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8.570201 - ALWYN, W.: Mirages / 6 Nocturnes / Seascapes / Invocations (English Song, Vol. 17)
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William Alwyn (1905-1985)
Lieder

 

Du liebtest den großen Horizont, mit Licht vermählt,
die träge Wolkengeste über der Marsch,
das Glitzern des Sonnenlichts über den Pfützen des Watts,
den zeitlosen Glockenschall der Blythburg-Kirche.

Deine Musik entwuchs all diesen Dingen,
deine Najaden in ihrer Schilfrohrwelt,
die Königin des Mondlichts, die übers Meer hintrieb,
und das Lied, das du für Undine schriebst, die lächelnd winkte.

-- Michael Armstrong 1986

Seine wichtigsten Vokalwerke hat William Alwyn gegen Ende seiner Karriere, in den fünfzehn Jahren von 1965 bis 1980, komponiert. Dazu gehören die Opern Juan or the Libertine (1965-1971) und Miss Julie (1973-1976) sowie vier der fünf hier aufgenommenen Werke: Mirages (1970), Six Nocturnes (1973), Invocations (1977) und Seascapes (1980). In derselben Zeit wurden auch der Liederzyklus A Leave Taking für Tenor und Klavier, die Sinfonietta für Streichorchester, die fünfte Symphonie (Hydriotaphia), die Fantasie-Sonate Naiades für Flöte und Harfe, das zweite Streichquartett und ein Konzert für Flöte und acht Bläser abgeschlossen. All diese Stücke schrieb Alwyn, nachdem er das Leben in London gegen die Stille des Dorfes Blythburgh in Suffolk eingetauscht und die ruhige Umgebung gefunden hatte, die ihm zusätzliche schöpferische Anregungen lieferte – und zwar sowohl in musikalischer wie auch in poetischer und malerischer Hinsicht. In früheren Jahren hatte Alwyn unter anderem Gedichte von William Blake vertont – Songs of Experience, Songs of Innocence – und den ersten Teil der Marriage of Heaven and Hell für Soli, Doppelchor und großes Orchester sowie die beiden Opern The Fairy Fiddler und Farewell Companions geschaffen (deren letztgenannte 1954/55 im Auftrag der BBC entstanden war).

Das älteste der hier aufgenommenen Werke ist der Slum Song von 1947, neben Carol und The Streets of Laredo eines der drei Lieder, in denen Alwyn Texte des aus Irland stammenden Dichters und Theaterautors Louis MacNeice (1907-1963) verwendete. Die Oxford University Press hielt den Slum Song für das beste dieser drei Stücke und veröffentlichte es dementsprechend im Jahre 1948. MacNeice war 1941 als Autor und Produzent zur BBC gekommen und sollte während der folgenden zwanzig Jahre den Sender mit vielen Hörspielen versorgen. Zu fünf dieser Stücke ließ man Alwyn die Musik komponieren: Four Years at War (1943), City Set on a Hill (1945), London Victorious (1945), Threshold of the New (1945) und The Careerist (1946). Sie alle wurden seinerzeit von der BBC entweder über ihrem Home Service oder in ihrem dritten Programm ausgestrahlt. In seinem unvergesslichen Slum Song hat Alwyn dem Gedicht, in dem MacNeice ein längst vergangenes Dublin beschwört, die entsprechende elegische Stimmung verliehen. Das Lied ist Hedli Anderson, der Gattin des Dichters, gewidmet und liegt hier in seiner Welterstaufnahme vor.

Den sechsteiligen Zyklus Mirages für Bariton und Klavier komponierte Alwyn im September und Oktober 1970. Darin vertonte er eine Reihe eigener Gedichte, die er zusammen mit dem epischen Winter in Copenhagen veröffentlichte und mit eigenen surrealistischen Bleistiftzeichnungen illustrierte. Zu dem Zyklus sagte der Komponist:

„1. Undine, für immer verdammt im feuchten Element, doch immer auf der Suche nach irdischer Liebe, erscheint – nackt wie die Wahrheit – in einem Regensturm. Sie ruft mich, doch wenn ich nach ihr greife, verschwindet sie – ein Trugbild, eine wiederkehrende Vision von der unsterblichen Schönheit. 2. Aquarium – Ich bin allein in meinem Zimmer, isoliert. Die Welt hinter meinem Fenster ist zu einer feucht-stillen Illusion geworden. 3. Honeysuckle – in dieser Zeichnung eines Geißblattes sind Männliches und Weibliches als Spiegel einer unteilbaren Schönheit verflochten. In der Musik wird der Rhythmus des Titels reflektiert. 4. In Metronome ändert sich die Stimmung. Das erbarmungslose Ticken des Metronoms ist der Pulsschlag meines Herzens. Wird die Zeit weiter schlagen, wenn ich tot bin – oder ist das Universum selbst nur eine Fata Morgana? 5. Die Sehnsucht nach einem jenseitigen Paradisebedeutet, im Paradies eines Narren zu leben. Vergebens schlagen wir unsere Schwingen gegen die Schranken des irdischen Daseins. 6. Im Epilog, Portrait in a Mirror, schaue ich auf das Spiegelbild meines Konterfeis, das durch die unaufhörlich fortschreitende Zeit verwüstet wurde (das Klavier verdreht durch Inversion die erste Phrase des Stückes). Doch was ich sehe, ist nicht die ganze Wahrheit. Das Auge, das in meiner Zeichnung die doppelte Gestalt aus Beobachter und Spiegelbild durchdringt, schaut noch immer mit der einstigen Unschuld auf die Welt. Die Musik verklingt in stiller Resignation.“ Mirages wurde für den Bariton Benjamin Luxon geschrieben und ist dessen damaligem Klavierpartner David Willison gewidmet, der den Zyklus beim Aldeburgh Festival von 1974 uraufführte.

