About this Recording
8.570137 - LISZT: Donizetti Opera Transcriptions (Liszt Complete Piano Music, Vol. 27)
English  German 

Franz Liszt (1811–1886)
Opern-Reminiszenzen und -Transkriptionen nach Donizetti

 

Endlich riß die Fantasie aus «Lucrezia Borgia» … – dieses non plus ultra von Schwierigkeiten – das zahlreich versammelte Publikum zum Staunen und Verwunderung hin. Der enthusiastische Beifall konnte dießmal keine Zugabe von Liszt ertrotzen.
Dr. K–, Allgemeine Wiener Musik-Zeitung, 26.3.1846

Franz Liszt wurde 1811 im ungarischen Raiding geboren. Sein Vater Adam war Amtmann im Dienste der Fürstenfamilie Esterházy, deren Kapellmeister Joseph Haydn einst gewesen war. Schon früh wurde Franz vom ungarischen Adel gefördert, so dass er 1822 in Wien bei Carl Czerny Unterricht nehmen konnte. Damals kam es auch zu der berühmten Begegnung mit Beethoven. Von Wien ging Liszt nach Paris. Luigi Cherubini verweigerte ihm, dem Ausländer, zwar die Zulassung zum Conservatoire; gleichwohl konnte der Jüngling das Publikum mit seinen Darbietungen beeindrucken. Unterstützt wurde er jetzt durch die Klavierbauer-Familie Erard, für deren Produkte er bei seinen Konzerttourneen Werbung machte. 1827 starb der Vater, worauf seine Mutter nach Paris kam. Franz Liszt unterrichtete, studierte und profitierte von den intellektuellen Kreisen, mit denen er in der Seine-Metropole Kontakte pflegte. Ein neues Interesse am virtuosen Klavierspiel entstand, als er den grossen Geiger Nicolo Paganini hörte, dessen technische Fertigkeiten er nun nachzuahmen begann.

In den nächsten Jahren schuf Franz Liszt als Teil seines virtuosen Arbeitsmaterials zahlreiche Kompositionen – darunter auch Lieder und Opernfantasien. Seine Beziehung zu der verheirateten Comtesse Marie d’Agoult veranlasste ihn, Paris für einige Jahre den Rücken zu kehren. Er lebte zunächst in der Schweiz, kam dann nach Paris zurück, um endlich nach Italien, Wien und Ungarn zu reisen. 1844 endete die Beziehung zu seiner Geliebten und Mutter seiner drei Kinder. Seine Konzertkarriere dauerte noch bis 1847: In diesem Jahr begann sein Verhältnis zu der polnischen Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein, die vor ihrem ungeliebten russischen Gemahl geflohen war und sich 1848 mit Liszt in der Goethe-Stadt Weimar niederließ. Hier beschäftigte sich Franz Liszt nun mit einer neuen Form der Orchestermusik, der Symphonischen Dichtung; außerdem widmete er sich, wie üblich, der Revision und Publikation früherer Werke.

1861 ging der inzwischen fünfzigjährige Franz Liszt nach Rom, wo Fürstin Carolyne bereits seit dem Vorjahr lebte. Nach erfolgter Scheidung und Annullierung schien der Weg zur Eheschließung offen, doch beide lebten fortan in getrennten Wohnungen. Liszt empfing schließlich die niederen Weihen und lebte abwechselnd in Weimar, wo er jüngere Künstlergenerationen unterrichtete, in Rom, wo er seinen geistlichen Interessen nachging, und in Pest, das ihn als Nationalhelden feierte. Er starb 1886 in Bayreuth, wo seine Tochter Cosima residierte und damit beschäftigt war, die Musik ihres drei Jahre früher verstorbenen Ehemannes Richard Wagner zu verbreiten.

Operntranskriptionen, -arrangements, -paraphrasen und -phantasien waren für das Repertoire eines jeden Virtuosen unverzichtbar. Liszt leistet bei der Evokation des Opernhauses glänzende Arbeit und verfuhr dabei mit dem entliehenen Material oft auf eine innovative Weise, die neue Aspekte offenbarte. Um die vierzig Werke dieser Art hat er geschaffen, darunter solche nach Meyerbeer, Bellini und Donizetti, später dann nach Verdi und Wagner.

