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8.570328 - SCHUBERT, F.: Overtures (Complete), Vol. 1 (Prague Sinfonia, C. Benda)
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Franz Schubert (1797–1828)
Ouvertüren • Folge 1

 

Franz Schubert wurde 1797 als Sohn eines Lehrers in Wien geboren, und hier verbrachte er auch den größten Teil seines kurzen Lebens. Dem Fünfjährigen gab der zwölf Jahre ältere Bruder Ignaz den ersten Klavierunterricht. Drei Jahre später begann sich Franz auch mit der Geige zu beschäftigen, indessen er als Chorist an der Liechtenthaler Kirche sang. Eine Empfehlung von Antonio Salieri half ihm dabei, dass er im Oktober 1808 als Chorist der Kaiserlichen Kapelle angenommen wurde. Damit wurde er zugleich Schüler des Akademischen Gymnasiums. Er wurde im Internat des „Stadtkonvikts“ untergebracht und konnte sich seiner weiteren Ausbildung sicher sein.

Die Freundschaften, die Schubert während seiner Schulzeit schloss, hielten ein Leben lang. Nach seinem Stimmbruch im Jahre 1812 erhielt er ein nicht unerwartetes Stipendium, das ihn in die Lage versetzt hätte, seine allgemeine schulische Ausbildung fortzusetzen. Er aber entschied sich für den beruflichen Weg eines Volksschullehrers, der ihm mehr Zeit für die Musik und vor allem für die Komposition ließ, in der er schon tüchtiges geleistet hatte. 1815 wurde er Hilfslehrer seines Vaters, doch zeigte er für die Arbeit weder große Neigung noch Zuneigung. Statt dessen widmete er sich vor allem dem Kontakt mit den ehemaligen Schulfreunden und der Suche nach neuen Bekannten. 1816 lernte er Franz von Schober kennen, und dieser lud ihn ein, in seiner eigenen Wohnung zu leben. Dieses Arrangement erlöste Schubert von der Notwendigkeit, sein Auskommen im Klassenzimmer zu finden. Im August 1817 kehrte er allerdings nach Hause zurück, da Schober das Zimmer für seinen im Sterben liegenden Bruder brauchte. So stand Franz Schubert wieder am väterlichen Katheder, bevor er einen Teil der nächsten Sommermonate im ungarischen Zseliz verbrachte, wo er die beiden Töchter des Grafen Johann Karl Esterházy von Galánta musikalisch unterrichtete. Anschließend kehrte er nach Wien zurück, um bei einem neuen Freund, dem Dichter Johann Mayrhofer, zu wohnen. Ende 1820 war Schubert dann einige Monate in der Lage, sich aufgrund seines damaligen Einkommens eine eigene Wohnung zu mieten.

Zu dieser Zeit war Franz Schubert nicht mehr weit von gründlichen Erfolgen als Komponist und Musiker entfernt. Seine Freunde wie Leopold von Sonnleithner, ein Schulfreund des Mozart-Schülers Franz Xaver Süßmayr, oder ganz besonders der ältere Sänger Johann Michael Vogl verhalfen seiner Musik zu einem immer größeren Publikum. 1822 und 1823 lebte er wieder bei den Schobers, und damals verschlechterte sich seine Gesundheit zusehends, da er sich eine unheilbare venerische Infektion zugezogen hatte. Diese Krankheit überschattete seine letzten Lebensjahre und war der Grund für seinen frühen Tod. Man hat darin die unmittelbare Folge des liederlichen Lebenswandels gesehen, zu dem ihn Schober verführt und aufgrund dessen er sich zeitweilig einigen seiner langjährigen Freunde entfremdet hatte. Während der nächsten Jahre kehrte er mehrfach ins Haus des Vaters zurück, der seit 1818 im Wiener Vorort Rossau wohnte. Derweil pflegte Franz Schubert weiterhin seine gesellschaftlichen Kontakte, wobei seine eigenen musikalischen Leistungen und intensiven kompositorischen Aktivitäten oft die Hauptrolle spielten. Im Februar 1828 fand in Wien das erste öffentliche Konzert mit seinen Werken statt. Dem Unternehmen war ein finanzieller Erfolg beschieden, und Schubert konnte den Sommer mit Freunden verbringen—unter anderem mit Schober. Im September übersiedelte er in die Vorstadt Wieden zu seinem Bruder Ferdinand, da er hoffte, dass sich sein gesundheitlicher Zustand hier wieder bessern würde. Die gesellschaftlichen Aktivitäten gingen indessen weiter, woraus man schließen kann, dass er sich des unmittelbar bevorstehenden Todes nicht bewusst war. Ende Oktober erkrankte er bei einem Abendessen, und in den nächsten Tagen verschlechterte sich sein Befinden rapide. Er starb am 19. November.

