About this Recording
8.570239 - PART: Music for Unaccompanied Choir
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Arvo Pärt (geb. 1935)
Triodion • Tribute to Caesar • Nunc dimittis • Ode VII from Kanon Pokajanen
I Am the True Vine • The Woman With the Alabaster Box • Dopo la vittoria
Bogoróditse Djévo

Arvo Pärt wurde am 11. September 1935 in der estnischen Stadt Paide geboren. Er studierte in Tallinn zunächst bei Harri Otsa und Veljo Tormis, dann am Konservatorium bei Heino Eller und legte 1963 sein Examen ab. Zeichneten sich seine frühen Werke durch einen eher anspruchslos- neoklassizistischen Stil aus, so zeigte sich später, dass er sich im Verborgenen durchaus auch mit dem Serialismus beschäftigt hatte. Zuerst ließ sich dies am 1960 entstandenen Nekrolog erkennen, mit dem Pärt eine Reihe von Werken begann, die ihn – wie auch Perpetuum mobile oder seine Erste Sinfonie (die sog. Polyphone) von 1963 – beim gemäßigt konservativen Establishment der damaligen Zeit in Verruf brachten. Das zunehmende Interesse an der Musik von Johann Sebastian Bach führte dazu, dass Pärt das berühmte B-A-C-H-Motiv mit anderen, oft denkbar ungewöhnlichen Materialien kombinierte – beispielsweise in seinem Cellokonzert Pro et Contra und seiner Zweiten Sinfonie (beide von 1966). Den Höhepunkt der damaligen Schaffensphase markierte 1968 das Credo, ein offener Konflikt zwischen Bach und der Moderne, von dessen offenkundig christlicher Haltung sich die sowjetische Kulturbürokratie ganz unmittelbar herausgefordert fühlte.

Pärt setzte diese gedankliche Linie nicht fort, sondern verstummte beinahe vollständig. Seine Dritte Sinfonie von 1971 [Naxos 8.554591] spricht von einem intensiven Interesse an Alter Musik im allgemeinen und am Gregorianischen Choral im besonderen; erst seit 1976 entstand wieder ein stetiger Fluss an Kompositionen, wobei Pärt sich nun einer tonalen Technik bediente, die er selbst als “Tintinnabuli” (lat. Glöckchen) bezeichnete. Dabei wird eine melodische, schrittweise um einen Zentralton kreisende Stimme von glockenartig nachhallenden Dreiklängen unterstrichen. Viele der folgenden Werke gelten heute bereits als Klassiker der Moderne, darunter namentlich Tabula Rasa[ Naxos 8.554591], Fratresund Cantus in memoriam Benjamin Britten [beide auf Naxos 8.553750] sowie als Höhepunkt die Johannes-Passion aus dem Jahre 1982 [Naxos 8.555860]. So wurde der Weg frei für jene vornehmlich geistlichen Chorwerke, denen Arvo Pärt endgültig seinen Ruhm und seinen Ruf als einer der markantesten Komponisten der Gegenwart verdankt. Die vorliegende Aufnahme beleuchtet Pärts Musik aus den Zeitraum eines Jahrzehnts, in dem namentlich harmonische und rhythmische und damit expressive Fragen für ihn im Vordergrund standen.

Tribute to Cesar, das 1997 als Auftragsarbeit für die Diözese von Karlstad in Schweden anlässlich ihres 350. Bestehens entstand, ist die Vertonung eines Textes aus dem Matthäus-Evangelium (22,15–22), in dem Jesus die Pharisäer mit ihrer eigenen Heuchelei konfrontiert. Innerhalb des vergleichsweise moderaten Umfangs fällt der offene Kontrast zwischen akkordischen Abschnitten und solchen auf, in denen die melodische Deklamation das bestimmende Moment ist, wobei beide Elemente jene unprätentiöse Machart auszeichnet, die mittlerweile zu einem Markenzeichen von Pärts jüngeren Werken für unbegleiteten Chor geworden ist.

Obwohl die Kopplung von Magnificat und Nunc dimittis eine liturgische Gegebenheit im Abendgottesdienst der anglikanischen Tradition ist, entstand Pärts Vertonung des Nunc dimittis doch erst zwölf Jahre nach der des Magnificat, und zwar als Auftragsarbeit der St. Mary’s Episcopal Church zu Edinburgh, wo das Stück im Rahmen des Edinburgh Festivals im August 2001 erstmals erklang. Der Text entstammt dem Lukas-Evangelium (2,29–32), wobei der milde Schein, der hier so plastisch geschildert wird, im Vordergrund steht: Der Satz wechselt zwischen unterschiedlichen Dissonanzgraden, wobei die Intensität beständig zunimmt, um bei den Worten lumen ad revelationem durch eine einfache, gleichwohl sehr wirkungsvolle Wendung nach Dur dann ebenso knapp wie leidenschaftlich zu kulminieren.

