About this Recording
8.570318 - WESLEY, S.S.: Anthems
English  German 

Samuel Sebastian Wesley (1810–1876)
Anthems

 

Samuel Sebastian Wesley war eine herausragende Figur in der Geschichte der anglikanischen Cathedral Music. Kein anderer Komponist zwischen Purcell und Stanford kam ihm gleich. Bereits sein Vater Samuel Wesley (1766–1837) war ein bedeutender Schöpfer von geistlicher Musik und sein Großvater Charles Wesley (1707–1788) ein großer Kirchenlieddichter und Mitbegründer der methodistischen Bewegung. Samuel Sebastian war Chorknabe an der Königlichen Kapelle, wobei er viel von seinem musikalischen Wissen und seinen Fertigkeiten vom Vater empfing. Gewiss ererbte oder erwarb er von diesem die Meisterschaft im Kontrapunkt, in der Harmonik und an der Orgel sowie den Respekt für ältere Stile – besonders jenen von Johann Sebastian Bach – und die geistige Unabhängigkeit. Zudem zeigte er eine gewisse Verwandtschaft mit den kontinentalen Komponisten seiner Zeit, ein leidenschaftlich-romantisches Tem-perament und Genie in der Dramatisierung biblischer Worte.

Obwohl Wesley sich in verschiedenen Musikgenres ausprobierte – geistlichen wie weltlichen –, widmete er seine Kreativität schließlich vor allem der Musik für anglikanische Kirchenchöre, die auch seine stetigste Einkommensquelle war. Zwischen 1832 und seinem Tod war er Organist an vier verschiedenen Kathedralen mit einem Zwischenspiel an der Pfarrkirche von Leeds, wo es einen leistungsfähigen und gut ausgestatteten Chor gab.

In jener Zeit waren nur wenige Domkapitel bereit, die Mittel bereitzustellen, die für einen gewissen Standard der Gottesdienstmusik unverzichtbar waren. Wesley klagte permanent über Unzuverlässigkeit und Inkompetenz besonders der erwachsenen Chormitglieder, zu wenig Zeit zum Proben, unzulängliche Orgeln und andere Mängel. Zugleich bot er eine positive Herausforderung in Gestalt seiner prächtigen Anthems und Services (feststehende vertonte Teile der anglikanischen Liturgie). Eine adäquate Aufführung der schwierigeren Werke mag außerhalb der Möglichkeiten jener Chöre gelegen haben, die Wesley leitete; doch allmählich und mit der deutlichen Verbesserung der Kathedralchöre, die sich zur Zeit seines Todes vollzog, kamen sie zu ihrem Recht. Heutzutage hat das groß angelegte Anthem – ähnlich wie die lutherische Kantate – im religiösen Leben nur noch eine Randfunktion. Gleichwohl können Wesleys Anthems und Bachs Kantaten vom heutigen hohen Aufführungs- und Aufnahmestandard profitieren – ihre Vorzüglichkeit lässt sich erleben wie nie zuvor.

Wesley schrieb für den Standardchor von sechs bis acht Männerstimmen, einschließlich Countertenören für den Alt, und zwölf bis sechzehn Knabensopranen. Ein Kathedralchor sollte in zwei Hälften aufgeteilt werden können, die sich dann im Chorgestühl gegenübersaßen und Psalmen und andere Text antiphonisch singen konnten. Viele frühere Anthems hatten sich diese Möglichkeit mit Passagen für Doppelchor zunutze gemacht. Der einzige seiner Chöre, bei dem er diese Praxis umsetzen konnte, war offenbar Exeter, wo er von 1836 bis 1840 amtierte. In Exeter schrieb er drei Anthems für Doppelchor und Solisten, darunter Let us lift up our heart für vier Solostimmen, achtstimmigen Chor und Orgel.

Der Clare College Choir ist – wie die Mehrzahl der heutigen Chöre in Oxford and Cambridge – ein gemischter Chor. Einige Hörer mögen das berühmte Flöten der englischen Chorknaben vermissen, doch Wesley würde – hätte er je eine Chance dazu gehabt – vermutlich lieber für erwachsene Soprane geschrieben haben, die, wie er sagte, kindlichen Stimmen „in Qualität und Kraft weit überlegen“ sind. Die vorliegende Aufnahme kombiniert sie – neben Countertenören – mit weiblichen Altstimmen, wodurch eine weitgehend einheitliche Klangqualität in allen Teilen des weiten Spektrums erreicht wird, das Wesley von seinen Altstimmen fordert. Henry Willis' Orgel in Tenbury von 1873/74 ersetzte die ursprüngliche Flight-Orgel von 1856, doch ihre Klangqualitäten entsprechen vermutlich ziemlich genau jenen, die Wesley vorschwebten.

