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8.570198 - DITTERSDORF: Symphonies in D Major, A Major and E-Flat Major
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Carl Ditters von Dittersdorf (1739–1799)
Symphonien

 

Carl Ditters (Baron von Dittersdorf seit 1772) war einer der fleißigsten und vielseitigsten Wiener Zeitgenossen von Haydn und Mozart. Ganz abgesehen von seinem herrlichen musikalischen Vermächtnis, von dem bis dato nur ein beklagenswert kleiner Ausschnitt veröffentlicht wurde, hat Dittersdorf eine der faszinierendsten und unterhaltsamsten Lebenserinnerungen seiner Zeit hinterlassen. Diese Autobiographie, die Dittersdorf seinem Sohn in die Feder diktierte und erst zwei Tage vor seinem Tode abschloss, ist nicht nur ein reicher Informationsquell über Musik und Musiker von damals. Vielmehr gelingt es ihr auch, dem Leser etwas vom Charme, der Lebendigkeit und der Bildung ihres Verfassers zu vermitteln. Leider gab es für die Niederschrift der Memoiren einen ernsten Hintergrund. In seinen letzten Jahren litt Dittersdorf unter Arthritis und chronischem Geldmangel. Seine Musik, die einst ganz Europa erfreut hatte, war weitgehend in Vergessenheit geraten, und seine 1799 veröffentlichte Subskription wurde von niemandem gezeichnet. Auf den letzten Seiten seiner Memoiren bittet er darum, dass jeder, dem seine Musik gefallen habe, ein Exemplar dieses Buches kaufen und auf diese Weise seine Familie unterstützen solle.

Ditters war in komfortablen finanziellen Umständen aufgewachsen und hatte an einer Jesuitenschule eine gute Allgemeinausbildung erfahren. Außerdem hatte er Privatunterricht in Musik, Französisch und Religion erhalten. Mit sieben Jahren bekam er die ersten Geigenstunden, und schon nach wenigen Jahren brachte ihn der Einfluss seines Lehrers Joseph Ziegler ins Orchester der Benediktinerkirche von Freyung. Am 1. März 1751 wurde er in die Hofmusik des Prinzen Joseph Friedrich von Sachsen-Hildburghausen aufgenommen, wo er eine diszipliniertere Unterweisung im Violinspiel erhielt – und zwar von Giuseppe Trani, der vermutlich auch Leopold Hofmann unterrichtete. Seine frühen Kompositionsversuche beeindruckten Trani, der ihn dem Komponisten Giuseppe Bonno empfahl. Dieser wiederum, anscheinend ein großzügiger, freundlicher Lehrer, konnte ihm eine Ausbildung im Kontrapunkt à la Fux und in der freien Komposition bieten. Ditters blieb im Dienst, bis die Kapelle 1761 aufgelöst wurde. Zusammen mit anderen Musikern erhielt er danach ein neues Stellenangebot von Graf Durazzo, dem Theaterdirektor des Kaiserhofes.

Während der frühen sechziger Jahre galt Ditters als einer der besten Geiger von Wien. Er trat häufig als Solist in Erscheinung, für gewöhnlich in seinen eigenen Konzerten, und komponierte fleißig auf anderen Gebieten. Sein enger Kontakt zur dramatischen Musik übte damals einen großen Einfluss auf seine eigene künstlerische Entwicklung aus. Nichtsdestoweniger entschloss er sich, als im Winter 1764 sein Vertrag mit Durazzo auslief, den Kapellmeisterposten des Bischofs von Groß-Wardein anzunehmen, den Michael Haydn kurz zuvor verlassen hatte, anstatt unter Graf Wenzel Spork, Durazzos Nachfolger, in Wien zu bleiben. Auf seinem neuen Posten stellte Ditters ein gutes Orchester zusammen, zu dem später auch der Komponist Wenzel Pichl (eine Auswahl von Symphonien Pichls ist auf Naxos 8.557761 erschienen) sowie eine kleine Gruppe von Sängern gehörten. Neben einem stetigen Strom instrumentaler Musik begann er jetzt auch mit der Komposition von Vokalwerken, wozu das Oratorium Isacco und verschiedene Opern gehörten.

1769 löste der Bischof seine Kapelle auf, und Ditters war arbeitslos. Er unternahm eine Reihe von Reisen, vermutlich auf der Suche nach einer neuen Anstellung. Sein nächster Dienstherr, Graf Schaffgotsch, der Fürstbischof von Breslau, überredete ihn, seinem Schloss Johannisberg bei Jauernig einen längeren Besuch abzustatten. Die Folge war, dass Ditters einen großen Teil der nächsten zwanzig Jahre dort verbrachte – von den Hauptwegen der Musik ebenso abgeschnitten wie Haydn auf Eszterháza. Seine Reputation litt jedoch nicht darunter: Seine Instrumentalmusik war auch weiterhin sehr verbreitet, indessen sich seine Vokalwerke, insonderheit seine Opern, Operetten und Singspiele, in Wien und andernorts großer Beliebtheit erfreuten. Aufgrund seiner Dienste bei Graf Schaffgotsch wurde Ditters 1770 zum Ritter vom Goldenen Sporn ernannt. Zwei Jahre später erhielt er aus den Händen der Kaiserin Maria Theresia den Adelsbrief, worauf er seinem Namen den Zusatz “von Dittersdorf” anhängte.

