About this Recording
8.570146 - LHOYER: 3 Duo Concertants, Op. 31 / Duo Concertant, Op. 34, No. 2
English  German 

Antoine de Lhoyer (1768–1852)
Duos Concertants

 

In den letzten zehn Jahren hat die Musikwissenschaft endlich damit begonnen, die noch immer ein wenig rätselhafte Figur des Antoine de Lhoyer zu beleuchten. Die Biographie des Komponisten, der im September 1768 in Clermont-Ferrand geboren wurde, und sein Verhältnis zum kulturellen Geschehen seiner Zeit bedürfen zwar noch der näheren Untersuchung; wohlbekannt sind allerdings inzwischen die Orte und Gegenden, an denen er sich während seiner zahlreichen Reisen aufhielt: Versailles, Koblenz, Österreich, Hamburg, St. Petersburg und Paris, die Insel Oléron, Niort, Korsika, Aix-en-Provence, Algerien und Paris sind die Stationen eines gepeinigten, rastlosen Lebens, das von den Ereignissen der europäischen Geschichte erschüttert und durch das Ende des Ancien Régime dauerhaft durcheinandergebracht wurde.

Durch die Französische Revolution zerbrachen 1791 die Gardes du Corps du Roi, in denen Lhoyer einige Jahre gedient hatte. Er verließ seine Heimat und begab sich auf Wanderschaft, wobei er die Sache der Konterrevolution unterstützte. Indessen tat er in verschiedenen Truppen wie der Armée des Princes, der Armée de Condé und dem Österreichischen Heer Dienst. Es gibt Belege dafür, dass er von 1800 bis 1804 in Hamburg lebte, wo er seine Uniform zeitweilig an den Nagel hängte und sich ganz dem Gitarrenunterricht und der Komposition widmete. Hier veröffentlichte er auch seine frühesten bekannten Werke wie die Sonate op. 12 und das Konzert op. 16 – beide für fünfsaitige Gitarre. Derzeit lassen sich die Fragen nach Lhoyers musikalischer Erziehung, seinen ersten komposi-torischen Schritten und seinem Verhältnis zu den europäischen Gitarristen noch nicht genau beant-worten.

Wenn man jedoch berücksichtigt, dass Lhoyer gut konstruierten Formen (Sonaten und Ouvertüren) den Vorzug vor den üblichen Variationsfolgen und gitarrenbegleiteten Romanzen-Sammlungen gab, so kann man von einer ernsthaften, tiefgreifenden musikalischen Ausbildung ausgehen.

Schon 1804 zog es Lhoyer wieder nach Osten. Er ging nach St. Petersburg, wo er dank einer Anstellung am kaiserlichen Hofe – vermutlich als Gitarrenlehrer der Zarentöchter – eine friedliche, stabile und glückliche Zeit erlebte. 1813 kehrte Lhoyer dann nach Frankreich zurück, und etwa zur selben Zeit veröffentlichte er seine ersten Werke für die sechssaitige Gitarre. Nachdem Napoleon gestürzt und zunächst nach Elba und endlich nach St. Helena verbannt worden war, nahm man Lhoyer wieder in die königliche Armee auf. Gleichwohl begann damit eine lange Zeit der Ungewissheit, der Einsamkeit und furchtbarer finanzieller Engpässe, da er häufig von einem entlegenen Ort an den andern versetzt wurde. Seine Heimatlosigkeit hielt ihn jedoch nicht von der Komposition und Publikation musikalischer Werke ab: Die meisten der Stücke für zwei Gitarren, zu denen einige seiner Meisterwerke gehören, entstanden in jenen beschwerlichen Jahren. Besonders in den Trois Duos Concertants Dédiés à Madame la Princesse De Croy Solré op. 31 (Paris, Gaveaux 1814) und den Trois Duos Concertants Composés et Dédiés à Monsieur le Compte de Rochechouart op. 34 (Paris, Koliker 1819) verbinden sich die Einfachheit und Konsequenz der Stimmen, die melodische und rhythmische Ausdrucksstärke des von Anspielungen auf Mozart erfüllten Themenmaterials, das formale Können und der dramatische, beinahe theatralische Dialog der beiden Instrumente zu außerordentlich gediegenen, vielgestaltigen Architektu-ren, die im Gitarrenrepertoire des frühen 19. Jahr-hunderts kaum ihresgleichen haben.

Die Notation, die der Komponist benutzte, ist ein Kompromiss zwischen der sogenannten „primitiven“ Notation, die aus der Violinliteratur übernommen und Ende des 18. Jahrhunderts von den meisten französischen Gitarristen verwendet wurde, sowie der weiter entwickelten, genaueren und analytischeren Schreibweise, derer sich Giuliani und andere Wiener Gitarristen bedienten. Die nicht vollständig ausgeführte, konzise Notation eignet sich perfekt für den eklektischen Stil Lhoyers, der leicht von einer einfach begleiteten Melodie zu komplexen kontrapunktischen Strukturen wechselt.

