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8.570330 - RIES: 3 Flute Quartets, Op. 145
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Ferdinand Ries (1784-1838)
Flötenquartette op. 145

 

Im Oktober 1801 kam Ferdinand Ries nach Wien, um sich Ludwig van Beethoven vorzustellen. Er hatte ein Empfehlungsschreiben seines Vaters Franz Ries dabei, der in Bonn einer von Beethovens Geigenlehrern gewesen war. Der einstige Schüler hatte die zahlreichen Freundlichkeiten von Vater Ries nicht vergessen, der der Familie Beethoven nach dem Tode der Mutter finanziell unter die Arme gegriffen hatte. Er war also bereit, dem jungen Ferdinand Klavierunterricht zu erteilen, während er ihn seinem einstigen Lehrer Johann Georg Albrechtsberger als Kompositionsschüler schickte. Vier Jahre lang waren Beethoven und Ries eng miteinander befreundet, wobei sich letzterer oft als Sekretär und Kopist seines Lehrers betätigte. Er gehörte zu dem inneren Kreise, der vielen Darbietungen Beethovens beiwohnte – den offiziellen ebenso wie den informellen. Ries war ein außergewöhnlicher Pianist und spielte die Klaviermusik seines älteren Freundes oft zu dessen Zufriedenheit, wenngleich er keines der Werke uraufgeführt hat. Seinen ersten öffentlichen Auftritt als Schüler Beethovens hatte Ferdinand Ries, als er am 1. August 1804 das dritte Klavierkonzert in c-moll seines Lehrers mit eigenen Kadenzen spielte, die dieser nach anfänglichen Zweifeln billigte.

Aufgrund eines Missverständnisses kam es dann freilich zum Zerwürfnis – was für Beethoven nicht ungewöhnlich war. Dieser entschuldigte sich zwar am Ende, doch sein Temperament und seine scharfe Zunge hatten bereits Schaden angerichtet. Die Beziehung der beiden war nie mehr wie früher, wenngleich der Kontakt nicht abbrach: Bis zu seinem Tode im Jahre 1827 hatte Beethoven ein Ölbildnis von Ries in seiner Wohnung. Äußere Umstände vor allem waren es, die zu einer vornehmlich brieflichen Kommunikation führten. Während Beethoven nämlich im Prinzip nicht mehr aus Wien herauskam, unternahm Ries ausgedehnte Reisen, in deren Verlauf er mit seinen Konzerten beträchtliche finanzielle Erfolge hatte. 1813 besuchte er London. Er nahm eine Engländerin zur Frau und blieb elf Jahre auf der Insel. In dieser Zeit machte er ein kleines Vermögen, das es ihm erlaubte, sich 1824 im Rheinland bequem zur Ruhe zu setzen. Dabei konnte er sich den Luxus leisten, je nach Lust und Laune an verschiedenen Projekten wie etwa den Niederrheinischen Musikfesten teilzunehmen.

Heute ist der Name Ferdinand Ries vielleicht vor allem wegen seines Anteils an der frühesten Beethoven-Biographie bekannt, die 1838 veröffentlicht wurde. Als Komponist war er deutlich von Beethoven beeinflusst – oder aber er stand wie dieser unter dem Einfluss gemeinsamer Lehrer und dem Unterricht bei Albrechtsberger. Beethoven sah die stilistischen Ähnlichkeiten und meinte, dass ihn Ries zu sehr imitierte. Für den mag das eher ein Kompliment gewesen sein und nicht der Anreiz zur Änderung des eigenen Stils. Dessen ungeachtet hat er in der Frühromantik seine einzigartigen Markenzeichen hinterlassen, indem er Nuancen und Kunstgriffe verwandte, die nach einer ganz eigenen Manier ausgeführt sind. Ein solcher Kunstgriff, wie ihn Ries in seinen Quartetten op. 145 verwendet, besteht darin, hier und da einen sparsam ausgeführten Dialog zwischen individuellen Instrumenten anzubringen, ohne dass die Harmonik durch die Basslinie unterstützt würde. Auf diese Weise entsteht ein auffallender Kontrast zu den üppigen Texturen, die diese Momente umgeben. Auch führt er, namentlich in den Durchführungen der Kopfsätze, melodische Fragmentierungen ein, und er übernimmt Zitate oder Beinahe-Zitate aus Werken, die den Musikern seiner Zeit zweifellos bekannt waren. Das ist besonders auffallend im langsamen Satz seines C-dur-Quartetts, das eine deutliche Anspielung auf Mozarts Dissonanzen-Quartett enthält. Diese Elemente sorgen für vergnügliche Überraschungen und gelegentlich sogar für einen Humor, der zwar eigentlich keine Erfindung von Ries ist, von ihm aber mit einer Kühnheit genutzt wird, durch die eine interessante Dimension entsteht, die in den Händen dieses Komponisten beinahe schon ein Markenzeichen wird.

