größere tonale Ausrichtung. Dazu gehören die bislang letzten vier Symphonien (die Symphonie Nr. 7 erschien auf Naxos 8.555814) sowie die Opern Thomas (1985), Vincent (1987) und Aleksis Kivi (1997). Die kontinuierlich wachsende Zustimmung zu seiner Musik lässt sich unmissverständlich an den während der letzten zehn Jahre entstandenen Auftragswerken ablesen.

Die drei hier veröffentlichten Werke geben eine recht gute Vorstellung von der Richtung, die Rautavaara während des letzten Jahrzehnts in seiner Orchestermusik eingeschlagen hat. Apotheosis (1996) stellt eine überarbeitete Fassung des Schluss-Satzes aus der 1992 entstandenen sechsten Symphonie dar, die ihrerseits aus der Oper Vincent resultierte, weshalb ihr der Komponist auch den Untertitel „Vincentiana“ gab. Es wird hier zwar auf den Synthesizer verzichtet, der in dem Bühnenwerk die Gemälde des niederländischen Meisters beschwört, der musikalische Gehalt ist aber im wesentlichen derselbe. Über dem Rauschen der tiefen Streicher entfalten die Violinen eine ausgedehnte, von Holzbläser-Arabesken durchsetzte Melodie, die trotz ihrer Introvertiertheit eine intensive Atmosphäre erzeugt. Die melodische Linie verlagert sich bald in die Holzbläser, die darüber in Gestalt einer klagenden Pastorale reflektieren. Dann nehmen die Streicher den Diskurs wieder auf, und das Stück erreicht rasch einen ekstatischen Höhepunkt, bei dem die pfeifenden Streicher nebst choralartigem Blech im Vordergrund stehen. Anschließend verklingt die Musik in nebulösen Streichertexturen, derweil vereinzelte Holzbläser den gelösten Schluss stören.

Die Manhattan Trilogy (2004) ist eines der jüngsten Beispiele für Rautavaaras Orchesterschaffen. Sie entstand im Auftrag des Juilliard Orchestra und wurde von diesem im Oktober 2005 unter Dennis Russell Davies uraufgeführt. Wenngleich es sich dabei nicht um eine eigentliche Symphonie handelt, so findet die Satzfolge langsam-schnell-langsam doch gewisse klassische Vorbilder, wohingegen der Komponist bei der thematischen Arbeit und der Gestaltung der Texturen ganz direkt die Verfahren wie in seinen letzten vier Symphonien benutzt. Auch könnte jeder der drei Satztitel ohne weiteres von der New Yorker Skyline oder den Bildern dieser Stadt inspiriert worden sein, doch wird man in Rautavaaras Musik des letzten Vierteljahrhunderts ähnliche Bezeichnungen immer wieder finden. Das erste Stück, Tagtraume, beginnt in brütender Stimmung, bevor es sich einer klagenden Melodie öffnet, die sich zunächst Oboe und Klarinette zu einer zarten Harfenbegleitung teilen; eine Solovioline und eine Flöte setzen den Gedanken anschließend fort. Die Hörner markieren den Anfang des unruhigeren Mittelteils, dessen Vordergrund von den geteilten Streichern gebildet wird. Danach findet die Musik zu dem früheren Diskurs zurück, um einem zarten Schluss zuzustreben. Das zweite Stück, Alptraume, setzt mit leisen, bewegten Gesten der hohen Streicher und Blechbläser ein. Die Spannung wächst, während die Dissonanzen zunehmen und die Texturen kunstvoller werden. Diese Musik bricht ab und weicht dem fernen Gemurmel der Streicher, bevor die Intensität vor einer kurzen Klimax erneut zunimmt: Das gedämpfte Blech übernimmt die leise Streicherpassage, die dann vom Holz fortgeführt wird, worauf Blechbläser und Schlagzeug einen Angriff beginnen, der so plötzlich erstirbt, wie er gekommen war. Das dritte Stück, Morgendämmerung, hebt mit sehnsuchtsvollen Dialogen der Holzbläser über nachdenklichen Streichern an. Die hohen Streicher bestreiten dann den Höhepunkt im Gewande einer getragenen Threnodie, die durch Arabesken der Harfe und unheilvolle Figuren des Schlagzeugs verstärkt werden. Dann dünnt sich die Musik rasch zum Klang ferner Glocken aus.

