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8.570336 - TANEYEV, S.I.: Symphonies Nos. 1 and 3 (Novosibirsk Academic Symphony, T. Sanderling)
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Sergej Iwanowitsch Tanejew (1856-1915)
Symphonien Nr. 1 und Nr. 3

 

Als jüngster von drei Söhnen erfreute Sergej Tanejew seinen Vater Iwan Iljitsch schon früh mit seinem musikalischen Talent. Der Amateurgeiger, -pianist und -gitarrist hatte es zwar schwer, seine Ehefrau und die beiden älteren Söhne davon zu überzeugen, dass die Hausmusiksitzungen, an denen sie täglich teilzunehmen gezwungen waren, ein Vergnügen bedeuteten; Sergej hingegen war eifrig darauf bedacht, mit seinem Vater im Duett zu spielen. Bedauerlich war freilich, dass seine erste Klavierlehrerin ihm kategorisch verbot, seinem Vater auch nur zuzuhören, geschweige denn, selbst mit ihm zu spielen. Sie fürchtete, dass Iwan Iljitsch mit seinem wahllosen, unmusikalischen Vorgehen einen schädlichen Einfluss auf Sergejs Musikerziehung haben würde. Ihre Einschätzung erwies sich als zutreffend und bewahrte Tanejew davor, für den Rest seines Lebens einen starken Hass auf die Musik zu entwickeln – ein Schicksal, das seinen älteren Bruder Wladimir traf. Mehr noch: Sergej Tanejew wurde für die russische Musik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine monumentale Figur, deren Bedeutung als Musiker, Komponist, Theoretiker und Pädagoge der Westen erst allmählich entdeckt. Als Schüler von Nikolai Rubinstein und Peter Tschaikowsky auf der einen, als Lehrer von Sergej Rachmaninoff und Alexander Skrjabin auf der andern Seite, stellt er das Bindeglied zwischen diesen beiden Generationen dar, das noch eingehend zu untersuchen und zu bewerten ist.

Den größten Teil seines schöpferischen Lebens verbrachte Tanejew im Schatten von Tschaikowsky – zunächst als dessen Schüler, dann als sein Kollege. Er gehörte zu den Lieblingsschülern seines Lehrers, wurde nach und nach zu einem seiner objektivsten Kritiker und war dann bis zu Tschaikowskys Tod einer seiner engsten Freunde. Oft kommentierte er die Musik des älteren Kollegen, dem seine Meinung in vielen Fällen wichtiger war als die irgendeines anderen Musikers. Umgekehrt war Tanejew ihm dankbar für Kritik und Ratschläge. Doch wer nun denselben expansiven Kompositionsstil erwartet hätte, der musste enttäuscht feststellen, dass der Schüler sich eines ganz anderen Ausdrucks befleißigte – eines Stils, den edle Substanz und solide Technik kennzeichnen.

Tatsächlich hat Tanejew den Freunden und Kollegen seine Empfindungen nur selten verraten. Selbst in seinen Tagebüchern ist er vorsichtig und konzis, doch es gibt einige wenige Einträge, die Bände sprechen: Da legt er dann für einen flüchtigen Moment seine Gedanken offen, und man erhascht einen Blick auf den Menschen Tanejew, der das Alleinsein fürchtete, nach menschlichem Kontakt lechzte und doch nur zu gut wusste, dass er zu einem Leben der Einsamkeit verurteilt war. Als einzige Option erschien ihm, mehr Musik zu schreiben – und das auf die beste Weise, die ihm möglich war. Doch auch dort behielt er, wie in seinen Tagebüchern, die innersten Gefühle für sich. Nie war seine Musik darauf aus, zu beeindrucken; alles war zu einem bestimmten Zweck geschrieben. Wenn er aber in seltenen Augenblicken seine Emotionen nicht zurückzuhalten vermochte, dann hören wir den echten Tanejew – einen privaten, tiefsinnigen Menschen, der viel zu sagen und mitzuteilen hatte.

Trotz der Selbständigkeit, die Tanejew als reifer Künstler zeigte, stand er in jungen Jahren begreiflicherweise unter dem Einfluss von Peter Tschaikowsky, dessen instrumentales, vokales und symphonisches Schaffen viele Werke der 1870er Jahre anregte. So scheint es angebracht, Tanejews erste Symphonie in e-moll mit der zweiten Symphonie, der sogenannten Kleinrussischen, von Tschaikowsky zu vergleichen. Immerhin wurde Tanejew anscheinend von der Moskauer Premiere des letztgenannten Werkes im Jahre 1873 inspiriert, selbst ein solches in Angriff zu nehmen. Er vollendete diese Symphonie 1874 und erhielt dafür bei seinem Abschlussexamen 1875 die Goldmedaille im Fach Komposition. Nach der Durchsicht der Partitur erklärte Herman Laroche, der 18-jährige Komponist verfüge über ein großes Talent, das eine brillante musikalische Karriere erwarten ließe. Ungeachtet ihres offensichtlichen Erfolgs bei der Prüfungskommission gab Tanejew dem Werk keine Opuszahl. Auch verzichtete er auf die Veröffentlichung: Der hohe Qualitätsmaßstab, den er an sein eigenes Schaffen anlegte, war der Grund dafür, dass zu seinen Lebzeiten nur eine einzige Symphonie publiziert wurde – die seinerzeit als Nr. 1 bezeichnete vierte in c-moll.