Alle anderen Zyklen, die hier vorliegen, wurden auf Gedichte von Michael Armstrong (1923-2000) komponiert, der in Newcastle upon Tyne geboren wurde und seit 1957 auf der Insel Jersey im Årmelkanal lebte, wo er – oft durch das Meer und die Landschaft – zu vielen seiner Gedichte inspiriert wurde. Armstrong war gut mit Alwyn befreundet, seit er ihn 1972 in einer Rundfunkübertragung als Dirigenten seiner dritten Symphonie gehört und ihm daraufhin geschrieben hatte, wie sehr er von dem Werk bewegt worden war. Bis zum Tode des Komponisten im Jahre 1985 bestand zwischen beiden eine regelmäßige Korrespondenz, und 1986 verfasste Armstrong das kurze, sehr treffende Gedicht For William Alwyn, das eingangs zitiert wurde.

Die Six Nocturnes, die hier in Weltersteinspielung zu hören sind, vollendete William Alwyn am 4. Mai 1973. Sie sind Benjamin Luxon gewidmet und vom Komponisten mit folgenden Worten beschrieben worden: „Das erste Lied: Everything is Now – ist ein Liebeslied. Hände, die einander in der Dunkelheit halten, das Gefühl verschlungener Finger, das ist alles, was in diesem Augenblick zählt – ‚alles ist jetzt‘. Nr. 2: Summer Rain – wieder ein Liebeslied. Die Dunkelheit senkt sich herab, und der Dichter fragt sich, ob Regen die Steine zum Blühen bringen wird, ob die Regentropfen Tränen sind, die in Abwesenheit vergossen wurden, Tränen, die sie auseinandergebracht haben: ,Dieser Regen könnten deine Tränen sein / der die Blüten der Steine netzt.‘ Visitation – das dritte Lied – ist eine Halluzination. Der Dichter schaut in einen Spiegel. Die Zeit ist aufgehoben. Er hört leise Schritte näherkommen, doch er beherrscht sich und dreht sich nicht um, als es klopft und die Tür sich öffnet: ,Statt dessen starre ich vor mich hin, tief in den Spiegel hinein / und beobachte die Reflexion / sickere langsam vom Glas.‘ Nr. 4: Summer Night – die Dunkelheit ist gesättigt mit dem betörenden Duft des Geißblatts, und Motten mit zitternden Fühlern berühren die Haut des Liebenden, eine elektrisierte Haut, überempfindlich in der aufgeladenen Atmosphäre der Sommernacht. Nr. 5: Circle – ein Alptraum, eine Vision in Dantes Manier. Der Dichter sieht sich außerhalb seiner selbst; er stirbt und lebt doch und teilt den Schmerz seines Doppelgängers. Seine Liebe ist sein Hass; seine Zukunft ist seine Vergangenheit: ,Wir beide werden enden / wo wir beginnen.‘ Das letzte Lied dieses Zyklus von Nachtstücken heißt Response– ein Blick auf das Meer im Mondenschein. Eine anthropomorphe Vision – der Dichter schaut, Meer und Mond antworten als Liebende in enger Umschlingung.“ Benjamin Luxon und David Willison brachten die Six Nocturnes 1975 in einer BBC-Sendung aus den Pebble Mill Studios zur Uraufführung.

Die Invocations für Sopran und Klavier wurden am 12. Dezember 1977 vollendet. Das Werk entstand für Jill Gomez und ist dieser auch gewidmet – ein Zeichen dankbarer Anerkennung für die verständnisvolle Interpretation und inspirierte Darbietung der Miss Julie in Alwyns gleichnamiger Oper. (BBC Radio 3 übertrug Miss Julie am 16. Juli 1977 in einer Studio-Aufführung; im Anschluss entstand eine Aufnahme, die bei dem Label Lyrita erschien.) Zu seinen Invocations bemerkte Alwyn: „In diesem Zyklus beschwört der Dichter den Geist der Liebe und den Geist der Natur. Die ersten zwei Lieder, Through the Centuries und Holding the Night, sind Liebeslieder. Das dritte, Separation, spricht von der Enttäuschung des Dichters. Die Musik reflektiert die Worte in der Art eines Nocturne. Das vierte, Drought, ist ein Naturgedicht – die Erinnerung an die lange Dürreperiode im Sommer 1976. Im Gegensatz dazu beschreibt das fünfte Lied mit musikalischen Mitteln das Prasseln des Regens. Das sechste Lied, Invocation to the Queen of Moonlight, ist wieder ein Nocturne, eine getragene Melodie zu zart pulsierender Begleitung, die davon erzählt, wie ,der Mond am Busen der See‘ dahintreibt und wie ,dunkle Landschaft mit Marmor‘ überzieht. Der Zyklus endet in fröhlicher Stimmung – Our Magic Horse ist ein Liebeslied, in dem der Dichter ausruft: ,Wo finden wir unser Zauberpferd, das uns zu den Sternen bringt ...‘ Der galoppierende Rhythmus des Klaviers beschließt den Zyklus auf brillante Weise.“ Die Invocations wurden am 18. Dezember 1979 in einer Sendung von BBC Radio 3 von der Widmungsträgerin Jill Gomez und ihrem Klavierbegleiter John Constable uraufgeführt.

