About this Recording
8.570249 - BUSONI, F.: Piano Music, Vol. 3 (Harden) - 3 morceaux / Indianisches Tagebuch, Book 1
English  German 

Ferruccio Busoni (1866–1924)
Klaviermusik Folge 3

 

Ferruccio Benvenuto Busoni wurde 1866 in Empoli bei Florenz als Sohn eines Klarinettisten und einer Pianistin geboren. 1874 gab er in Triest sein Debüt am Klavier, ein Jahr später ging er nach Wien. Dem Ratschlag Johannes Brahms’folgend, wandte er sich 1885 nach Leipzig, wo er Schüler von Carl Reinecke wurde. Danach unterrichtete er selbst in Helsinki und Moskau. Bis zur Jahrhundertwende war er durch seine Auftritte als Pianist stark in Anspruch genommen; danach spielte das Komponieren in seiner Karriere eine deutlich größere, wenngleich nie die dominierende Rolle. 1894 ließ er sich in Berlin nieder, wo er, wenn man von den in Zürich verbrachten Kriegsjahren absieht, bis zu seinem Tode lebte. Ferruccio Busoni starb 1924.

Das Wesen seiner Musik besteht in einer Synthese des deutschen und italienischen Erbes: Emotion und Intellekt, Fantasie und Disziplin. Obwohl sein Schaffen bei Komponistenkollegen ebenso wie bei Instrumentalisten Anerkennung fand, war es lange Zeit das Privileg einer gebildeten Minderheit. Weder eigentlich konservativ noch demonstrativ radikal, verbanden sich seine harmonischen und tonalen Neuerungen mit einer nachschöpferischen Annäherung an die musikalische Vergangenheit, die erst in den letzten Jahrzehnten weitere Verbreitung gefunden hat.

Bach war von Anfang an die beherrschende Figur – ob in den kontrapunktischen Aspekten von Busonis Musik oder in seinem pianistischen Repertoire. Einen Höhepunkt in dieser Hinsicht stellt die Bach-Busoni gesammelte Ausgabe von 1920 dar. Während es sich bei den späteren Werken, die Busoni unter Bezug auf Bach komponierte, mehr um Interpretationen denn Arrangements handelte, ist er auch in den frühesten Transkriptionen präsent. Zu diesen Werken gehört Toccata, Adagio und Fuge C-Dur BWV 564. Diese Einrichtung entstand wie verschiedene andere Bearbeitungen von Orgelstücken in der Zeit um 1900, wurde in den dritten Band der Bach-Busoni-Edition aufgenommen und ist ein überragendes Beispiel für die von Brahms und Liszt herkommende Kunst der virtuosen Transkription.

Ein entschiedenes Signal, und die Toccata beginnt in entschlossener Weise: Zunächst erklingt das Thema in Unisono-Oktaven, dann breitet es sich in einem expansiven Stimmensatz über die gesamte Tastatur aus. Schließlich wird das Thema wiederholt, worauf das Stück zu einem mächtigen Ende kommt. Demgegenüber ist das Adagio ein lichter, anrührender Satz: Es bewegt sich in gemessenen Abschnitten auf eine kurze Klimax zu, bevor das anfängliche Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Eine imposante, kadenzartige Passage bereitet die Fuge vor – eine der geistreichsten und animiertesten aus Bachs Feder –, in der die Haupt- und Nebengedanken mit gehöriger Zielstrebigkeit ausgeführt sind. Nach einer Engführung erreichen die Stimmen einen entschiedenen, bejahenden Schluss.

In den Jahren 1883/84 komponierte der junge Busoni seine beeindruckendsten und virtuosesten Klavierwerke, nicht zuletzt die Klaviersonate f-moll und Variationen und Fuge nach Chopin [Naxos 8.555699]. Zu den einnehmendsten kleineren Piecen jener Zeit gehören die 1884 in Wien als op. 4, 5 und 6 veröffentlichten Trois Morceaux. Das Scherzo ist eine fein gearbeitete Miniatur, deren lebhafte Außenabschnitte ein wiegendes, wenngleich nicht unbedingt entspannteres Trio umschließen, das nachher die Grundlage der zurückhaltenden Coda bildet. Die Melodik des robust-charmanten Präludiums ist von Bach inspiriert, indessen die Fuge ein kraftvolles Exemplar dieser Form ist – ein dicht gefügtes Stück sowohl in seiner Textur wie auch in seinem Stimmensatz. Den Einfluss Franz Liszts spürt man in der (ersten) Ballett- Szene, deren lebhafte und impulsive Themen wohl eher an einen ländlichen Tanz denn an einen Ballsaal erinnern, da ihre entschiedene Strenge pointiert jede höflichere oder galantere Neigung aufwiegt.

