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8.570245 - ROUSSEL, A.: Bacchus et Ariane (Bacchus and Ariadne) / Symphony No. 3 (Royal Scottish National Orchestra, Deneve)
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Albert Roussel (1869–1937)
Symphonie Nr. 3 • Bacchus et Ariane

 

Albert Roussel hat auf dem Wege zu einer eigenen musikalischen Sprache fast alle Stile seiner Zeit berührt. Der Komponist, der am 5. April 1869 in Tourcoing geboren wurde, kam 1884 aufgrund seiner Begabung nach Paris, um am Collège Stanislas zu studieren. Während seiner jungen Jahre diente er in der französischen Marine. Er brachte es bis zum Leutnant und kam auf seinen Fahrten bis in den Nahen Osten und nach China. 1894 quittierte er den Dienst und ging nach Paris, wo er nunmehr ernsthafte musikalische Studien betrieb. 1898 kam er als Schüler von Vincent d'Indy an dessen Schola Cantorum; vier Jahre später übernahm er die Kontrapunkt-Klasse, in der er eine ganze Komponistengeneration unterrichtete – darunter Eric Satie, Edgard Varèse und Bohuslav Martinu.

Roussels Schaffen gliedert sich in drei Hauptperioden. Von 1902 bis 1913 schlug er die impressionistische Richtung eines Debussy und Ravel ein, was in seiner 1. Symphonie und seinem Chorwerk Evocations deutlich wird. Mit dem Ballett Le festin de l'araignée (Das Fest der Spinne) erreichte er dann ein äußerst raffiniertes und subtiles Idiom. Während des Ersten Weltkriegs beschäftigte er sich mit dem ehrgeizigen, auf einer hinduistischen Geschichte beruhende Opernballett Padmâvatî, das seine schöpferischen Fähigkeiten bezeugt und dessen harmonische Komplexität die Erforschung eines neuen musikalischen Terrains erkennen lässt. Dieser Weg setzte sich in den zwischen 1918 und 1925 entstandenen Werken fort – besonders deutlich in der 2. Symphonie, der Oper La naissance de la lyre (Die Geburt der Leier) und der 2. Violinsonate.

Dieser musikalischen Selbsterforschung folgte um 1925 das reife Idiom, das zwar mit dem europäischen Neoklassizimus verwandt war, zugleich aber in seinen subtilen Harmonien, seiner komplexen Kontrapunktik und energischen Rhythmik überaus persönlich ist. An Werken sind hier besonders zu erwähnen: die komische Oper Le testament de la tante Caroline, die Ballette Bacchus et Ariane und Aeneas, die 3. und 4. Symphonie, eine Vertonung von Psalm 80 oder auch Kammermusiken wie das Streichquartett und das Streichtrio. Damals konnte er auch immer größere Erfolge im Ausland erringen, vor allem in den USA, denen er 1930 einen triumphalen Besuch abstattete. Gesundheitliche Probleme forderten jedoch ihren Tribut: Albert Roussel starb nach einem Herzanfall am 23. August 1937 in Royan. Der Komponist, der seine Werke stets um ihrer selbst Willen geschrieben hatte, wurde mit Blick aufs Meer beigesetzt...

Die beiden hier eingespielten Werke sind bedeutende Kreationen aus Roussels dritter Schaffensperiode und haben ihm die größten Erfolge beschert. Die 1929/30 entstandene 3. Symphonie gehört zu einer Reihe von Werken, die das Boston Symphony Orchestra zu seinem 50jährigen Bestehen in Auftrag gegeben hatte; unter anderem verdanken auch Honeggers erste und Prokofieffs vierte Symphonie sowie die Psalmensymphonie von Strawinsky diesem Jubiläum ihre Existenz. Serge Kussewitzky brachte Roussels Symphonie am 24. Oktober 1930 in Boston zur Uraufführung. Das Werk zeigt die neoklassizistische Sprache des Komponisten von ihrer markantesten Seite und ist die einzige seiner vier Symphonien, die einen Platz im Repertoire behalten hat.

