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8.570298 - MEDTNER: Works for Violin and Piano (Complete), Vol. 1
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Nikolai Medtner (1880–1951)
Sämtliche Werke für Violine und Klavier, Folge 1

 

Nikolai Medtners Klavierwerke erfahren heute endlich die verdiente Anerkennung – im Gegensatz zu seinen Kompositionen für Violine und Klavier. Das ist sehr zu bedauern, da sie Musik von kostbarer Schönheit und Kraft enthalten, die sowohl für die Ausführenden wie fürs Publikum dankbar ist. Medtners Stimme ist einzigartig: entschieden russisch, hemmungslos romantisch und körpervoll, dabei aber verstandesmäßig und äußerst diszipliniert ausgeführt. Jeder Ton und jedes Detail hat einen Zweck oder „eine Bestimmung”, wie es der Komponist selbst ausdrückte. Wer die Werke genau kennt oder zu wiederholten Malen gehört hat, der entdeckt darin eine außergewöhnliche Kunstfertigkeit. Die fünf Duokompositionen für Violine und Klavier nehmen in Medtners OEuvre einen besonderen Platz ein und schließen eine wichtige Lücke in dem begrenzten russischen Repertoire für die beiden Instrumente.

Der deutschstämmige Nikolai Karlowitsch Medtner wurde 1880 in Moskau geboren, wo er auch aufwuchs. Seine ersten Klavierstunden erhielt er von seiner Mutter, und mit zwölf Jahren wurde er vom Moskauer Konservatorium aufgenommen. Sein Kontrapunktlehrer Sergej Tanejew beobachtete, dass der Knabe schon früh von komplexen polyphonen Strukturen fasziniert war (durchweg ein auffallendes Kennzeichen Medtners), und er sprach die berühmten Worte, sein Schüler sei „mit einer Sonatenform geboren worden.” Medtner graduierte 1900 mit der höchsten Auszeichnung des Konservatoriums, einer Goldmedaille im Klavierspiel. Anfangs wollte er als Konzertpianist Karriere machen, doch er merkte, dass er sich für ein solches Leben nicht eignete. So beschloss er, sein Leben ausschließlich der Komposition zu widmen. Mit sehr wenigen Ausnahmen – er war ein berühmter Beethoven-Interpret – spielte er in der Öffentlichkeit nur eigene Werke. Sergej Rachmaninoff bewunderte ihn und sorgte in erheblichem Maße dafür, dass die Musik seines Freundes in ganz Russland und im Ausland bekannt wurde. Er betrachtete Medtner als den „größten Komponisten unserer Zeit” und widmete ihm sein viertes Klavierkonzert.

Das Jahr 1907 sah den Komponisten in Deutschland, wo er viele vorzügliche Lieder nach Goethe, einem seiner Lieblingsdichter, verfasste – die Zwölf Goethe-Lieder op. 15 und Sechs Gedichte von Goethe op. 18. Unter anderem wollte er auch den Nachtgesang vertonen, den Franz Schubert bereits 1814 in Musik gesetzt hatte. Medtner skizzierte eine vokale Fassung, mit der er aber nicht zufrieden war. Er machte daraus ein instrumentales „Lied ohne Worte”, womit sein erstes Werk für Violine und Klavier geboren wurde, die Drei Nocturnes op. 16. Goethes Gedicht mit seinem Hinweis auf ein Saiteninstrument steht als Vorwort in der Partitur:

O gib, vom weichen Pfühle,
Träumend, ein halb Gehört!
Bei meinem Saitenspiele
Schlafe! was willst du mehr?

Bei meinem Saitenspiele
Segnet der Sterne Heer
Die ewigen Gefühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Die ewigen Gefühle
Heben mich, hoch und hehr,
Aus irdischem Gewühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Vom irdischen Gewühle
Trennst du mich nur zu sehr,
Bannst mich in diese Kühle;
Schlafe! was willst du mehr?

Bannst mich in diese Kühle,
Gibst nur im Traum Gehör.
Ach, auf dem weichen Pfühle
Schlafe! was willst du mehr?

Die drei Sätze (d-moll, g-moll und c-moll) sind in A-B-A-Form gehalten und steigern sich jeweils zu einem leidenschaftlichen Höhepunkt. Allenthalben tritt deutlich die Fertigkeit des Komponisten bei der motivischen Entwicklung zutage. Die vorherrschend düstere Stimmung wird erst am Ende des dritten Stückes gemildert, das mit einer Coda in C-dur schließt – in einer Tonart also, die für Medtner eine religiöse Bedeutung hatte. Die Uraufführung fand 1909 statt: Es spielten der Komponist am Klavier und sein Bruder Alexander, dem das Werk auch gewidmet ist. Aufgrund des Erfolgs wurde Nikolai Medtner eingeladen, am Moskauer Konservatorium zu unterrichten.

