About this Recording
8.570144 - ALWYN, W.: Concerto for Oboe, Harp and Strings / Elizabethan Dances / The Innumerable Dance (Royal Liverpool Philharmonic, Lloyd-Jones)
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William Alwyn (1905–1985)
Elizabethan Dances • Oboe Concerto • Aphrodite in Aulis

 

Die Orchestermusik William Alwyns umspannt eine Periode von fünfzig Jahren: von der Peter Pan Suite von 1923 bis zur Fünften Symphonie (Hydriotaphia) von 1973; sie stellt einen großen und gewichtigen Teil seines Gesamtwerks dar. Zu ihr gehören unter anderem fünf Symphonien, Konzerte für Flöte, Oboe, Harfe und Klavier sowie zahlreiche kleinere Stücke deskriptiven Charakters. Dazu kommen vier Opern, Vokal-, Kam-mer- und Instrumentalmusik. Alwyn war zudem Linguist, Poet und Maler. Seine meisterhafte Orchestrierung ist in jedem der hier enthaltenen Stücke offenkundig – sie verdankt sich zum Teil seiner Erfahrung als Orchester-Insider. Im Alter von 15 Jahren ging er als Flötist – mit Klavier als zweitem Instrument – an die Royal Academy of Music. Von 1922 an spielte er im Orchester der Academy und später unter Sir Edward Elgar mit dem London Symphony Orchestra, wo er unschätzbare Orchestererfahrungen sammelte. Viel Zeit verbrachte er mit dem Studium der Partituren von Debussy, Richard Strauss, Strawinsky, Schönberg und Szymanowski. Die letzteren drei hatte ihm sein Kompositionslehrer John B. McEwen – selbst Kom-ponist zahlreicher Werke – nahe gebracht und so dem jungen Komponisten eine neue Welt an Möglichkeiten eröffnet. Die Komposition von Filmmusik vermittelte ihm weitere Erfahrungen – von 1936 bis 1963 schrieb er über hundert Partituren für Dokumentar- und Spielfilme. Hier konnte er angesichts der Fülle an Themen, mit denen er konfrontiert wurde, experimentieren, um die Botschaft und die Stimmung der Bilder durch einen musikalischen Hintergrund zu unterstützen. Einzig in diesem Medium konnte er sehr schnell sehen, ob ein neuer Weg, den er beschritten hatte, Erfolg versprach. Ein Filmscore musste in der Regel sehr schnell zur Verfügung stehen, da er fast immer als letztes vor der Filmpremiere hinzugefügt wurde. Alwyn stürzte sich mit ganzem Elan in die Aufgabe. In der einen Woche komponierte er den Score, in der folgenden konnte er schon das Ergebnis sehen – darauf freute er sich stets. Zu Alwyns Filmmusiken gehören einige britische Filmklassiker, darunter The Way Ahead, Desert Victory, Odd Man Out, The Fallen Idol, The History of Mr Polly, The Winslow Boy, The Rake’s Progress, The Rocking Horse Winner und A Night To Remember.

Alwyns erstes Hauptwerk für Orchester, die kurzen und phantasievollen Five Preludes, datiert auf 1927, wurde erstmals im gleichen Jahr bei den Promenadenkonzerten in der Queen’s Hall unter Sir Henry Wood aufgeführt und brachte ihn auf den Weg zur Vervollkommnung seiner Orchestertechnik. Die Elizabethan Dances sind dreißig Jahre jünger und entstanden 1956/57. Obwohl die BBC ein Werk für ihr Light Music Festival von 1957 bei ihm in Auftrag gegeben hatte, stammt die Idee für das Stück ursprünglich von seinem Freund und Verleger Bernard de Nevers, Direktor von Alfred Lengnick & Co Ltd., dem die Partitur gewidmet ist. Die Premiere des Werks gab das BBC Concert Orchestra unter Leitung des Komponisten am 6. Juli 1957. Die sechs Tänze beschwören wechselweise die Zeit Elisabeths I. und Elisabeth II. herauf und liefern so unterschiedliche Stimmungen. Sie sind für ein Standardorchester mit zusätzlichen Schlaginstrumenten – Kastagnetten, Holzblöcken, Maracas – sowie Harfe und Celesta ausgelegt. Der erste Tanz porträtiert unter Verwendung des vollen Orchesters die Flöten und Handtrommeln Elisabeths I. Der zweite ist ein verführerisch-trällernder Walzer, dessen Hauptthema die Streicher vortragen. Der dritte ist ein Morris Dance, dessen Hauptthema zunächst ein Solofagott spielt, bevor es die Flöte und ab-schließend die Streicher präsentieren. Der vierte Tanz ist etwas “bluesig”; sein Hauptthema stellen die Violinen vor, später das volle Orchester. Der fünfte schließlich, eine ruhige Pavane, suggeriert ein Consort aus Gamben und Blockflöten, wobei die Streicher die Hauptidee vortragen, ausgeschmückt von Flöten, Klarinetten und Harfe. Der sechste Tanz, der das ganze Orchester einbezieht, wechselt zwischen Hornpipe und Rumba und führt den Zyklus zu einem lebhaftjubilierenden Ende.