Bogoróditse Djévo entstand 1990 für den jährlichen Gottesdienst der “Nine Lessons and Carols” am King’s College zu Cambridge. Dabei handelt es sich um einen traditionellen, weihnachtlichen oder adventlichen Wortgottesdienst der anglikanischen Kirche. Wie es sich für den emotional gewichtigsten Hymnus geziemt, erfüllt Pärt seine Huldigung an die Jungfrau Maria mit unmittelbar expressiver Ausstrahlung.

Triodion (1998) entstand als Auftragsarbeit für das Lancing College, Sussex, zur Feier seines 150. Bestehens. 50 Jahre zuvor hatte der von Pärt so geschätzte Benjamin Britten seine Kantate St Nicolas zum 100. Geburtstag der Schule komponiert, eine Verbindung, die Pärt hervorhebt, indem auch er in den letzten drei, dem orthodoxen Gebetsbuch entstammenden Oden jenes Heiligen gedenkt, der Schutzpatron von Lancing ist. Das Werk selbst beginnt mit einer Introduktion, in der die Heilige Dreifaltigkeit gepriesen wird, um dann mit Oden fortzufahren, die sich an Jesus the Son of God, the Most Holy Birth-giver of God und an den Holy Saint Nicholas wenden, ehe dann eine kurze Zueignungs-Coda – wie bereits die Introduktion mit ad libitum bezeichnet – das Werk beschließt. Jede der Oden ist dabei rhythmisch statisch, wobei auch die harmonische Bewegung in ähnlicher Form jeweils in der letzten Fürbitte erstarrt, so dass man hier Pärts Musik in ihrer reinsten und schmucklosesten Form erleben kann.

Eine weitere Auftragsarbeit für die Diözese von Karlstad anlässlich ihres 350. Bestehens ist The Woman with the Alabaster Box (1997). Der Text entstammt wiederum dem Matthäus-Evangelium (26,6–13) und erzählt, wie Jesus seine Jünger tadelt, dass sie so unwillig reagieren, als eine Frau sein Haupt mit kostbarem Öl salbt. Pärt mischt sich in der ihm eigenen Art nicht weiter in diese Meinungsverschiedenheit ein und seine einfach gehaltene, homophone Musik mit ihren stufenartigen melodischen Fortschreitungen ist von wohlklingender Melancholie.

I am the True Vine entstand 1996 aus Anlass des 900. Geburtstages der Norwich Cathedral, wobei der Text dem Johannes-Evangelium (15,1–14) entstammt. Jede Strophe greift mehr oder weniger intensiv das Bild vom Weinstock auf, der wächst, Frucht und schließlich Vollendung bringt. Daher auch die systematischen Tonwiederholungen, der Eintritt von Stimmen und das Zusammenspiel der Register untereinander, das gleichsam für den Wechsel innerhalb der Kontinuität steht.

Beim 1997 vollendeten Kanon Pokajanen, der erstmals im Jahr darauf im Kölner Dom erklang, handelt es sich um das umfangreichste Werk Pärts nach der Johannes- Passion, wobei die ersten Oden bereits 1990 entstanden waren. Wie auch bei den übrigen Sätzen des Zyklus stammt der Text der Ode VII aus dem liturgischen Morgen-Kanon der Buße und ist durchdrungen von russisch- orthodoxen Idiomen – sei es in den sonoren Dreiklangs- Harmonien oder im Rückgriff auf die parallelen Fortschreitungen, die gemeinsam eine ebenso dunkeltimbrierte wie überaus gefühlsintensive, kontemplative Musik schaffen.

Als Auftragswerk der Stadt Mailand anlässlich der 1600-Jahr-Feier zum Tode des hl. Ambrosius 1997 entstanden, wurde das häufig in einem Atemzug mit dem Te Deum genannte Dopo la vittoria im Dezember 1997 in der Basilica di San Simpliciano in Mailand uraufgeführt. Pärt geht – was eher untypisch für ihn ist – bei der Vertonung der aus den ursprünglich russischen Quellen ins Italienische übertragenen Beschreibung der Taufe des hl. Augustinus durch den hl. Ambrosius sehr stark auf die narrativen Qualitäten des Textes ein. An drei Stellen werden Worte des berühmten Textes besonders hervorgehoben, als gelte es zu bestätigen, dass es sich um eine “geistliche Kantate” der Gegenwart mit direkten textlichen und musikalischen Bezügen zu vergleichbaren Werken der Vergangenheit handelt.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Matthias Lehmann


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