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8.570256 - GLAZUNOV: 5 Novelettes / String Quintet in A Major
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Alexander Glasunow (1865–1936)
Fünf Noveletten op. 15 • Streichquintett A-Dur op. 39

 

Es ist heute wohl kaum mehr nötig, sich für die Reputation Alexander Glasunows zu verwenden. Er gehört zu einer Generation russischer Komponisten, die bereits in den Genuss einer professionellen Hochschulausbildung kam und der auf diese Weise eine Synthese des nationalen, mitunter urwüchsigen Idioms mit den verfeinerten Techniken gelang, die von den Konservatorien vermittelt wurden. Glasunow arbeitete eng mit Nikolai Rimski-Korsakow zusammen, den ihm Mili Balakirew, der Lehrer seiner Mutter, empfohlen hatte. Später spielte er eine wichtige Rolle bei der Ausbildung einer neuen russischen Komponistengeneration, zu der unter anderen Dmitri Schostakowitsch gehörte.

Alexander Konstantinowitsch Glasunow wurde 1865 in St. Petersburg als Sohn eines Verlegers und Buchhändlers geboren. Schon als Kind zeigte er eine hohe musikalische Begabung. 1879 lernte er Balakirew und durch diesen Rimski-Korsakow kennen. Mit sechzehn Jahren vollendete er die erste von neun Symphonien: Das Werk wurde unter der Leitung von Balakirew uraufgeführt, dessen Einfluss in der Partitur zu erkennen ist. Der Kontakt zu ihm brach allerdings bald ab. Der reiche Holzfabrikant Mitrofan Petrowitsch Belaieff hatte die Premiere der Symphonie miterlebt und reiste im Anschluss nach Moskau, um dort unter Rimski-Korsakow eine zweite Aufführung des Werkes zu hören. Er besuchte die Moskauer Proben, und aus seiner Begegnung mit Rimski- Korsakow entstand eine neue, informelle Verbindung russischer Komponisten, durch die Balakirew seine eigene Position als einflussreicher, wenn auch selbsternannter Mentor der nationalrussischen Komponisten bedroht sah. Glasunow bewegte sich bald in Belaieffs Zirkel und besuchte mit Rimski-Korsakow die Freitags-Soireen, anstatt sich dienstags bei Balakirew einzufinden. Belaieff nahm Glasunow 1884 mit nach Weimar, wo es zu einer Begegnung mit Franz Liszt und einer Aufführung der 1. Symphonie kam.

1899 wurde Glasunow Lehrer am Konservatorium von St. Petersburg. Damals hatte die Bewunderung für seinen Lehrer anscheinend schon nachgelassen: Rimski-Korsakows Frau sprach später von Glasunows künstlerischer Neigung zu Tschaikowsky und Brahms; sie vermutete einen Einfluss des Komponisten Tanejew und des Kritikers Herman Laroche, einem Tschaikowsky-Verehrer und entschiedenen Gegner der Nationalisten, den Rimski-Korsakow selbst als das russische Gegenstück zum Wiener Eduard Hanslick bezeichnet hatte – aus seinem Munde ein nicht eben schmeichelhafter Vergleich.

Glasunow blieb jedoch ein kollegialer Freund seines ehemaligen Lehrers, was er nach den politischen Unruhen von 1905 zeigte, als Rimski-Korsakow einen Protest gegen die Unterdrückung demokratischer Kräfte in Russland unterzeichnete und offen mit den Schülern des Konservatoriums sympathisierte, die sich mit den liberalen Gegnern der offiziellen Politik verbündet hatten. Rimski-Korsakow verlor zwar seinen Posten im Konservatorium, doch Alexander Glasunow, der neue Direktor der inzwischen relativ autonomen Institution, stellte ihn wieder ein. Er selbst leitete das Konservatorium bis 1930 zumindest nominell, denn 1928 hatte er Russland verlassen, um die Feierlichkeiten zum 100. Todestag Franz Schuberts in Wien zu besuchen. Danach blieb er als vielbeschäftigter Dirigent im Ausland und ließ sich schließlich in der Nähe von Paris nieder, wo er 1936 starb.

Welche Wertschätzung Glasunow genoss, erhellt die Tatsache, dass er in der Lage war, das Konservatorium durch die Jahre größter Entbehrungen, Schwierigkeiten und politischer Turbulenzen zu steuern. Bei dieser Aufgabe half ihm offenbar der ständige Nachschub an Wodka, für den der Vater des Konservatoriumsschülers Dmitri Schostakowitsch sorgte. Während er in den entbehrungsreichen Jahren nach der Revolution vom Fleische gefallen war, erlangte er schließlich die imponierende Statur zurück, die ihn in Verbindung mit seiner randlosen Brille und goldenen Uhrkette wie einen Teeplantagenbesitzer im Ruhestand oder einen wohlhabenden Bankdirektor erscheinen ließ – zumindest nach Ansicht der englischen Presse. Seine Erscheinung passte zu seinem musikalischen Geschmack. Er kritisierte Strawinskys Gehör, konnte sich mit der Musik von Richard Strauss nicht anfreunden und war, wie man sich erzählt, durch die schrille Harmonik von Prokofieffs Skythischer Suite schockiert. In seinen eigenen Werken setzte er die Tradition Tschaikowskys fort, und bald erschien er wie ein Anachronismus in jener neuen Zeit, in der viele Komponisten alle erdenklichen Experimente unternahmen.