Die drei Quartette op. 145 hat Ries komponiert, nachdem er sich zur Ruhe gesetzt hatte. Sie sind von bemerkenswertem Abwechslungsreichtum. Fast könnte man annehmen, die drei Stücke hätten direkt hintereinander aufgeführt werden sollen. Sie sind einem gewissen Charles Aders gewidmet, zu dem ich keine Hinweise gefunden habe*, es scheint aber, dass sie gedacht waren, das Interesse einer musikalisch gebildeten Persönlichkeit zu finden. Das erste Quartett in C-dur mit dem bereits erwähnten Mozart-Zitat ist nicht weit von der Klassik entfernt; der Schluss-Satz ist als Allegro all’espagnola bezeichnet und damit eines der frühesten Werke, die damals in Nordeuropa den starken Einfluss der spanischen Musik spiegeln. Das zweite Quartett in e-moll bildet einen dunklen Stimmungskontrast zu den beiden anderen Werken; es ist in seiner Art romantischer und steht in der Molldominante von A-dur, der Tonart des letzten Quartetts. Dieses dritte Quartett endet als einziges Werk der Trilogie mit einem strahlenden Abschluss – als hätte es die Krönung eines musikalischen Abends darstellen sollen.

Anmerkung des Interpreten

Ich habe das Kammermusikrepertoire für Flöte und Streicher 1977 zu erforschen begonnen. Meine Suche begann mit Franz Vesters „Katalog des Flöten-repertoires“ (Musica Rara 1967) und endete in der Korrespondenz mit vielen Musikalienhandlungen, der Library of Congress in Washington DC und der Gesellschaft der Freunde der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. In der Library of Congress stieß ich zufällig auf die Simrock-Edition der Quartette op. 145 von Ferdinand Ries, die gegen Ende seines Lebens veröffentlicht wurden. Ich kannte von Ries nichts als seine Lebensdaten, die allerdings vielversprechend aussahen und einen Stil vermuten ließen, der das Flötenrepertoire um eine wertvolle Dimension erweitern konnte. Ich bestellte mir Fotokopien und fand die Edition hilfreich, wenngleich sie voller Fehler und Widersprüchlichkeiten war. Nach sorgfältiger Editionsarbeit nahm das Ensemble, das ich zusammengestellt hatte, die charmanten Stücke mit auf Reisen und löste damit bei Publikum und Presse gleichermaßen günstige Reaktionen aus. Dann kamen die Werke 1998 als Faksimile der Simrock-Ausgabe bei Falls House Press in Nashua, New Hampshire, heraus; im selben Jahr erschien eine von Jürgen Schmidt herausgegebene Edition beim ACCOLADE Musikverlag in Holzkirchen. In der vorliegenden Aufnahme wird die Simrock-Ausgabe mit den Korrekturen verwendet, die ich in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern vornahm, als ich das damalige Aufführungsmaterial herstellte.

John Herrick Littlefield
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 

* Bei dem genannten Charles Aders handelt es sich um denselben Amateur, dem die drei Quintette für Flöte, Violine, zwei Bratschen und Violoncello op. 50 von Franz Danzi gewidmet sind, die erstmals beim Offenbacher Verleger Johann André veröffentlicht wurden [Anm. des Übersetzers].

 


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