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8.570261 - TAKEMITSU: Piano Music
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Toru Takemitsu (1930–1996)
Klaviermusik

 

Toru Takemitsu, zweifellos der bedeutendste klassische Komponist aus Japan, wurde am 8. Oktober 1930 in Tokio geboren. Obwohl er schon mit sechzehn Jahren beschloss, Komponist zu werden, war er eigentlich Autodidakt ohne viel formellen Unterricht. Die französischen Schlager, die er während des Krieges hören konnte, mögen der Grund dafür gewesen sein, dass die französische Musik immer eine besondere Anziehungskraft auf ihn ausgeübt hat: Namentlich der Einfluss Debussys und Messiaens lässt sich bereits in den frühesten seiner Werke nachweisen. Internationale Aufmerksamkeit weckte er mit seinem Requiem für Streicher (1957), das Igor Strawinsky als Meisterwerk begrüßte. Der Auslandserfolg konsolidierte sich im Laufe des nächsten Jahrzehnts mit Werken wie den November Steps (1967), die er im Auftrag der New Yorker Philharmoniker zu deren 125-jährigem Bestehen komponierte und mit denen er ein neues Terrain eroberte, was den Einsatz japanischer Instrumente in Verbindung mit dem westlichen Orchester angeht.

Während Takemitsu sich in den sechziger und frühen siebziger Jahren mit avantgardistischen Experimenten befasste, entwickelte er später eine fasslichere, gleichwohl kaum weniger individuelle Sprache, in der sich essentiell japanisches Ethos mit westlichen Techniken verband: Werke wie das vielgespielte A Flock Descends into the Pentagonal Garden für Orchester [Naxos 8.557760] verhalfen ihm beiderseits des Pazifik zu einem Gefolge. Trotz seiner annähernd einhundert Filmmusiken (darunter zu Streifen wie Kurosawas berühmtem Ran) fußt seine Reputation vor allem auf seinem orchestralen und kammermusikalischen Schaffen. Toru Takemitsu starb am 20. Februar 1996 in Tokio.

Die vorliegende Auswahl an Klavierwerken stellt zwar keine Gesamteinspielung dar, bietet aber doch einen 43 Jahre umfassenden Überblick über Takemitsus stilistische Entwicklung, deren früher Drang nach größeren Experimenten durch die spätere Konsolidierung und Synthese ausgeglichen wird. Transparente Akkorde und impressionistisch „verwischte“ Harmonien sind auffallende Kennzeichen der Romanze, die der 19-jährige Komponist 1949 schrieb und die das älteste seiner erhaltenen Klavierstücke ist. Ruhig und doch zielstrebig steigert sich die Musik zu einer kurzen, kräftigen Klimax; die expressive Spannweite des Satzes ist weit größer, als es die bescheidene Spieldauer vermuten ließe.

Dem 1950 vollendeten Lento in due movimenti kommt insofern eine Sonderstellung zu, als es das erste öffentlich aufgeführte Werk des Komponisten ist, der hier bereits größere Ambitionen und Fertigkeiten an den Tag legt. Den Auftakt bildet ein Adagio, in dem die Bass-Motive besonderes Interesse wecken; auf der Suche nach einer tonalen Lösung gewinnt die Musik durch die komplizierte Harmonik eine gewisse Bedrohlichkeit. Das anschließende Lento misteriosamente ist noch introvertierter, gibt sich aber auch kapriziöser, wenn plötzliche Läufe und Ostinati eine an Messiaens frühe Klavierstücke erinnernde Atmosphäre erzeugen. Der zentrale Höhepunkt des Satzes wird von einer Energie geprägt, der man in Takemitsus Musik, gleich welcher Schaffensphase, nur selten begegnet.

Erst in den 1952 entstandenen Uninterrupted Rest, die Takemitsu sieben Jahre später revidierte, erweiterte und zu drei zusammenhängenden Miniaturen verband, zeigt sich allmählich die Entstehung eines persönlichen Stils. So wird im ersten Teil – Slowly, sadly and as if to converse with – wiederum Messiaen beschworen, allerdings mit vernehmlich leichterem Ansatz. Im zweiten Teil, Quietly and with a cruel reverberation, wechseln finstere Akkorde und helles Passagenwerk miteinander, während die Neigung zu den extremen Registern des Instruments die improvisatorischen Tendenzen vorwegnimmt, die Takemitsus Musik der sechziger Jahre kennzeichnen. Der dritte Teil, A Song of Love, stellt einen totalen Gegensatz dar: In seiner Zurückhaltung berührt das Stück emotionale Tiefen, die angesichts der Kürze des Satzes noch überraschender sind.

