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8.570297 - STRAUSS, R.: Songs of Love and Death
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Richard Strauss (1864–1949)
Lieder von Liebe und Tod

 

Der Komponist und Dirigent Richard Strauss wurde in München als Sohn eines angesehenen Hornisten und dessen zweiter Frau aus einer reichen Brauerfamilie geboren. Er erfuhr eine gründliche Allgemeinbildung, während er bei Lehrern von gutem Ruf Musik studierte. Schon bevor er 1882 die Schule verließ, hatte er einigen Erfolg als Komponist, den er während seiner kurzen Zeit an der Münchner Universität mit Konzerten für Violine und für Waldhorn sowie einer Sonate für Cello und Klavier fortsetzen konnte. 1885, im Alter von 21 Jahren, wurde er zum zweiten Kapellmeister des berühmten Meininger Orchesters unter Hans von Bülow berufen, dessen Nachfolge er im Jahr darauf antrat.

1886 gab er den Posten in Meiningen auf und begann eine Reihe von Tongedichten zu komponieren, bei denen der außermusikalische Gehalt dieser Form bis zur äußersten Grenze ausgeweitet wurde. Gleichzeitig festigte er seinen Ruf als Dirigent, leitete eine Saison die Berliner Philharmoniker, übernahm Engagements in München und schließlich 1898 an der Hofoper in Berlin, wo er später Hofkomponist wurde.

Das beginnende 20. Jahrhundert brachte neue Aufmerksamkeit für die Oper, nachdem sie vorher relativ wenig Erfolg gezeitigt hatte. Auf Salome 1905 in Dresden folgte 1909 Elektra – der Beginn einer anhaltenden Zusammenarbeit mit Hugo von Hofmannsthal. Der Rosenkavalier, eine romantische Oper, angesiedelt im Wien der Mozart-Zeit, kam 1911 in der Dresdner Hofoper auf die Bühne. Darauf folgten zehn weitere Opern, als letzte Capriccio, 1942 an der Staatsoper München inszeniert. Strauss’ letzte Lebensjahre wurden überschattet von Vorwürfen einer Kollaboration mit der Musikpolitik des Dritten Reiches; so zog sich der Komponist nach 1945 für einige Zeit in die Schweiz zurück, um erst vier Monate vor seinem Tod 1949 in das eigene Haus in Garmisch-Partenkirchen zurückzukehren.

Von Kindheit an war Richard Strauss dem Komponieren von Liedern zugeneigt, seinen frühesten Versuch, Weihnachtslied, unternahm er mit sechs Jahren. Es war das erste von 42 Jugendliedern, geschrieben in den Jahren bis 1883. Unsere Einspielung enthält drei dieser frühen Lieder. Das erste, Nebel [Track 20], entstand 1878, als Strauss vierzehn war, und ist die Vertonung eines Gedichts von Nikolaus Lenau, zu dem er mit der Tondichtung Don Juan zurückkehrte. Das Lied im dunklen es-Moll ist wie einige dieser frühen Lieder seiner Tante Johanna Pschorr gewidmet, einer talentierten Amateur-Sängerin. Sie war die Ehefrau von Georg Pschorr, Strauss’ Onkel mütterlicherseits, Eigentümer der berühmten bayerischen Brauerei. Das hellere Begegnung [6], geschrieben 1880 und einst im Besitz von Johanna Pschorr, ist eine Vertonung von Versen Otto Friedrich Gruppes, das reifere Rote Rosen [7] datiert von 1883 und ist Lotti Speyer gewidmet, einem Mädchen, das Strauss in den Ferien getroffen hatte. Er tauschte Briefe mit ihr und fand in den Versen des Münchner Dichters Karl Stieler Zeilen, die seinen eigenen Gefühlen entsprachen, wenn nicht gar gänzlich seinen musikalischen Intentionen.

Der erste veröffentlichte Zyklus von Strauss-Liedern ist die Vertonung von acht Gedichten hauptsächlich aus den Letzten Blättern des Innsbrucker Dichters Hermann von Gilm zu Rosenegg (1812–1864), dessen Werk er durch seinen jungen Freund Ludwig Thuille kennen gelernt hatte. Zum Verdruss seiner Tante Johanna sind diese Lieder dem Münchner Tenor Heinrich Vogl gewidmet. Das erste Lied der Folge, Zueignung [5], ist die Vertonung eines Textes, der nicht zu den Letzten Blättern gehört, mit dem Originaltitel Habe Dank. Strauss hat es viele Jahre später orchestriert als Tribut an die Sängerin Viorica Ursuleac, welche die Titelrolle in seiner Oper Die ägyptische Helena gesungen hatte. Es gehört nach wie vor zu Strauss’ bekanntesten Liedern. Der Zyklus geht weiter mit dem schubertischen Nichts [12], gefolgt von Die Nacht. Das vierte Lied, Die Georgine [10], mit seinen eigentümlichen harmonischen Wendungen behandelt die Strophenform in einiger Freiheit, und das vierte, Geduld [3], erhebt sich zu einer Klimax emotionaler Intensität. Die Verschwiegenen [8] hat eine rethorische Idee, Die Zeitlose [11] ist ein kurzes Lied von trügerischer Ein-fachheit. Der Zyklus endet mit Allerseelen [21], das Zueignung an Popularität nicht nachsteht.

