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8.570075 - RAVEL: Daphnis and Chloe
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Maurice Ravel (1875–1937)
Daphnis et Chloé

 

Maurice Ravel, geboren 1875 in dem kleinen Küstenort Ciboure (Basses-Pyrénées) im französischen Baskenland, verbrachte seine Kindheit und Jugend vor allem in Paris. Mit sieben Jahren erhielt er erste Klavierstunden und mit vierzehn begann er an der Vorbereitungsklasse des Konservatoriums Klavier zu studieren. Im Jahr 1895 verließ er das Konservatorium, da er die Prädikate verfehlte, ohne die es kein Vorankommen gab; doch drei Jahre später nahm er unter Gabriel Fauré (1845–1924) seine Studien wieder auf. Wiederholt – selbst als er schon ein durchaus etablierter Komponist war – misslang es ihm, den wichtigen Prix de Rome zu gewinnen; als er bei seinem fünften Versuch 1905 ausgeschlossen wurde, entstand ein Skandal, der zu Reformen am Konservatorium führte, dessen Direktor nun Fauré wurde.

Ravels Karriere setzte sich in den Jahren vor 1914 erfolgreich fort mit einer Reihe origineller Werke, darunter wichtige Beiträge zum Klavierrepertoire und zum französischen Liedkorpus sowie Ballettmusiken. 1915 trat er als Fahrer in den Krieg ein; die Kriegsjahre ließen ihm wenig Zeit und Kraft zum Komponieren, besonders nach dem Tod seiner Mutter 1917. Bis 1920 jedoch kehrte seine Kreativität wieder und er setzte sein Werk mit einer Reihe von Kompositionen fort. Dazu gehörte eine Orchestrierung seines choreographischen Gedichts La valse, die der russische Impresario Serge Diaghilew (1872–1929) allerdings zurückwies, was zu einem Bruch in ihrer Beziehung führte. Ravel nahm eine Reihe von Engagements als Pianist und Dirigent eigener Werke an – in Frankreich und im Ausland. All das fand durch die langwierige Krankheit – verursacht durch einen Taxiunfall 1932 – ein Ende, die schließlich zu seinem Tod 1937 führte.

Daphnis et Chloé, Ravels symphonie choréographique, basiert auf dem Hirten- und Liebesroman des Longus von Lesbos, eines griechischen Schriftstellers aus dem zweiten Jahrhundert n. Chr., von dem sonst wenig bekannt ist. Die Liebesgeschichte mit dem Titel Poimenikà katà Dàphnin kaì Chlóen spielt auf der Insel Lesbos, wo die Liebenden nach allerlei Missgeschicken wieder zueinander finden. Die Idee für das Ballett stammte von dem russischen Choreographen Michel Fokin (1880–1942); es war dessen letztes Werk für Diaghilews Ballets Russes und kam unter schwierigen Umständen am Pariser Théâtre du Châtelet auf die Bühne. Fokin hatte die Idee eines griechischen Balletts schon einige Jahre gehegt und präsentierte 1904 dem Mariinsky Theater in St. Petersburg, wo er erster Tänzer (Premier danseur) war, sein Szenarium. 1909 ging er als Chefchoreograph zu Diaghilew nach Paris und sah nun die Möglichkeit, sein größtes Meisterwerk zu kreieren. Diaghilew beauftragte Ravel für 1910 mit Musik zu Daphnis et Chloé; es kam allerdings zu Verzögerungen beim Komponieren. Ravel änderte das Szenarium Fokins, denn er sah die Geschichte ganz durch das Prisma der Longus-Übersetzung des französischen Humanisten Jacques Amyot (1513–1593) und im Sinne der pastoralen Konventionen des 18. Jahrhunderts – mit einer gewissen Nostalgie für die ferne Vergangenheit –, wie sie seine Zeitgenossen Verlaine, Mallarmé und andere kultivierten. Das neue Ballett beschloss schließlich die Pariser Theatersaison von 1912, wurde allerdings bis zu einem gewissen Grad von dem Skandalerfolg (succès de scandale) überschattet, den L’Après-midi d’un faune einige Tage zuvor gefeiert hatte. Choreographiert und getanzt von Diaghilews neuem Favoriten Wazlaw Nijinsky (1889–1950), hatten dessen erotische Gesten ganz am Ende des Balletts Anstoß erregt und jene Art von Kontroverse hervorgerufen, die für große Publizität sorgt.

