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8.570354 - SCHUBERT, F.: Piano Works for Four Hands, Vol. 5 (Humphreys, Schiller)
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Franz Schubert (1797–1828)
Klaviermusik zu vier Händen • 5

 

Franz Schubert wurde 1797 als Sohn eines Schulmeisters in Wien geboren, wo er auch den größeren Teil seines kurzen Lebens verbrachte. Seine Eltern hatten sich in Wien niedergelassen: Der Vater war 1783 aus Mähren zu seinem Bruder gekommen, Lehrer in einer Schule in Leopoldstadt, einer Vorstadt Wiens, und heiratete 1785 eine Frau mit schlesischen Wurzeln. Sie gebar ihm 14 Kinder. Franz war das zwölfte von ihnen und das vierte, welches das Kindesalter überlebte. Im Alter von fünf Jahren begann er mit dem Klavier-unterricht, unterstützt von seinem Bruder Ignaz, der zwölf Jahre sein Mentor war, und drei Jahre später begann er das Violinspiel zu erlernen, während er Chor-sänger an der Liechtentaler Kirche war. Von dort aus bewarb er sich auf Empfehlung Antonio Salieris um Aufnahme bei den Hofsängerknaben, womit er 1808 Erfolg hatte. Als Chorist konnte er am Akademischen Gymnasium studieren und war im Stadtkonvikt unter-gebracht.

Während seiner Schulzeit schloss Schubert Freund-schaften, die er zeitlebens aufrecht erhielt. Nach dem Stimmbruch 1812 bot man ihm erwartungsgemäß ein Stipendium an, das es ihm ermöglicht hätte, seine allgemeine Ausbildung fortzusetzen. Jedoch entschied er sich für eine Ausbildung zum Volksschullehrer, die ihm mehr Zeit für die Musik und besonders das Komponieren ließ. Letzterem widmete er sich bereits auf sehr produktive Weise. 1815 konnte er bei seinem Vater als Hilfslehrer tätig werden, zeigte jedoch weder große Eignung noch Neigung für diese Arbeit. Stattdessen pflegte er Freundschaften aus Schultagen und schloss neue Bekanntschaften. 1816 traf er Franz von Schober, der ihn einlud, in seinem Haus zu wohnen; das enthob Schubert der Notwendigkeit, seinen Lebens-unterhalt in der Schulstube zu verdienen. Im August 1817 kehrte er ins Vaterhaus zurück – Schober benötigte das Zimmer für seinen sterbenden Bruder – und nahm vorerst wieder seinen Platz im Klassen-zimmer ein. Den folgenden Sommer verbrachte er teilweise auf dem Landsitz Zseliz in Ungarn (heute Zeliezovce, Slowakei) als musikalischer Hauslehrer der beiden Töchter des Fürsten Johann Karl Esterházy von Galánta. Darauf kehrte er nach Wien zurück und wohnte dort bei einem neuen Freund, dem Dichter Johann Mayrhofer – dieses Arrangement währte bis Ende 1820; nun lebte Schubert einige Monate allein, da er die Miete aufbringen konnte.

In dieser Phase seines Lebens schien es, als stehe Schubert an der Schwelle zu nachhaltigem Erfolg als Komponist und Musiker. Dank seiner Freunde – vor allen des älteren Sängers Johann Michael Vogl, Schulfreund von Mozarts Schüler Süssmayr, Leopold von Sonnleithners und anderer – gewann seine Musik ein Publikum. Mit Schober arbeitete er an einer neuen Oper, die zwar später von der Hofoper abgelehnt wurde, doch wurde sein Name als Komponist nun über den inneren Zirkel hinaus bekannt. 1822 und 1823 logierte er erneut bei den Schobers, und in jener Zeit begann sich seine Gesundheit infolge einer damals unheilbaren vene-rischen Infektion zu verschlechtern. Diese Krankheit überschattete die verbleibenden Lebensjahre und war die Ursache seines frühen Todes. Man hat sie als unmit-telbare Auswirkung des ausschweifenden Lebensstils angesehen, in den ihn Schober geführt hatte und der ihn zeitweilig von einigen seiner alten Freunde entfremdete. Die folgenden Jahre brachten einige Aufenthalte im Vaterhaus – seit 1818 in der Vorstadt Rossau – und eine Fortsetzung des geselligen Lebens, das um seine Fähig-keiten als Musiker und seine ausgedehnte Aktivität als Komponist kreiste. Im Februar 1828 fand in Wien das erste öffentliche Konzert mit seiner Musik statt, ein finanziell einträgliches Unternehmen, das ihn in die Lage versetzte, den Sommer mit Freunden – unter ihnen Schober – zu verbringen. Im September ging er dann zu seinem Bruder Ferdinand in der Vorstadt Wieden hoffend, dass sich seine Gesundheit bessert. Die geselligen Aktivitäten gingen weiter, was vermuten lässt, dass Schubert nicht ahnte, wie es um ihn stand. Ende Oktober wurde er krank, und in den folgenden Tagen verschlechterte sich sein Zustand zusehends. Er starb am 19. November.