Der Liederzyklus Seascapes für Sopran, Blockflöte und Klavier entstand für den Blockflötisten John Turner und ist diesem auch gewidmet. Turner schreibt dazu:

„Seit meiner Kindheit habe ich viele Ferien in Southwold an der Küste von Suffolk verbracht, und ich war fasziniert, bei einem solchen Aufenthalt im örtlichen Zeitungsladen einen selbstverlegten Band mit Gedichten von Alwyn zu finden, die mit seinen eigenen, unverwechselbaren Zeichnungen geschmückt waren. Bei meiner nächsten Reise nach Southwold wollte ich mir für mein Musikzimmer eine seiner Zeichnungen kaufen; so wurde ich von unserem lokalen Komponisten, Künstler und Dichter Thomas Pitfield eingeführt, dem Alwyn durch den Komponistenverband gut bekannt war. Als ich dann anrief, wurde ich zum Nachmittagstee nach Lark Rise eingeladen, seinem Haus im benachbarten Blythburgh. Alwyn war damals gerade mit den letzten Arbeiten an seinem Konzert für Flöte und acht Bläser beschäftigt, und als ich meinte, er solle für mich ein Blockflötenstück schreiben, sagte er mir, dass das Konzert sein letztes Werk sein sollte, weil er merkte, dass er für weitere Musik zu alt sei. Ich kaufte ihm eine Skizze von Gebäuden aus Exmouth ab (mit dem Datum Mai 1980), und er gab mir überaus liebenswürdig ein kleines Ölbild von seiner geliebten Blythburgh Church.

Als ich heimkam, bedankte ich mich bei ihm und bei Mary schriftlich für die Gastfreundschaft und bat noch einmal, mir etwas zu schreiben. Wieder lehnte er ab. Nach einer Sendung der BBC zu seinem 75. Geburtstag schrieb ich wieder – mit demselben Resultat. Erneut versuchte ich es zu Weihnachten, als man mir eben ein Recital mit der Sopranistin Honor Sheppard beim Bowden Festival angeboten hatte (woraus am Ende nichts wurde), und er erwiderte, er habe einen Liederzyklus mit obligater Blockflöte auf Worte seines Freundes Michael Armstrong begonnen, dessen Gedichte er auch in Six Nocturnes und Invocations vertont hatte. Er muss das Werk sehr schnell vollendet haben, denn das Manuskript trägt das Datum vom 24. Dezember 1980. Das Werk wurde am 14. Oktober 1982 in der Whitworth Art Gallery zu Manchester bei einem Konzert mit ,Meer-Musik‘ uraufgeführt; gleichzeitig fand in der Galerie eine Ausstellung von Seestücken statt (während Forsyth Brothers Ltd., der Verlag des Werkes, der schon in den dreißiger Jahren einige frühe Klavierstücke von Alwyn veröffentlicht hatte, zur Zeit des Recitals in den Geschäftsräumen Gemälde des Komponisten ausstellte). Bei der Publikation des Werkes vermochte ich ihn mit Marys stillschweigender Unterstützung zu überreden, zur Dekoration des Bandes ein kleines Bild mit fliegenden Möwen auszuführen.“

Der Komponist selbst schrieb zur Uraufführung: „Die unauslöschlich schönen Gedichte, die diese Lieder inspirierten, sind von meinem lieben Freund Michael Armstrong. Michael und ich haben viele Gemeinsamkeiten: Wir sind beide Dichter und Maler, und wir leben beide nahe am Meer – Michael in Jersey und ich an der Küste von Suffolk; wir kennen also beide das Meer in all seinen Stimmungen und unablässig wechselnden Farben. Die Musik für die vier kurzen Lieder ist unverhohlen bildhaft und schildert verschiedene Ansichten des Meeres. Man wird das Tuckern eines Bootsmotors in der Morgenbrise hören, den unheimlichen Klang von Glocken, die durch den Dunst über dem Meer hallen, das körperliche, innere Ansteigen der Wellen und das Möwengeschrei in heftigem Wind.“

William Alwyn, Andrew Knowles und John Turner
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570201.htm

 

 


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