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8.570073 - TABAKOV: Concerto for 2 Flutes / Piano Concerto
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Emil Tabakov (geb. 1947)
Konzert für zwei Flöten und Orchester • Klavierkonzert

 

Emil Tabakov war ein exzellenter, auch bei Wettbewerben ausgezeichneter Kontrabassist, bevor er sich aufs Dirigieren und Komponieren verlegte. Er hat bislang sieben Symphonien, ein lateinisches Requiem, eine (der alten bulgarischen Hauptstadt Veliko Tarnovo gewidmete) Kantate sowie Konzertstücke, Musik für verschiedene Ensembles und Instrumentalkonzerte geschrieben, in denen er seine Vorstellungen vom Auftreten und den Aufgaben eines modernen Solisten ausführt. Für seine symphonischen Werke wählt er einen kleinen Vorrat äußerst konzentrierter thematischer Gedanken, deren Durchführungsarbeit eher mit den Prozeduren der klassischen Symphonik vom Anfang des 20. Jahrhunderts verwandt ist.

Sein Konzert für zwei Flöten und Orchester schrieb Emil Tabakov im Jahre 2000 auf Ersuchen des weltbekannten französischen Flötisten Patrick Gallois, dem es auch gewidmet ist. Der erste Satz mit der Bezeichnung Largo beginnt mit gehaltenen Tönen, die von den geteilten Violinen im pianissimo gespielt werden; dann setzen nacheinander in meditativer Delikatesse die beiden Soloflöten mit einem Thema ein, das sie in einem wiederholten Rhythmusschema vorstellen. Die Musik wird lebhafter, wenn die Solisten im Kanon das zweite Thema exponieren. Die Durchführung bringt verschiedene Tempo-Verzögerungen, Verdichtungen und Entspannungen sowie sehr sparsame, maßvolle Timbres der beiden Flöten, die sich oft in einer einfachen imitativen Textur bewegen. Aus diesem Kontrast von Timbres und Bewegungen entsteht ein Gefühl der Tragik, das sich in der zweiten Episode des Satzes fortsetzt, wenn das virtuose Konzert zu einem dramatischen langsamen Satz verwandelt wird. Eine kurze, vom Orchester übernommene Coda der Solisten führt den Satz morendo zu seinem Schlusstakt. Die Stille absorbiert alles.

Die Tempo-Angabe des zweiten Satzes, Allegro giocoso, entspricht eher der typischen Idiomatik der Solo-Instrumente. Der Komponist, der selten über seine Musik spricht, ist in der Beschreibung des Stückes sehr konzis: „Als erstes ein langsamer meditativer Abschnitt, als zweites dann ein schneller virtuoser Teil.” Ein viertöniges Thema, das die Grundlage des Satzes bildet, erklingt zunächst in den Flöten, die von Maracas, Tamburin und Bulgarischer Trommel unterbrochen werden (letztere lässt sich durch eine gewöhnliche große Trommel ersetzen). Das leicht fragmentierte Thema wird vom Orchester übernommen, während wahnwitzige, glissando-artige Passagen der Holzbläser den Charakter des Themas deutlich in einem plötzlichen forte verändern. Das Thema wird dann den Violinen, Fagotten und Trompeten übertragen. Die reinen Klänge der Exposition verwandeln sich in eine Bedrohung; nach der ersten Durchführungsphase hat die scheinbare Wiederholung bereits eine völlig andere Bedeutung erhalten. Der Gedanke setzt sich im gesamten zweiten Satz fort. Die nächste grandiose Kulmination besteht in einem Tutti des Orchesters, das die beiden Flöten von der Bühne zu verdrängen scheint. Der Reprise geht dann ein eloquenter Schlagzeug-Monolog der Trommeln, Becken und Maracas vorauf. Danach entführen uns die beiden Solisten mit ihrer Kadenz, die mehr ist als ein virtuoses Schauspiel, in eine ganz andere Welt, in der die Musik eine überaus suggestive Theatralik gewinnt.

