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8.570130 - GIANNINI: Symphony No. 3 / Dedication Overture / Variations and Fugue
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Vittorio Giannini (1903-1966)
Dedication Overture • Fantasia • Präludium und Allegro
Sinfonie Nr. 3 • Variationer und Fuge

 

Vittorio Giannini wurde als Kind einer hervorragenden Musikerfamilie in Philadelphia geboren. Nicht nur seine beiden Eltern waren professionelle Musiker, seine Schwester Dusolina (1902–1986) war in den 1930er und 1940er Jahren eine der weltweit führenden Sopranistinnen; eine weitere Schwester, Euphemia, war viele Jahre Mitglied der Gesangsfakultät des Curtis Institute of Music. Heute ist Vittorio wohl am besten als Lehrer bekannt, verbrachte er doch Jahrzehnte an den Kompositionsabteilungen der Juilliard School, des Curtis Institute und der Manhattan School of Music. Er beendete seine pädagogische Laufbahn als Gründungspräsident der North Carolina School of the Arts. John Corigliano, David Amram, Adolphus Hailstork, Alfred Reed, Nicolas Flagello und Thomas Pasatieri gehörten zu seinen Schülern.

Giannini war zugleich ein profilierter Komponist – einer der vielen Italo-Amerikaner, deren Werk im 20. Jahrhundert zur Blüte gelangte. Er trug zu einem hochrangigen Repertoire entlang den traditionellen tonalen und formalen Entwicklungslinien bei. Sein Werk umfasst mehr als ein Dutzend Opern, sieben Sinfonien, Liedpartituren sowie ein weites Spektrum an Konzerten, Chor- und Kammerkompositionen wie auch Werke für Blasorchester. Seine Musik zeichnet sich durch warme Unmittelbarkeit des Ausdrucks, schmeichelnden Lyrismus und makellose Ausführung aus. Als wahrer Traditionalist hatte Giannini kein Interesse, sich als Trendsetter hervorzutun. Sein musikalisches Credo wird vielleicht am besten in seiner Aussage deutlich, dass er angetrieben gewesen sei von einer unaufhörlichen Suche nach dem Schönen, in der bescheidenen Hoffnung, dass ich privilegiert sein möge, dieses Ziel zu erreichen – und wenn auch nur für einen kostbaren Augenblick, den ich mit meinen Zuhörern teile.

Obgleich Gianninis kreative Arbeit alle wichtigen musikalischen Genres umfasste, ist er für seine Opernund Vokalmusik sowie für seine Stücke für Blasorchester am besten bekannt. Oper und Blasorchesters scheinen Welten auseinander zu liegen, doch hat diese Dualität Vorläufer in Gianninis familiärem Hintergrund. Sein Vater Ferruccio – 1885 aus der Toskana in die Vereinigten Stasten ausgewandert – war ein erfolgreicher Tenor wie auch Gründer eines italoamerikanischen Blasorchesters, das um die Jahrhundertwende in Philadelphia und Atlantic City florierte.

Im Alter von fünf Jahren erhielt Vittorio ersten Musikunterricht von seiner Mutter; fünf Jahre später wurde ihm ein Stipendium zum Studium am Verdi- Konservatorium in Mailand verliehen. Dort konzentrierte er sich auf Violine und Komposition. Zurück in den Vereinigten Staaten, setzte er seine Ausbildung mit einem Kompositionsstudium bei Rubin Goldmark an der Juilliard School in New York fort. In den 1920er, 1930er und frühen 1940er Jahren schrieb Giannini vor allem Opern und Lieder – alle in hochromantischem, wenn nicht gar sentimentalem Stil. Eines seiner frühen Lieder wurde sein berühmtestes: Tell Me, Oh Blue, Blue Sky, geschrieben 1927. Später machten es Sänger wie Leonard Warren, Mario Lanza und in jüngerer Zeit Thomas Hampson bekannt. Im Europa der dreißiger Jahre hatte Giannini zwei große Opernerfolge: Lucedia und The Scarlet Letter (Der scharlachrote Buchstabe), letztere mit seiner Schwester Dusolina und Hans Hotter in den Hauptrollen. Trotz Kritikerlobs wurde sie nie wieder aufgeführt. In den späten dreißiger Jahren beauftragte CBS Giannini mit zwei kurzen Radioopern: Beauty and the Beast (Die Schöne und das Biest) und Blennerhassett; beide wurden mehrfach auf die Bühne gebracht. Sein nachhaltigster Opernerfolg ist indessen eine Buffoadaption von Shakespeares The Taming of the Shrew (Der Widerspenstigen Zähmung).

