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8.570326 - FASCH: Passio Jesu Christi / Suite in D Minor
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Johann Friedrich Fasch (1688-1758)
Ouvertüre d-moll • Passio Jesu Christi

 

Der Pastorensohn Johann Friedrich Fasch erhielt seine früheste musikalische Ausbildung als Chorknabe in Suhl. Nach dem Tode des Vaters kam der Zwölfjährige nach Leipzig, um an der Thomasschule bei Johann Kuhnau zu lernen. Schon bald verriet er seine kompositorischen Fähigkeiten, wobei er in seiner Autobiographie freimütig den Einfluss Telemanns einräumte. 1708 begann er mit seinem Studium an der Universität Leipzig. Damals gründete er ein collegium musicum, das regelmäßige Konzerte gab und ihm eine Plattform für eigene Kompositionen lieferte. Faschs collegium war so erfolgreich, dass man heute in diesem – und nicht in Telemanns Ensemble – den Ahnen des Gewandhausorchesters sieht.

Im Jahre 1712 unternahm Fasch eine ausgedehnte Studienreise, die ihn zu verschiedenen musikalisch aktiven Höfen Nord- und Mitteldeutschlands führte. Bei dem Darmstädter Kapellmeister Christoph Graupner hielt er sich schließlich über drei Monate auf. Seine erste musikalische Anstellung erhielt Fasch als Organist in Greiz, wo er auch als Direktor der Kirchenmusik fungierte. 1721 nahm er das Amt des Hofkapellmeisters bei Graf Wenzel Morzin in Prag an, das er nach nur sechs Monaten wieder aufgab, als man ihm denselben Posten am Hofe zu Zerbst antrug. Kaum hatte er sich dort niedergelassen, da forderten ihn die Leipziger Autoritäten auf, sich um die Stelle des Thomaskantors zu bewerben, die nach Kuhnaus Tod vakant geworden war. Er kam auch in die engere Wahl für dieses besonders angesehene deutsche Kantorenamt, doch er lehnte ab, weil er in Zerbst eine dankbare Aufgabe hatte und überdies keinen Lateinunterricht geben wollte (oder konnte).

Als Fasch nach Zerbst kam, erlebte das Musikleben des Hofes gerade einen bedeutenden Aufschwung. Unter seiner Direktion wurde das Orchester vergrößert, und er konnte sich um eine zunehmende Zahl kirchenmusikalischer Aktivitäten kümmern, wozu unter anderem die samstäglichen und sonntäglichen Zyklen von Kantaten für das Kirchenjahr gehörten; dazu kamen Festmusiken bei höfischen Ereignissen und zu vielen Unterhaltungen im Schloss. Fasch war ein fleißiger, in Deutschland weithin geachteter Komponist. Er schrieb Musik für den lutherischen Gottesdienst sowie weltliche Instrumentalwerke, darunter Ouvertüren (Suiten), Sinfonien, Partiten und eine Vielzahl kammermusikalischer Stücke für verschiedenste Besetzungen. 1727 reiste er für längere Zeit nach Dresden, wo er freundschaftliche Beziehungen zu verschiedenen Kollegen wie Pisendel und Heinichen anknüpfte und, angeregt von dem hohen musikalischen Niveau am Orte, mancherlei Instrumentalwerke verfasste. Danach arbeitete er wieder in Zerbst, wo er bis zum Ende seines Lebens blieb. Derweil hielt er den Kontakt zu vielen großen Komponisten aufrecht, indem er mit ihnen – nach einer damals in Deutschland weitverbreiteten Gewohnheit – geistliche und weltliche Werke austauschte.

Nigel Springthorpe

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Ouvertüre (Suite) d-moll

Die Ouvertüre bzw. Suite nimmt unter Faschs Instrumentalwerken einen großen Raum ein. Allgemein herrscht unter den Wissenschaftlern Einigkeit darüber, dass er sein Leben lang Suiten komponiert hat; diese lassen sich allerdings nur schwer datieren. Der Name bezeichnet eine Form, die aus einer einleitenden Ouvertüre sowie üblicherweise fünf nachfolgenden Sätzen besteht. Die Ouvertüre d-moll stammt, wie stilistische und formale Elemente zeigen, aus der reifen Zeit des Komponisten und könnte im Auftrage des Dresdner Hofes entstanden sein. Das sechssätzige Werk für zwei Oboen, Fagott, Streicher und Continuo beginnt mit einer traditionellen, dreiteiligen Ouvertüre im französischen Stil, an die sich, wie gewohnt, mehrere Tanzsätze und Arien anschließen. Die beiden Arien (Nr. 2 und Nr. 5) sind von lyrisch-melodischer Satzweise und einfacher akkordischer Begleitung dominiert, während die beiden Tänze (Nr. 3 und Nr. 4) eine beinahe volksmusikalische Einfachheit verraten. Im fünften Satz nimmt Fasch eine Aufteilung des Orchesters zwischen der Gruppe der Unisono-Streicher und den Holzbläsern vor. An sechster und letzter Stelle steht eine Aria: Un poco Allegro, ein Rondo-Finale, das ein stark rhythmisches Thema des gesamten Orchesters vorstellt. Dazwischen erklingen virtuose Passagen der Solovioline, die von einer leichten Streicherbegleitung getragen werden: Die Abschnitte der Solovioline werden periodisch von Themen der Soloholzbläser unterbrochen. Die quasi italienische Melodik und die transparente Orchestrierung lassen insgesamt eine Textur entstehen, die dem Idiom der frühen Vorklassik ähnelt.

