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8.570352 - HOWELLS: Hymnus paradisi / Sir Patrick Spens
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Herbert Howells (1892–1983)
Hymnus paradisi • Sir Patrick Spens

 

Herbert Howells ist vor allem als der wohl beste englische Komponist des 20. Jahrhunderts für Kirchenmusik bekannt. Er war von 1905–11 Schüler von Herbert Brewer (1865–1928) an der Gloucester Cathedral; 1912–16 studierte er am Royal College of Music bei Charles Villiers Stanford (1852–1924) und Charles Wood (1866–1926). Neben dem Komponieren war er auch eine herausragender Lehrer und Juror. Er lehrte später selbst am Royal College of Music, wurde Nachfolger von Gustav Holst als Musikdirektor der St Paul's Girls' School und war Professor für Musik an der London University. Zu seinen Orchesterwerken gehören Elegy (1917), Fantasia for cello (1937) und Concerto for Strings (1938). Wichtige Kammermusiken sind das Klavierquartett (1916) und das Streichquartett In Gloucestershire (1916 – ca. 1935). Groß angelegte Chorwerke sind Hymnus paradisi (1938, rev. 1950), Missa Sabrinensis (1954) und das Stabat Mater (1963–65). Die Motette auf den Tod von Präsident John F. Kennedy, Take him, earth, für cherishing (1964), gehört ebenso zu seinen hochrangigen Werken wie die Lobgesang-Vertonungen Collegium Regale (1945) für das King's College, Cambridge. Auch für die Orgelliteratur leistete er bedeutende Beiträge und schrieb viele Lieder.

Sir Patrick Spens für Bariton, Chor und Orchester, komponiert 1917 im Alter von 25 Jahren, ist Howells erster Versuch, für ein großes Chorformat zu schreiben. Für sein Klavierquintett hatte er 1916 einen Preis vom Carnegie Trust Publikationsprogramm erhalten – mit dem neuen Werk hoffte er einen ähnlichen Erfolg zu erzielen. Dieses Mal jedoch reagierten die Juroren zurückhaltend. Nachforschungen von Paul Andrews haben gezeigt, dass zwar Mittel für eine Publizierung angeboten wurden, doch vergingen schließlich neun Jahre, bis die Vokalstimmen erschienen. Die einzige bekannte Aufführung fand am 1. Februar 1930 in Newcastle mit studentischen Kräften unter Leitung von William Gillies Whittaker statt. Angesichts der Originalität des Werkes erscheint es außergewöhnlich, dass es bis zu vorliegender Aufnahme vom Repertoire ausgeschlossen blieb.

Der Text ist eine bekannte schottische Ballade aus dem Mittelalter. Howells Lehrer Brewer hatte seine Version 1913 auf dem Gloucester Three Choirs Festival vorgestellt – möglicherweise war dies die Initialzündung für Howells Wunsch nach einer eigenen Vertonung. Er konzipierte sie bewusst als dramatische Chorszene und orientierte sich an Stanfords The Revenge ; auch der Einfluss von Vaughan Williams A Sea Symphony ist unverkennbar. Die Handlung erzählt – auf historischen Fakten beruhend – von einem Kapitän, den der König von Schottland beauftragt, die norwegische Königstochter zu ihm zu bringen, obwohl es die schlechteste Jahreszeit ist, eine solche Reise zu versuchen. Das Unternehmen wird – wie kaum anders zu erwarten – ein Desaster.

Howells wollte Musik schreiben, welche die der Ballade „eigene Dynamik der Handlung“ widerspiegelt, die musikalisch in kräftigen Farben gezeichnet wird. Nach einigen abwartenden Takten stürzt sich der Chor gleichsam ins Geschehen mit Musik, die dieses sogleich porträtiert: den Befehl des Königs, Sir Patricks entsetzte Reaktion, die Reise nach Norwegen und die Vorbereitungen für die Rückreise. Bei nachlassendem Tempo äußert eine Stimme der Crew ihre Vorahnungen, und ein geheimnisvolles Orchesterzwischenspiel verheißt Unglück. Mit der Rückkehr des Chores kommt der Sturm zum Ausbruch; das Orchester zeichnet Wind und Wellen nach, während Sir Patrick mutig das Schiff zu retten versucht. Doch alles ist vergebens, und im Schlussabschnitt ist die Wehklage der schottischen Frauen in ergreifender Musik mit zehnfach geteiltem Chor zu vernehmen. Am Ende scheint die Musik in den Wellen zu versinken, als wollte sie in jene Tiefen vordringen, wo die Gebeine Sir Patricks und der schottischen Herren liegen.