Die im April 2000 vom Philadelphia Orchestra unter Wolfgang Sawallisch uraufgeführte achte Symphonie aus dem Jahre 1999 ist bislang Rautavaaras jüngster Beitrag zu der Gattung. Das als Die Reise betitelte Werk beschäftigt sich auf ähnliche Weise wie die drei Vorgängerinnen mit der Metamorphose musikalischer Gedanken, doch beschreitet sie in der Anordnung ihrer Sätze einen beinahe klassischen Weg. Insbesondere gilt das für die beiden Mittelsätze, deren Gegensatz dadurch noch schärfer wird, dass sie ohne Pause zu spielen sind.

Vor einem pulsierenden Hintergrund beginnt der erste Satz mit einer nachdenklichen Melodie der tiefen Streicher und Holzbläser. Dieser Gedanke steigt allmählich in höhere Register und wird von den Violinen beantwortet, während die emotionale Intensität der Musik langsam zunimmt. Es gibt im Verlauf des Satzes keine wahrnehmbare Temposteigerung; vielmehr erweitert sich der Diskurs, um Raum für verschiedene Holzbläser- und Streicherpassagen zu lassen, die allesamt aus der melodischen Linie des Anfangs hergeleitet sind. In der anschließenden Klimax wird das Material voller Leidenschaft von den hohen Streichern und vom volltönenden Schlagzeug aufgegriffen, bevor es in einem schimmernden Orchesternebel verklingt, der die musikalische „Reise“ nachdenklich in der Schwebe hält.

Das Scherzo gehört zu den konzentriertesten, drängendsten Stücken in Rautavaaras gesamtem späteren Schaffen. Zwar hört man im Hintergrund die Schläge der Blechbläser und der Perkussion, doch das melodische Material ist eine schnellere Variante dessen, was am Anfang des ersten Satzes zu hören war – jetzt freilich durch kantige Einwürfe unterbrochen. Ohne Pause beginnt der langsame Satz mit einem ganz anderen Gesichtspunkt: Ein Horn spielt solistisch zu den geisterhaften Violinen und choralartigen Antworten der tiefen Streicher und Holzbläser. Ein großes Spektrum an Texturen und Instrumentalkombinationen schließt sich an, bevor ein kurzer Höhepunkt erreicht wird. Danach ertönt unmittelbar vor dem Ende des Satzes erneut die Hornmelodie. Es sollte darauf hingewiesen werden, dass im Verlaufe des Abschnitts ein Gedanke aus der Oper Thomas zitiert wird: „Diese Reise geht weiter ... wessen Reise? Die Reise von einem, der am Ende über die Zeit hinauswandert?“ Doch das ist ein isolierter Moment: Anders als bei der sechsten Symphonie und Vincent gibt es zwischen der Achten und Thomas keine Beziehungen.

Das Finale beginnt mit getragenen, von Glockenschlägen gekrönten Streicherphrasen, die eine gewisse spirituelle Bedeutung beschwören. Blech- und Holzbläser verstärken den Eindruck, während die Musik langsam intensiver wird und dabei einen größeren rhythmischen Schwung erhält. Auch die melodische Führung wird beweglicher, bis Blech und Perkussion das Material vom Anfang des Satzes wieder aufgreifen. Von hier aus führt der Weg entschlossen zu einer Apotheose, die nicht nur die thematische Kontinuität des gesamten Werkes gewährleistet, sondern auch in einem ebenso kraftvollen wie affirmativen Abschluss resultiert.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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