Daphnis et Chloé, das sehr viel größere Ressourcen forderte – Tänzer, Orchestermusiker und Sänger – erlebte nur zwei Aufführungen. Fokin, kurz vor dem Ende seiner Zeit bei Diaghilew, hatte öffentlich mit dem Impresario gestritten, indem er ihm unter anderem die Beziehung zu Nijinsky und deren wahrnehmbare Auswirkungen auf die Truppe vorwarf. Diaghilew seinerseits versuchte das Ballett trotz des angekündigten Programms abzusetzen und plante dann, die Reihenfolge der Ballette zu ändern und das Theater eine halbe Stunde vorher zu öffnen, so dass Daphnis et Chloé vor leerem Haus getanzt worden wäre. Fokin wusste das zu verhindern, so dass sein Ballett wie angekündigt am 8. Juni dem Pariser Publikum präsentiert wurde, als zweiter Programmpunkt. Statt der erwarteten vier Aufführungen gab es sehr zum Ärger Ravels nur noch eine weitere, und zwar am 10. Juni, dem letzten Tag der Saison. Nijinsky tanzte – die einzigen Male in seiner Karriere – den Daphnis, die Karsavina die Chloé, Adolph Bolm den Dorcon, Daphnis’ Rivalen, während die Rolle des Alten Schäfers der Veteran Cecchetti übernommen hatte. Das Bühnenbild stammte von Leon Bakst, Dirigent war Pierre Monteux. Trotz der Gruppenintrigen hinter der Bühne – Anhänger Fokins gegen jene Diaghilews und Nijinskys – wurde das Werk gut aufgeführt und gut genug aufgenommen.

[Track 1] Die Eröffnungsszenerie ist eine Wiese nahe einem heiligen Hain. Im Hintergrund Berge, auf der rechten Seite eine Höhle, an deren Eingang sich drei archaische Nymphenfiguren, aus dem gleichen Gestein gehauen, befinden. Links, etwas weiter hinten, befindet sich ein gewaltiger Felsen, der vage an den Gott Pan erinnert. Auf einer zweiten Ebene weiden Schafe. Ein strahlender Frühlingsnachmittag. Wenn sich der Vorhang hebt, ist die Bühne leer. Die gedämpften Streicher formen allmählich einen Akkord, eine Flöte spielt ein Sehnsuchtsthema, begleitet von einem wortlosen Chor hinter der Bühne. Der Klang einer Oboe ist zu hören, und die Musik schwillt zügig an, wenn junge Männer und Mädchen auftreten mit Körben voller Geschenke für die Nymphen. Die Bühne füllt sich allmählich, die jungen Menschen verneigen sich vor den Nymphen, während die Mädchen Kränze um die Sockel der Statuen winden. Streicher und Harfe beginnen einen religiösen Tanz, die Holzbläser kommen hinzu. Der Ziegenhirte Daphnis erscheint, seiner Herde folgend. Chloé tritt zu ihm, und sie nähern sich dem Altar, verschwinden dann um eine Ecke. Der Tanz geht weiter. Daphnis und Chloé kommen zurück und verneigen sich vor den Nymphen. Der Tanz wird unterbrochen angesichts der beiden.

[2] Ein Violinsolo führt zu einem lebhafteren Tanz. Die Mädchen erwecken Daphnis’ Aufmerksamkeit und umtanzen ihn, während Chloé erste Anwandlungen von Eifersucht hat. Die jungen Männer ziehen sie in den Tanz. Der Kuhhirte Dorcon zeigt Interesse. Daphnis schaut ungehalten, bevor sich alle am Tanz beteiligen. Als der Tanz zuende geht, versucht Dorcon Chloé zu küssen – unschuldig hält sie ihm die Wange hin, doch Daphnis stößt ihn weg.

[3] Daphnis nähert sich Chloé zärtlich. Die jungen Männer intervenieren, stellen sich vor Chloé und stoßen Daphnis sachte weg. Einer von ihnen schlägt einen Tanzwettstreit zwischen Daphnis und Dorcon vor – der Gewinner soll mit einem Kuss von Chloé belohnt werden. Dorcons grotesker Tanz mit Bläserbegleitung ruft Belustigung hervor; die jungen Leute machen seine plumpen Bewegungen nach. Als Dorcon seinen Tanz beendet, herrscht allgemeines Gelächter. Daphnis antwortet mit einem anmutigen Tanz und wird einstimmig zum Sieger erklärt. Dorcon kommt auch nach vorn, wird aber von der lachenden Menge vertrieben.

[4] Das Lachen bricht ab, und Daphnis und Chloé schließen sich in die Arme. Die jungen Leute treten ab und nehmen Chloé mit sich. Daphnis steht reglos, wie in Ekstase. Stimmen hinter den Kulissen sind zu vernehmen, sie verlieren sich in der Ferne. Daphnis liegt flach im Gras und hält sein Gesicht in seinen Händen. Lyceion, eine Frau mit größerer Erfahrung, tritt auf und hebt, als sie den jungen Ziegenhirten sieht, dessen Kopf und hält ihre Hände vor seine Augen. Daphnis glaubt, dass es Chloé ist, doch dann erkennt er Lyceion und versucht zu fliehen. Lyceion indessen tanzt und lässt wie aus Versehen einen ihrer Schleier fallen. Daphnis hebt ihn auf und legt ihn ihr um. Sie setzt ihren Tanz fort, der immer erregter wird. Sie lässt einen weiteren Schleier fallen, den Daphnis wiederum aufhebt, bevor sie sich aus dem Staub macht und den jungen Ziegenhirten verspottet. Waffengeklirr und Kriegsgeschrei sind zu hören und nähern sich. Auf der zweiten Ebene sieht man davonlaufende Mädchen, verfolgt von Piraten. Daphnis macht sich Sorgen um Chloé, sie könnte in Gefahr sein, und bricht auf, um ihr zu helfen. Chloé kommt verzweifelt angerannt und versucht zu fliehen. Sie wirft sich vor dem Altar der Nymphen nieder und erfleht deren Schutz. Eine Bande von Piraten stürzt herein und verschleppt sie. Daphnis kommt auf der Suche nach ihr zurück und findet eine Sandale, die sie verloren hat. Wahnsinnig vor Verzweiflung verflucht er die Götter, die sie nicht behütet haben, und fällt ohnmächtig vor den Eingang der Höhle.

