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8.570217-18 - SHOSTAKOVICH: Golden Age (The), Op. 22
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Dmitri Schostakowitsch (1906–1975)
Das goldene Zeitalter op. 22

 

Obwohl man sich mit der Musik, die Dmitri Schostakowitsch in den zehn Jahren zwischen seiner ersten und vierten Symphonie (1925-1935) komponierte, noch zu seinen Lebzeiten auseinandersetzte, gehören die drei abendfüllenden Ballette, die er seinerzeit schrieb, zu seinen unbekanntesten Werken: Damals wie heute waren sie ein Opfer der jeweiligen kulturellen Konflikte. Im Falle des Goldenen Zeitalters, das nach seiner Uraufführung am Staatlichen Akademischen Theater von Leningrad am 26. Oktober 1930 zwanzig Vorstellungen erlebte, wurde die Sache noch schlimmer, weil es dem Komponisten und dem Choreographen Vasily Vainonen nicht gelingen wollte, Musik und Tanz in Einklang zu bringen. Auf diese Weise war der Weg frei für die reaktionäre, gegen Schostakowitsch verschworene Russische Assoziation Proletarischer Musiker, die damit praktisch die ganze Produktion in Flammen aufgehen lassen konnte.

Schon vor der Premiere hatte Schostakowitsch eine Ballett-Suite eingerichtet, die aus den Nummern 1, 2, 9, 11 und 30 des Werkes bestand. Diese wurde am 19. März uraufgeführt, fand bald ihren Weg ins internationale Repertoire und sorgte dafür, dass der Titel des Balletts während der 45 Jahre, die der Komponist noch vor sich hatte, lebendig blieb. Zahlreiche Stücke kamen in den beiden nachfolgenden Balletten Der Bolzen (1931) und Der helle Bach (1934) wieder zum Einsatz, um endlich auch in die Ballett-Suiten aufgenommen zu werden, an deren Kompilation Schostakowitsch zu Beginn der fünfziger Jahre mitwirkte. Eines dieser Stücke, die Polka (Nr. 30), dürfte wohl die meisttranskribierte Kreation seines gesamten Schaffens sein. Die vorliegende Aufnahme geht auf das Verzeichnis der Leningrader Premiere zurück, das Jefim Sadownikow in seinem Katalog von 1965 mitteilte, und sie folgt Manashir Jakubows Ausgabe des Klavierauszugs (Moskau 1995), die als definitive Fassung des Komponisten gilt. Sie ist die erste Einspielung, in der das vollständige Werk mit sämtlichen Wiederholungen erklingt. Auf diese Weise hat der Hörer die Möglichkeit, das Ballett in all seiner erheiternden, wenngleich rücksichtslosen Kühnheit zu erleben.

Das goldene Zeitalter beruht auf dem Szenarium Dynamiada des Filmemachers Alexander Ivanovsky, einem typischen Produkt aus der kurzen, lebendigen Phase der Sowjetkultur, in der Provokationen üblich waren. Es geht darin um den Besuch einer sowjetischen Fußballmannschaft in einer westlichen Stadt (sie heißt einfach „U-Stadt“) während einer Industrieausstellung – und um die Versuche feindseliger Verwaltungsleute, dekadenter Künstler und korrupter Beamter, die heroischen sportlichen und gesellschaftlichen Bemühungen zu unterminieren. Zwar konnte man gegen das Sujet – sowjetische Bürger wahren ihre Integrität im Angesichte des kapitalistischen Westen – kaum etwas einwenden; es zeigte sich aber, dass Vainonens und Schostakowitschs Intentionen sich nicht vereinbaren ließen. Wie unterschiedlich die Auffassungen waren, erhellt aus einem Vergleich der Titel in der Partitur und im Szenarium (wobei in der folgenden Inhaltsangabe Elemente beider Quellen benutzt werden). Juri Grigorowitsch versuchte es zu Beginn der achtziger Jahre am Bolschoi-Theater mit einer Choreographie, die nichts mit Fußball zu tun hatte, indessen Noah D. Gelber am Mariinsky-Theater noch radikaler war, als er das Stück zum 100. Geburtstag von Schostakowitsch in den Jahren 1930 und 1945 sowie „in der Gegenwart“ spielen ließ. In beiden Fassungen hatte man beträchtliche Striche und Umstellungen an der Originalpartitur vorgenommen, die hier nun vollständig mit ihren drei Akten (sechs Szenen) zu hören ist.

Die Handlung

[CD 1 / Track 1] Das Vorspiel ist ein lebhaftes Fugato.

Erster Akt

Szene 1: Die Industrie-Ausstellung Das Goldene Zeitalter

Das Vorspiel bereitet die Szene für den Aufzug der Ehrengäste im Walzertakt [1/2]. So beginnt die erste Szene der Industrie-Ausstellung „Das Goldene Zeitalter.“ Es folgen eine lärmende Besichtigung der Schaufenster [1/3] und eine spöttisch-elegante Vorstellung wichtiger Ereignisse, wozu auch der Auftritt der sowjetischen Fußballmannschaft [1/4] gehört. Ein rauschendes Stück für den Zauberer-Werbeagenten verwandelt sich in den energiegeladenen Tanz des Hindu [1/5]. Ein Boxkampf als Werbemaßnahme [1/6] bringt eine kurze dramatische Passage, bevor es zu einem heftigen Skandal beim Boxen kommt; der ungestüme Auftritt der Polizei [1/7] rundet die erste Szene ab.

