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8.570150 - STAMITZ, J.: Flute Concertos (Aitken, St. Christopher Chamber Orchestra, Katkus)
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Johann Stamitz (1717–1757)
Flötenkonzerte

 

Der Geiger, Komponist und Musikdirektor Johann Stamitz wurde am 19. Juni 1717 in Deutschbrod (Nûmecký Brod) als Sohn des Organisten, Geschäftsmannes und Stadtrates Antonín Ignaz geboren. Von 1728 bis 1734 besuchte er die Jesuitenschule von Iglau. Im Anschluss daran studierte er ein Jahr an der Prager Universität, bevor sich fürs erste seine Spur verliert: Wir finden ihn erst um 1741 wieder, als er am Mannheimer Hof des Kurfürsten auftaucht —zunächst vermutlich als reisender Virtuose. Aktenkundig ist ein Konzert in Frankfurt am Main, wo er sich am 29. Juni 1742 auf der Violine, der Viola d’amore, dem Violoncello und dem Kontrabass hören ließ. Der Mannheimer Hof dokumentiert im Sommer 1743 eine Erhöhung seiner Bezüge, an die sich die Ernennung zum Ersten Hofviolinisten bei einem Gehalt von 900 Gulden anschließt. Um 1745 oder 1746 ist er Konzertmeister, und 1750 wird er der erste „Instrumental-Music Director“, den man in Mannheim je beschäftigte. Diesen Posten bekleidet Johann Stamitz bis zu seinem Tod, nachdem er von 1751 bis zum Sommer 1753 zugleich als einer von zwei Hofkapellmeistern geführt wurde (dieses Amt übernimmt dann Ignaz Holzbauer).

1751 scheint Johann Stamitz in Paris gewesen zu sein, wo eine seiner Sinfonien aufgeführt wurde, und auch 1754 reiste er in die französische Hauptstadt, um eine Reihe von Konzerten zu geben, bei denen er als Komponist und Solist in Erscheinung trat, vor allem aber in Passy das Privatorchester des reichen Steuerpächters und Rameau-Mäzens Alexandre-Jean-Joseph Le Riche de la Pouplinière leitete. 1755 durfte Stamitz vermöge eines königlichen Privilegs seine Werke in Paris veröffentlichen. Im September desselben Jahres kehrte er nach Mannheim zurück, wo er am 27. März 1757 verstarb.

Unter dem Kurfürsten Carl Theodor erlebte die Musik am Mannheimer Hof eine erstaunliche Blüte. Die Stadt wurde ein berühmtes Zentrum der Tonkunst und der Sitz eines großartigen Orchesters, das der englische Musikhistoriker Dr. Charles Burney als eine Armee von Generälen bezeichnete, „gleich geschickt einen Plan zu einer Schlacht zu entwerfen als darin zu fechten.“ Stamitz spielte bei der Begründung dieses Orchesters, das für seine Disziplin bei den crescendi und diminuendi bekannt war, eine führende Rolle: „Sein Forte ist ein Donner, sein Crescendo ein Katarakt, sein Diminuendo ein in die Ferne hinplätschernder Krystallfluss, sein Piano ein Frühlingshauch“, schwärmte seinerzeit Christian Friedrich Daniel Schubart von dem Ensemble, das alle dynamischen Nuancen auf wunderbare Weise beherrschte. Zu den besonderen Merkmalen gehörte unter anderem auch die sogenannte „Mannheimer Rakete“, eine aufschießende Akkordbrechung, wie sie zum Beispiel noch in Beethovens f-moll-Klaviersonate op. 2 Nr. 1 vorkommt.

Auch nach dem frühen Tode seines spiritus rector Stamitz behielt das Mannheimer Orchester seine verdiente Reputation—nicht zuletzt durch die beiden Söhne Carl und Anton, die beide als Musiker Karriere machten: Der 1745 geborene Carl war zunächst Schüler seines Vaters und wurde nach dessen Tod von den Mannheimer Kollegen Cannabich, Holzbauer und Richter ausgebildet. Der fünf Jahre jüngere Anton dürfte anfangs auch noch bei seinem Vater gelernt haben, bevor er ebenfalls von Cannabich und andern Musikern des Hofes unterwiesen wurde. Als Komponisten und Violinvirtuosen wurden beide über die Grenzen ihrer Geburtsstadt hinaus bekannt.

