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8.570181 - REINECKE: Music for Clarinet
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Carl Reinecke (1824–1910)
Musik für Klarinette

 

Carl Reinecke, 1824 in Hamburg-Altona geboren, setzte die lange Tradition der musikalisch grundsolide ausgebildeten und vielseitig aktiven norddeutschen Musiker fort. Von seinem Vater, einem namhaften Theoretiker, zur Musik geführt, bekleidete Reinecke im Laufe seiner Karriere eine Reihe bedeutender Posten. Der begabte Pianist und Dirigent wurde 1854 Gewandhauskapellmeister in Leipzig; dort unterrichtete er auch als Professor am Konservatorium, wo u.a. Grieg und Delius zu seinen Kompositionsschülern zählten.1897 übernahm er die Leitung des Leipziger Konservatoriums, zu dessen nationaler und internationaler Geltung er entscheidend beitrug, das er aber auch von neuen musikalischen Strömungen fernhielt.

Konnte sich Reinecke während seines langen Lebens großer Erfolge als Interpret und Komponist erfreuen, so hat ihm die Nachwelt ein härteres Urteil über seine Musik nicht ersparen können. Geblieben ist gleichwohl der Ruf als einer der produktivsten Komponisten des neunzehnten Jahrhunderts, dessen Werkkatalog aus unterschiedlichsten Gattungen (Sinfonie, Konzert Kammermusik, Oper, Lied) nicht weniger als 288 Opusnummern umfasst. Seine Kammermusik hat den Test der Zeit noch am ehesten unbeschadet überstanden.

Reineckes Musik erinnert die meisten Hörer sofort an Schumann, mit dem der Komponist befreundet war, und an Brahms, der großen Einfluss auf ihn ausübte. Nach musikalischen Neuerungen sucht man bei Reinecke vergebens – der harmonische Reichtum und die natürliche Melodik seiner Musik sind jedoch Qualitäten, die auch heute ihre Wirkung nicht verfehlen.

Das Trio für Klarinette, Bratsche und Klavier op. 264, das Reinecke am Beginn seines achten Lebensjahrzehnts schrieb, gehört nach Form und Inspiration zu seinen bedeutendsten Werken. Die Kombination von Klarinette und Bratsche verlangt ein äußerst subtiles Gefühl für Klangfarben und Dynamik; Reinecke erreicht hier eine ideale Balance zwischen diesen einerseits ähnlichen, in ihren dynamischen Möglichkeiten aber so unterschiedlichen Instrumenten. Der erste Satz beginnt Moderato mit dem von Klarinette und Bratsche unisono vorgestellten A-Dur-Hauptthema. Aus ihm entwickelt sich ein Allegro von nahezu sinfonischem Zuschnitt. Das folgende Intermezzo, das eine Atmosphäre ruhiger Eleganz verströmt, vermischt Dreier- und Zweitertakt in diskretem Zusammenspiel, angestimmt vom Klavier und übernommen von den beiden anderen Instrumenten. Der dritte Satz, Légende, könnte aufgrund seiner den Hörer unmittelbar ansprechenden deskriptiv-programmatischen Intensität durchaus als Einzelwerk dienen. Literarisch-erzählerische Motive begegnen vielfach in Reineckes Musik; ein schönes Beispiel dieser Technik bietet der zweite Satz des Trios für Klarinette, Horn und Klavier, das Reinecke als Mittachtziger komponierte. Der Finalsatz bedient sich wie das eröffnende Allegro traditionellerer Formelemente und sorgt mit der Rückkehr zur A-Dur-Tonart für einen kraftvoll-robusten Werkausklang.

Die Fantasiestücke für Klarinette und Klavier op. 22 sind das einzige frühe Werk dieser Einspielung – bei den anderen handelt es sich sämtlich um Kompositionen der Reifezeit. Während Reinecke in diesen Stücken einerseits auf der Suche nach der Schlichtheit der Liedform zu sein scheint, so besitzen sie andererseits einen unverkennbaren Charme und bewegen sich damit auf der vollen Höhe dieser für die deutsche romantische Musik so bezeichnenden Gattung der Fantasiestücke.

Das erste Stück entwickelt ein ruhiges, fast bukolisches Thema, in dem der frühe Reinecke bereits die Ausdrucksmöglichkeiten der Klarinette ausschöpft. Einfallsreich figuriert ist die Klavierbegleitung dieses sich vorwiegend im Siciliano-Rhythmus fortbewegenden Allegretto.