Das Allegro beginnt mit einer stampfenden Begleitung, zu der das dahinjagende erste Thema erklingt, das im weiteren Verlauf an Liebenswürdigkeit gewinnt. Die Flöte exponiert ein Nebenthema, das den nötigen Kontrast liefert, worauf die Musik ihre entschiedene Vorwärtsbewegung wieder aufnimmt. Sie erreicht einen Höhepunkt und berührt kurz einen „Motto“-Gedanken, der im Finale eine wichtige Rolle spielen wird. Die beiden Themen erleben danach eine veränderte Reprise, und der Satz steigert sich zu einem durchdringenden Abschluss. Das Adagio wird von graziösen Holzbläsern eingeleitet und entwickelt sich zu einer expressiven Threnodie der Streicher. Für Ausgleich sorgt ein hüpfender Gedanke, den die Holzbläser zu einer marschierenden Blechbläserfigur intonieren, deren Antriebskraft und Bewegung allmählich zunehmen. Es kommt zu einem kurzen Höhepunkt, der mit einer drastischen Reduzierung des Tempos und dem Wiedereinsatz des ersten Themas zusammenfällt, das sich zu einer ausgedehnten Klimax steigert. Im Anschluss daran erhebt sich die Solovioline und beendet den Satz in einer Atmosphäre beglückender Heiterkeit. Der dritte Satz ist eine Synthese von Scherzo und Intermezzo. Er beginnt mit einem entschieden „populär“ getönten Thema. Obwohl die Musik oft in fremde Tonarten ausweicht, bleibt ihr frischer Humor bis zu dem nonchalanten Schluss ungebrochen. Das Finale beginnt mit einigen lebhaften, hektischen Wortwechseln der Holzbläser. Die hohen Streicher stellen das kapriziöse Hauptthema vor, zu dem auch eine Blechbläserfanfare etwas zu sagen hat. Im Zentrum des Satzes erinnert die Solovioline plötzlich an das Motto aus dem Kopfsatz, das sich jetzt zu der ausdrucksvollsten Melodie der gesamten Symphonie entwickelt. Zuletzt greift Roussel den Anfang des Schluss-Satzes wieder auf, um mit der Reprise der früheren Gedanken zu beginnen. Die Musik bewegt sich unaufhaltsam fort, bis das Motto im vollen Orchester den Höhepunkt markiert und die Symphonie zu einem entschiedenen Abschluss bringt.

Das Ballett Bacchus et Ariane entstand 1930 zu einem Szenarium von Abel Hermant und erlebte seine Premiere am 22. Mai 1931 unter Pierre Gaubert an der Pariser Opéra. Das Werk steht zwar in einer Linie mit den Balletten von Strawinsky und Prokofieff, ist aber doch typischer Roussel, wie die symphonische Konstruktion der beiden Akte zeigt. Diese Anlage tritt noch deutlicher in den beiden Suiten zutage, zu denen der Komponist die zwei Akte ohne wesentliche Veränderung des musikalischen Inhalts umgearbeitet hat. Beide Suiten wurden in Paris uraufgeführt, die erste am 2. April 1933 durch Charles Munch, die zweite am 2. Februar 1934 durch Pierre Monteux.

Suite Nr. 1 beginnt mit einer Introduction [Track 5], die eher den emotionalen Gehalt der Szene als deren Bildhaftigkeit beschwört. Darauf folgt sofort die nicht minder lebhafte Schilderung der spielenden Jünglinge und Mädchen [6], worauf sich die Stimmung eintrübt und ein geheimnisvoll instrumentierter, labyrinthischer Tanz erklingt [7]. Dieser wird unterbrochen wenn der verkleidete Gott Bacchus auftritt [8]. Er nähert sich Ariadne und hüllt sie in seinen schwarzen Umhang, so dass sie von Schlaf überwältigt wird. [9] Theseus und seine Gefährten stürzen auf Bacchus zu, der sich ihnen in seiner Göttlichkeit offenbart und ihnen mit gebieterischer Geste den Weg über das Meer weist [10]. Die Musik steigert sich zu einer kurzen, intensiven Klimax, während sich Wolken am Himmel zusammenballen [11]; eine Beruhigung erfolgt, wenn die Sonne wieder hervorbricht [12]. Es folgt der Tanz des Bacchus [13], der bald ausdrucksvoller wird, wenn die nach wie vor schlafende Ariadne mit ihm zu tanzen beginnt [14]. Kurz darauf legt Bacchus das Mädchen auf den Felsen, und die Musik erstirbt [15]. Der erste Akt endet in heiterer Ruhe.

Suite Nr. 2 beginnt mit einer zartsinnlichen Beschwörung der schlafenden Ariadne [16], durchzogen von einer einprägsamen Bratschenmelodie. Schließlich erwacht Ariadne: Sie schaut sich um und glaubt, man habe sie verlassen. Daher will sie sich in die Wogen stürzen [17], sie fällt jedoch in Bacchus' Arme und ist mit einem Schlage hellwach. Bacchus und Ariadne durchleben noch einmal ihren Traumtanz, wozu eines der herrlichsten Stücke erklingt, die Roussel überhaupt geschrieben hat [18]. Bacchus tanzt einen kraftvoll-energischen Tanz [19], und die Musik erreicht den Gipfel sinnlicher Intensität, wenn die beiden Protagonisten sich küssen [20].

Dergestalt wird der dionysische Zauber wirksam [21], und die Verehrer des Bacchus ziehen in einer Prozession vorüber, mit der das Finale des Balletts vorbereitet wird [22]. Zunächst kommt ein geschmeidiger und verführerischer Tanz der Ariadne [23], an den sich ein deutlich lebhafterer Tanz von Ariadne und Bacchus anschließt [24]; dieser steigert sich und gipfelt in einem hemmungslosen Bacchanal [25], das in überschwänglicher Weise den zweiten Akt beendet. Dabei wird die Krönung der Ariadne in den emporsteigenden Schlusstakten nachdrücklich unterstrichen [26].

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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