In den letzten Lebensjahren des Komponisten hatten die Verleger eben das erste wirkliche Interesse an seinem Schaffen gezeigt. Schubert hatte Auftragsmusik für die Bühne geschrieben, während er zum andern den Freundeskreis mit seinen Liedern, Klavierstücken und Kammermusiken beglückte. Dauerhaften Ruhm erwarb er dabei vor allem mit seinen Liedern, einem sowohl quantitativ wie auch qualitativ erstaunlichen Bereich, für den er—ein Spiegel der damaligen literarischen Interessen—die lyrischen Ergüsse großer und weniger großer Dichter auswählte. Auch in vielen seiner sonstigen Werke ist zu erkennen, über welchen Sinn für treffende, sangbare Melodien er verfügte.

In einer Zeit, da die Bühne die größten Erfolgschancen zu bieten hatte, war es nur natürlich, wenn ein junger Komponist Opernambitionen entfaltete. 1811 besuchte Franz Schubert mit seinem Freunde Josef von Spaun, den er aus den Jahren im Stadtkonvikt und als Leiter des dortigen Schulorchesters kannte, die Singspiele Das Waisenhaus sowie Die Schweizerfamilie von Joseph Weigl. Im Dezember desselben Jahres dürfte Schubert mit seiner ersten eigenen Bühnenkomposition nach August von Kotzebues Singspiel Der Spiegelritter D. 11 [2] begonnen haben. Er schrieb die Ouvertüre sowie den ersten Akt, brach diesen Versuch dann aber ab. Die mit Flöten, Oboen, Klarinetten, Fagotten, Hörnern, Trompeten, Pauken und Streichern besetzte Ouvertüre bringt nach einer langsamen Einleitung ein bühnenwirksames Allegro vivace. Für die Ouvertüre zu J.F.E. Albrechts Komödie Der Teufel als Hydraulicus D. 4 [1] wird das Jahr 1812 angenommen. In jedem Fall handelt es sich um eine bemerkenswerte Leistung für einen 14- oder 15-jährigen Knaben. Bei der Orchesterbesetzung hat der junge Schubert auf die Oboen, Trompeten und Pauken des vorherigen Werkes verzichtet.

Aus derselben Zeit wie die obigen Stücke stammen die zwei Konzertouvertüren in D-dur D. 12 [3] und D. 26 [4], in denen Franz Schubert sogar drei Posaunen verwendet. Die Urfassung der zweiten Ouvertüre, die der Komponist später revidierte, trägt das Datum des 26. Juni 1812. Das erste der beiden Geschwister beginnt mit einer unheilvoll-dramatischen Einleitung, auf die das übliche Allegro folgt, und demonstriert auf wirkungsvolle Weise die zunehmende musikalische Reife des Jünglings. Beide Partituren verraten darüber hinaus künstlerische Ambitionen, die weit über die beschränkten Mittel des Stadtkonvikts oder anderer Amateur-Ensembles hinausgehen. Deutlich zu spüren sind die Einflüsse dessen, was er bis dahin im Theater erlebt hatte, wo er dann 1813 Glucks Iphigenie auf Tauris mit Anna Milder in der Titelrolle und Johann Michael Vogl als Orestes hören sollte, die ihn nicht nur, wie Josef von Spaun berichtet, zu Tränen rührte, sondern auch veranlasste, alles von Gluck zu studieren, was er nur finden konnte.

Vom 30. Oktober 1813 bis zum 15. Mai 1814 versuchte sich Schubert an einem weiteren Singspiel nach Kotzebue. Dieses Mal war es Des Teufels Lustschloß D. 84 [5], das er vermutlich unter Antonio Salieris Aufsicht, der ihn von 1812 bis 1816 unterrichtete, schrieb und revidierte. Die wiederum mit Posaunen besetzte Ouvertüre ist eine direkte Einleitung der Geschichte, in der es um die Liebe des verarmten Ritters Oswald zu seiner Gemahlin Luitgarde geht. Der reiche Onkel der Frau stellt diese Zuneigung auf die Probe—ein wenig in der Art wie Mozarts Zauberflöte, an die diese Prüfungen und die magischen, hier auf einem Zauberschloss vorkommenden Ereignisse erinnern.