Szene 2: Ausstellungshalle

Die zweite Szene spielt in der „Ausstellungshalle“ und beginnt mit dem Tanz der Goldenen Jugend [1/8]. Die auffallenden solistischen „Breaks“ verschiedener Instrumente sind einer der Momente, in denen sich der deutliche Einfluss des Jazz zeigt. Der anschließende Divas Tanz [1/9] ist vielleicht die schönste Nummer des Balletts: ein symphonisches Adagio, dessen unvergessliche Melodie von einem Sopransaxophon und einer Violine gespielt wird und sich zu einem orchestralen Höhepunkt von großer expressiver Kraft steigert, um schließlich in sanfter Ruhe zu enden. Die Handlung geht mit dem Auftritt der sowjetischen Fußballmannschaft [1/10] weiter, während Divas Variation eine Reihe von Attraktionen bringt. Darauf folgt der energische Sowjetische Tanz [1/11]. In einer dramatischen Szene bittet Diva den Kapitän der sowjetischen Mannschaft um einen Tanz [1/12]. Anschließend kommen der einschmeichelnde Tanz Divas mit dem Faschisten [1/13] und die rohe Szene desselben Duos. Der explosive Tanz des Negers und zweier sowjetischer Fußballer [1/14] geht einem lieblichen Stück vorauf, in dem sogar ein Flexaton wimmert: Der mutmaßliche Terrorist („Der Handlanger Moskaus“) tritt auf [1/15]. Die flinken Holzbläser beschreiben eine Allgemeine Verwirrung, worauf die Verlegenheit der Faschisten [1/16] zu der leidenschaftlichen Evokation eines Seltenen Falles von Massenhysterie [1/17] führt. Im Anschluss an das ruhigsardonische Gespräch des Ausstellungsdirektors mit dem Faschisten [1/18] bringt der symphonisch konzipierte Foxtrot [1/19] die Szene und damit den ersten Akt zu einem spektakulären Ende.

Zweiter Akt

Szene 3: Eine Straße in derselben Stadt

Die dritte Szene ist recht kurz. Sie spielt in einer Straße der Stadt und beginnt mit einem hektischen Galopp, der die Farce der Agents Provocateurs darstellt. Er steigert sich zu einem Höhepunkt, der Provokation und Festnahme [1/20] darstellt.

Szene 4: Stadion der Arbeiter

Die vierte Szene spielt im Stadion der Arbeiter und beginnt mit einem Marsch, der den Zug der Arbeiter ins Stadion zeigt, an den sich der Tanz der jungen Pioniere [1/21] anschließt. Das lebhafte, freilich nicht detailgetreue Fußballspiel [1/22] ist womöglich von den damals aktuellen „Sportberichten“ Honeggers und Martinůs beeinflusst: Die gegnerischen Mannschaften tragen jedenfalls auf dem Platz ihre kulturellen, ideologischen und sportlichen Differenzen mit großer Kraft aus.

Nach dem kapriziösen Intermezzo Jeder amüsiert sich auf seine Weise [2/1] kommt der Tanz des westlichen Komsomol-Mädchens mit vier Sportlern [2/2], in dem sich nonchalante Holzbläser solistisch über einem „Laufbass“ bewegen. Das Stück steigert sich zu einer Klimax von Tschaikowskyscher Pracht. Die geschäftigen Streicherfiguren zu Beginn des Sportwettkampfes wandern durchs gesamte Orchester, wenn man einen Gemeinsamen Sporttanz [2/3] vorführt. Ein lebendiges Zwischenspiel – Szene und Abgang der sowjetischen Mannschaft [2/4] – bringt den zweiten Akt zu einem ungewissen Schluss.

Dritter Akt

Als gewinnender Entr’acte fungiert Vincent Youmans Song Tea for Two, den Schostakowitsch als Tahiti Trot [2/5] im Jahre 1928 arrangiert hatte.

Szene 5: Variété (Divertissement)

Die fünfte Szene beginnt mit einem hartnäckigen Chechotka (Step-Tanz), der Schuhglanz vom Allerfeinsten [2/6] verspricht. Darauf folgen ein schwermütiger Tango [2/7] und die vom Xylophon dominierte Polka mit dem Titel Es war einmal in Genf – Engel des Friedens [2/8], seit langem die berühmteste Nummer des gesamten Balletts. Der Exzentrische Tanz, der sich anschließt, deutet die Rührende, ein wenig unechte Vereinigung der Klassen [2/9] an, bevor der Auftritt und Tanz Divas mit dem Faschisten [2/10] die letzte derartige Nummer des Werkes bringt. Ein kunstvoller Can-Can [2/11] treibt die Szene dann mit Hochdruck ihrem Ende entgegen.

Szene 6: Gefängnis

Der starre Klang des Vorspiels [2/12] spricht sofort für eine dramatische Wendung der Ereignisse. Es folgt die Szene der Gefangenenbefreiung [2/13], die in zahlreichen Abschnitten die Bühnenereignisse mit dem gesamten Umfang sardonischer Ausdrucksmöglichkeiten durchläuft. Eine Reihe gehämmerter rhythmischer Gesten gipfelt in der Völligen Enthüllung der Verschwörung, in der die Sowjets über die Panische Bourgeoisie [2/14] triumphieren, während die dissonanten Streicher und Blechbläser in unzusammenhängenden Phrasen kollabieren. Der Schlusstanz der Solidarität [2/15] führt die Szene und das Ballett zu einer Apotheose, in der Triumph und Bombast zu einem auffallend unheilvollen Effekt verschmelzen.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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