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8.570259 - BLOCH: 4 Episodes / 2 Poems / Concertino / Suite Modale
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Ernest Bloch (1880–1959)
Four Episodes • Two Poems • Concertino • Suite Modale

 

Ernest Bloch war einer der interessantesten, erfinderischsten und erfolgreichsten Komponisten, zeit seines Lebens als Nachfolger von Bach, Beethoven und Brahms angesehen und verehrt. Während die drei genannten musikalischen Giganten ihren ganz eigenen Stil innerhalb der jeweiligen historischen Epoche entwickelten und etablierten, war Bloch einzigartig. Er war ein Wanderer und Entdecker, der sich nicht um die jeweiligen Moden scherte. Bloch besaß die außerordentlichen Qualitäten eines großen Schöpfers in jedem der verschiedenen Stile, in denen er im Laufe seines Lebens komponierte. Musik war die adäquate Sprache für Blochs Individualität, Ideen, Philosophie, tiefgründigen Intellekt und Wahrhaftigkeit – alles in perfekter Balance. Gleichzeitig trug er Gefühle von Weltschmerz, Liebe und Hoffnung in sich und entäußerte sie.

In der Zeit des Zweiten Weltkriegs verstummte er als Komponist zeitweilig, fand aber geistige Rettung in Johann Sebastian Bach. In seinen späteren Werken kehrte er zu Modalität und Polyphonie zurück – modern oder konventionell. Nach seinem Tod wurde Bloch international bekannt, ist aber der neuen Generation fast nur durch seine Kompositionen im jüdischen Stil bekannt. Man mag kaum glauben, dass fast fünfzig Jahre nach seinem Tod die meisten seiner Werke heutigen Hörern unbekannt geblieben sind. Jetzt haben Musiker und Hörer die Gelegenheit, Blochs vielfältige Stile kennen zu lernen und das Geheimnis ihrer korrekten Interpretation zu lüften.

Die 1926 entstandenen Four Episodes sind ein treffliches Beispiel für differierende Stile von unterschiedlicher Komplexität, die einander doch komplementär sind und bei wiederholtem Hören mehr und mehr Qualitäten offenbaren. Für elf Instrumente geschrieben – Streichquintett, Bläserquintett und Klavier –, fasziniert das Werk auch in seiner Orchestrierung. Jede der vier kurzen, individuellen und virtuosen Episoden enthält solistische und kammermusikalische Klänge wie auch den Reichtum des Symphonieorchesters. Die erste Episode, Humoresque macabre, gemahnt in ihrem Sinn für Drama, rhythmische Erregung, Traurigkeit, Mysterium, Groteskes und Enthusiasmus an die jüdische Periode in Blochs Musik. Vielleicht hat der Komponist beim Schreiben ein bestimmtes narratives Programm im Sinn gehabt, doch mag sich jeder Hörer bei diesem Stück etwas anderes vorstellen. In der zweiten Episode, Obsession, wird die gleiche fünftaktige Melodie wiederholt – mit 24 fortlaufenden Variationen. Wie der Bass einer Passacaglia oder Ravels Orchestrierung seines Bolero beginnt das Thema mit einem Instrument, dem Klavier, und bei jeder Variation tritt ein weiteres hinzu. Im Zentrum des Satzes erscheint eine kurze strenge Fuge im Stil Bachs. Stimmung und Geist dieser Episode sind verwandt jenen der Musik von Jacques Ibert und Darius Milhaud, die demselben Kreis angehörten und den gleichen Einflüssen der Zeit ausgesetzt waren. Die geradezu zwanghaft rhythmische Melodie bleibt lange im Gedächtnis haften. In Pastoral beginnt der friedvolle Lauf der Natur mit der Hirtenflöte. Sodann wird ein Dialog zwischen den verschiedenen Farben und Nuancen der Natur von den Soloinstrumenten vorgetragen, welche die menschliche Empfindsamkeit für das Geheimnis der Schöpfung evozieren. Bloch war fasziniert vom chinesischen Theater – die vierte Episode trägt den Titel Chinese. Er bewunderte dessen geschichtliche Tiefe, das Dekor, die heroischen Kontraste, die Gerüche und die Magie, die einen in ferne Welten versetzen. Wiederum entdecken wir frühere Bilder wie das jüdische Motiv der ersten Episode. Blochs Intuition führte ihn zu einem tiefen Verständnis der jüdischen und chinesischen Musik, ohne dass er diese Länder jemals besucht hätte.