Während Schuberts letzten Lebensjahren hatten Verleger begonnen, sich für seine Musik zu interessieren. Er hatte Aufträge für das Theater ausgeführt und seine Freunde mit Liedern, Klavier-stücken und Kammermusik erfreut. Es waren vor allem die Lieder, die Schubert bleibendes Ansehen sicherten; für dieses Werkkorpus leistete er einen qualitativ wie quantitativ gleichermaßen bemerkenswerten Beitrag. Die Gedichtvertonungen bedeutender und weniger bedeutender Dichter reflektieren die literarischen Vorlieben der Zeit. Schuberts Gabe, jeweils passende und sangliche Melodien zu erfinden, zeigt sich in vielem, was er schrieb.

Möglicherweise hat Schubert die beiden jungen Töchter des Fürsten Johann Karl Esterházy von Galánta schon in Wien unterrichtet. Sicher ist, dass er im Juli 1818 auf den fürstlichen Landsitz Zseliz reiste, um Karoline und Marie Klavierstunden zu geben. Schubert blieb dort bis November und genoss die seltene Sicherheit in seinem Leben als Mitglied der Haushalts, untergebracht in der Verwalterwohnung und mit monatlich 76 Gulden entlohnt. Die beiden Mädchen waren musikalisch talentiert, zudem hatte er Muße und genug Freiraum zum Komponieren. Von Mai bis Mitte Oktober 1824 weilte er in Diensten der Esterházys erneut in Zseliz; es ging ihm gesundheitlich zeitweilig besser. Wie bei seinem früheren Aufenthalt lieferte er Duos für seine Schülerinnen, jetzt von anspruchs-vollerem Charakter. Die wichtigste Komposition dieser Art war die Sonate in C-Dur D.812, bekannt als Grand Duo. Es mag daran erinnert werden, dass Robert Schumann in den frühen Klavierwerken von Brahms verborgene Sinfonien erblickte. Wohl dank seiner Kenntnis von Schuberts C-Dur-Sinfonie meinte er, dass das Grand Duo im Grunde eine Sinfonie sei. Diese Sicht ist heute weitgehend überholt, wenn Joseph Joachims Orchestrierung zum Beleg dafür genommen wird, was Komponieren für das Klavier essentiell bedeutet. Das Grand Duo ist ein groß angelegtes Werk und war ohne Zweifel eine Herausforderung für die Esterházy-Schwestern. Der erste Satz beginnt mit dem Haupt-thema, dessen Eröffnungsfigur zwischen erster und zweiter Stimme geteilt ist. Das zweite Thema in As-Dur, zunächst letzterer übertragen und mit Triolen-Figuration, erklingt erstmals in der frühen Überleitung und kehrt dann in beiden Stimmen wieder. Auf die wiederholte Exposition folgt die zentrale Durchführung, die von einer transponierten Version des Eröffnungs-themas eingeleitet wird. Der Satz endet mit einer Reprise, in der das zweite Thema bei seiner Wiederkehr die Tonika-Moll-Tonart streift. Der langsame Satz in As-Dur erinnert an das Larghetto in Beethovens 2. Sinfonie, und auf das Scherzo mit seinem f-Moll-Trio folgt das ambitionierte und ausgedehnte Finale, dominiert von den ungarischen Tanzrhythmen seines Hauptthemas.

Im Zselizer Sommer entstanden im Juli die Vier Ländler D.814 in E-Dur, As-Dur, c-Moll bzw. C-Dur. Gehaltvoller sind die Acht Variationen auf ein Original-Thema D.813, die Schubert mit einer Widmung an den jungen Hofkämmerer Graf Berchtold von Ungarschütz – einen Altersgenossen – im Folgejahr in Wien veröffentlichte. Auf das Marschthema in As-Dur folgt eine Triolen-Variation und eine Version des Themas mit Begleitung in Sechzehnteln. Die dritte Variation trägt die Bezeichnung Un poco più lento, die fünfte in As-Moll führt zur sechsten Variation Maestoso mit begleitender Triolen-Figuration in Sechzehnteln. Nach einer gedämpften Più lento-Behandlung des Themas, der siebten Variation, hat das abschließende Allegro moderato den punktierten zusammengesetzten Rhythmus eines Siciliano.

Die Six Grandes Marches et Trios D.819 hat Schubert vermutlich 1824 in Zseliz geschrieben. Dem zweiten dieser reizvollen Stücke – in g-Moll und mit der Bezeichnung Allegro ma non troppo – entspricht das G-Dur-Trio, das dritte – in b-Moll und bezeichnet Allegretto – etabliert seine Stimmung mittels der geheimnisvollen Begleitakkorde der zweiten Stimme zu Beginn. Dazu liefert das B-Dur-Trio einen passenden Kontrast.

Keith Anderson
Deutsche Fassung: Thomas Theise

 


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