[5] Die Landschaft liegt in merkwürdigem Licht. Ein kleine Flamme brennt auf dem Kopf einer der Statuen. Die Nymphe wird lebendig und tritt von ihrem Postament hinab, gefolgt von der zweiten und dritten. Sie spielen zusammen und beginnen einen langsamen, geheimnisvollen Tanz. Sie erblicken Daphnis, beugen sich über ihn und trocknen seine Tränen. Nachdem sie ihn wiederbelebt haben, führen sie ihn zu dem Felsen und rufen Pan an. Die Figur des Gottes kommt allmählich näher, und Daphnis wirft sich flehend nieder. Alles schwindet.

[6] Wieder sind entfernte Stimmen hinter den Kulissen zu hören; die Szenerie wechselt.

[7] Trübes Licht herrscht, und das Piratenlager auf einem felsigen Ufer ist zu erkennen. Die Piraten beschäftigen sich mit ihrem Plunder. Fackeln erhellen die Szenerie. Die Piraten tanzen, anfangs zu derber Begleitung. Auf ein ruhigeres Zwischenspiel folgt ein erregterer Tanz, nach dem die Männer erschöpft zu Boden fallen.

[8] Bryaxis, ihr Anführer, lässt die Gefangene bringen. Er fordert die an den Händen gefesselte Chloé auf zu tanzen. Ihr Tanz ist ein flehentlicher, begleitet vom Englischhorn. Sie versucht zu fliehen, wird aber wieder eingefangen. Verzweifelt tanzt sie weiter. Erneut versucht sie zu fliehen, abermals wird sie zurückgebracht, nun in Verzweiflung versinkend bei dem Gedanken an Daphnis. Bryaxis lässt sie im Triumph fortschaffen. Unversehens ändert sich die Atmosphäre. Kleine Flammen scheinen auf, von unsichtbarer Hand angezündet, und fantastische Kreaturen werden sichtbar, kriechend oder springend. Satyrn tauchen auf allen Seiten auf und kreisen die Piraten ein. Drohend erhebt sich der Schatten des Pan über den Bergen im Hintergrund. Die Piraten fliehen in Panik.

[9] Die Szenerie des Beginns kehrt wieder, als die Nacht weicht. Das einzige Geräusch ist das des Taues, der sich über die Felsen legt. Daphnis liegt noch immer vor der Höhle der Nymphen. Allmählich tagt es. Vögel singen, und in der Ferne zieht ein Schäfer mit seiner Herde vorbei. Ein weiterer Schäfer ist im Hintergrund zu erkennen. Eine Gruppe von Hirten tritt auf und sucht nach Daphnis und Chloé. Sie erblicken Daphnis und wecken ihn. Sorgenvoll sieht er sich nach Chloé um. Endlich erscheint sie, umgeben von Schäferinnen. Sie fallen einander in die Arme. Daphnis sieht Chloés Krone – sein Traum war prophetisch – Pan hat eingegriffen.

[10] Der alte Schäfer Lammon erklärt, dass Chloé gerettet worden sei, weil Pan sich der Nymphe Syrinx erinnerte, die er liebte. Daphnis und Chloé mimen das Abenteuer von Pan und Syrinx. Chloé stellt die junge Nymphe dar und streift über die Wiese. Daphnis tritt als Pan auf und erklärt ihr seine Liebe. Die Nymphe weist ihn zurück, doch der Gott wird zudringlicher. Sie verschwindet im Schilf. Verzweifelt ergreift er einige Schilfhalme und fertigt eine Flöte, auf der er eine melancholische Melodie spielt. Chloé kommt zurück und stellt in ihrem Tanz den Klang von Pans Flöte dar. Ihr Tanz wird immer lebhafter, bis sie erschöpft in die Arme von Daphnis fällt.

[11] Schließlich schwört Daphnis vor dem Altar der Nymphen den Glauben und opfert zwei Schafe. Eine Gruppe junger Mädchen mit Tamburinen tritt auf, verkleidet als Bacchantinnen. Daphnis and Chloé umarmen sich zärtlich. Junge Männer kommen dazu, und alle tanzen ein fröhliches Bacchanale. So endet das Ballett.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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