Das quirlige zweite Stück erinnert in seiner Schwerelosigkeit an Mendelssohns Sommernachtstraum- Musik. Hier beleben Elfen und Luftgeister eine Waldlandschaft, die auch Shakespeare mühelos wiedererkannt hätte.

Der ‚Deutsche Walzer’ kommt als ein Ländler daher, in dessen Sturm-und-Drang-Gestus sich gelehrter Stil und Volkstümlichkeit begegnen. Der mittlere Abschnitt ist ein brillantes Scherzo.

Dass zu diesen Fantasiestücken, die in erster Linie unterhalten sollen, auch die akademische Form eines Kanons gehört, mag zunächst überraschen, doch Reinecke versteht es, melodische Schlichtheit und strengen Satz zu einer überzeugenden Einheit zu verschmelzen. Merkwürdigerweise erinnert mich dieses Stück aufgrund seines intimen Charakters und gewisser rhythmischer Ähnlichkeiten immer an ‚Petit mari, petite femme’ aus Bizets Jeux d’enfants für Klavier zu vier Händen.

Die ‚Undine’-Sonate für Klarinette und Klavier op. 167bis, ein Stück, das heute meist in der Fassung für Flöte gespielt wird, ist ein Produkt der Freundschaft zwischen dem Komponisten und dem Soloflötisten des Gewandhausorchesters, Wilhelm Barge. Der Mythos des weiblichen Wassergeistes, der durch Vermählung mit einem irdischen Mann eine Seele erhält, wurde literarisch vor allem durch das Märchen von Hans Christian Andersen populär. Man denke aber auch an die keltische Fee Melusine, die deutsche Lorelei oder weit zurück bis zu den Gestalten der griechischen Mythologie. Baron Friedrich de la Motte-Fouqué (1777-1843), Autor von Romanen und romantischen Theaterstücken, schrieb seine rasch berühmt gewordene Undine im Jahr 1811. Später bearbeitete Jean Giraudoux die Vorlage zu einem Stück, das noch heute gespielt wird. Im Gegensatz zum Andersen-Märchen, in dem die vom Prinzen verlassene Meerjungfrau Erlösung durch den Opfertod sucht, rächt die Wassernymphe sich hier an dem Fischer, den sie nicht zu verführen vermochte.

Im Sechsachtel-Rhythmus des ersten Satzes zeichnet der Komponist das idyllische Bild einer im Sonnenlicht schimmernden Uferlandschaft. Bald taucht die Meerjungfrau aus den Wellen empor und näher sich unbemerkt dem Fischer, der in den Anblick der Natur vertieft scheint. Im zweiten Satz beginnt sie ihren Verführungstanz. Reineckes Musik fängt die Naturstimmung ein, bevor das gefühlstiefe lyrische Liebesthema erklingt. Gegensätzliche Stimmungen kennzeichnen den dritten Satz: die Traurigkeit Undines ob ihrer erfolglosen Verführungskünste und schließlich ihre in virtuosen Läufen geschilderte Wut. Der letzte Satz bringt das dénouement: Angesichts der Gefühllosigkeit des Fischers lässt Undine sein Boot im Sturm der Elemente kentern. Der Fischer ertrinkt in den Fluten. Ein letztes Mal erklingt das Thema der Meerjungfrau, leer wie das Echo der See, die sich wieder beruhigt hat.

Reinecke mag dieses Stück zwar für Flöte geschrieben haben – die Klarinettenfassung hat dennoch ihre ganz eigenen klanglichen Reize. Vor allem im zweiten Satz sind die Unterschiede zwischen beiden Versionen deutlich hörbar.

Introduction et Allegro appassionato op. 256, ein selten gespieltes Werk, ist ein lebhaftes, den Geist der Romantik atmendes Konzertstück, in dessen c-Moll- Tonart sich die beiden Instrumente wirkungsvoll vereinigen. Nach gedämpften Klavierakkorden erklingt in der Klarinette eine ausdrucksvoll-edle, reich ornamentierte Melodie, deren Melismen einem jäh einsetzenden Allegro weichen, dessen ruhelos fluktuierender Gestus den Hörer in eine andere Ausdruckswelt versetzt. Kunstvoll versteht es Reinecke jedoch, diese Turbulenzen in ein zweites elegisches Thema münden zu lassen, das an das berühmte Undine-Motiv aus seinem op. 167 erinnert. Nach einer Reihe von Modulationen beschleunigt sich das Tempo in einer kurzen Coda, die ein Werk beschließt, das in vielerlei Hinsicht an Perfektion grenzt.

Olivier Dartevelle
Deutsche Fassung: Bernd Delfs

 


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