Die Form der Skazka, allgemein als „Märchen” übersetzt („Erzählung” oder „Legende” ist akkurater) hat Medtner praktisch zu seinem Markenzeichen gemacht: Die 38 Stücke für Soloklavier gehören zu seinen beliebtesten Werken. Das Märchen b-moll op. 20 Nr. 1 aus dem Jahre 1909 war ein besonderer Liebling des Komponisten. Es ist ein kompaktes, spannungsvolles und dramatisches Werk, dessen leidenschaftlicher fff- Höhepunkt mit con disperazione bezeichnet ist. Einem Schüler gab Medtner einmal die Anweisung, er solle sogleich stürmisch beginnen, „wie um jemanden mit einer flehentlichen Bitte aufmerksam zu machen.” Jascha Heifetz widmete seine vorzügliche Transkription Vladimir Horowitz; die Bearbeitung wurde 1949 veröffentlicht und läßt nichts von der ursprünglichen emotionalen Durchschlagskraft vermissen.

In dem Jahrzehnt vor der Revolution war Medtner ein glücklich verheirateter Mann, der sich sehr gut in der Musik etabliert hatte. Die Ereignisse vom Oktober 1917 änderten alles. Die Medtners wurden enteignet und hatten äußerste Schwierigkeiten zu überstehen, bevor man ihnen schließlich Ende 1921 ein Ausreisevisum ausstellte. Sie kehrten nie wieder in die Heimat zurück, wenn man von einer kurzen Konzertreise 1927 absieht. Nach vergeblichen Versuchen, auf dem europäischen Festland Karriere zu machen, ließ sich Medtner 1935 in England nieder, wo er viele Bewunderer fand. Damals war der Komponist in tiefer Trauer über den Tod seines älteren Bruders Emil, dem er trotz einer denkbar ungewöhnlichen Beziehung außerordentlich nahe gestanden hatte: Nikolais Frau Anna war vorher mit Emil verheiratet gewesen. Wegen der gescheiterten Ehe hatte Medtner gegenüber seinem Bruder immer Schuldgefühle gehabt; sein letztes und großartigstes Werk für Violine und Klavier, die Sonate e-moll op. 57 Epica, trägt die Zuschrift „Zur Erinnerung an meinen Bruder Emil”, was sowohl eine Hommage wie auch ein Akt der Buße sein sollte.

Das offensichtlich „Russische” dieser 1938 vollendeten dritten Sonate verdankt sich zum Teil der Tatsache, dass der als Lutheraner aufgewachsene Medtner zum orthodoxen Glauben konvertiert war und überdies die bittere Tatsache des dauerhaften Exils anerkannt hatte. Eine kalte Introduzione eröffnet den ersten Satz mit wechselnden Klavierakkorden, einem „Motto”, das in aussagekräftigen Augenblicken wiederkehrt. Daraus erwächst eine klagende Melodie, die die Geige in Doppelgriffen exponiert, wobei der äolische Modus ein Gefühl der Trauer und Verzweiflung unterstreicht. Der eigentliche Satz folgt streng der Sonatenform und enthält eine Fülle an energischem, gründlich entwickelten Material; in einer abschließenden Maestoso- Passage wird der Stoff der Einleitung in unvergesslicher Weise wieder aufgenommen. Eines der Themen in dem folkloristischen, beinahe jazz-artigen Scherzo erinnert auf überraschende Weise an einen Tango. Das akkordische „Motto” beschließt diesen Satz und steht auch am Anfang des nächsten, einem Andante von herzergreifender Schönheit (wieder im äolischen Modus), an das sich direkt eine kurze, kraftvolle Variante der Introduzione anschließt. Den Hauptteil des Finale mit der Bezeichnung Allegro eroico erfüllen bewusste Anspielungen an Volkstänze und orthodoxe liturgische Gesänge: „Plötzlich strömte das ganze Russland in mich ein,” bemerkte der Komponist zu dieser Eingebung. Eine kanonische Passacaglia beherrscht die zentrale Durchführung, und eine verträumte quasi cadenza unterbricht den stürmischen Weg, der zu den lebensbejahenden Schlussakkorden drängt. Medtner und der britische Geiger Arthur Catterall hoben das großartige Werk unmittelbar vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges in London aus der Taufe.

Nach dem Krieg führte Medtner ein ruhiges, zurückgezogenes Leben als Komponist und Lehrer. Sein konservatives Idiom entsprach nicht mehr der neuen Zeit, die Kritiker wurden immer gleichgültiger, seine Musik kam immer seltener zur Aufführung, und überdies schränkte eine ernste Herzkrankheit seine eigenen Konzertauftritte ein. Unerwarteterweise kam es zu einer günstigen Veränderung seines Schicksals, als ein indischer Fürst, der Maharadscha von Myore, starkes Interesse an Medtners Schaffen bekundete. Der ungewöhnlich kultivierte Maharadscha, der – wie auch seine Schwester – sehr gut Klavier spielte, war betroffen, als er von den Lebensumständen des Komponisten hörte: Er gründete eine Medtner-Gesellschaft, um Medtner zu fördern und ihn seine eigenen Werke auf Schallplatte aufnehmen zu lassen. So entstand zwischen 1947 und 1950 durch dieses außergewöhnliche Unternehmen ein Vermächtnis, das Medtners überragendes Spiel in endgültigen Interpretationen festhielt. Aus Dankbarkeit widmete der Komponist seine krönende Leistung, das dritte Klavierkonzert, seinem königlichen Gönner. Seine letzten Monate verbrachte Medtner im Vertrauen darauf, dass ihn die Nachwelt niemals vergessen würde.

Paul Stewart, 2007
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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