Als Komponist war Johann Stamitz maßgeblich an der Entwicklung der symphonischen Form beteiligt. Daneben schrieb er allerdings auch eine Reihe von Konzerten, darunter solche für die Violine, mehr als ein Dutzend für die Flöte, deren zwei für Cembalo und verschiedenes für Oboe und für Klarinette. Es gibt gewisse Probleme bei der Zuschreibung dieser Werke: Die Familie Stamitz zeigte große stilistische Ähnlichkeiten, und die beiden Söhne waren als Komponisten noch fleißiger als ihr Vater, wobei sich bei ihnen allerdings ein geschmacklicher Generationswechsel bemerkbar machte.

In Mannheim standen Johann Stamitz Instrumentalisten zur Verfügung, die sich sehr gut als Solisten eigneten. Einer der Flötisten war Johann Baptist Wendling, ein Virtuose, der seit den frühen fünfziger Jahren bei Hofe angestellt war und Carl Theodor, der höchstselbst ein Stamitz-Konzert geblasen haben soll, in der Kunst des Flötenspiels unterwies. Wendling wirkte auch noch in Mannheim, als Wolfgang Amadeus Mozart den Winter 1777/78 in der Stadt verbrachte, wo er eines der Flötenkonzerte des Kollegen orchestrierte. Erstmals hatte die Familie Mozart ihn bereits 1763 gehört, während man sich auf der großen Europareise nach Paris und London befand und in Schwetzingen Station machte, wo der Mannheimer Hof die Sommermonate zubrachte. In einem Brief an seinen Salzburger Hauswirt Lorenz Hagenauer bezeichnete Leopold Mozart seinerzeit das Orchester als „ohne Widerspruch das beste in Teutschland, und lauter junge Leute, und durchaus Leute von guter Lebensart, weder Säufer, weder Spieler, weder liederliche Lumpen; so dass so wohl ihre Conduite als ihre production hochzuschätzen ist.“ Ob man aus diesen Worten womöglich auf die musikalischen Verhältnisse an der Salzach schließen sollte?

Auch für Wendling hatte Leopold nichts als Lob übrig. Als dann aber sein Sohn 1778 mit dem Kollegen nach Paris reisen wollte, war der Vater nicht glücklich, da Wendlings Tochter, eine Sängerin bei Hofe, inzwischen die Maitresse des Kurfürsten geworden war. Als Carl Theodor Ende 1777 den bayerischen Thron bestieg, gingen viele seiner Musiker mit ihm nach München, um dort die Mannheimer Tradition fortzusetzen. Im Sommer 1778 wurden die beiden musikalischen Institutionen zusammengeführt (und Tochter Wendling wurde nunmehr die Geliebte des Intendanten Joseph Anton Graf Seeau).

Mannheim hat nicht nur die Entwicklung der Symphonie beeinflusst, sondern auch die zeitgenössische Entwicklung des Solokonzertes, das aus seinen immer noch erkennbaren, spätbarocken Wurzeln emporspross. Das Mannheimer Orchester hatte unter Johann Stamitz „mehr Solisten und gute Komponisten […] als wohl jedes andere europäische Orchester,“ wie Dr. Burney erkannte. Etliche dieser Musiker schrieben, wie beispielsweise Wendling, Konzerte für ihre eigenen Instrumente.

Die vier charakteristischen Flötenkonzerte von Johann Stamitz, die hier zu hören sind, repräsentieren voll und ganz den Stil dieser Übergangsperiode und zeigen die Fähigkeit des Komponisten, den idiomatischen Ton für das Soloinstrument zu treffen. Das erste der beiden Konzerte in D-dur hat Kadenzen in den beiden ersten Sätzen, wie das bei fast allen hier eingespielten Sätzen der Fall ist. Der Kopfsatz des Konzertes in C-dur verwendet in beträchlichem Maße triolische Figurationen, und der langsame Satz steht in cmoll. Die böhmischen Hornisten des Mannheimer Orchesters haben in dem zweiten der beiden hier vorliegenden D-dur-Konzerte ihren Part zu spielen, wobei der langsame Satz in A-dur geschrieben ist; und auch das abschließende Konzert in G-dur mit einem langsamen Satz in D-dur stellt die virtuosen Ansprüche, die ein durchgehendes Merkmal der Solostimme sind.


Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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