Der Hörer wird durch Lhoyers Musik gefesselt, weil beide Gitarren wirklich gleich behandelt werden. Diese vollkommene Balance stellt vermutlich den gelun-gensten Versuch des gesamten klassischen Repertoires dar, mit zwei Gitarren einen konzertanten Stil zu erreichen. Lhoyer bewerkstelligte das durch den technischen Kunstgriff einer doppelten Themen-Exposition, die in den sonatenförmigen Sätzen abwechselnd bei der ersten und der zweiten Gitarre liegt. Das erste Thema ist bei allen vier Duos rhythmisch lebhaft und klar konturiert, während der Nebengedanke einen eher kantablen Charakter zeigt (und bisweilen durch ungewöhnliche Tonfärbungen angereichert ist wie bei den campanelas im Allegro moderato des op. 31 Nr. 1). Das Ende der zweiten Themengruppe bringt uns zu einer recht kurzen Durchführung, die von starker harmonischer Instabilität gekennzeichnet ist – auch wenn es gelegentlich Episoden gibt, in denen sich eine Tonart zu etablieren scheint. Das geschieht etwa bei dem g-moll in op. 34 Nr. 2 und dem C-dur in op. 31 Nr. 1. In der Durchführung können zudem virtuose Passagen vorkommen (rasche Skalen mit mehrfachen Bindungen, gebrochenen Terzen und Oktaven, detachierte Arpeg-gien), außerdem finden sich hier kontrapunktische Fragmente, Imitationen und sogar kanonische Bildun-gen. In der Reprise verwendet Lhoyer ein neuartiges Element, mit dessen Hilfe er den Eindruck des Redundanten vermeidet: Das erste Thema wird nur von der ersten Gitarre gespielt, wohingegen der jetzt in die Tonika gesetzte Nebengedanke durchweg von der zweiten Gitarre übernommen wird.

Die Duos C-dur op. 31 Nr. 2 und d-moll op. 34 Nr. 2 sind jeweils viersätzig, wobei dem langsamen Satz jeweils ein Menuett voraufgeht. Das sehr kurze Menuett in a-moll op. 31 Nr. 2 besteht aus drei Phrasen innerhalb einer zweiteiligen Form: Die erste Phrase endet auf der Tonika, die zweite befestigt die parallele Dur-Tonart mit einer doppelten V-I-Kadenz, und die dritte Phrase, die auf der Mediante des parallelen Dur beginnt, kehrt zur Tonika a-moll zurück. Daran schließen sich ein sechzehntaktiges Trio in A-dur und sowie die Reprise des Menuetts an. Etwas länger und strukturierter ist das flinke Menuett F-dur op. 34 Nr. 2 mit seinem Trio in der Subdominante, das von lebhaften Unisono-Passagen beider Gitarren animiert ist.

Die langsamen Sätze zeigen vornehmlich eine dreiteilige Anlage; ihre Themen sind ruhig und ungezwungen (wie im Adagio cantabile D-dur op. 34 Nr. 2), mitunter auch sehnsuchtsvoll und nachdenklich (wie das Adagio cantabile c-moll op. 31 Nr. 2). Die rhapsodischen und improvisatorischen Mittelteile sind reich an Fiorituren und Diminutionen. Die Romanze op. 31 Nr. 3 unterscheidet sich durch die doppelte Reprise des C-dur-Themas und den lebhaften Triolenteil in a-moll von den andern.

Die Schluss-Sätze all dieser Werke sind Rondos. Hier zeigt Lhoyer seine bemerkenswerte Fähigkeit beim Aufbau eines perfekten musikalischen Mechanismus, in dem Strenge und Leichtigkeit, Virtuosität und Lyrik sich in einem ständigen Gleichgewicht befinden. Die Rondos aus op. 34 Nr. 2 und op. 31 Nr. 2 haben eine doppelte Themen-Exposition (in allen Ritornellen mit Ausnahme des letzten, das nur von der ersten Gitarre ausgeführt wird). Im ersten und dritten Duo des Opus 31 hingegen präsentiert die erste Gitarre das Hauptthema, indessen der zweiten Gitarre bei den couplets einige wichtige Solo-Episoden zukommen.

Durch die straff texturierten Querverweise zwischen den Sätzen verstärkt Lhoyer in seinen Werken das Gefühl des musikalischen Zusammenhalts. Das Thema des Rondos d-moll op. 34 Nr. 2 beruht auf den ersten Noten des Kopfsatzes; die Romance aus op. 31 Nr. 3 kündigt bereits flüchtig die rhythmische Zelle an, aus der das anschließende Rondo entstehen wird. Das Geflecht interner Zitate sorgt auch für Verbindungen zwischen verschiedenen Stücken. Das gilt für ein kurzes Fragment des Rondos aus op. 31 Nr. 2, das im entsprechenden Satz des op. 34 Nr. 2 wiederkehrt (wie andererseits das Rondo op. 34 Nr. 3 dem Rondo op. 31 Nr. 3 ähnelt) – ganz zu schweigen von der eindrucksvollen Fantaisie Concertante op. 33, in der Lhoyer viele der in seinen Opera 31 und 34 benutzten Themen zusammenfasst und zitiert.

Das Jahrzehnt von 1816 bis 1826, das Lhoyer auf der Insel Oléron bzw. in Niort zubrachte, war eine kreative Zeit, in der viele wichtige Werke entstanden. Zeitgleich mit seiner Versetzung in die Garnison von St. Florent auf Korsika endeten dann plötzlich die musikalischen Aktivitäten des Antoine de Lhoyer. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass er nach 1826 noch irgend etwas veröffentlicht hätte. Sein Katalog, der Musik für Sologitarre, Duette und Kammermusik enthält, bricht mit der Opuszahl 45 abrupt ab. Lhoyers letzte Lebensjahre stehen wiederum im Zeichen des Reisens. Zunächst geht er nach Aix-en-Provence (1831), dann mit großer Wahrscheinlichkeit in die neue Kolonie Algerien, in der viele Franzosen ein einfacheres Leben zu führen hofften. Die letzte, mysteriöse Reise brachte Lhoyer zurück nach Paris, wo er im März 1852 mit 83 Jahren starb.

Lorenzo Micheli
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


Close the window