Two Poems: Winter and Spring entstand 1905 in Genf und wurde 1916 in New York erstmals aufgeführt. Als junger Mann von 25 Jahren, voller Gefühle, Leidenschaft, Naturverehrung und romantischer Hoffnungen, schuf er eine luzide Beschreibung der Schöpfung und der menschlichen Wahrnehmung der Jahreszeiten. Man kann jede kleine Veränderung in der Natur geradezu sehen, hören, riechen und fühlen. Das Werk für Symphonieorchester verbindet neoromantische Expressivität mit farbenreichem Impressionismus. Bloch schrieb über Two Poems : Sie sind weder klassisch noch „ultra-modern“ und absolut unsensationell … Das war Blochs unprätentiöse Einschätzung seiner Musik. Die Perspektiven indessen ändern sich mit der Zeit, und nach mehr als hundert Jahren kann ihr wahrer Wert erkannt werden. Bloch weiter: Sie sind der Ausdruck einer inneren Notwendigkeit – was für alle Kompositionen eines musikalischen Genies wie Ernest Bloch gelten kann. In Winter steigern sich Traurigkeit und Nostalgie zu einem Schrei der Sehnsucht, bevor sie in Hoffnungslosigkeit zurückfallen – brillant ausgedrückt durch die Orchestrierung und die Interaktion zwischen den verschiedenen Instrumenten. Die Musik erfasst ein breites Spektrum an persönlichen Gefühlen und Imagination. Spring beschreibt fröhlich und farbig das Erwachen des Frühlings nach der Einsamkeit des Winters, ausgeschmückt vom Gesang der Vögel, ergrünenden Bäumen und Blättern. Im Mittelabschnitt tritt ein neuer Geist purer Romantik zutage, der sich zu einem Gipfel wahren Glücks erhebt. Dem folgt die Gelassenheit eines zögerlichen Abschieds, der das Werk im pianissimo enden lässt – mit nur einem kurzen, fast unhörbaren Pizzikato der Kontrabässe.

Blochs Concertino for flute and viola von 1948 war ein Kompositionsauftrag der renommierten Juilliard School of Music und wurde 1950 erstmals aufgeführt. Auch hier finden wir modale Skalen und unterschiedliche Ausformungen alter Stile – in einem präzisen Meisterwerk imitativen Stils und kontrapunktischer Technik, in dem Flöte und Viola vollkommen mit dem Streichorchester harmonieren. Der bedeutende Einfluss alter polyphoner Stile ist unverkennbar. Jeder Satz hat eine andere Stimmung, und dann erscheint eine rasante Polka gleichsam aus dem Nichts, um das Concertino höchst aufregend abzuschließen. Der erste Satz, Allegro comodo, tanzt geradezu zu herrlichen Rhythmen; der zweite, Andante, führt eine Melodie im alten Stil ein, getragen von den Violen und Celli, die zu einem logischen Kontrapunkt zwischen den Solisten und Abteilungen des Orchesters entwickelt wird. Der dritte Satz, Allegro, ist eine Orchesterfuge mit einem kurzen Intermezzo im Zentrum. Und dann, in den letzten 33 Takten der Coda, erscheint enthusiastisch die Polka und bringt das Werk zu einem plötzlichen und überraschenden Abschluss. Bloch hat ausdrücklich zugelassen, für die letzten vierzehn Takte das volle Symphonieorchester einzusetzen, in der vorliegenden Aufnahme ist jedoch die Originalfassung für Streichorchester verwendet worden.

Die Suite Modale for flute and strings ist eines von Blochs letzten Werken, entstanden 1956, drei Jahre vor seinem Tod. Der Titel bezeichnet die musikalische Sprache seiner späten Jahre, in deren Zentrum modale Melodien und Polyphonie stehen. So in seiner Symphonie in Es von 1955, die diese Formen mit modernem thematischen Material verbindet. In vielen seiner Werke setzt Bloch den Klang der Flöte als Stimme der Seele ein. Genau diese Elemente sind auch in seinen Two Last Poems für Flöte und Symphonieorchester zu finden – einer Meditation über den Tod und das Leben nach dem Tod. Bloch dedizierte die Suite Modale der Flötistin Elaine Schaffer, deren zauberhaften Klang er außerordentlich schätzte. Die Musik ist eine Art Träumerei, als blicke der Komponist auf den Lauf seines Lebens zurück und die Eindrücke, die es hinterlassen hat. Das Werk hat vier Sätze. Der erste, Moderato, ist eine melancholische Meditation, welche in die innersten Winkel des Herzens vordringt und bei der Flöte und Streicher harmonisch und polyphon verbunden sind. L'istesso tempo, im gleichen Tempo, aber in anderer Stimmung, ist im alten melodischen Stil geschrieben. Das folgende Allegro giocoso erweckt durch den Rhythmus einer Gigue das Gefühl ausgelassenen Tanzes der Jugend. Der Mittelabschnitt bringt einen langsamen melodischen Tanz, bevor er zum Eröffnungstanz zurückkehrt und der Satz mit delikatem Charme zu Ende geht. Der letzte Satz, Adagio-Allegro deciso, ist von zwei stark kontrastierenden Abschnitten bestimmt. Die meditative Betrübtheit des Beginns weicht jäh einem erregten Mittelabschnitt mit schnellem und lebhaftem Kontrapunkt im Stil Bachs. In einer kurzen Kadenz kehrt das Adagio letztmalig wieder, worauf erneut die meditative Musik des Beginns erklingt – diesmal friedvoller und in Anerkennung des Schicksals.

Dalia Atlas
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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