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8.570234 - VANHAL: Flute Quartets, Op. 7, Nos. 2, 3, 6
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Johann Baptist Wanhal (1739–1813)
Flötenquartette op. 7 Nr. 2, 3 und 6

 

Als sich Johann Baptist Wanhal im Jahre 1770 entschloss, den lukrativen und renommierten Kapellmeister-Posten, den man ihm angeboten hatte, zugunsten einer freiberuflichen Tätigkeit als Musiker aufzugeben, tat er einen riskanten Schritt, der von persönlichem Mut zeugte. Die Gründe, die ihn dazu veranlassten, sind immer noch nicht ganz klar. Einleuchtend klingt jedoch, was Paul Bryan vermutet hat: dass nämlich Wanhals Geburt als Leibeigener ihn dazu bewogen hat. Nachdem er sich Mitte der sechziger Jahre seine Freiheit hatte erkaufen können, verspürte er keine Lust, sich den Launen eines neuen Herrn auszusetzen, wie großzügig und gutwillig dieser auch sein mochte. Die Entscheidung hat zweifellos viele seiner Zeitgenossen verblüfft und offenbar zu dem unbegründeten Gerücht beigetragen, Wanhal sei psychisch labil gewesen – eine Behauptung, die noch heute bisweilen krtiklos übernommen wird.

Als freiberuflicher Komponist erfreute sich Wanhal einer langen und erfolgreichen Laufbahn. In mancher Hinsicht ähneln seine beruflichen Aktivitäten denen Mozarts. Wichtiger aber ist, dass er mit seinem bahnbrechenden Beispiel die Tragfähigkeit einer solchen Karriere zeigte, für die sich nicht nur Mozart entschied, sondern auch einer der erfolgreichsten Musikunternehmer seiner Zeit – Ignaz Pleyel. Zum Teil lag Wanhals Erfolg in seinem Empfinden für den musikalischen Klimawandel seiner Zeit begründet. Im Laufe der siebziger Jahre begann sich seine symphonische Produktion zu verlangsamen, da die wirtschaftlichen Möglichkeiten in Wien schrumpften, und nach 1778 gab er diese Gattung völlig auf. Statt dessen wandte er seine Aufmerksamkeit der Kammermusik zu, und seit den achtziger Jahren legte er immer größeres Gewicht auf die Musik für Tasteninstrumente – und zwar in Gestalt von Sonaten, Sonatinen, Variationen und ähnlichen Werken sowie in Form von Ensemblestücken, in deren Mittelpunkt das Clavier steht. Diese Werke waren in erster Linie zur Veröffentlichung gedacht, und viele verrieten ein deutlich didaktisches Element. Viele seiner publizierten Sammlungen hat Wanhal aristokratischen Gönnern und Schülern gewidmet, wenngleich über die Titelseiten und Dedikationen hinaus wenig vom Ursprung der Musik bekannt ist. Die Mannigfaltigkeit und Fülle dessen, was er auf den verschiedenen Gebieten geschaffen hat, ist ein beredtes Zeugnis für seine kreative Energie, seine anhaltende Beliebtheit und seinen gesunden Geschäftssinn.

Unter der Abteilung Vb: Flöten-Quartette listet Alexander Weinmann in seinem thematischen Verzeichnis der Werke Wanhals siebzehn Werke auf, von denen nur zwei verschollen sind. Für damalige Verhältnisse, nicht aber für Wanhal ungewöhnlich ist die Tatsache, dass die meisten dieser Stücke in zeitgenössischen Drucken erhalten sind. Dass die Werke oft von mehr als einem Verleger herausgebracht wurden, spricht für die große Beliebtheit, derer sie sich in Musikzentren wie Paris, London und Amsterdam erfreuten. Neben den Flötenquartetten schrieb Wanhal auch Trios und Duos für das Instrument, von denen zu seinen Lebzeiten ebenfalls viele im Druck erschienen. Dazu verfasste er beinahe ein Dutzend Flötenkonzerte. Sein Beitrag zum Flötenrepertoire lässt sich also nur mit dem Leopold Hofmanns vergleichen, seinem wichtigsten Wiener Konkurrenten auf diesem Gebiet – während Dittersdorfs Bedeutung hier deutlich geringer ist.