Im Mai 1815 wandte sich Franz Schubert erneut dem Theater zu, als er das einaktige Singspiel Der vierjährige Posten D. 190 [6] von Theodor Körner vertonte, einem jungen Dichter, der die bewusste Aufführung der Gluckschen Iphigenie auf Tauris mit derselben Begeisterung erlebt hatte wie seine Freunde Schubert und Spaun. Körner war Hausdramatiker des Burgtheaters gewesen, dann in Lützows Freicorps eingetreten und im August 1813 bei Gadebusch in Mecklenburg gefallen. Die Komödie erzählt von dem französischen Soldaten Duval, der als Posten in einem deutschen Dorf zurückgelassen wird, als sein Regiment abzieht. Er macht es sich dort gemütlich und verliebt sich in die Tochter des Dorfrichters, läuft aber Gefahr, als Deserteur erschossen zu werden, als sein Regiment nach vier Jahren zurückkehrt. Um dem Schicksal zu entgehen, legt Duval seine alte Uniform an; der freundliche General lässt ihn ablösen, hört sich die Geschichte an und begnadigt ihn—dabei tatkräftig von der jungen Ehefrau, dem Schwiegervater und den neuen Freunden des Soldaten unterstützt. Die Ouvertüre beginnt mit einer ruhig-ländlichen Idylle und bietet dann in ihrem munteren Allegro auch Platz für militärische Elemente.

Im Juli 1815 vollendete Schubert seine Musik zu Goethes dreiaktigem Singspiel Claudine von Villa Bella D. 239 [7]. Die Musik zum zweiten und dritten Akt dieses Werkes (sowie den zweiten Akt von Des Teufels Lustschloß) verbrannten die Diener des Freundes Josef Hüttenbrenner, als dieser 1848 nicht in Wien weilte. Das 1776 von Johann Wolfgang von Goethe herausgebrachte Schauspiel handelt von der Zuneigung der Titelheldin zu dem flatterhaften Crugantino, der sich als Bruder ihres Verlobten Pedro erweist und schließlich nichts gegen eine glückliche Verbindung des ursprünglichen Paares einzuwenden hat. Die Ouvertüre umreißt mit ruhigen Tönen eine romantische Szenerie, bevor ein lebhaftes Allegro beginnt.

1815 schrieb Schubert die Musik zu dem Schauspiel Fernando seines Schulfreundes Albert Stadler, und in den beiden letzten Monaten dieses Jahres entstand die Musik zu Johann Mayrhofers Zweiakter Die Freunde von Salamanca D. 326 [8]. Don Alonso plant, mit Hilfe seiner Freunde Fidelio und Diego das Herz der angebeteten Gräfin Olivia zu erobern, indem er sie vor einem von seinen Kameraden inszenierten „Überfall“ errettet: So kann er sich als würdiger, heldenmütiger Bewerber um die Hand der jungen, reichen Dame erweisen, auf die auch Graf Tormes Absichten hat, ohne sie bislang je gesehen zu haben. Der Plan der drei Freunde gelingt. Am Ende sind auch Fidelio und Diego glücklich Liebende, derweil Graf Tormes das Nachsehen hat. Die Handlung ist nicht neu; die weibliche Hauptperson sowie der tölpelhafte Graf erinnern an Olivia und Malvolio aus Shakespeares Was ihr wollt. Die Ouvertüre beginnt mit einem wirkungsvollen Sonatensatz, der das Kommende trefflich vorbereitet.

Die Ouvertüre B-dur D. 470 [9] wird auf den September des Jahres 1816 datiert. Sie könnte ehedem die Kantate zu Ehren von Josef Spendou D. 472 eingeleitet haben. Der hochwürdige Herr war Kanoniker, ein Gönner der Familie Schubert und als Hauptinspektor der Grundschulen auch für die Rentenkasse der Lehrerwitwen zuständig. Die ursprünglich vielleicht für Streichquartett geschriebene Ouvertüre verlangt ein Orchester mit Flöten und Klarinetten; ihr einleitendes Adagio maestoso führt zu einem energischen Allegro, das sich als Vorspiel zu einer Komödie oder Serenade bestens eignet.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Cris Posslac


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