In den frühen 1940er Jahren wandte sich Giannini der Instrumentalmusik zu – Werken, die geradliniger und konziser gestaltet sind und weniger aufgeladen von romantischer Emphase. Viele Stücke aus den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren sind leichten, unterhaltenden Charakters, zuweilen auf barocke Formen gegründet und oft im Hinblick auf Studentenensembles komponiert. In einigen Werken der sechziger Jahre beginnt Giannini dunklere, komplexe und dissonante Ausdrucksformen zu erkunden. Einige dieser späten Werke gehören zu seinen bemerkenswertesten und profundesten Schöpfungen.

In den fünfziger Jahren fanden dank Richard Franko Goldman von der Goldman Band in New York, William Revelli an der Universität Michigan und Frederick Fennell an der Eastman School of Music das sinfonische Blasorchester und sein kleinerer, flexiblerer Verwandter, das Bläserensemble, als ernsthaftes künstlerisches Medium gleichsam zu sich selbst. Der Bedarf an geeignetem Repertoire veranlasste bekannte amerikanische Komponisten, sich diesem Genre zuzuwenden, darunter Vittorio Giannini, der zwischen 1958 und 1965 fünf solcher Werke schrieb.

Die Dedication Overture entstand 1965 für die Feierlichkeiten anlässlich des ersten Jahrestages der North Carolina School of the Arts. Es ist ein festliches Stück, gänzlich konventionell in Stil und Charakter, doch erfüllt von einer arglosen Aufrichtigkeit, die selbst den anspruchsvollen Hörer anspricht – ein Beispiel für die vollkommene Beherrschung der traditionellen Form- und Durchführungstechnik. Die Ouvertüre ist aus zwei im Wesentlichen diatonischen thematischen Gedanken konstruiert: Der erste, von marschartigem Charakter, besteht aus einer Anzahl von Motiven, welche die Bausteine des ganzen Stücks bilden; der zweite, in markantem Kontrast, ist nostalgisch. Diese Gedanken werden nun abwechselnd ausgearbeitet in einer Weise, der man leicht folgen kann. Ein subtiles zusätzliches Element ist der Tritonus, der dem ersten thematischen Gedanken zugrunde liegt und gegen Ende des Werkes stärker in den Vordergrund tritt.

Die Fantasia wurde von einer vorstädtischen New Yorker Musiklehrervereinigung in Auftrag gegeben und 1963 vollendet. Obwohl die technischen Anforderungen verhältnismäßig gering sind, ist das Stück überwiegend dunkel und dramatisch im Charakter. Wie der Titel vermuten lässt, führt die Fantasia einige kurze Motive durch eine Folge sich ändernder Tempi und Stimmungen. Eine bedrohliche Exposition des Hauptmotivs eröffnet das Werk. Dieses wird sodann in einer leisen, ruhelosen Passage entwickelt, wobei weitere Motive eingeführt werden. Darauf folgt ein langsamerer Abschnitt, in dem das Hauptmotiv melancholisch-lyrische Gestalt annimmt. Schließlich wechselt die Stimmung von traurig zu hoffnungsvoll und gipfelt in einer begeisternden Klimax.

Praeludium and Allegro ist Gianninis erstes Stück für Blasorchester – ein Auftragswerk der Goldman Band von 1958. Das Präludium führt eine düstere Melodie über einer pochend-pulsierenden Begleitung ein. Die Musik ist romantisch in ihrem Gefühlsausdruck, die rhythmische Regelmäßigkeit und symmetrische Ausdrucksweise jedoch lassen an einen barocken Satz mit der Bezeichnung Grave denken. Selbst die kontrastierende Zweiteiligkeit erinnert an Verfahren des 17. Jahrhunderts. Das Allegro führt einen rasch dahineilenden Gedanken der Holzbläser ein, der sich in ausgeklügelten Kreuzrhythmen entfaltet. Dieser Gedanke wird sodann im Kontrapunkt mit Fragmenten des Themas aus dem Präludium entwickelt. Eine Episode, in der dieses Thema gegen hochdissonante Akkorde gesetzt ist, führt zu einer Rekapitulation des Allegro-Materials, die einem Höhepunkt entgegenstrebt, an dem die Melodie des Präludiums in abgekürzter Form wiederkehrt – nun als Aufschrei der Verzweiflung.