Der Begriff der „Ballett-Scene“ findet sich damals wiederholt in Busonis Musik: Insgesamt entstanden im Laufe eines Jahrzehnts vier Stücke dieses Titels (eine fünfte Ballett-Szene blieb unvollendet). Die Zweite Ballett- Scene von 1884 wurde im nächsten Jahr als op. 20 veröffentlicht und ist eine umfangreichere Kreation als ihre Vorgängerin. Die beiden Hauptthemen sind tonal und strukturell miteinander verwandt – das zweite bewegt sich im Rhythmus einer Tarantella – und setzen den Titel des Werkes in animierterer Weise um: Es entsteht eine rhythmische Bewegung, die sich bis in die funkelnde Coda hinein fortsetzt.

Die dritte Scène de ballet aus dem Jahre 1889 wurde unter dem Titel Kleine Ballettszene zusammen mit dem Kontrapunktischen Tanzstück unter der Opuszahl 30 veröffentlicht. 1914 revidierte Busoni die beiden Sätze, um sie als Zwei Tanzstücke op. 30 mit den Titeln Waffentanz und Friedenstanz neu herauszubringen. Der Waffentanz ist eine fein gearbeitete Studie voll kontrapunktischer Gewandtheit und bewegt sich in ihrem Mittelteil mit modulatorischer Freiheit. Der Friedenstanz gehört zu den einfallsreichsten Stücken Busonis: Witzig und findig werden hier die melodischen Gedanken transformiert.

Die „Vierte Ballettszene“ erschien 1894 als op. 33 unter dem Titel Vierte Ballett-Scene in Form eines Concert- Walzers und gehört zu Busonis beeindruckendsten Virtuosenstücken. Eine kurze Einleitung präsentiert die Umrisse der prominenten melodischen Gedanken, bevor das gleichermaßen verbindliche und kunstvolle Hauptthema zwei zunehmend komplexere Entwicklungsstadien durchläuft. Der komplexe Mittelteil verweist kurz auf den Beginn des Werkes, worauf das Hauptthema wieder nachdrücklich seinen Kurs verfolgt und dieses Mal einen hektischen Galopp erreicht, der das Ganze zu einem tumultuösen, erheiternden Abschluss bringt. Nirgends ist Busoni eine bessere Demonstration seiner pianistischen oder kompositorischen Virtuosität gelungen.

Der Tanzwalzer stellt ein radikal anderes Konzept von unterhaltender Musik dar. Das 1920 entstandene Orchesterwerk, das hier in der klaviergemäßen Transkription des Busoni-Schülers Michael von Zadora aus dem Jahre 1921 zu hören ist, gehört zu den zahlreichen „Satelliten-Stücken“, die das Musikdrama Doktor Faust umkreisen, an dem Busoni während der letzten acht Jahre seines Lebens gearbeitet hat, ohne es doch zu vollenden. Das erhabene Ziel dieses Bühnenwerkes zeigt sich freilich nicht in dem Tanzwalzer, dessen Dedikation „Dem Andenken Johann Strauß“ erkennen lässt, um was es hier geht: um eine Hommage nämlich an das goldene Zeitalter des Wiener Walzers, und diese ist ebenso treffend wie Ravels Valse, wenngleich weniger sardonisch geraten. Die Klavierbearbeitung verzichtet auf die Einleitung mit ihrem trockenen Humor, um sogleich mit dem eleganten ersten Walzer zu beginnen; sie enthält ferner den energischen zweiten Walzer, bevor sie sich der Geschmeidigkeit bzw. den Grillen des dritten und vierten Walzers zuwendet. Die Musik wirft einen ambivalenten Rückblick auf frühere Gedanken und bringt schließlich Erinnerungen an den ersten Walzer, worauf eine geistvolle Coda den entschiedenen Schlusspunkt setzt.

In den Jahren 1913–15 befasste sich Busoni intensiv mit der Kultur und Musik der Indianer. Geweckt wurde sein Interesse, als ihm seine frühere Schülerin Natalie Curtis 1911 ihr Indians’Book schenkte. Diese Kollektion eröffnete dem Komponisten einen Ausweg aus der nach Innen gewandten Haltung, die seine Musik während der letzten drei Jahre geprägt hatte. Nach der Indianischen Fantasie für Klavier und Orchester schrieb Busoni 1915 sein Indianisches Tagebuch. Der erste Satz, ein Allegretto – eng verwandt mit dem unbegleiteten Anfangsteil der Fantasie – ist von improvisatorischer Art. Darauf folgt ein hektisches Vivace, das eine ebenso fließende wie kapriziöse Melodie der Cheyenne verwendet. Das Andante ist eine zarte, einfache „Romanze“, deren Melodie aus dem Lied Der blaue Vogel gewonnen wurde; der Mittelteil entstand nach dem Laguna Corn-Grinding Song, an dessen Ruhe man erkennt, dass sich Busoni mit seiner Inspirationsquelle identifizierte. Ein glühendes Maestoso beschließt die Sammlung mit fragender Entschlossenheit. Zugleich wird hier ein kontrapunktisches Element eingeführt, das die amerikanischen und europäischen Aspekte dieser Arbeit mit jener subtilen Folgerichtigkeit in Einklang bringt, die für die reifen Werke Busonis so charakteristisch ist.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


Close the window