Gaëtano Donizetti war ein fleißiger Komponist und nach dem Tode Bellinis (1835) der führende Vertreter auf dem Gebiet der italienischen Oper. Diese Position bekleidete er bis zum Ausbruch der tödlichen Krankheit, der er 1848 erliegen sollte. In Istanbul hatte Liszt drei Jahre vorher während einer Konzerttournee persönlichen Kontakt zu Donizettis Bruder Giuseppe gehabt, der dort in den Diensten des Sultans Abdul-Mejid stand, und an seiner langjährigen Wirkungsstätte Weimar brachte Liszt neben vielen andern Werken auch das Schaffen Gaëtano Donizettis auf die Bühne.

Die Valse de concert sur deux motifs de Lucia et Parisina wurde 1852 als drittes Stück einer Kollektion von Caprices-valses veröffentlicht. Sie ist die Revision eines früheren Werkes, der Valse à capriccio sur deux motifs de Lucia et Parisina de Gaetano Donizetti, S401/R155. Donizettis Oper Lucia di Lammermoor nach Sir Walter Scotts Roman Die Braut von Lammermoor war 1835 uraufgeführt worden. Das Walzerthema, das ihr Liszt entnahm, gehört in die Arie Verranno a te sull’aure („ Zu Dir wird meine Seufzer der leise Zephyr tragen“), in der Lucia im ersten Akt von ihrem Liebsten Edgar Abschied nimmt. Weit weniger bekannt ist die 1833 in Florenz uraufgeführte Oper Parisina nach einem Gedicht von Byron. Darin geht es um die Liebe der Titelheldin zu Ugo, der von Parisinas eifersüchtigem Ehemann Azzo d’Este getötet wird; dieser muss dann erfahren, dass es sich bei Ugo um seinen eigenen Sohn handelte. Das Thema, das Liszt verwandte, stammt aus dem zweiten Akt der Oper.

Liszts Réminiscences de Lucrezia Borgia, Grande fantaisie sur des motifs de l’opéra de Gaëtano Donizetti wurden 1849 veröffentlicht. Dabei handelt es sich um die Revision und Erweiterung eines Werkes, das im frühen Winter 1840 in Hamburg entstanden war. Donizettis Oper wurde 1833 uraufgeführt und basiert auf dem im selben Jahr erschienenen Schauspiel Lucrèce Borgia von Victor Hugo, der darin die bekannte Geschichte der Lucrezia Borgia behandelt. In der revidierten Fassung seines Werkes verwendet Liszt das Trio aus dem ersten Akt der Oper, das Lucrezia, ihr Ehemann Alfonso d’Este und ihr Sohn Gennero singen. Letzterer wurde vergiftet, um ihn für seine „Majestätsbeleidigung” zu bestrafen: Er hatte den Anfangsbuchstaben B des Namens Borgia auf dem Wappen des Palastportals abgeschlagen, um die Schlechtigkeit Lucrezias zu brandmarken, von der er nicht weiß, dass sie seine Mutter ist. Alfonsos Motiv für den Giftmord ist die Eifersucht auf einen Mann, den er für seinen Rivalen und den Geliebten seiner Gattin hält. Lucrezia hat allerdings ein Gegengift, das sie bereit ist zu verabreichen. Das „Trinklied” Il segreto per esser felici („Das Geheimnis des Glücks”) gehört in den zweiten und letzten Akt der Oper: Der junge römische Edelmann Maffio Orsini (eine Hosenrolle für Alt) singt diese Ballade, indessen er mit seinen Freunden den Wein trinkt, den Lucrezia vergiftet hat, um sich für die Schmach zu rächen, die man ihr in Venedig bereitet hat. Entsetzt muss sie endlich bemerken, dass auch ihr Sohn Gennaro unter den Zechern ist. Liszt durchsetzt diese Szene mit Elementen, die aus den Festlichkeiten des Prologs stammen, in dem die maskierte Lucrezia ihren lange verschollenen Sohn beobachtet; sie wird hier von dessen Freunden erkannt und des Mordes an Mitgliedern ihrer Familien beschuldigt.