Die folgenden publizierten Liedgruppen op. 15, 17 und 19 sind überwiegend Vertonungen von Gedichten Adolf Friedrichs Graf von Schack (1815–1894), der, zunächst im preußischen und dann im mecklenburgschwerinschen Staatsdienst, 1855 nach München gegangen war. Zwei Lieder dieser Aufnahme sind op. 15 entnommen: das dritte der Folge, Lob des Leidens [18], und das vierte, Aus den Liedern der Trauer [17]. Beide Lieder sind der Münchner Altistin Victoria Blank gewidmet, das erste mit seinem düsteren Ende, das zweite verfolgt von dem sich verändernden Hornruf im Klavierpart. Die Lieder stammen von 1886.

Die sechs Lieder op. 19 sind in Strauss’ Titel Schacks Gedichtsammlung Lotusblätter zugeschrieben; die drei letzten sind in dieser Einspielung enthalten. Auf das vierte Lied der Folge, Wie sollten wir geheim sie halten [9], mit seiner überschwänglichen Verwendung des Portamento folgt Hoffen und wieder verzagen [4] aus Schacks Liebesgedichten, das zwischen Dur und Moll wechselt, wie der Text nahe legt. Das letzte der Gruppe, Mein Herz ist stumm, mein Herz ist kalt [19], ruft in der Kälte des Alters frühere Zeiten in Erinnerung: das Murmeln der Bäche und den Klang des Jagdhorns – beides gleichsam graphisch ausgedrückt –, bis zur Trostlosigkeit der letzen Takte, wenn die Worte des Anfangs wiederholt werden. Op. 19 erschien 1888 mit einer Widmung an die Sängerin Emilie Herzog von der Münchner Oper, die zur Ausbildung von Strauss’ künftiger Ehefrau Pauline de Ahna beigetragen hatte.

Im selben Jahr entstanden Vertonungen von fünf Gedichten Felix Dahns (1834–1912), seinerzeit Professor an der Universität Breslau, später bekannter als Autor des Romans „Ein Kampf um Rom“ denn als Dichter. Das vierte Lied des als Schlichte Weisen op. 21 publizierten Zyklus, Ach Lieb, ich muss nun scheiden [15] – Dahn hatte zu den Worten des Volksliedes eine einfallsreiche Fortsetzung geschrieben – entspricht in seiner Einfachheit den Worten.

Mädchenblumen op. 22, weitere Dahn-Vertonungen, entstanden ebenfalls 1888. Op. 26 mit nur zwei Liedern datiert auf 1891 und bezieht sich auf Lenau-Gedichte. Deren zweites ist das eigentümlich chromatische O wärst du mein [2]. Die Folge ist dem Tenor Heinrich Zeller gewidmet, der die Titelrolle in Strauss’ erfolgloser Oper Guntram gesungen hat.

Ruhe, meine Seele [22], eine dramatische Vertonung von Worten des linksstehenden Schriftstellers Karl Henckell (1864–1929) aus dessen Buch des Kampfes, gehört zu den vier Liedern op. 27 von 1894. Strauss orchestrierte das Lied 1948. Das dritte der Folge, Heimliche Aufforderung [1], vertont Worte eines anderen linksstehenden Schriftstellers, des geborenen Schotten John Henry Mackay (1864–1933), der seit seiner frühen Kindheit in Deutschland gelebt hatte. Es handelt sich um ein Liebeslied mit fließendem Klavierpart – das Ganze weit entfernt von allen anarchistischen Neigungen des Dichters.

Das Jahr 1895 brachte drei Vertonungen von Texten Otto Julius Bierbaums op. 29. Novellist, Journalist und Dichter, war Bierbaum (1865–1910) mit einem modernen Theaterunternehmen verbunden, dem Verein Freie Bühne in Berlin. Das dritte Lied, Nachtgang [14], steht ganz in der romantischen Tradition, jedoch mit den harmonischen Wechseln, die für den Komponisten in jener Zeit ganz typisch waren.

Op. 31, vollendet 1896, enthält Vertonungen von Karl Busse (1872–1918) und Richard Dehmel (1863–1920), op. 32 aus demselben Jahr fünf Lieder nach verschiedenen Schriftstellern. Op. 33 enthält vier Orchesterlieder, op. 36 von 1898 vier weitere. Op. 37 aus demselben Jahr bietet sechs Lieder verschiedener Schriftsteller und ist Strauss’ Ehefrau gewidmet. Ich liebe dich[13] ist ein Gedicht des Dichter-Soldaten Detlev von Liliencron (1844–1909), ein heroisches Treueversprechen.

Op. 39 enthält fünf weitere Lieder, deren chronologisch letztes hier enthalten ist: Befreit [16], ein Gedicht von Richard Dehmel, Freund von Liliencron und fruchtbarer Schriftsteller. Strauss orchestrierte das Lied 1933. Ruhig und gelassen in der Stimmung, sind die Verse wie auch die Vertonung durch den Ausruf o Glück! rhythmisiert – mit Musik, die wieder und wieder von Lichtstrahlen durchdrungen wird.

Die vorliegende Aufnahme enthält Lieder aus der frühen Phase von Strauss’ langer Karriere, doch auch in späteren Phasen seines Lebens schrieb er in diesem Genre – bis hin zu den Vier letzten Liedern von 1948. Alle zusammen bilden einen wichtigen und essentiellen Teil der deutschen Liedtradition – der bemerkenswerte Beitrag eines Musikers von größter Vielseitigkeit.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 

Die gesungenen Texte sind online unter  www.naxos.com/libretti/570297.htm

 


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