In seiner ersten Symphonie beeindruckt der junge Komponist von Anfang an durch seine Begabung, seine Ernsthaftigkeit, seine gekonnte Orchestration und den Verzicht auf alle selbstgefällige Virtuosität. Während des gesamten musikalischen Diskurses schaut er respektvoll zu seinem bewunderten Lehrer hin, dessen Einflüsse sich in der Instrumentation, Formgebung und Harmonik sowie in der Art der thematischen Entwicklung zeigen. Das Allegro beginnt mit einem entschiedenen, rhythmischen Hauptthema, und das zweite Thema entwickelt sich auf mannigfache Weise, um in dem gesamten Satz in unterschiedlichsten Gestalten aufzutauchen. Die beiden nächsten Sätze basieren auf folklore-artigem Material: Das Andantino quasi allegretto ist von entwaffnender Direktheit, wohingegen die äußeren Abschnitte des Vivace (im Stil einer Mazurka) den dramatischen Kontrast zu dem lyrischen Mittelteil liefern. Das Finale wird von dem russischen Volkslied Ne lyod treshchit („Es ist nicht das Eis, das bricht“) dominiert, das Strawinsky später in den Jahrmarktszenen des Petruschka (Tableau IV) verwenden sollte. Vielleicht war das Strawinskys Art, dem sehr geachteten Lehrer und Komponisten Tanejew seine Reverenz zu erweisen. Tanejew widmete die Symphonie seiner Schwägerin Elena, Wladimirs Ehefrau. Das Werk wurde erst 1948 uraufgeführt und gedruckt.

Zehn Jahre trennen die erste von der dritten Symphonie in d-moll. Tanejew war inzwischen beinahe dreißig Jahre alt und Professor am Moskauer Konservatorium, dessen Leitung er bald übernehmen sollte. Er hatte die erfolgreiche Kantate Ioann Damaskin („Johann von Damaskus“) sowie eine Reihe von Kammermusiken geschrieben. Des weiteren hatte er an einem Klavierkonzert und einer zweiten Symphonie gearbeitet und mit der Oper Oresteia begonnen. Als Tschaikowsky die Partitur der neuen d-moll-Symphonie durchsah, meinte er, sie gefiele ihm immer besser, je länger er sie studierte. Er registrierte eine Überfülle an „schönen Stellen“ und interessanten Wirkungen; kritische Kommentare wollte er bis nach der Premiere aufschieben, um Tanejews schöpferische Inspiration nicht „in kaltes Wasser“ zu stoßen. Damit wies er darauf hin, dass auch er es nicht mochte, wenn man eines seiner Werke vor der Uraufführung kritisierte; außerdem erinnerte er sich zweifellos daran, was Tanejew vor sechs bzw. acht Jahren getan hatte, als er seine zweite Symphonie und das Klavierkonzert nicht vollendete: Tanejew hatte seine zweite Symphonie in engem Kontakt zu Tschaikowsky geschrieben, der mit seinen Kommentaren, Anregungen und Einwänden damals nicht zurückhielt, wenngleich er das Werk insgesamt mochte und auf den Abschluss desselben drängte (allerdings vergeblich: Tanejew hat das Scherzo nie fertiggestellt). Im Falle des Klavierkonzerts waren die negativen Aussagen von Anton Rubinstein, Cui und Rimsky-Korssakoff der Grund dafür, dass Tanejew die Arbeit einstellte, und weder Tschaikowskys freundliche Ermutigung noch Laroches Bewunderung hatten sein Interesse daran wieder zu entfachen vermocht.

Nachdem nun die dritte Symphonie beendet war, wollte Tanejew natürlich unbedingt wissen, was Tschaikowsky darüber dachte. Dieser entsprach dem Wunsch in einem langen Brief, den er mit vorsichtigen Worten begann: „Vielleicht irre ich mich ja, und wenn ich nach der Uraufführung der Symphonie in ihrer jetzigen Gestalt meine Meinung ändern sollte, werde ich das sehr gern auch zugeben.“ Er unterbreitete dann eine Reihe von Vorschlägen, die Tanejew weder beleidigend noch entmutigend, sondern vielmehr aufrichtig und hilfreich fand.

Die Symphonie bildet einen großen, viersätzigen Zyklus aus Allegro, Scherzo, Intermezzo und Finale. Das Allegro beginnt mit einem düsteren, finsteren ersten Thema. Hier zeigt Tanejew sein kontrapunktisches Können, indem er die Themen und Motive komplex und imitatorisch zusammenfügt und mit kanonischen Texturen experimentiert. Eine der hervorstechendsten Techniken des Komponisten ist die Darstellung des Hauptthemas zusammen mit modifizierten Versionen oder kürzeren Segmenten. Das Scherzo bricht in spielerischer Energie los, und in dem Intermezzo gewährt Tanejew einen Einblick in die intimeren Regionen seiner Welt. Das funkelnde Finale ist die Krönung des Zyklus: Eine Überfülle an Imitationen und Doppelkanons prägt den Satz und zeigt Tanejew als Kontrapunktiker von höchsten Graden, der damit bereits auf sein letztes symphonisches Meisterwerk vorausweist – auf die vierte Symphonie in c-moll.

Die dritte Symphonie ist Anton Arensky gewidmet, dem jüngeren Kollegen am Moskauer Konservatorium und einem seiner engsten Freunde. Tanejew selbst dirigierte 1885 die Moskauer Premiere – die einzige Aufführung, die zu seinen Lebzeiten stattfand. Dann war die Symphonie erst wieder 1916 zu hören, ein Jahr nach Tanejews Tod und mehr als dreißig Jahre nach der Uraufführung. Die Partitur wurde 1947 in Moskau veröffentlicht.

Anastasia Belina
Deutsche Fassung: Cris Posslac

 


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