Piano Distance aus dem Jahre 1961 gehört bis heute zu Takemitsus meistgespielten Klavierwerken und ist ein besonders markantes Beispiel für seine damalige Musik. Mag die Klangwelt auch der Aleatorik verpflichtet sein, wie man sie beispielsweise von John Cage kennt (der Takemitsu übrigens nicht unerheblich beeinflusste, sein japanisches Erbteil anzunehmen), so verbindet das Stück doch auf elegante Weise die Gegensätze aus plötzlichen Attacken und Nachklängen, was der Musik ihren unterschwelligen Zusammenhalt und ein Gefühl des Gerichtetseins verleiht.

Als Takemitsu 1973 For Away komponierte, war er beinahe bei dem reifen Idiom angekommen, das für viele seiner Werke aus den nächsten gut zwei Jahrzehnten gelten sollte. Zwar sucht er noch immer häufig die äußeren Extreme der Tastatur auf, doch die deutlich volleren Texturen und weiter entwickelten Figurationen liefern eine füllige, pianistisch dankbare Textur, während die oft dichte Harmonik nur noch eine Erinnerung an Französisches mitklingen lässt. Überdies erreicht Takemitsu hier zwischen den Polen „Stillstand“ und „Vorwärtsbewegung“ ein Gleichgewicht, das er in späteren Werken zwar wiederholt, kaum aber übertroffen hat.

Les yeux clos aus dem Jahre 1979 ist eines der Diptychen, die der spätere Takemitsu gern schrieb (das zugehörige zweite Stück ist allerdings neun Jahre jünger). Les yeux clos ist eine besonders durchdachte Erforschung des Klavierklangs; desto überraschender ist die Tatsache, dass es der Komponist 1989 orchestrierte und in dieser Version zum zweiten Teil der Visions machte, die im Auftrag des Chicago Symphony Orchestra entstanden. Les yeux clos vermittelt das Gefühl der tonalen oder expressiven Lösung eher auf Umwegen denn durch ausgesprochene Tatsachen. Der direkte Nachfolger, das von Peter Serkin im November 1989 uraufgeführte Les yeux clos II, gibt sich sogar noch zurückhaltender: Die packende Geste des Anfangs nimmt die Gestalt eines Motivs an, das den musikalischen Diskurs auf allen Ebenen durchdringt.

Die beiden Stücke mit dem Titel Rain Tree Sketch sind durch einen ähnlichen zeitlichen Abstand voneinander getrennt. Rain Tree Sketch (1982) ist harmonisch und tonal direkter, ohne dass dabei die pianistische Finesse verloren ginge, während sich Rain Tree Sketch II (1992) durch eine eher distanzierte Ruhe und Intimität auszeichnet – ausgesprochen passend für ein Stück, das am Ende das letzte Soloklavierwerk des Komponisten sein sollte.

Die beiden Piano Pieces for Children von 1979 zeigen, wie beweglich Takemitsu bei der Komposition eher didaktischer Stücke sein konnte. Breeze verrät eine Nonchalance, die an Salonmusik des frühen 20. Jahrhunderts erinnert, während der sehnsüchtige Charme der Clouds leichtere Werke von Frederick Delius beschwört.

Die Litany datiert zwar von 1989, ist aber eine Umarbeitung des vierzig Jahre älteren Lento in due movimenti (Track 2 und 3). Die Revision entstand zur Erinnerung an Michael Vyner, der während seiner siebzehnjährigen Tätigkeit als Künstlerischer Leiter der London Sinfonietta entscheidend daran beteiligt war, die Musik Takemitsus in Großbritannien bekannt zu machen. Ohne seinen Charakter zu verlieren, zeigt Litany I die größere formale Klarheit, die der Komponist bei der Überarbeitung erzielte, wohingegen er in Litany II das originale Stück leicht und diskret mit Klängen erweiterte, aus deren aufrichtiger Nachdenklichkeit eine anrührende Hommage resultiert.

Richard Whitehouse
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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