Mary Térey-Smith

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Passio Jesu Christi
(Mich von Stricke meiner Sünden)

Man hat lange angenommen, dass das Oratorium von der Passio Jesu Christi 1723 entstanden sei. Dabei ging man vor allem von dem Bericht aus, den der Komponist in seiner Autobiographie gab und in dem es heißt, er habe in Zerbst „gleich in dem ersten Kirchenjahre von 1722 bis 23 einen doppelten Jahrgang“ an Kantaten komponiert, wozu „noch eine starke Passion“ gekommen sei. Neuere Untersuchungen deuten jedoch auf ein früheres Entstehungsdatum, wobei die Jahre 1717 bis 1719 am wahrscheinlichsten sind, als Fasch für die Kirchenmusik in Greiz verantwortlich war. Es gibt einen klaren Unterschied zwischen oratorischen Passionen und Passionsoratorien: In jenem wird der Text eines Evangeliums vertont, der von kommentierenden Chorälen und Arien unterbrochen wird, in diesem stammt der gesamte Text von einem Dichter, der oft die Bibelworte paraphrasiert, wenn keines der Evangelien die Geschichte vollständig erzählt oder die letzten Worte Christi wiedergibt. Während die oratorische Passion ein fester Bestandteil der lutherischen Passionsgottesdienste wurde, traf das Passionsoratorium wegen seiner offenkundigen Theatralik und textlichen Sentimentalität auf den starken Widerstand kirchlicher Autoritäten.

Mich von Stricke meiner Sünden kann man zwar als eine Johannes-Passion bezeichnen, es gehört aber eindeutig in die zweite Gattung, da das Libretto nicht einen der Texte aus dem Johannes-Evangelium wörtlich bringt. Vielmehr handelt es sich dabei um eine erheblich gekürzte Version des berühmten Librettos „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ von Barthold Heinrich Brockes (1680-1747), dessen Veränderungen und Zutaten möglicherweise von Fasch selbst stammen. Brockes, ein sehr respektierter deutscher Dichter, war zu seiner eigenen Version angeregt worden, nachdem er 1704 die Aufführung einer Passion nach dem Evangelium des Johannes gehört hatte. Reinhard Keiser vertonte den Text, und in dieser Form wurde das Werk 1712 im Hause des Dichters aufgeführt, wo es eine begeisterte Aufnahme fand. Verschiedene große Komponisten, darunter Händel, Telemann und Mattheson als die bekanntesten, haben anschließend den Text ebenfalls in Musik gesetzt. Einige Teile des Librettos hat auch Johann Sebastian Bach in seiner Johannes-Passion verwendet.

Faschs Mich von Stricke ist in zwei voneinander abweichenden Abschriften überliefert. Von diesen liegt eine in der Städtischen Bibliothek Leipzig, die andere in der Bibliothek der Universität von Chicago. Bei der vollständigeren und reicher instrumentierten Leipziger Partitur scheint es sich um die spätere Fassung zu handeln. Die Herkunft des erhaltenen Materials lässt vermuten, dass die Handschriften von oder für Zeitgenossen hergestellt wurden, und zwar möglicherweise erst nach dem Tode des Komponisten. Es liegt also nahe, dass keine der beiden Quellen Faschs definitive Fassung repräsentiert.

Fasch hat nicht nur Brockes’ Dichtung gekürzt, sondern auch verschiedene Rezitative verändert und fünf Choräle sowie zwei Arien hinzugefügt, deren Text bei Brockes fehlt. Ein Anhang in der Leipziger Fassung zeigt, dass der erste Teil mit dem Choral Herr, lass dein bitter Leiden enden und ein weiterer Choral, Ein Lämmlein geht, am Anfang des zweiten Teiles stehen sollte. Dieser Eingriff verleiht dem Werk eine konventionellere, kohärentere Struktur, die eher der liturgischen Passionstradition im Deutschland des 18. Jahrhunderts entspricht, wo jeder Teil von Chorälen eingerahmt war.

Die Aufführungsausgabe der vorliegenden Aufnahme basiert auf dem Leipziger Manuskript, an dem einige kleinere Veränderungen vorgenommen wurden. Der zeitgenössischen Praxis entsprechend, wurde in den Sätzen mit zwei Oboen ein Fagott hinzugefügt; wegen des klanglichen Gleichgewichts mit den Pizzikato-Streichern ersetzt eine Flöte die obligate Oboe in Brich, mein Herz; der Choral Herr, lass dein bitter Leiden wird nur von der Orgel begleitet; und die zweite Strophe des Schlusschorals Ich danke dir von Herzen wird von einem Soloquartett mit Orgelbegleitung gesungen, damit ein abwechslungsreicheres Timbre erreicht wird.

Nigel Springthorpe
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570326.htm

 


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