Wie damals üblich, sind die Flötenquartette so geschrieben, dass sich ihre Oberstimme von verschiedenen Melodieinstrumenten spielen ließ. In London brachte der Verleger Welcker beispielsweise die Kollektion Opus 7 mit der Titelseite Six Quartettes for a / Hautboy or German Flute auf den Markt, während Sieber sie als Six Quartetto Concertante / Pour une Flute au Hautbois bezeichnete. Zahlreiche Werke dieser Sammlung sind in handschriftlichen Kopien als Streichquartette überliefert, und wenigstens eines der Stücke ist auch als Klarinettenquartett erhalten.

Es gibt gute Gründe für die Annahme, dass die sechs Flötenquartette op. 7 als Zyklus und zudem wohl im Hinblick auf eine unmittelbare Veröffentlichung komponiert wurden. Sie erschienen zuerst 1771 bei Huberty als op. 8; es steht aber keineswegs fest, dass er die Werke direkt von Wanhal erhalten hat. Interessant ist, dass Sieber die Werke im nächsten Jahr in einer neuen Ausgabe veröffentlichte, die er am 28. Januar 1772 annoncierte – und eben diese Edition bildete die Grundlage für Welckers jüngere (undatierte) Londoner Ausgabe und viele der Abschriften. Siebers Edition wurde auch im Supplement VII (1772) des Breitkopf-Katalogs als VI Quattri di Vanhall, a Flauto, Viol., V. & B. Op.VII. Parigi gemeldet.

Den deutlichsten Hinweis darauf, dass es für die verschiedenen Editionen und Abschriften eine gemeinsame Quelle gab, bietet die Nummerierung der einzelnen Quartette. Sieber, Welcker und viele der erhaltenen Handschriften bringen die Werke in folgender Anordnung: F – B – G – Es – A und C. Huberty hingegen veröffentlichte die Werke in der Reihenfolge F – B – A – G – Es und C. Obwohl Huberty die Musik früher veröffentlichte, stützen sich die bei der vorliegenden Einspielung benutzten Ausgaben auf Siebers Druck, da er anscheinend der einflussreichere war. Die Welcker-Edition unterscheidet sich in einer Reihe von Details, kann aber in allgemeiner textlicher Hinsicht nicht als zuverlässig angesehen werden.

In Wanhals Quartetten ist die Flötenstimme deutlich weniger virtuos geführt als in den entsprechenden Werken Hofmanns. Das ist vor allem mit dem größeren Zusammenhalt der einzelnen Ensemble-Stimmen zu erklären, weshalb Wanhal in dieser Hinsicht auch moderner und technisch fortschrittlicher ist als Hofmann. Einen weiteren Aspekt seiner Modernität kann man darin erkennen, dass er in seinen Kopfsätzen dem neueren alla breve den Vorzug vor der übertriebenen „Acht-in-einem-Takt- Notation“ gab, welche die Mehrzahl seiner Zeitgenossen bevorzugte. Mehr als in Werken dieser Art damals üblich, legt Wanhal in seinen Flötenquartetten größeren Nachdruck auf die Durchführung des thematischen Materials, wenngleich das nie in demselben Maße und derselben Intensität wie in seinen Symphonien geschieht. Die Werke sind von wunderbaren Proportionen, in ihren strukturellen Details von makelloser Eleganz und verraten vor allem einen profunden Sinn für die eingesetzten Mittel. Die damalige Beliebtheit hatte weniger mit ihrer technischen Ausführung als vielmehr mit der melodischen Frische und dem durchweg vorhandenen stillen Raffinement zu tun. Diese herrlichen Quartette entstanden kurz nach dem unwiderruflichen Entschluss des Komponisten, als Freiberufler zu leben, und verraten die Gründe für seinen dauerhaften Erfolg.

Allan Badley/Uwe Grodd
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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