Liszt schätzte Donizettis Lucrezia Borgia außerordentlich, vielleicht sogar mehr als Lucia di Lammermoor. Seine Réminiscences de Lucia di Lammermoor bestehen aus zwei Teilen, die unabhängig voneinander in den Jahren 1841 und 1844 veröffentlicht wurden, was der Komponist allerdings, wie er später betonte, ursprünglich nicht vorgehabt hatte. Das Andante final basiert auf dem Schluss-Sextett aus dem zweiten Akt der Oper. Lucia ist durch einen Winkelzug ihres Bruders dazu gebracht worden, in die Ehe mit Arturo einzuwilligen. Mit Chi mi frena in tal momento („Welch Gefühl mit mächt’gem Streben”) stürzt Edgar herein, Lucias treuer Geliebter und Feind ihrer Familie: Er beschuldigt die junge Frau, ihren Treueschwur gebrochen zu haben, und droht, Gewalt anzuwenden. Der Trauermarsch erklingt im dritten Akt, wenn die Menschen in Lammermoor den Tod Lucias beklagen, die in geistiger Umnachtung ihren eben angetrauten Ehemann umgebracht hat. Der Marsch führt zu einer Variante des Esci, fuggi („Fort, entfliehe den tödlichen Streichen”) vom Ende des zweiten Aktes, in dem Edgars Feinde den Eindringling auffordern, zu verschwinden, bevor sie von ihren Waffen Gebrauch machen. Darauf folgt in Liszts Werk die letzte Arie Edgars, der sich darauf das Leben nimmt: Tu che a Dio spiegasti l’ali („Engel, Du im Strahlenkleide”).

Die Oper La Favorite wurde 1840 in Paris uraufgeführt. Donizetti brachte sie als Bearbeitung seines L’ange de Nisida heraus, der seinerseits auf ein älteres Werk zurückging. Wagner stellte einen Klavierauszug her, den Liszt benutzte, als er die Kavatine Spirto gentil transkribierte. Leonora, die Geliebte des Königs Alfonso, soll mit Ferdinand vermählt werden, einem ehemaligen Novizen aus Compostela, der sie liebt, ohne von ihrer Beziehung zum König zu wissen. Als er den Sachverhalt erkennt, lehnt er die Ehre ab, die ihm der König zugedacht hat, und kehrt ins Kloster zurück. In Spirto gentil aus dem vierten Akt singt er von seinem Kummer. Leonora hat sich als Novize verkleidet und will Ferdinand, wie sie’s bereits früher versucht hatte, die Wahrheit offenbaren. Seine Liebe entflammt aufs neue, doch sie stirbt in seinen Armen. Spirto gentil ist bis heute eine populäre Tenorarie.

Dom Sébastien, roi de Portugal war Donizettis letzte Oper. Das 1843 in Paris uraufgeführte Werk behandelt den glücklosen Kreuzzug des Dom Sébastien gegen die Mauren, seine Niederlage, seinen vermeintlichen Tod und seine Liebe zu Zaïda, der Tochter des Maurenfürsten, der er das Leben gerettet hat. Seine Abwesenheit nutzt ein Usurpator, um sich des portugiesischen Thrones zu bemächtigen. Als Sébastien inkognito wieder in Lissabon ist, kann er seinem eigenen Begräbnis beiwohnen. Er wird erkannt, als Betrüger vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Ein Fluchtversuch mit Zaïda endet tödlich. 1844 schuf Liszt seine variierte Transkription des Marche funèbre de Dom Sébastien. Im nächsten Jahr überreichte er das Werk der portugiesischen Königin Maria II. in einer prächtigen Abschrift, während er sich für sechs Wochen in Lissabon aufhielt (zu Beginn dieser Reise hatte er eine Aufführung von Lucrezia Borgia besucht). Donizetti selbst empfahl einem Freund Liszts Version des Marsches, weil darin auf besondere Weise der Schrecken beschworen sei.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


Close the window