Seine Fünf Noveletten op. 15 schrieb Glasunow im Jahre 1881. Ursprünglich hatte ihnen der Komponist den weniger aussagekräftigen Titel Suite gegeben, den er dann auf Anraten des bekannten Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow änderte. Zu Beginn des ersten Satzes, Alla spagnuola, spielt das Violoncello eine Pizzikato-Begleitung zu dem charakteristisch rhythmisierten Hauptthema. Das Trio beginnt mit einer Melodie des Cellos, worauf der vorige Tanz wieder aufgenommen wird. Auch das anschließende Orientale beginnt mit einer gezupften Cello-Begleitung, wozu die Bratsche ihre Gegenrhythmen spielt und die Violinen über einem angedeuteten Bordunbass mit einem tänzerischen Rhythmus einsetzen. Ein Moment der Ruhe bringt die orientalisch anmutende Phrase der Bratsche, die nacheinander von den andern Instrumenten übernommen wird. Danach wird das Material des Anfangs wiederholt. An dritter Stelle steht ein Interludium in modo antico. Dieses ist zwar im dorischen Modus geschrieben, seine Feierlichkeit deutet aber klar auf die russische Tradition hin. Einen direkten Kontrast bildet die nachfolgende Valse, deren charakteristischer Begleitrhythmus von Cello und Bratsche angestimmt wird. Eine andere Tonart und Atmosphäre beherrscht den Mittelteil, in dessen Verlauf die Spannung immer weiter zunimmt, bis der eigentliche Walzer wiederkehrt. Die letzte Novelette trägt die Bezeichnung All'ungherese. Hier intoniert das gezupfte Violoncello den einleitenden Rhythmus, über dem die erste Violine ein ungarisches Thema erklingen lässt. Wiederum gibt es einen kontrastierenden Mittelteil ( Andantino sostenuto, Capriccioso ), der bekannte musikalische Wendungen der ungarischen Zigeuner enthält. Das rhythmische und melodische Ausgangsmaterial wird wiederholt, und die Musik mündet in einen Schlussteil, in dem die Tonika durch wiederholte Akkorde auf den leeren Violinsaiten bekräftigt wird. Glasunow hat das Werk später für zwei Klaviere arrangiert.

In den 1890er Jahren konnte sich Mitrofan Petrowitsch Belaieff bei der Erweiterung seines musikalischen Katalogs unter anderem auf die kompositorische Gewandtheit Glasunows stützen, der sein Angebot um etliche neue Werke erweiterte und manches zur Unterhaltung der Gäste komponierte, die die Freitags-Soireeen des Verlegers besuchten. Das Streichquintett A-Dur op. 39 von 1891 verlangt wie das entsprechende Werk von Franz Schubert zwei Violoncelli. Der erste Satz beginnt mit einer Bratschenmelodie, aus der sich die erste Themengruppe entwickelt. Das erste Violoncello leitet dann das kontrastierende Poco più tranquillo in C-Dur ein, das die zweite Themengruppe bildet. Beide Elemente werden durchgeführt und variiert, bevor sie in der Reprise transformiert wiederkehren und in eine Coda münden. Ein ausgehaltener Bratschenton begleitet die Pizzikati der Geigen in dem Scherzo F-Dur, bis diese und die Bratsche das eigentliche Hauptthema zupfen. Das nachfolgende Trio in d-Moll führt zur Wiederholung des Scherzos, an das sich die Coda des Satzes anschließt. Das Violoncello war ein Instrument, von dem sich Glasunow sehr angezogen fühlte – was man zu Beginn des Andante sostenuto d-Moll hört, der vom zweiten Cello bestritten wird. Die erste Violine exponiert dann das Hauptthema, das das erste Cello übernimmt. Ein kontrastierender Abschnitt leitet wieder zum thematischen Material des Anfangs und zu dem abschließenden Agitato ed accelerando in D-Dur über. Der letzte Satz beginnt in a-Moll mit einem russisch getönten Thema. Die Bratsche stellt ein Fugensubjekt vor, dem eine Più tranquillo -Passage in D-Dur folgt. Das Hauptthema und die Ausgangstonart kehren wieder, dann erklingt das zweite Thema in A-Dur. Der Schlussteil beginnt Allegro vivo, unterbrochen von einer Grazioso -Reminiszenz des jetzt augmentierten zweiten Themas. Ein Presto beendet das Werk.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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