The Innumerable Dance – An English Overture wurde im November 1933 vollendet und erlebte seine erste Radioaufführung am 8. Dezember 1935 mit dem BBC Orchestra (section C) unter Aylmer Buesst. Das Standardorchester ist um Celesta und Harfe erweitert, wodurch das Stück seinen Farbenreichtum erhält. Der Titel des Werkes entstammt einer Zeile im zweiten Buch von William Blakes Milton. Der Partitur sind folgende Zeilen aus dem Poem vorangestellt:

First e’er the morning breaks,
joy opens in the flowery bosoms,
Joy even to tears, which the suns rising dries:
first the Wild Thyme
And meadow sweet, downy and soft waving among the reeds,
Light springing in the air, lead the sweet dance;
they wake
The honeysuckle sleeping on the oak,
the flaunting beauty
Revels along upon the wind; … every tree
And flower and herb soon fill the air with an
innumerable dance,
Yet all in order sweet and lovely.

Als echte Tondichtung – wenn auch nicht dem Namen nach –, ist dieses Werk eine vollendete Heraufbeschwörung des Frühlings. Vom leisen Beginn mit geteilten Tremolo-Streichern, gefolgt von gedämpften Hörnern, über die allmähliche Hinzufügung weiterer Instrumente bis hin zum vollen Orchester erfolgt endlich der Sonnenaufgang. Mit dem nun folgenden lebhaften Tanz führt Alwyn sogleich in Blakes Naturvision hinein. Diese erste Einspielung überhaupt gibt die Möglichkeit, ein Stück zu hören, das siebzig Jahre nicht erklungen ist. Es ist nicht Alwyns erstes von der Dichtung William Blakes inspiriertes Werk, hatte er doch bereits 1931 Gesangsvertonungen (mit Streichquartett oder Klavier) aus den Songs of Innocence/Songs of Experience vorgenommen. Zwi-schen 1933 und 1938 arbeitete er schließlich an der Vertonung von Teil 1 von Blakes Marriage of Heaven and Hell für Soli, Doppelchor und großes Orchester.

Das Concerto for Oboe, Harp and String Orchestra entstand 1943/44 in London und Welwyn. Die Uraufführung gab Evelyn Rothwell, die Ehefrau von John Barbirolli – später ein vehementer Verfechter von Alwyns Musik –, mit dem London Symphony Orchestra unter Basil Cameron bei einem Promenadenkonzert in der Royal Albert Hall am 12. August 1949. Das Werk hat zwei Sätze, die ohne Pause aufeinander folgen: der erste von pastoral-nostalgischer Stimmung, der zweite ein lebhafter Tanz, in dem die Hauptidee aus dem ersten Satz gegen Ende wiederkehrt.

Aphrodite in Aulis – An Eclogue for small orchestra wurde im Juni 1932 in London vollendet. Die Inspiration für das Werk kam aus dem gleichnamigen Roman des irischen Schriftstellers George Moore (1852–1933), der 1930 erstmals erschienen war. Es handelt sich um eine historische Romanze über zwei Brüder – Thrasillos, einen Architekten, und Rhesos, einen Bildhauer – in der Zeit des Phidias. Rhesos verliebt sich in Earine, weil sie das reizvollste Hinterteil hat, passend für seine Skulptur der Aphrodite. Diese kurze, köstliche Miniatur für Flöte, zwei Hörner, Harfe und Streicher erfasst die Vision der Aphrodite vollkommen. Es handelt sich wiederum um die erste Aufnahme nach über siebzig Jahren.

Das Symphonic Prelude “The Magic Island” entstand 1952 und leitet sich von Shakespeares Der Sturm her. Die Zauberinsel ist jene des Prospero, des rechtmäßigen Herzogs von Mailand. Die berühmten Verse aus dem 2. Akt (Szene 2) über Caliban, einen wilden und missgestalteten Sklaven, sind der Partitur vorangestellt:

… the Isle is full of noises,
Sounds, and sweet airs, that give delight and hurt not:
Sometimes a thousand twangling instruments
Will hum about mine ears; and sometimes voices,
That if I wak’d after long sleep,
Will make me sleep again, and then in dreaming,
The clouds methought would open, and show riches
Ready to drop upon me, that when I wak’d
I cried to dream again.

Das atmosphärische Stück beginnt sehr leise mit murmelnden Streichern – später begleitet von Harfe, Holz- und Blechbläsern –, die das Anlaufen der Wellen gegen die Küste vorstellen. Ein Melodiefragment des Englischhorns wird von den anderen Instrumenten im Wechsel durchgeführt. Es folgt ein lebhafterer Abschnitt, und nach einer unheimlichen Passage der Solovioline, begleitet von sanften Bläserakkorden und der Harfe, wird ein Höhepunkt mit einer breiten Ausführung des Themas, auf das immer wieder hingedeutet worden ist, erreicht. Die Musik stirbt dahin und endet so leise, wie sie begann. John Barbirolli hatte das Werk in Auftrag gegeben und gab zusammen mit dem Hallé Orchestra am 25. März 1953 in der Free Trade Hall, Manchester die Uraufführung.

Der Festival March ist ein Auftragswerk des Arts Council of Great Britain für das Festival of Britain 1951. Es ist ein Marsch in der besten britischen Tradition von Elgar und Walton. Auf die Eröffnungsfanfare folgt ein ausgedehntes Thema der Violinen und Hörner, begleitet vom übrigen Orchester. Nach einer Klimax des vollen Orchesters erstirbt die Musik, um dem noblen Trio Platz zu machen, vorgetragen von den Violinen und Celli im Unisono. Das Trio wird Grandioso vom ganzen Orchester wiederholt, wonach eine kurze Über-gangspassage zum Marschthema zurückführt. Dieses erreicht einen Höhepunkt mit dem fortissimo wieder-kehrenden Trio und bringt das Werk zu einem strahlenden Abschluss. Die Premiere am 21. Mai 1951 in der Royal Festival Hall gab das London Philharmonic Orchestra unter Sir Malcolm Sargent.

Andrew Peter Knowles
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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