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8.570258 - TINTNER: Violin Sonata / Variations on a Theme of Chopin / Piano Sonata / Trauermusik
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Georg Tintner (1917–1999)
Kammermusik

 

Georg Tintner wurde 1917 in Wien geboren und war vier Jahre lang Mitglied der Wiener Sängerknaben. Im Alter von 13 Jahren ging er an die Wiener Staatsakademie und studierte Komposition und Dirigieren. Mit 19 Jahren wurde er Dirigierassistent an der Wiener Volksoper – bis zur Flucht aus Wien nach dem „Anschluss“ 1938. Im Jahr 1940 erreichte Tintner Neuseeland, 1954 ging er als Generalmusikdirektor der Nationaloper nach Australien. Weitere Stationen seiner Karriere waren Kapstadt (Leiter des Städtischen Orchesters), wiederum Australien (Senior Resident Conductor der Australian Opera) und für einige Jahre London, wo er an Sadler’s Wells arbeitete. 1987 ging er nach Kanada als musikalischer Leiter des Symphonieorchesters Nova Scotia und dirigierte alle wichtigen kanadischen Orchester. Georg Tintner hatte eine besondere Affinität zu Bruckner, dessen Werke er auf fünf Kontinenten dirigierte, darunter Aufführungen mit dem London Symphony Orchestra für die BBC und mehrere Erstaufführungen. Seine Aufnahme der elf Symphonien für Naxos wurde weithin gelobt. Ihm wurden der Order of Canada, einige Ehrendoktorate und das „Große Ehrenzeichen“ der Regierung Österreichs für seine Verdienste um die österreichische Musik verliehen.

Kammermusik

Man kennt Georg Tintner nur als Dirigenten. Er selbst hat sich jedoch immer für einen dirigierenden Komponisten gehalten. Mit etwa zehn Jahren begann er als Mitglied der Wiener Sängerknaben Musik für seine Kameraden zu komponieren, die er dann selbst dirigierte. Eines dieser Stücke – Steht auf! – gehörte in den dreißiger Jahren zum Standardrepertoire des Chores. Mit vierzehn Jahren kam Tintner 1931 als kompositorisches Wunderkind an die Akademie für Musik und darstellende Kunst, um bei Josef Marx zu studieren. Nach seiner Graduierung im Jahre 1935 studierte er bei Felix Weingartner Dirigieren.

Die Sonate f-Moll und Auf den Tod eines Freundes dürften in den frühen Jahren an der Akademie entstanden sein. Die einsätzige Sonate ist rundum tonal und in ihrem romantischen Stil besonders Skrjabin, Chopin und Brahms verpflichtet. Das jugendlich-leidenschaftliche, begeisternde Werk stellt für einen 14- oder 15-jährigen Knaben eine bemerkenswert kunstvolle und durchdachte Leistung dar. Die 1934 vollendeten fünfzehn Variationen über ein Thema von Chopin – das Prélude A-Dur – entstanden vermutlich zum eigenen Gebrauch. Im Jahr darauf spielte Renée Gärtner das Stück im Wiener Konzerthaus, und 1936 wurde es vom Wiener Rundfunk übertragen. Zu dieser Zeit hatte Georg Tintner die unglückliche Liebesaffäre mit einer jungen, launenhaften Pianistin namens Piroška bereits hinter sich gebracht, und sein romantisches Leid verwandelte sich in durchweg reifere Kompositionen, von denen er einige stets zu seinen besten Werken rechnete: verschiedene Lieder für Frauenstimme sowie das kurze, skrjabineske Prélude Sehnsucht.

1938 floh Tintner vor den Nazis – zunächst nach Jugoslawien und dann nach England, wo er ein Jahr auf die Einreisegenehmigung nach Neuseeland wartete. In London wandte er sich der Fuge zu, einer Form, die er in späteren Werken häufig verwandte. Es war dies eine eigenartige Entscheidung für einen Komponisten, dessen erklärtes Ziel es war, „schöne Musik“ zu schreiben, und der diesbezüglich in Skrjabin ein Vorbild sah; doch in der damaligen Ungewissheit muss ihm die strenge, intellektuelle Übung der Fugenkomposition Rückhalt gegeben haben. 1939 entstanden zwei zweistimmige und zwei dreistimmige Klavierfugen. Danach begann er mit der Trauermusik für Klavier, die ihn anderthalb Jahre beschäftigen sollte. Wie aufgrund des Titels nicht anders zu erwarten, ist dieses Stück ein Hinweis auf die Niedergeschlagenheit des mittellosen Flüchtlings in der Fremde. Das weitgehend tonale Werk enthält ein Fugato über ein Thema, das aus zehn der zwölf chromatischen Töne besteht und damit seinen ersten bekannten Abstecher in die Reihentechnik markiert. Tintner schätzte dieses Werk, das er 1958 orches- trierte. In dieser Gestalt wurde es vom Sydney Symphony Orchestra unter Nikolai Malko uraufgeführt.

Als Tintner im März 1941 seine Trauermusik vollendete, lebte er bereits im neuseeländischen Auckland. Seit kurzem war er mit seiner ersten Ehefrau Sue verheiratet. Er dirigierte einen Kirchenchor und war damals so glücklich wie nie wieder in seinem Leben, obwohl seine Karriere zu Ende schien. In diesem Jahr dürfte er mit der Violinsonate begonnen haben, die er für eines seiner zwei besten Werke hielt. Er schloss sie Ende 1944 ab und widmete sie dem Dichter und Übersetzer Karl Wolfskehl, einem weiteren jüdischen Flüchtling, der aus Deutschland nach Auckland geflohen war. Die vier Sätze „handeln von nichts als Emotionen“ und stellen nacheinander Liebe, Trotz, Leid und Triumph dar. Tintner versuchte hier die expressiven Möglichkeiten größerer Intervalle zu erkunden, weshalb denn auch die Violinstimme schon gleich zu Anfang Sprünge enthält. Es gibt in diesem Werk Passagen von großer lyrischer Schönheit – vor allem im ersten und längsten Satz, dessen zweites Thema von Sues langem Haar inspiriert wurde. Gelegentlich erkundet Tintner auch hier die Reihentechnik, doch diese kompositorische Sprache hielt er später für eine „Sackgasse“. Die Uraufführung gaben Robert Pikler und Maureen Jones am 15. Juli 1949 in einer Studio-Übertragung des NZBC in Auckland.

Im Anschluss an die Violinsonate bemühte sich Tintner viele Jahre erfolglos um eine Oper. Er schrieb nur noch ein wichtiges Werk, The Ellipse für Streichquartett und Sopran, das er 1959 vollendete. Nach 1962 verstummte er praktisch ganz. Dabei spielten gleichermaßen persönliche Tragödien, der Verlust des Kulturraums, die Verpflanzung in fremde Länder, in denen man ihn kaum verstand, und die viele Komponisten in der Mitte des 20. Jahrhunderts umtreibende Frage, welche Sprache sie nach dem Ende des Serialismus sprechen sollen, eine Rolle. Dass er sich nicht auszudrücken wusste, war ihm ein Gegenstand ständiger Betrübnis. Zwar wurde seine Musik nicht unterdrückt wie diejenige vieler anderer jüdischer Komponisten, dennoch war er sicherlich ein „verlorener Komponist“.

Tanya Tintner
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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