Das barocke oder „restaurative“ Anthem mit Chor- und Soloabschnitten, das Wesley ererbte und umformte, war eine weiträumiges Werk mit mehreren miteinander verbundenen Abschnitten, einige homophon, andere deklamatorisch oder fugenartig. Großes Gewicht wurde auf die Solostimme gelegt, die in einigen seiner früheren Werke eine unerwartet prominente Rolle spielt. Wesley griff indessen auch auf einen neueren, spätgeorgianischen Typus zurück, dem William Crotch (1775–1847) und Thomas Attwood (1765–1838) den Weg bereitet hatten: das kontemplative oder andächtige Anthem in einem Satz, überwiegend für vollen Chor und mit einem knappen, eigenständigen Orgelpart. Die vorliegende Sammlung enthält glänzende Beispiele beider Kategorien.

Ascribe unto the Lord, komponiert 1851 in Winchester, ist eines von Wesleys größeren Werken. Der Eröffnungschor ist ein feines Beispiel für seinen höchst individuellen Stil der Gesangsdeklamation, die nur entfernt mit dem Opernrezitativ verwandt ist. Ebenso kraftvoll wie melodiös, sind diese Passagen allgemein aus gleichgewichtigen musikalischen Wendungen zusammengesetzt, die wie hier unter klarer Berücksichtigung des Rhythmus der englischen Prosa an unterschiedliche Wortfolgen angepasst werden können. Diese Besonderheit ist bereits in einigen früheren Anthems wie The wilderness and the soltary place (1832) und Blessed be the God and Father (ca. 1835; die geschätzten Daten folgen dem Werkverzeichnis in Peter Hortons Buch „Samuel Sebastian Wesley: A life“) zu finden. Diese groß angelegten Werke enthalten auch fesselnde frei-kontrapunktische Abschnitte für vollen Chor, die Wesleys Beherrschung der diatonischen Dissonanz demonstrieren und vielfach in einer elektrisierenden Modulation in eine unerwartete Tonart gipfeln wie in And the ransomed of the Lord in The Wilderness. Ein besonders gutes Beispiel für seinen strukturellen Erfindungsreichtum ist der achtstimmige Eingangschor von Let us lift up our heart (ca. 1839). Dieses Anthem endet unüblicherweise mit der Vertonung eines metrischen Textes – eines Verses aus einem Lied des Großvaters.

Ein anderer Satztyp, in dem Wesley brillierte, ist das melodiös-klangvolle Sopransolo. Das bekannteste Beispiel ist in Blessed be the God and father aus seiner Zeit in Hereford zu finden. Das Solo Love and another ist besonders geglückt in seiner Verwendung eines antiphonischen Verfahrens – irgendwo zwischen Echo und Refrain – durch die Chorsoprane. Die Originalität dieser Wendung überwindet den anfänglichen Eindruck Mendelssohn'schen Einflusses. Der Sopran ist verbunden mit der Idee der Heiligkeit – so mag man hier die engelhaften Chorknaben tatsächlich vermissen. Das Solo in O give thanks unto the Lord – ebenfalls in Hereford entstanden – ist im Gegensatz eine Arie von beinahe opernhaften Proportionen. Die weitgespannte Melodielinie verlangt entweder eine ausgereifte Stimme oder – wie vielfach praktiziert – ein Soprantutti. Den Solobass verwendet Wesley oft bei Liedern von Schmerz und Leid – nirgendwo schöner als bei Thou, O Lord God in Let us lift up our heart.

Es gibt vier Beispiele des kurzen, geschlossenen Anthems für größtenteils oder gänzlich unbegleiteten Chor. Für diese Aufnahme wurde O God, whose nature and property (1831) ausgewählt, allerdings in einer stark revidierten Fassung von 1870. Es hat hymnenartigen Charakter und ist hauptsächlich wegen seines blühenden Amen bemerkenswert. In Wash me throughly (ca. 1840) für vierstimmigen Chor mit Sopransolo arbeitet Wesley mit Chromatik, um die Sehnsucht nach Sündenvergebung durch Christus zum Ausdruck zu bringen. Das Stück hat ternäre (dreiteilige) Form; das Thema des kontrapunktischen Mittelabschnitts kehrt in der modifizierten Wiederholung des Beginns wieder. Die Coda ist eine eigenartig unvorhersehbare Abfolge langsamer Akkorde. Das sechsstimmige Cast me not away (1848) hat ebenfalls eine Stimmung der Buße; sein Höhepunkt wird mit einem harmonischen “Knirschen” auf die Worte the bones which thou hast broken erreicht – teilweise inspiriert von einer Beinverletzung, die sich Wesley beim Fischen zugezogen hatte.

Das herrlichste Beispiel dieses Genres und wohl immer noch Wesleys bekanntestes Anthem ist Thou wilt keep him in perfect peace (ca. 1850), wo die heiterruhige achttaktige Eingangsphrase zweimal nahezu unverändert wiederkehrt – bei der ersten Wiederholung allerdings mit anderen Worten. Die Episoden vermitteln ein gewisses Gefühl kontrastierender Ruhelosigkeit: In der ersten singen die Männerstimmen eine Phrase in drei ansteigenden Tonarten, stets in einem überraschenden Dur-Akkord endend; in der zweiten ist der Kontrapunkt etwas verstörend, doch die friedliche Stimmung obsiegt schließlich mit der Darstellung des Hauptthemas und wird in der Coda durch die harmonische Auflösung eines hochdissonanten Akkordes befestigt.

Nicholas Temperley
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570318.htm

 


Close the window