Die Uraufführung des Konzertes fand am 17. Juni 2003 in Ankara statt. Die Solisten Patrick Gallois und Albena Petrova wurden vom Orchester der Bilkent-Universität unter Leitung des Komponisten begleitet. Seither wurde das Werk mit enormem Erfolg in Rußland, Mexiko und Bulgarien gespielt.

Der offizielle Anlass zur Komposition des Klavierkonzertes war ein Auftrag des Rotary Clubs von Adana (Türkei) zum Jubiläum der türkischen Armee. Was zunächst wie ein Paradoxon anmuten könnte, resultierte in einem exquisiten Werk, für das sich bisher drei Pianisten interessiert haben: die berühmte türkische Pianistin Gülsin Onay, ihr junger bulgarischer Kollege Georgi Cherkin und der international bekannte Franzose Jean-Phillipe Collard, der in der vorliegenden Aufnahme als Solist zu hören ist. Das Stück wurde 2003 vollendet und im selben Jahr in Adana uraufgeführt. Unter der Leitung des Komponisten spielte Gülsin Onay den Solopart.

Die Komposition folgt der traditionellen Dreisätzigkeit des klassischen Konzertes (schnell-langsam-schnell) und ist für großes Orchester geschrieben. Das Werk beginnt mit einem signalartigen Trompetenmotiv, das möglicherweise auf den Anlass anspielt, dem sich die Komposition verdankte.

Das Hauptthema wird schon bald verwandelt und zeigt jetzt eine klassische Fröhlichkeit und Energie, die durch aggressive Bläserglissandi auf der einen und delikaten Klaviersatz auf der andern Seite eine kontrastreiche Atmosphäre entstehen lassen. Die Höhepunkte dieses Satzes werden durch Variationen der rhythmischen Akzentuierung und orchestralen Farben erreicht. Mit ihrer wunderbaren Verbindung aus Virtuosität und logischer Reprise des Kopfsatz-Materials führt die Kadenz des Solisten zu einer wilden Coda.

Der langsame Satz bietet nicht nur hinsichtlich des Tempos und Charakters einen Kontrast, sondern vor allem auch in seinen Texturen und Timbres. Hier unterstützt der Solist gemeinsam mit den Becken und dem Tamtam die zarte Melodie der Pikkoloflöte. Holzbläser und Streicher vervollständigen die Illusion eines ruhigen, imaginären Raums. Diese schöne Flucht aus der Wirklichkeit wird mit einer leisen Ausblendung der Piccoloflöte umrahmt, die jetzt einen halben Ton tiefer als zu Beginn des Satzes spielt.

Der dritte Satz ist der komplexeste Teil des Werkes und hat einen virtuosen, toccatenartigen und sogar aggressiven Charakter. Hier spielt das Soloinstrument die Hauptrolle, doch man hört den Klavierklang in den verschiedenen Abschnitten des Satzes durch verschiedene Instrumente des Orchesters hindurch. Das Klavier wird entweder von einer Solo-Oboe eingeschlossen oder von pfeifenden Flöten oder Trompeten ergänzt, die Blechbläser werden wiederum in Glissandi eingesetzt. Das zweite Thema führt uns mit dem herrlichen Dialog einer Solovioline und des Klaviers wieder zu der intimen Stimmung zurück. Nach einem mächtigen Höhepunkt macht das Orchester dem Klavier Platz, das um die Vorherrschaft kämpft bis das signalartige Motiv aus dem ersten Satz wiederkehrt.

Es ist erstaunlich, dass sich dieses Konzert in der heutigen Welt, die voll der unterschiedlichsten musikalischen Gedanken ist und in der so ziemlich alles als Komposition durchgehen kann, so resolut für eine Ökonomie der Mittel und strenge formale Prozeduren einsetzt, die auf klassischen Modellen basieren. Die Musik spricht mit dem Hörer in einer zeitgenössischen Sprache, ohne ihn zu verwirren oder ihm das Gefühl zu geben, er sei der Sache nicht gewachsen. Diese Musik will gehört werden – und tatsächlich wird sie auch gehört.

Ekaterina Docheva
Deutsche Fassung nach der englischen Übersetzung von Deyan Georgiev von Cris Posslac

 


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