About this Recording
8.570250 - LAURO: Guitar Music, Vol. 2 - Sonata / 4 Estudios / Suite
English  German 

Antonio Lauro (1917–1986)
Musik für Gitarre • 2

 

Als Andrés Segovia im Jahre 1955 die erste Aufnahme des Stückes machte, das später den Namen Natalia erhielt, da stand auf dem Hüllentext, Antonio Lauro sei ein „argentinischer Komponist”. Es spielte damals auch überhaupt keine Rolle, ob er aus Venezuela, Ecuador oder Argentinien stammte, denn Natalia war die einzige seiner Kompositionen, die außerhalb von Venezuela gespielt und von Segovia ins Repertoire genommen worden war. So gehörte Lauro immerhin mit Heitor Villa-Lobos und Manuel M. Ponce zu den wenigen glücklichen Lateinamerikanern, die der große Meister aus Andalusien ehrte und die in dem ungenau definierten Zusammenhang „spanischer Gitarrenmusik” Seite an Seite mit iberischen Komponisten aufgenommen wurden. In der folgenden Dekade erlangten die Werke Lauros dann allerdings internationale Bekanntheit, und zwar durch die Tätigkeit eines Landsmannes, des venezolanischen Gitarristen Alirio Díaz. So rückte der Komponist also zur selben Zeit, als er seine künstlerische Reife erlangte, ins Zentrum eines dauerhaften Interesses.

Antonio Lauro wurde am 3. August 1917 in Ciudad Bolívar, einer Stadt am Orinoco, als Sohn italienischer Einwanderer geboren. Sein Vater war ein wohlhabender Barbier und Amateurmusiker. Noch vor seinem sechsten Geburtstag verlor der Knabe seine Eltern, weshalb er gezwungen war, nach Caracas zu gehen, wo er gegen den Wunsch der Familie eine musikalische Ausbildung begann. Der große Walzerkomponist Salvador Narciso Llamozas, ein Meister der ersten Generation von Nationalisten, gab ihm Klavier-unterricht; dann wurde er jedoch durch den Einfluss des paraguayischen Gitarristen Agustín Barrios Mangoré zur Gitarre hingezogen: Fortan war er Schüler von Raul Borges, der am Nationalen Konservatorium von Caracas eine der ersten Gitarren-Abteilungen der Welt gegründet hatte.

Im Jahre 1938 war Lauro der erste Absolvent eines offiziellen klassischen Gitarrenstudiums. Daneben verfolgte er eine Karriere als Unterhaltungsmusiker; er spielte Gitarre im Rundfunk und gründete ein Trio mit Singstimme und Gitarren, mit dem er Südamerika bereiste. Dabei kam er bis nach Chile, wo er fast ein Jahr blieb. Nach seiner Rückkehr legte er die Gitarre beiseite, um bei Vicente Emilio Sojo, dem bedeutendsten Meister der venezolanischen Nationalbewegung, Komposition zu studieren. In einer Art von Kreuzzug versuchte er, die Musik seiner Heimat zu revitalisieren: Er wurde Schlagzeuger beim Orquesta Sinfónica und Sänger im Orfeón Lamas, dem ersten wirklich bekannten Chor von Venezuela. Die Vokalmusik wurde eine lebenslange Leidenschaft: Lauro beteiligte sich an vielen chorsymphonischen Produktionen, dirigierte Chöre, verfasste zahlreiche Gesangsstücke und schuf ein beachtliches Spektrum an Werken für Singstimme und Gitarre. In Sologitarrenstücken wie Crepuscular und Oriente sind Elemente seiner Vokalmusik zu entdecken.

Im zweiten Stadium seiner Karriere, das heißt in den Jahren von 1944 bis 1956, fand Lauro einen ästhetischen Ansatz, der die Erfahrungen des Popularmusikers mit denen der akademischen Ausbildung verband. Die Gitarrenkompositionen waren jetzt darauf gerichtet, die venezolanische Popularmusik mit den komplexen Formen der europäischen Tradition zu verbinden. Überdies konnte man jetzt sehen, wie sehr ihn die alte Musik für das Instrument faszinierte: Das zeigt sich in seinen Fugen und besonders in seiner als Tribut an Luis Milán verstandenen Pavana al estilo de los vihuelistas (so der Originaltitel des 1948 entstandenen Werkes). Diese Pavana wurde beim Concurso Anual de Música, dem angesehensten Musikpreis von Venezuela ausgezeichnet. Lauro widmete das Werk seinem Freund Manuel Enrique Pérez Diaz, mit dem er durch Südamerika gereist war und der selbst bei dem Venezuelaner Raul Borges und der Argentinierin María Luisa Anido studiert hatte.