Die Umstände, unter denen Hymnus paradisi komponiert wurde, greifen ans Herz. Im Sommer 1935 verbrachten Howells und seine Familie die Ferien in Gloucestershire. Am 31. August erkrankte der neunjährige Sohn Michael ganz plötzlich – fünf Tage später war er tot, dahingerafft von Kinderlähmung. In dem Versuch, ihrem untröstlichen Vater zu helfen, schlug die Tochter Ursula vor, Michael ein Denkmal in Tönen zu setzen. Howells schrieb später: „Der plötzliche Tod des einzigen Sohnes... mag einen Komponisten antreiben... Loslösung und Trost in der ihm vertrautesten Sprache zu suchen. Musik könnte die Kraft haben... diese Loslösung und diesen Trost zu spenden. Bei mir war es so.“

Im Jahr 1932 hatte Howells ein Requiem komponiert, das allerdings bis fast zum Ende seines Lebens unaufgeführt blieb. In jener Zeit entdeckte er auch Helen Waddells Medieval Latin Lyrics, zu denen Prudentius' Hymnus circa exsequias defuncti gehört. Der Hymnus beginnt so: Nunc suscipe, terra, favendum, gremioque hunc concipe molli (frei übersetzt: Nimm ihn, Erde, und halte ihn in Ehren / An Deine zarte Brust nimm ihn). Er vertonte diese Worte als Teil einer unvollendeten Motette, und später standen sie am am Kopf der Partitur dessen, was der Hymnus paradisi werden sollte. Noch einmal später hat er sie in seiner Motette zur Erinnerung an Präsident Kennedy unvergesslich vertont.

Für das neue Werk, das er auf Drängen seiner Tochter zu schreiben begann, griff er auf einige Musik und Texte des früheren Requiems zurück. Die lateinischen und englischen Texte dieses „revidierten Requiems“ stammen aus den Psalmen, der Missa pro defunctis und dem Salisbury Diurnal, das er als „uralte Reflexion über die vergänglichen Betrübnisse und die unzerstörbaren Hoffnungen der Menschheit“ beschrieb. Howells erläuterte, dass er „nur zwei Sätze aus der lateinischen Requiem Messe verwendet hat – am Anfang und am Ende –, wohl wissend, dass einer von ihnen – nämlich et lux perpetua luceat eis – das Werk beherrschen würde, namentlich das Wort lux (Licht)“. Er wollte das Werk in einer zuversichtlichen Stimmung enden lassen; er musste dazu „einen stärkeren Grad des dem Werk innewohnenden Glanzes“ erreichen. Längere Zeit vermochte er keinen dafür geeigneten Text zu finden, bis ihm ein Freund Holy is the true light am Ende von Robert Bridges Anthologie The Spirit of Man vorschlug. Das war die perfekte Lösung.

Howells vollendete das Werk im Particell 1938. Das Komponieren hatte ihm Erleichterung von seiner Last verschafft, doch als persönliches, ja privates Dokument legte er das Werk beiseite. Im Jahr 1949 sprach Herbert Sumsion, musikalischer Leiter der Gloucester Cathedral Howells wegen eines Werkes für das Three Choirs Festival 1950 an. Howells spielte ihm sein „revidiertes Requiem“ vor – Sumsion war sofort klar, dass es sich um ein Werk von immenser Qualität handelte, das sich für eine Aufführung anbot. Doch erst als sich Gerald Finzi, Vaughan Williams und Boult ähnlich geäußert hatten, stimmte Howells zu. Erst jetzt orchestrierte er das Werk und schrieb wohl auch das Orchestervorspiel ( Preludio ). Der Titel war Sumsions inspirierender Vorschlag. Der Komponist selbst leitete die Uraufführung des Hymnus paradisi am 7. September 1950; Isobel Baillie und William Herbert waren die Solisten.