Kurz nach Vollendung von Praeludium and Allegro wandte sich Giannini der Komposition einer ganzen Sinfonie – seiner dritten – für Blasorchester zu, einem Auftrag der Duke University Band und ihres Dirigenten Paul Bryan. Die 1958 vollendete Sinfonie Nr. 3 ist zweifellos Gianninis meist aufgeführtes und aufgenommenes Werk und wurde ein beliebte Säule des Repertoires für Blasorchester. Der erste Satz, Allegro energico, etabliert B-Dur als vorherrschende Tonart und beginnt mit einem resoluten, auf den mixolydischen Modus hindeutenden Thema auf der Basis einer Reihe von aufsteigenden Quarten und einer Triolen-Figur. Ein weiteres, überleitendes Thema besteht aus einem hastigen Gedanken der Holzbläser. Das zweite Thema, ein choralartiger Gedanke, hebt an und weicht zurück und steigert sich zu einem Höhepunkt. Die Durchführung inkorporiert die Quarten aus dem ersten Thema in das Überleitungsmaterial, während andere Elemente des ersten Themas ebenfalls entwickelt werden. Schließlich kommt es zur erwarteten Reprise der beiden Themen mit dem hastigen Überleitungsmaterial in verkürzter Form. Ein erneuter Auftritt des ersten Themas beendet den Satz.

Das Adagio hat ausgesprochen nostalgischen Charakter und kreist allgemein um den Ton As. Seine ersten beiden Gedanken nehmen Bezug auf die Themen des ersten Satzes: Im ersten ist das Intervall der Quarte vorherrschend, der zweite ist choralartig und steigt und fällt schrittweise. Der erste Gedanke erblüht in einer traurigen Melodie, die von einer Soloflöte vorgestellt wird und das zweite Thema der Dedication Overture vorwegnimmt. Dieser alterniert mit dem choralartigen Gedanken, der allmählich ausgearbeitet wird. Darauf folgt ein etwas ruheloser Abschnitt, in dem eine Soloklarinette einem Solokornett antwortet, wobei der Choralgedanke zunehmend hervortritt. Die traurige Melodie kehrt zurück und steigert sich zu einem Höhepunkt, bevor eine Coda aus Reminiszenzen den Satz beendet.

Der dritte Satz, Allegretto, ist eine Art Intermezzo, dessen Hauptgedanke ein verstohlen-skurriles Thema in B-Moll ist, das mit der rhythmischen Akzentverschiebung der sog. Hemiole spielt. Eine ausgedehnte, weit gespannte Melodie, die zweimal erscheint, schafft Kontrast.

Der vierte Satz, Allegro con brio, kehrt zu B-Dur zurück und hat wie der erste Satz Sonaten-Allegro- Gestalt, jedoch mit Marschcharakter. Sein Hauptgedanke ist eine brillante, rasch absteigende Tonskala. Dieser folgt ein fanfarenartiges Motiv, das in den Kornetts und Trompeten auf den lydischen Modus hindeutet, und dann ein länger währender melodischer Gedanke. Aus diesem erwächst das zweite, gebändigtere, doch immer noch martialische Thema, das vergleichbare Passagen in William Waltons zeremoniellen Werken in Erinnerung ruft. Die Stimmung wird wiederum überschwänglich, wenn ein abschließender fröhlicher Gedanke der Holzbläser erscheint, begleitet von Tonskalen im Blech. Nach einer Folge aufsteigender Quarten in Erinnerung an den ersten Satz folgt eine Durchführung, in der viel von dem bisher gehörten Material mit einigen kontrapunktischen Schwierigkeiten verarbeitet wird – gemessen an dem unbeschwerten Charakter des Satzes. Die folgende Reprise führt den Satz und die ganze Sinfonie zu einem schillernden Abschluss.

Variations and Fugue ist eines der letzten Werke Gianninis, in denen er – verglichen mit seinen früheren Werken – eine tiefere, mehr persönliche Ausdrucksform und einen höheren Grad an struktureller Komplexität erkundete. Es stellt einen Höhepunkt seines Umgangs mit traditionellen Kompositionstechniken dar, die er bis zu ihren äußersten Grenzen geführt hat. Das Werk mit Elementen sowohl einer Chaconne als auch einer Passacaglia präsentiert eine Folge von fünfzehn Variationen über einer Akkordsequenz in C-moll, einer chromatisch absteigenden Basslinie und einer chromatisch aufsteigenden Melodielinie. Auf die Variationen folgt eine Doppelfuge, deren erstes Thema eine Zwölf-Ton-Kombination der Bass- und der Melodielinie in Form eines Keils ist und deren zweites Thema aus demselben Material gebildet ist. Trotz seiner festen Verankerung in der Tonalität erreicht das Werk durch eine ausgefeilte Textur aus disharmonischen Tönen und Akkordschichtungen beachtliche Dissonanz. Es ist zudem ein weiteres Beispiel für die Art, wie Giannini romantisch-expressiven Gehalt mit barocken Formverfahren verbindet – bis hin zu Tierce de Picardie, mit dem das Werk endet. Variations and Fugue gilt als eine seiner besten Kompositionen und wurde als Auftrag der Purdue University Symphonic Band im Mai 1965 von dieser uraufgeführt.

Walter Simmons
Deutsche Fassung: Thomas Theise


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