Bemerkenswerterweise war diese Phase die einzige, in der Lauro für andere Instrumente als die Gitarre komponierte: Es entstanden Werke wie die Suite venezolana für Klavier, Marisela für Soloharfe sowie Musik für Kammer- und Symphonieorchester. Gleichwohl war es die Gitarre, mit der er seinen schöpferischen Höhepunkt erreichte. Nachdem er 1951 als Gegner der damaligen Diktatur im Gefängnis gesessen hatte, entschied sich Lauro, die Charakteristika seiner wichtigsten Arbeiten auf der Gitarre auszudrücken. Das geschah unter anderem in der Suite venezolana und der Sonata, dann auch in seinem Konzert für Gitarre und Orchester – allesamt Beispiele für eine polyphone Schreibweise und für die Verwendung sämtlicher Möglichkeiten, die ihm das Griffbrett der Gitarre boten.

Anschließend verfolgte Lauro drei kompositorische Richtungen. Die erste brachte Musik von volkstümlichtraditioneller Art in tonaler Sprache und kontrastierenden Abschnitten (wozu unter anderem eine weitere Kollektion venezolanischer Walzer gehörte). Der zweiten Linie verdankten chromatische Werke ihre Entstehung, die die persönlichen Interessen ihres Verfassers illustrierten und zu Elementen zurückkehrten, wie sie sich in der Sonata und der Suite venezolana gezeigt hatten. Und drittens schließlich entwickelte er Gedanken weiter, wie man sie in den Fugen und der Pavana hatte sehen können: So kam es unter anderem zu den Estudios en imitaciones, die das kontrapunktische Potential der Gitarre erkundeten und in älteren Werken selten vorhandene pädagogische Elemente einführten. Danach erreichte Lauros ohnehin bedeutende Karriere mit der 1977 geschriebenen, John Williams gewidmeten Pavana y fantasía para guitarra y clavecín und der Suite en homenaje a John Duarte (1981) neue Höhen.

Hier verließ Lauro endgültige die Rolle des folkloristischen Walzer-Komponisten, als der er heute noch in gewissen Kreisen gilt. Wenn in der Sonata oder dem Gitarrenkonzert verschiedene Kulturen verschmolzen, indem die nationale Musik aus europäischem Blickwinkel neu interpretiert wurde, so fallen Pavana y fantasía und Homenaje a Duarte gewiss nicht in diese Kategorie. Hier hat Lauro einen andern Ansatz gefunden und seine eigene Identität dadurch gefestigt, dass er die Ursprünge der von ihm so vollkommen absorbierten Traditionen erkundete und Elemente vereinigte, die im alten venezolanischen Musikerbe wurzeln. Auf diese Weise entstanden Werke in einer Sprache, die im lateinamerikanischen Gitarrenrepertoire einzigartig dastehen und zu den hervorragenden Schöpfungen auf dem Gebiete der Gitarrenmusik des 20. Jahrhunderts gehören.

Es mag an der schweren Krankheit gelegen haben, dass sich Lauro gegen Ende seines Lebens wieder Maestro Sojo und der Vielfalt der venezolanischen Musik zuwandte und neue Werke in populären Strukturen schrieb, mit denen er sich bislang nicht beschäftigt hatte, um nunmehr ein symbolisches Gefühl der nationalen Einheit zu schaffen. Durch den Walzer hatte er seinen kompositorischen Weg gefunden, doch er bediente sich auch anderer Rhythmen und Formen aus allen Zeiten und Regionen seines Landes: Es gibt zum Beispiel Wiegenlieder (Ana Florencia), romantische Balladen, boleras (nach Art der im 19. Jahrhundert benutzten Form), gaitas aus Maracaibo, bambucos (Virgilio) aus den Anden, registros (Präludien in freier Form für die populäre Gitarre) und Tänze wie die merengues aus Caracas und die joropos (Seis por derecho aus den Llanos und Pasaje aragüeño aus dem Zentrum des Landes). In den letzten Lebensjahren schrieb Lauro mit Romanza und Nocturno noch zwei kleine Stücke, die vielleicht einen neuen Weg aufzeigen sollten. Und endlich erinnerte er sich in Cueca chilena an die Reisen, die ihn vierzig Jahre früher über den Kontinent geführt hatten: So schloss sich der Kreis seines Lebens mit einem Gefühl der Zugehörigkeit, das sich nicht auf Venezuela beschränkte, sondern ganz Südamerika einbezog.

Lauro starb am 18. April 1986 in Caracas. Ein Jahr zuvor war er mit dem angesehenen Staatlichen Musikpreis ausgezeichnet worden. In vielen Ländern hatte man ihn geehrt – zunächst in Kuba 1978, dann in Europa. Zwar sind einige seiner Gitarrenwerke noch nicht veröffentlicht worden; dennoch ist er eine internationale Berühmtheit. Gitarristen in aller Welt haben seine Werke während der letzten vier Jahrzehnte gespielt und aufgenommen. Mit der vorliegenden Aufnahme bietet Victor Villadangos dank seiner instrumentalen Meisterschaft eine wahrhaft südamerikanische Interpretation: Er lässt keinen Zweifel daran, dass Lauro als Gitarrenkomponist nicht nur einen nationalen Rang, sondern am Ende auch eine große Bedeutung für den gesamten Kontinent erlangte.

Alejandro Bruzual
Deutsche Fassung: Cris Posslac
nach der englischen Version von Jorge Gil und Graham Wade

 


Close the window