Howells Beherrschung der Chor- und Orchesterpolyphonie ist durchweg meisterhaft. In der folgenden Beschreibung der Musik werden Auszüge aus Programmanmerkungen des Komponisten zitiert. In dem „kurzen, konzentrierten“ Preludio erklingen gleich zu Beginn zwei wichtige Themen: düster-ernst und kummervoll. In der Mitte ereignet sich ein dramatischer Ausbruch von Schmerz, der zu einer Klimax führt, die wie ein Strahl tröstenden Lichts aufscheint. Trotz seines kontemplativen Charakters hat das Requiem aeternam, das nun folgt, „Momente intensiven Gefühls“, so wenn die Worte Et lux perpetua im Herzen des gesamten Werkes eingeführt werden. Beim Auftritt des Soprans verlangsamt sich das Tempo, und seine zarte, dahingleitende Melodie steht einer klaren, delikaten Orchestrierung gegenüber.

Die Vertonung von The Lord is my Shephard (Der Herr ist mein Hirte), Psalm 23, wird „von den beunruhigenden, dunklen Farben des Preludio berührt“. Sopran und Tenor singen in ruhigen Phrasen von den waters of comfort (frischem Wasser), bevor der Chor in gefühlsintensiver Musik die Angst vor dem valley of the shadow of death (finstern Tal) reflektiert. Ein inbrünstiger Höhepunkt wird erreicht bei I will dwell in the house of the Lord (ich will bleiben im Hause des Herrn immerdar). Schließlich beenden Tenor und Chor die Psalm-Vertonung mit einer typisch Howell'schen schmerzvoll-schmelzenden Kadenz auf das Wort nothing.

Im Sanctus vertont Howells ein Kombination aus Psalm 121 in Englisch und dem lateinischen Sanctus zu einer Musik voller Licht. Der Beginn scheint die himmlischen Heerscharen zu evozieren. Beim Wort Sanctus wird eine Klimax erreicht, bei der die Solisten sich zu einem ekstatischen Lobgesang hoch über den Chor erheben. Fast unmittelbar danach ereignet sich der erste große Höhepunkt des Werkes und mit ihm wird „eine Art Umkehrpunkt erreicht, bei dem sich das Werk von dem anfänglichen grüblerischen Nachsinnen ab- und einer fast trotzigen Geschäftigkeit zuwendet.“ Nach einer weiteren jubelnden Klimax bei Pleni sunt coeli lässt das Tempo nach, und tröstende Musik erklingt.

Nach dieser Energie bringt I heard a voice „ein zeitweiliges Nachlassen der Spannung... seine Zurückhaltung und Ruhe gibt ihm den Charakter eines Zwischenspiels“. Der Finalsatz Holy is the true light entfaltet sich in drei großen Anläufen strahlender Chor- und Orchestermusik. Über einem tiefen Orgelpunkt sind entfernte, ätherische Trompeten über einer wirbelnden Orchestertextur zu hören, bis der Chor einfällt. Die Spannung steigt bis zu einer klangvollen Klimax und einem frohlockenden Wechsel der Tonart. Wenn sich dieses Material bei jedem folgenden Erscheinen erneuert, lässt Howells den nächsten Textteil folgen, dem er eine Reihe von Alleluias hinzufügt. Diese, so sagt er, „führen schließlich zum Höhepunkt des the unfailing splendour where they rejoice with gladness evermore “ [die unerschöpfliche Herrlichkeit, in der sie frohlocken immerdar], bei dem die Musik verwandelt wird von „durchdringendem Licht und wärmendem Trost“. Die Musik wird wiederum nachdenklich und ruhig, wenn das „uralte Requiem aeternam “ zurückkehrt. Es bringt dieses bewegende Werk zum Abschluss, in dem die Tragödie vom Tod eines Knaben und der Trauer des Vaters bewahrt ist.

Andrew Burn
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 

Die gesungenen Texte sind online unter www.naxos.com/libretti/570352.htm


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