Zu den Höhepunkten seiner Berufslaufbahn gehören in den siebziger und achtziger Jahren die überaus erfolgreichen Wiener Aufführungen seines Oratoriums Esther (1773); die Komposition von zwölf (womöglich auch fünfzehn) Symphonien nach Ovids Metamorphoses (vollendet 1786); und schließlich der glänzende Erfolg seines Singspiels Doktor und Apotheker (1786), das sich bis heute im Repertoire hält. Der Erfolg dieses Werkes brachte ihm den Auftrag zu zwei weiteren Singspielen (Betrug durch Aberglauben und Die Liebe im Narrenhaus) und einer italienischen Oper (Democrito corretto). Ende 1786 bewarb sich Dittersdorf von Wien aus vergeblich um einen Posten bei Friedrich Wilhelm II. von Preußen.

Ende der achtziger Jahre begannen sich die Zustände in Johannisberg zu verschlechtern. Nach wie vor aber erhielt Dittersdorf aufgrund seiner Reputation neue Aufträge, darunter als einige der wichtigsten elf Singspiele für das Hoftheater des Herzogs Friedrich August von Braunschweig-Oels. Der Tod des Fürstbischofs 1795 und Dittersdorfs immer schlechterer Gesundheitszustand vergällten die letzten Lebensjahre des Komponisten, der am Ende mit seiner Familie in einer Wohnung untergebracht war, die ihm Baron Ignaz von Stillfried auf seinem Besitz in Böhmen zur Verfügung gestellt hatte.

Von Dittersdorfs erstaunlichem Oeuvre ist ein erheblicher Teil erhalten, der allerdings bislang kaum erforscht wurde. Lediglich die Symphonien haben aufgrund ihrer großen Zahl (deutlich über einhundert), wegen ihres außergewöhnlichen stilistischen Spektrums und ihrer nicht minder ungewöhnlichen musikalischen Strukturen sporadisch die Aufmerksamkeit der Wissenschaft geweckt. Während viele der programmatischen Symphonien von Dittersdorf wie die berühmten Werke nach Ovid und die weniger bekannten, kunstvoll satirischen Stücke Il delirio delli compositori, ossia Il gusto d’oggida (Der Wahnsinn der Komponisten oder: Der heutige Geschmack) und Sinfonia nationale nel gusto di cinque nazioni (Symphonie im Geschmack von fünf Nationen) enthalten auch seine konventionelleren Symphonien eine Fülle beeindruckend origineller und bisweilen subversiver musikalischer Gedanken.

Die drei hier vorliegenden Werke stellen einen interessanten Querschnitt aus Dittersdorfs symphonischem Schaffen dar. Die beiden späten Werke, die Symphonien in D-dur (1788) und in Es-dur (um 1782) entstanden für die erweiterten orchestralen Kräfte, die Dittersdorf immer häufiger in seinen reifen Symphonien benutzte. Das ältere der beiden Werke ist ungefähr so alt wie die “Ovid-Symphonien” und verrät in seinen kompositorischen Details einen ähnlichen Grad an Kunstfertigkeit wie diese. Durchweg zeigt sich Dittersdorfs wunderbares Gefühl für Orchesterfarben – und zwar nicht nur in den geschickt wechselnden Texturen, sondern auch in der Art der instrumentalen Kombinationen: So lässt er im Trio die Solovioline eine Oktave tiefer von einer Flöte verdoppeln, wodurch ein charakteristischer, äußerst origineller Klang entsteht. Auch das Finale mit seiner faszinierenden Kombination aus strengem Kontrapunkt (der Satz beginnt in doppeltem Kontrapunkt) und modernen orchestralen Texturen spricht für Dittersdorfs kompositorischen Einfallsreichtum. Seine Fähigkeit, attraktive, heitere Themen zu erfinden, hört man deutlich in der Symphonie D-dur, deren Rondo-Finale auf einem Thema basiert, das von Haydn stammen könnte. Der Satz ist erfüllt von unerwarteten Wendungen, und die vielgestaltige Wiederkehr des Rondo-Themas erzeugt ungemein amüsante Wirkungen, von denen das Publikum entzückt gewesen sein muss. Das subversive Element in Dittersdorfs Musik – just die Eigenschaft, die ihn zu einem so interessanten und faszinierenden Komponisten macht – hört man außerdem nachdrücklich in der frühen Symphonie A-dur mit ihrem lebhaften Menuett und hinreißenden Trio “in der falschen Tonart”.

Dittersdorfs gewinnende Persönlichkeit und seine kompositorische Erfindungskraft schimmern durch alle Sätze dieser drei bezaubernden Symphonien hindurch und lassen uns über die schreckliche Ungerechtigkeit des Schicksals nachdenken, das ihn in seinen letzten Jahren zu solch angespannten Verhältnissen verurteilte.

Allan Badley
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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